Wir müssen reden. Über Nazis. Ein Blog

“Identitär” – das neue Modewort der Rassisten

Von 14. November 2012 um 16:32 Uhr

Identitäre Bewegung Deutschland © Screenshot Facebook

Die Neue Rechte will eine Massenbewegung werden. Zum Konzept gehören Distanzierungen von Rassismus und Extremismus und eine neue Selbstbezeichnung. Die Ideologie bleibt die alte braune – Ethnopluralismus die wissenschaftliche Beschreibung. Eine bissige Umschreibung des Phänomens.

Es wabert ein neues Symbol durchs Netz, ein gelbes Lambda auf schwarzem Grund. Neues Symbol? Eigentlich als elfter Buchstabe des griechischen Alphabets ein sehr altes, bereits von den Spartanern benutztes, aber auch von der schwul-lesbischen Bewegung als politisches Symbol verwendetes. Geschichtsbewusstsein und politische Kenntnisse scheinen unter rassistischen Aktivisten nicht sehr ausgeprägt zu sein. Diese versuchen sich neuerdings in Flashmobs auf Hardbass tanzend. Ein Musikstil der aus Russland kommt, Anleihen aus dem Dubstep nimmt und auf Hardstyle zurückgeht. Waren wir nicht bei „deutscher“ Identität? Nein, wir waren bei Rassisten, die sich eine vermeintliche deutsche Identität konstruieren.

Aktion der „Coordination Identitaire“ auf der deutschen Fan-Seite © Screenshot Facebook

Anfangen müssen wir aber in Frankreich. Von dort aus macht eine Kriegserklärung der kulturrassistischen „Génération Identitaire“ die Runde. Am 20. Oktober besetzten 60 aus ganz Frankreich angereiste antimuslimische Rassisten das Dach einer Moschee in Poitiers. Bereits zuvor, am 1. Oktober umzingelten etwa zehn mit Affen- und Schweinemasken vermummte „Identitäre“ den Caritas-Workshops „Tanz für Toleranz“ im österreichischen Wien mit rassistischen Parolen. Das Menschen – die unerwartet von unbekannten maskierten Personen umtanzt werden – sich bedroht fühlen, gehört zum Kern der völkischen Variante der Aktionsform „Hardbass Mass-Attack“.

„Es dauerte nur drei Minuten, aber es kam mir wie eine halbe Ewigkeit vor, ich hatte Angst”,

schildert eine betroffene Frau die Situation, die von den „Identitären“ in einem mit Musik unterlegen YouTube-Video jugendgerecht mit dem Motto „100% Identität – 0% Rassismus“ verbreitet wird.

Getanzter Rassimus – „Hardbass Mass-Attack Vienna” © Screenshot YouTube

Wie, Rassismus ohne Rassismus? Nein, selbstverständlich nicht, aber Rassismus das klingt doch so nach Nazi und nicht wirklich jung und cool. Vielfalt und Pluralismus muss her, die Ideologie des neurechten Ethnopluralismus: Frankreich den „echten“ Franzosen, die Türkei den „echten“ Türken, Israel den Juden und Deutschland eben den Deutschen. „Völkervielfalt statt Einheitsmensch“; Trennung nach Kultur und „Rasse“. Aha, also doch Rassismus.

Mit Partypatriotismus versuchten denn auch fünf „Identitäre“ die Eröffnungsveranstaltung der „interkulturellen Wochen“ am 30. Oktober in Frankfurt am Main mit einer „Hardbass Mass-Attack“ nach Wiener Vorbild zu stören. Zumindest auf Facebook schießen regionale Gruppen in Deutschland wie Pilze aus dem Boden. Geld verdienen damit ein Internetshop der passende T-Shirts mit dem Lambda-Symbol verkauft sowie das neurechte Magazin „Blaue Narzisse“ von Felix Menzel, das die entsprechenden Aufkleber vertreibt.

Ob Größenwahn und Geschäftemacherei zwingend zur „deutschen Identität“ gehören? Die Frage dürfen diejenigen Leser beantworten, die glauben Menschen werden kollektiv von kulturellen Identitäten fremdgesteuert. Alle anderen dürfen sich zurücklehnen und über den neuen Versuch eine alte aber gefährliche Ideologie als etwas Neues zu verkaufen, lächeln.

Kategorien: bundesweit
Leser-Kommentare
  1. 49.

    @Alerta

    Die Grenzen müssen bleiben (mehr oder weniger allerdings ohne Personenkontrollen^^).

    Auch müssen die Völker eigenständig bleiben (ausgenommen, sie wandern irgendwoanders ein).

    “Dafür ist die Masse dann doch MULTI-KULTI genug.”
    Als einer, der einen sogenannten “Migrationshintergrund” hat, bin ich doch gegen Multikulti.

    • 1. Dezember 2012 um 15:10 Uhr
    • fussballfan95
  2. 50.

