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19. November 2009

Neonazis und Twitter – Zeckenjagen in Berlin

Screenshot des inzwischen gelöschten Tweets der NPD

Screenshot des inzwischen gelöschten Tweets der NPD-Marburg

Ob Twitter, YouTube, RSS-Feeds oder Newsletter – die Schnelllebigkeit unserer Gesellschaft  zeigt sich für  jeden in der Fülle der Medien und Informationsmöglichkeiten. Durch das Internet lässt sich fast ohne Schranken und Grenzen jede Information einspielen. Jeder der will, kann sie abrufen. Dieser Umstand blieb auch der Naziszene, allen voran die NPD, nicht verborgen. Schon seit Jahren ist die rechtsextreme Partei stets eine der Ersten, wenn es um die Nutzung neuer Medien geht. Die nachfolgende Serie beschäftigt sich mit den verschiedenen Formen moderner Nazipropaganda.

Teil 1: Twitter – Zeckenjagen in Berlin

Es ist der 10. Oktober. Durch Berlins Straßen marschiert ein schwarzer Mob mit ebenso schwarz gefärbten Fahnen. Der erste Reihe trägt ein Transparent mit der Aufschrift “Vom nationalen Widerstand zum nationalen Angriff”. Unter ihnen Mitglieder der inzwischen verbotenen Nazikameradschaft “Frontbann 24″. Sie demonstrieren gegen “linken Terror”, weil ihr Stammlokal Opfer eines Brandanschlags wurde. Dass die Täter keine Linken waren, interessiert sie nicht. Auf der Demo werden Namen von vermeintlichen Gegnern aufgezählt. Es fliegen Flaschen und eine Eisenplatte auf Gedenkdemonstranten. Die NPD Marburg ruft anschließend über Twitter zum „munter(en) Zeckenjagen“ auf.

Twitter ist ein Mikroblog im Internet. Ein öffentlich einsehbares Tagebuch, dass auch von unterwegs per Handy aktualisiert werden kann. Das macht es für Politiker so attraktiv – wenn sie zum Beispiel unterwegs sind oder an einer Sitzung teilnehmen, können sie immer die Leser ihrer Seite auf dem Laufenden halten.

Ende Juni. Der Parteivorstand der NPD behandelt einen Antrag ihres brandenburgischen Landesverbands. Die Brandenburger wollen zur Landtagswahl im September antreten. Eine Annahme des Antrags würde den Bruch des “Deutschlandpakts” zwischen NPD und DVU bedeuten, nicht gegeneinander anzutreten.

Brandenburg galt bislang als DVU-Land. Fast im Stundentakt berichtet der Parteivorsitzende Udo Voigt auf seiner Twitter-Seite über den Verlauf der Sitzung und wenig später über das Ergebnis: Die NPD tritt in Brandenburg an. Der Deutschlandpakt ist Geschichte. Auf der anderen Seite steht der noch frische DVU-Vorsitzende Matthias Faust. Er liest ebenfalls den Twitter seines Pendants aus der NPD und kommentiert seine Meldungen wiederum auf seiner Twitter-Seite. Auch das ist eine Eigenart von Twitter: das zeitnahe Antworten auf die Einträge anderer Benutzer.

Ist man einmal auf der Seite von Udo Voigt fällt auf, dass die Abonnenten seiner Einträge alle untereinander vernetzt sind. Nach ein paar Klicks erschließt sich dem Betrachter ein wahres Netzwerk von rechtsextremen Autoren. Der Leser landet ohne großen Zeitaufwand schnell bei den lokalen Strukturen vor Ort.

Neben einer eigenen Internetseite, hatte auch das Wahlkampfmobil der NPD eine eigene Twitter-Seite. Das alte Wohnmobil, dass die NPD als “Flaggschiff D(eutschland)” ankündigte, fuhr während des Bundestagswahlkampfes quer durch Deutschland und unterstützte ebenso die Landtagswahlkämpfe in Schleswig-Holstein, Saarland, Thüringen, Brandenburg und Sachsen. Wie Twitter verrät, soll es dort beim Lokalderby zwischen Lok und Chemie Leipzig einen reißenden Abriss von Schulhof-CDs und Wahlkampfzeitungen gegeben haben.

