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Eklat bei Gedenkveranstaltung: NPD-Kreisvorsitzender greift Oberbürgermeisterin an

Von 3. April 2012 um 14:28 Uhr

Bei der zentralen Veranstaltung zum Gedenken an die Bombardierung der Nordthüringischen Stadt Nordhausen eskalierte die Situation und es kam zu einem tätlichen Angriff des NPD-Kreisvorsitzenden gegen die Oberbürgermeisterin der Stadt. Wegen Bedrohung und Widerstandes gegen Vollstreckungsbeamte wurde der Rechtsextreme vorläufig festgenommen.

Benjamin Mayer und Kai Budler

Neonazi-"Gedenken" in Nordhausen, Foto: Kai Budler

Neonazi-"Gedenken" in Nordhausen, Foto: Kai Budler

Der Streit um Gedenken ist auch immer ein Streit um Symbole und Gesten. Wie auch in anderen deutschen Städten findet in Nordhausen jährlich eine Gedenkveranstaltung zum Jahrestag der Bombardierung statt. Am 3. und 4. April 1945 hatte die Royal Airforce die Stadt zu großen Teilen zerstört. Nur wenige Tage nach dem Luftangriff wurde das vor den Toren der Stadt liegende Konzentrationslager Mittelbau durch amerikanische Truppen befreit. Seit vielen Jahren wird über die Zukunft der Erinnerung im Spannungsverhältnis der beiden Erinnerungsorte diskutiert. Wie auch in Dresden versuchen Neonazis in Nordhausen die Gedenkveranstaltung für sich als Plattform zu nutzen. So nahmen im vergangenen Jahr neben ca. 100 Bürgern auch bis zu 30 Neonazis aus NPD und Freien Kameradschaften an den Veranstaltungen teil.

Angemessene Gedenkkultur

Oberbürgermeisterin Rinke bei Gedenkveranstaltung, Foto: Kai Budler

Dieses Jahr war der Gedenkveranstaltung eine Podiumsdiskussion voraus gegangen, an der neben der Oberbürgermeisterin Barbara Rinke, dem Gedenkstättenleiter Dr. Jens-Christian Wagner auch ein Historiker, ein Vertreter der katholischen Kirche und eine Vertreterin der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus (Mobit) teilnahmen. Im Zentrum stand die Frage nach einem angemessenen Gedenken in der Stadt, welches die historische Kontextualisierung berücksichtigt und somit auch den Anschluss an rechtsextremen Geschichtsrevisionismus ausschließt. Dass in Nordhausen ein Diskussionsbedarf zu diesem Thema besteht, zeigt die für die Stadt außergewöhnlich hohe Zahl von etwa 250 Besuchern. Trotzdem während der Veranstaltung deutlich wurde, dass es kein Patentrezept für ein angemessenes Gedenken gibt, versuchte die Stadt dieses Jahr erstmals durch eine andere Art der symbolischen Ausgestaltung den Neonazis den Anschluss zu erschweren. Ähnlich wie in Dresden wurden zum Gedenken an die Opfer der Bombardierung weiße Rosen niedergelegt, die durch ihre Erinnerung an die Widerstandsgruppe der Geschwister Scholl einen Brückenschlag zwischen Bombardierung und NS-Verbrechen darstellen sollen. Wie auch die Podiumsdiskussion war die Verwendung des Symbols der weißen Rose ein erster Schritt in eine offene Diskussion über die Gedenkkultur, die verschiedene Akteure und deren Positionen integrieren soll.

NPD Kommunalvertreter zeigt sein wahres Gesicht

Kranz der Neonazis an Gedenkstele, Foto: Kai Budler

Kranz der Neonazis an Gedenkstele, Foto: Kai Budler

Bereits Tage vor der Gedenkveranstaltung versuchten Neonazis durch die Mobilisierung auf sozialen Netzwerken eine Drohkulisse zu erzeugen. Dennoch unternahmen weniger Neonazis als im Vorjahr den Versuch, die Gedenkveranstaltung für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Nur knapp 20 Rechtsextreme sammelten sich am Rand der Veranstaltung, um rote Rosen und einen Kranz niederzulegen. Sie stießen auf teils lautstarken Protest, der in Nordhausen – mit wenigen Ausnahmen – bislang unüblich war. Damit zeigte ein großer Teil der Anwesenden, dass er das geschichtsrevisionistische Bild der Neonazis auf der Gedenkveranstaltung nicht duldet. Noch im vergangenen Jahr hatte die lokale Presse ein ähnlich couragiertes Eingreifen als Störung der Veranstaltung diskreditiert. Bei dem engagierten Versuch der Oberbürgermeisterin Barbara Rinke, „der NPD ihren Kranz zurückzugeben“, eskalierte die Situation. Der Kreisvorsitzende und NPD-Ratsherr Roy Elbert griff Rinke tätlich an und bedrohte sie. Nach dem folgenden Handgemenge wurde der 39-Jährige von der Polizei vorläufig festgenommen. Ihn erwartet ein Ermittlungsverfahren wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte.Außerdem