    Schon erstaunlich wie viele zustimmende Kommentare es zum Artikel gibt. Schon fast ironisch,dass der Artikel dadurch bestätigt wird. Im übrigen war die Strategie des Ethnopluralismus bereits den Nazis bekannt, wenn es darum ging “nicht-arische” Völker als vermeintliche Verbündete zu gewinnen (Japaner, Araber,Turkmenen, etc). Dass hier von manchen Lesern allen Ernstes eine Betrachtungsweise hochgejubelt wird, welche Menschen scheinbare kulturell genetische Kategorien zuordnet um diese im Endeffekt zu separieren, um den fremden Kulturen angeblich gerecht zu werden, ist erschreckend. Die NPD und andere Naziorganisationen haben auch erkannt, dass der Ruf “Türkei den Türken – Deutschland den Deutschen” besser beim Bürgertum ankommt als “Juda verrecke”. Die Ängste bzgl der angeblichen kulturellen Okkupation von Fremden scheint bei manchen sehr stark ausgeprägt zu sein. Ich empfehle kritische Auseinandersetzung statt Symptomverstärkung durch Verschwörungstheorien von “bösen gleichgeschalteten Medien” und “linken Lobbys” welche durch “kulturelle Vermischung” das Land zerstören… was für ein Schwachsinn?!

    • 12. Dezember 2012 um 08:29 Uhr
    • Hynek
  3. 51.

    [...] Jung, aktionsorientiert und modern gibt sich die französische „Génération identitaire“. Mit neuer Fassade wollen sie mit altem Rassismus zur Bewegung werden. In Deutschland haben scheinbar die neurechten Akteure Götz Kubitschek und Felix Menzel die Zügel in die Hand genommen und schließen damit an die Strategien der „Konservativ-subversiven Aktion“ (ksa) an. [...]

  4. 52.

    Das Vokabular der Linken vermindert sich von Tag zu Tag. Alles was nicht in ihr schulgeschädigtes Lebensbild passt, ist entweder “rassistisch” oder “populistisch”. Das ehemalige Volk der Dichter und Denker verkommt zu roten Phrasenklopfern

    • 17. Dezember 2012 um 23:49 Uhr
    • ridgleylisp
  5. 53.

    Die 68er-Lehrer, -Autoren, und -Journalisten, das intellektuelle Pack ist also daran schuld, dass thüringische Bratwürste sich das Land mit türkischem Kebap, italienischen Pasta und anderem Essen das Land teilen müssen, dass sich braune, neurechte, rassistische, rechtsextreme Identitäre so oft einverleiben, offiziell die Wurst und heimlich den Döner, nicht wahr, denn sonst gibts was von den Kameraden aufs Maul, nicht wahr?
    Die Identitären verschweigen, dass keineswegs alle “Völker” für sie eine (Über-) Lebensberechtigung haben, dass sie das lediglich vorgegeben, um ihr “Projekt” schmackhafter zu machen, denn wenn ID nämlich ein Hit wird, dann macht man mit dieser Basis weiter, stimmst?
    Vordergründig werden dann erst einmal Juden umarmt (nur die antizionistischen) und auch Schwarze dürfen mittanzen, aber dann – nix wie weg!
    Auch findet die bewegung es sehr clever, linke Begriffe zu okkupieren, bis die Linke keine mehr hat und die Linke folglich nicht mehr existiert.
    Oder zu behaupten, dass es links und rechts gar nicht mehr gibt, auch Faschisten und Nazis = Nationalsozialisten oder Nationale Sozialisten nicht. Oder, dass es rechte Demokraten gebe, im Sinne von, es gibt rechte Demokraten (die sind richtig) und es gibt linke (die sind falsch). Und die Identitäten sind die Guten, O-Ton: “Wir sind die Guten!” Wobei auch dieses W.I.R. wiederum ihr Slogan ist.
    Liebe Autoren: Die Identitären der KRR sind die Nachfolger der Unsterblichen.

    • 24. Dezember 2012 um 01:57 Uhr
    • Harte Fakten
  6. 54.

    [...] Die üblichen Analysen von “Kampf gegen Rechts”-Seiten sind wie gewohnt phrasenhaft (“Rechtsextreme”, “Rassisten”) oder oberflächlich differenziert (“Neu-Rechte”, “Möchtegern”), also [...]

  7. 55.

    Fassen wir zusammen: Die Linke glaubt angeblich nicht an überindividuelle “Identitäten”. Dabei ist ihr das Konzept einer Schicksalsgemeinschaft, der man angehört, ohne es zu wollen, doch sehr vertraut: Der Marxist glaubt an die “Klasse” und fordert “KLassenbewußtsein”, d.h. Identitifizierung mit der Klasse. Daß die Identifizierung mit einer Gruppe zu den menschlichen Bedürfnissen gehört, kann schlecht geleugnet werden, ebenso, daß Gruppenzugehörigkeit nicht allein durch den freien Willen geschieht, sondern (auch) von Eltern/Umwelt an die Kinder weitergegeben wird. Kein guter Linker würde bedrohten Völkern in der 3. Welt absprechen, ihre kulturellen Eigenheiten (Sprache, Religion, Lebensweise etc.) zu verteidigen. Trotzdem ist es irgendwie “korrekter”, für die tibetische Kultur zu argumentieren als für die deutsche/europäische. Dabei war die Nation einmal eine “linke” Erfindung.

    • 8. Januar 2013 um 11:38 Uhr
    • Franz Meier
  8. 56.

    [...] BLAUE NARZISSE zeigt sich höchst angetan von FREI.WILDS Erfolg, ebenso wie Teile der IDENTITÄREN.3 Auf einem diesem Spektrum nahe stehenden Blog aus Österreich erschien ein begeisterter Beitrag [...]

  9. Kommentar zum Thema

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