Diese Info zeigt eine Eigenart von Twitter. Alle Meldungen haben eine begrenzte Zeichenanzahl und eignen sich daher hervorragend für kurze und übertriebene, aber auch prägnante Meldungen. Während sich Thilo Sarrazin abfällig über Migranten in Deutschland und deren Integration geäußert hat, gab Holger Apfel gleich darauf bei Twitter seinen Kommentar dazu ab. Der Landesvorsitzende der NPD Sachsen forderte, den ehemaligen Berliner Finanzsenator zum Ausländerbeauftragten zu machen. Apfel hinterlegt bei fast jedem Beitrag einen Link, der auf einen Artikel oder eine Presseerklärung seines Landesverbandes verweist. Für die Macher der NPD-Seiten ist Twitter ihr Vorgarten.

Doch auch die parteinahen und parteifernen Neonazis in Brandenburg nutzen diese Plattform für ihre Interessen. Am aktivsten gilt die Seite der “Spreelichter”, die mehrmals am Tag auf aktuelle politische Themen eingehen und auf ihre eigene und andere Seiten verlinken. Ihr Twitter-Angebot nutzen sie wie einen herkömmlichen Blog, während ihre Seite für ausführliche Artikel und sogar “Audio-Jingles” vorbehalten ist. Ein anderes Beispiel ist der Twitter der rechtsextremen Kampagnenseite “Jugend-Offensive”. Sie sammelt und veröffentlicht sogenannte “Aktionsberichte” von Neonazi-Gruppierungen aus ganz Deutschland und dem europäischen Ausland. Dennoch ist anhand der veröffentlichen Beiträge ersichtlich, dass ihr Schwerpunkt in Brandenburg und Sachsen liegt. Wie ein Nachrichtenportal funktionieren Twitter und Homepage, während ersteres immer wieder auf die Seite der “Jugend-Offensive” verweist. Twitter bietet dem interessierten Leser einen guten Einblick in die Welt des deutschen Rechtsextremismus. Über seine Gruppierungen, Ideen und Aktivitäten. In speziellen Listen lassen sich alle aktuellen Beiträge der NPD in Twitter beobachten. Sie bieten einen informativen Überblick über ihre Gedankenwelt. Die kurzen und prägnanten Beiträge erinnern an Schlagzeilen in Zeitungen und auf Plakaten. Bei Menschen, die sich von der rechtsextremen Szene angezogen fühlen wecken sie schnell Interesse und verleiten zum Weiterlesen. Gerade das macht sie so gefährlich.

23 Kommentare »

  1. [...] Störungsmelder » Neonazis und Twitter – Zeckenjagen in Berlin blog.zeit.de/stoerungsmelder/2009/11/19/neonazis-und-twitter-%E2%80%93-zeckenjagen-in-berlin_1916 – view page – cached Willkommen bei Störungsmelder. Hier geht es um Neonazis. Wo sie auftreten, was sie dabei sagen und vor allem: Was man gegen sie unternehmen sollte. [...]

    Pingback von Twitter Trackbacks for Störungsmelder » Neonazis und Twitter – Zeckenjagen in Berlin [zeit.de] on Topsy.com — 19. November 2009 @ 10:01

  2. Das Internet ist nun mal die natürliche Heimstatt der Dummen, Hater und Frustrierten, das liegt in seinem Wesen der (gefühlten) Anonymität und als Platz der Konsum-Phantasien und seelischen Abgründe von Computerspiel über Pornos bis zum Gewaltvideo. Von aufgeklärtem Menschen zu aufgeklärtem Menschen, von Angesicht zu Angesicht, ist ja selbst der Frustrierteste kaum in der Lage, derartigen Schwachsinn wie das Nazi-Weltbild ernsthaft vorzutragen. Es gibt ja immer noch sowas wie Scham im wirklichen Leben.

    Kommentar von Dennis real one — 19. November 2009 @ 14:48

  3. Höre ich da etwa die leise Forderung nach Zensur heraus?

    Kommentar von Martin — 19. November 2009 @ 16:25

  4. Was am Verhindern von öffentlichen Beleidigungen, Entwürdigung, Volksverhetzung und Aufstacheln zum Hass Zensur sein soll ist mir immer noch nicht klar.
    Im Übrigen verlange ich ja nicht mal nach Zensur, nur nach Aufklärung, damit junge Leute wissen, was für jämmerliche Würstchen das zumeist sind, die die Anonymität des Netzes für politsiche oder sonstige selbsternannte “politisch unkorrekte” (als ob das was Gutes wäre, so tragen die diesen Begriff vor sich her, jämmerlichste Postpubertät oder autoritär strukturierte von Faschisten erzogene Frustrierte, noch schlimmer) Hetze missbrauchen. Einmal so einer im öffentlichen Gespräch, live, mit der Fresse, und jedem fällt auf was bei den Leuten dahinter steckt und wie einseitig dümmlich die sind.