Vorläufige Festnahme von Roy Elbert (NPD), Foto: Kai Budler

Vorläufige Festnahme von Roy Elbert (NPD), Foto: Kai Budler

prüfen die Beamten die Einleitung eines weiteren Verfahrens wegen versuchter Körperverletzung. Ferner soll vor Ort der Satz gefallen sein, die Oberbürgermeisterin solle aufpassen, dass ihr Auto nicht in Brand gerate. Für Rinke ist dies nicht die erste Drohung aus der Neonaziszene. Kritiker hatten der Stadt Nordhausen und der Polizei schon lange vorgeworfen, auf Probleme mit der örtlichen Neonaziszene nicht ausreichend zu reagieren und sie zu verharmlosen. Dies betrifft vor allem den Umgang mit der militanten Neonazi-Gruppe „NDH City“, deren Mitglieder zuletzt sogar Polizeibeamte angegriffen hatten. Mit ihrem mutigen Auftreten gegenüber den Neonazis hat Oberbürgermeisterin Rinke nicht nur gezeigt, wie sich verantwortliche Lokalpolitiker gegen die rechtsextreme Szene wehren können. Ihr Handeln hat auch die Anwesenden dazu ermutigt, ihre Stimme gegen Neonazis und deren Geschichtsrevisionismus zu erheben.

Kategorien: Thüringen
Leser-Kommentare
  1. 1.

    [...] INFO Eklat bei Gedenkveranstaltung: NPD-Kreisvorsitzender greift Oberbürgermeisterin an Posted on 3. April 2012 by wollmilchsau.org Bei der zentralen Veranstaltung zum Gedenken an die Bombardierung der Nordthüringischen Stadt Nordhausen eskalierte die Situation und es kam zu einem tätlichen Angriff des NPD-Kreisvorsitzenden gegen die Oberbürgermeisterin der Stadt. Wegen Bedrohung und Widerstandes gegen Vollstreckungsbeamte wurde der Rechtsextreme vorläufig festgenommen. Benjamin Mayer und Kai Budler Der Streit um Gedenken ist auch immer ein Streit [...] Weiterlesen… [...]

  2. 2.

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  3. 3.

    Es herrscht ein beängstigendes Unverstaendnis darueber, warum es extreme Gruppen gibt und warum es zu solchen hilflosen Szenen auf allen Seiten kommt, bei solchen Anlaessen.
    Es wird bis heute immer noch zu wenig darueber nachhaltig in der breiten Öffentlichkeit über das Leid aufgeklärt, welches Menschen widerfahren ist , bis diese dann in KZs kamen. Viel zu sehr dreht sich dabei alles um Zahlen, Statistiken und Schlagwoerter.

    Es ist auch noch viel zu wenig aufgeklärt worden zum Leiden der Menschen infolge der Bombardierungen und der traumatisierten Generationen in diesem Land, egal aus welchen leidvollen Gründen.

    Nur mit gründlicher Aufklärung und gutem Verständnis wird es Auflösungen geben von unnötigen extremen Randgruppen, die letztendlich auch nur die sichtbare Spitze sind von Menschen denen es nicht gut geht und bestimmte psychische Belastungen haben.

    Gut gebildete und mit Weitblick ausgestattete Mediatoren sollten regelmaessig Gespräche mit den NPD Vertretern arrangieren und diese in Diskussionen bringen. Frontal und wegdrückend wird es keine wirkliche Lösung geben.

    • 3. April 2012 um 23:30 Uhr
    • Rudi
  4. 4.

    Respekt für die Oberbürgermeisterin! Das eher verbreitete Wegschauen bringt garnichts. Die dumpfen Jungs mit schütterem Haupthaar verstehen nur eine Sprache: Widerstand!

    • 4. April 2012 um 05:33 Uhr
    • hawi22
  5. 5.

    warum geht dieser Vorfall nicht durch die Nachrichten und Medien?

    Warum ist das keine Titelgeshichte?

    Statt PiratenRaten gehört das hier an die erste Stelle!!

    • 4. April 2012 um 08:15 Uhr
    • sudek
  6. 6.

    Schlimm da stehen ja auch noch junge Nazis dabei, ich dachte die wären am aussterben….

    • 4. April 2012 um 11:27 Uhr
    • Schmidt
  7. 7.

    Dazu noch ein Bericht vom MDR: http://www.youtube.com/watch?v=9XXB0jofSD0

    • 4. April 2012 um 14:33 Uhr
    • Ben
  8. 8.

    [...] ein Beitrag von Benjamin Mayer und Kai Budler, für das ART.NordThüringen – Erstveröffentlichung bei Störungsmelder [...]

  9. Kommentar zum Thema

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