    Kommentar von dennis — 19. November 2009 @ 18:18

  5. Ja und warum werden die leute von der npd nicht eingeladen? Es ist doch angeblich ein leichtes die argumente von ihnen zu widerlegen. Kann es nicht sein das die npd nicht eingeladen wird, weil man angst hat das die etwas der bevölkerung sagen könnten, dass sie nicht wissen soll? Wenn die argumente der anderen so schlagend sind, dann bitte eine live-sendung mit udo voigt, gegen leute von anderen parteien, und das dann ohne zensur! Dann wird sich ja zzeigen was ist, der bürger entscheidet.

    Kommentar von meier — 20. November 2009 @ 02:04

  6. Mich würde mal interessieren wir groß dieses Netzwerk wirklich ist.
    In meinem Kopf habe ich immer nur das Bild eines dummen Neonazis der gerade mal in der Lage ist einen Computer einzuschalten, aber mit allem was darüber hinaus geht total überfordert ist.
    Gibt es in der Szene wirklich so viele Leute (außer in der Partei) die sich wirklich auf dieses Web2.0 (Twitter, Blogs usw.…) einlassen?

    Kommentar von Sven — 20. November 2009 @ 11:00

  7. Zensurkeule is the new Nazikeule. -.-

    Kommentar von jokl — 20. November 2009 @ 11:07

  8. @Sven:
    Schoen waer’s…
    (Neo-)Nazis sind leider nicht dumm, sondern zeigen in ihrer Begabung denselben Durchschnitt wie alle Gruppierungen.

    Wenn sie dumm waeren, waeren sie weit weniger gefaehrlich. Natuerlich sehen die die Moeglichkeiten moderner Kommunikationstechnik. Gerade in den Kameradschaften, in denen das Durchschnittsalter wohl irgendwo Anfang Zwanzig liegen duerfte, dass ist halt eine Generation, fuer die das alles ganz normal und ueberaus hilfreich ist.

    Kommentar von mar52 — 20. November 2009 @ 11:21

  9. @dennis, 5: “schlagende argumente”, das ist ein lustiges stichwort, wenn die npd zum “zeckenjagen” aufruft. Womit sich zumindest für mich auch die frage beantwortet, warum man vertreter dieser partei nicht zu diskussionsrunden einläd. für deine vermutung, die npd habe der bevölkerung etwas bedeutsames zu sagen, spricht die polemik, mit der diese partei im wahlkampf agiert, übrigens nicht.

    Kommentar von josch — 20. November 2009 @ 11:49

  10. Die thumben Rechten, wie sie auch Nr. 6 beschwört, als ” stets eine der Ersten, wenn es um die Nutzung neuer Medien geht”?
    Erstaunlich.

    Kommentar von BenGun — 20. November 2009 @ 12:04

  11. der account scheint die relevanzkriterien von twitter nicht erfüllt zu haben.

    .~.

    Kommentar von dot tilde dot — 20. November 2009 @ 12:44

  12. Zumindest die irr… ähh spreelichter weist m.E. nach einen durchaus professionellen Umgang mit den Web2.0 aus. Die werden sicher ein paar Informatikstudenten den Nebenverdienst verbessert haben oder selber welche in den Reihen haben.

    Kommentar von 2for2 — 20. November 2009 @ 13:31

  13. @meier

    “Kann es nicht sein das die npd nicht eingeladen wird, weil man angst hat das die etwas der bevölkerung sagen könnten, dass sie nicht wissen soll?”

    Das kann die NPD auch so. Wenn sie wirklich im Besitz irgendeines “Wissens” wären, könnte sich jeder darüber informieren.

    “Dann wird sich ja zzeigen was ist, der bürger entscheidet.”

    Das hat der Bürger bereits getan, in diesem Jahr sogar. Ergebnis: 2,0 Prozent für die NPD - Nicht gerade eine hohe Zustimmung.

    Und nun zur Masterfrage:
    “Ja und warum werden die leute von der npd nicht eingeladen?”

    Ja weil Politiker keine Zeit haben, sich mit jedem 2,0-Prozent-Vollpfosten auseinanderzusetzen. Dafür zahlen die anderen 98% Wähler keine Steuern! Wenn ein Kegelverein auf politischer Ebene “Freies Kegeln für alle” fordert, wird sich auch niemand mit ihm unterhalten, da es Zeitverschwendung ist!

    Kommentar von Meigen — 20. November 2009 @ 14:43

  14. Wenn eine politische Auseinandersetzung mit den “2,0-Prozent-Vollpfosten” als Zeitverschwendung angesehen wird, dann stellt sich doch die Frage, warum Millionen Euro für den Kampf gegen Rechts vom Steuerzahler aufgewendet werden müssen.

    Kommentar von masurenfreund — 20. November 2009 @ 15:36

  15. @Meiken: Der Steuerzahler zahlt doch bereits für die NPD, also was solls?

    Kommentar von nadar — 20. November 2009 @ 16:23

  16. @14

    Weil Neonazis seit der Wiedervereinigung mehr als 120 Morde begangen haben. Vom Drogen- und Waffenhandel mal ganz abgesehen. Nazis sind nichts weiter als gewöhnliche Kriminelle, die dumm genug sind sich politisch manipulieren zu lassen. Und so sollten sie auch behandelt werden.

    Kommentar von name — 20. November 2009 @ 19:42

  17. @16

    laut statistik sind es 40, bitte Quellenangaben zu ihren 120, Danke.

    Kommentar von m.d.a. — 20. November 2009 @ 21:04

  18. @16
    –> wo Sie die Zahl von 120 Morden herhaben ist mir schleierhaft, bitte Quellen nennen.
    –> Drogen- und Waffenhandel ist doch wohl ein Hobby von ganz anderen Leuten
    –> Kriminelle sollten immer verfolgt werden, egal von wo sie herkommen.

    Wann wird mal nicht gegen andere Meinungen gehetzt sondern gegen die Gewalt -egal von wo sie herkommt (rechts, links, Imiggranten) Stellung bezogen.

    Kommentar von Masurenfreund — 20. November 2009 @ 21:41

  19. –> wo Sie die Zahl von 120 Morden herhaben ist mir schleierhaft, bitte Quellen nennen.

    z.B. hier:

    http://www.mut-gegen-rechte-gewalt.de/news/chronik-der-gewalt/todesopfer/

    (übrigens nach 10 Sekunden über Google gefunden)

    Kommentar von Hasso — 23. November 2009 @ 16:57

  20. an Hasso

    zu ihrem Link: “… Zusammengestellt von Rebecca Forner” Wer ist das? Nennen sie das eine seriöse Quelle?

    “… Mit dem Fall Marwa el-Sherbini steigt die offizielle Zahl der Todesopfer rechter Gewalt, die seit der Wiedervereinigung zu beklagen sind, auf 47….”
    Von diesem Link: http://blog.zeit.de/stoerungsmelder/2009/11/23/mehr-als-13000-rechtsextreme-straftaten-in-diesem-jahr_1993#more-1993

    Wem soll man da bloß glauben?????????

    Kommentar von m.d.a. — 23. November 2009 @ 19:07

  21. Im gleichen text steht es doch:

    “Recherchen von Tagesspiegel und Frankfurter Rundschau hatten allerdings schon 2003 ergeben, dass Rechtsextremisten mindestens 99 Menschen erschlagen, verbrannt oder auf andere Weise umgebracht haben.”

    Der Tagesspiegel und die FR sind doch wohl seriös genug oder nicht?

    Kommentar von Johannes Radke — 24. November 2009 @ 09:08

  22. [...] via Störungsmelder » Neonazis und Twitter – Zeckenjagen in Berlin. [...]

    Pingback von Neonazis und Twitter – Zeckenjagen in Berlin « dokumentationsarchiv — 24. November 2009 @ 16:05

  23. an 21:

    Kann ich nicht beurteilen. Mich wundert aber die große Diskrepanz zwischen den Zahlen, aber was soll´s.
    mfg

    Kommentar von m.d.a. — 27. November 2009 @ 21:51

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