Wir müssen reden. Über Nazis. Ein Blog

Nationalistisches Massenevent

Von 15. November 2012 um 12:13 Uhr

Eine Gruppe polnischer Polizisten steht randalierenden Neonazis gegenüber © Theo Schneider

Neonazis und Hooligans randalieren am polnischen Unabhängigkeitstag in Warschau. Über tausend Nazigegner protestieren dagegen zeitgleich.

Von Theo Schneider

Es scheint zur traurigen Tradition am 11. November in Warschau zu werden. Neben den staatsoffiziellen Zeremonien und Gedenkfeiern im ganzen Land marschieren auch tausende Nationalisten, gewaltbereite Neonazis und Hooligans bei einem eigenen „Marsch der Unabhängigkeit“ am polnischen Nationalfeiertag durch Warschau und liefern sich dabei Straßenschlachten mit der Polizei. Ziel des Marsches ist das Denkmal von Roman Dmowskiego. Er gilt als einer der Väter des polnischen Nationalismus und organisierte 1911 als überzeugter Antisemit einen Boykott jüdischer Unternehmen.

Vermutlich nicht zuletzt deswegen entwickelte sich in diesem Jahr die Veranstaltung, organisiert von den nationalistischen Gruppierungen „Nationalradikales Lager“ (ONR) und „Allpolnische Jugend“ mit rund 20.000 Teilnehmern auch zu einem Treffen diverser rechtsextremer Gruppen Europas: unter anderem Abordnungen der ungarischen Jobbik-Bewegung, Mitglieder der slowakischen SNS-Partei sowie Vertreter der italienischen Forza Nuova und serbische Neonazis liefen zum 94. Jahrestag der Unabhängigkeit in der polnischen Hauptstadt auf.

Ein Transparent des Nationalradikalen Lagers (ONR) mit Keltenkreuz und Parteisymbol © Theo Schneider

Unter ihnen auch, wie im Vorjahr über tausend Hooligans, denen es vor allem darum geht, sich Auseinandersetzungen mit der Polizei zu liefern. Schon auf dem Weg zum Auftaktort attackierten sie die Polizei mit Steinen und Feuerwerkskörpern, als diese verhinderte, dass die Gruppe in Richtung einer zeitgleich stattfindenden linken Demonstration „Zusammen gegen Faschismus und Nationalismus“ vordringen wollte. Im Vorfeld drohten Neonazis wiederholt mit Angriffen auf die Kundgebung der Nazigegner.

Die Polizei versuchte in diesem Jahr eine Strategie der Deeskalation und hielt sich deswegen nach Möglichkeit im Hintergrund. Das führte aber lediglich dazu, dass mangels Angriffsfläche die Teilnehmer des rechten Marsches am Warschauer Hauptbahnhof randalierten und die dortigen Sicherheitsleute attackierten. Später kam es auch zu heftigen Ausschreitungen, als der Demonstrationszug von seiner angemeldeten Route abweichen wollte und Polizisten sich dem entgegenstellten. Stundenlang wurden die eingesetzten Beamten von den Demonstrierenden mit Steinbrocken, Feuerwerkskörpern und sogar Straßenpollern beworfen. Eine Spezialeinheit aus vermummten Zivilpolizisten versuchte, Rädelsführer aus der Menge zu ziehen, augenscheinlich jedoch mit bescheidenem Erfolg. Die Bilanz des Tages: 176 Festnahmen, 22 verletzte Polizisten, drei davon schwer, und acht beschädigte Polizeiautos. Der Marsch selber wurde bis zum Schluss durchgeführt und die Veranstalter kritisierten durchgehend die Polizei wegen angeblicher „Provokationen“.

Randalierende Neonazis werfen immer wieder Steine in Richtung Polizei © Theo Schneider

Eine zeitgleich stattfindende Demonstration linker Gruppen unter dem Motto „Zusammen gegen Nationalismus und Faschismus“ verlief trotz der Drohungen im Vorfeld friedlich mit rund 1000 Personen. Den Angriffsversuch der Hooligans bemerkten die Teilnehmer nicht einmal. Im vergangenen Jahr hatte die Blockade des rechten Marsches für die heftigsten Ausschreitungen in der Geschichte des 11. November-Feiertags in Warschau. Fast 50 verletzte Polizisten, über 200 Festnahmen und immense Sachschäden waren das Resultat. In diesem Jahr verzichteten die Nazigegner auf einen Blockadeversuch, da das Zahlen- und Kräfteverhältnis bereits im letzten Jahr deutlich gegen sie sprach.

Ein Antifaschist hält ein Schild mit dem durchgestrichenen Symbol der ONR Partei © Theo Schneider

Aber auch die polnischen Behörden zogen Konsequenzen aus der Gewalt im Vorjahr und verschärften jüngst das Versammlungsgesetz. Allerdings kam es am Sonntag noch nicht zur Anwendung, da es im Parlament lange Zeit umstritten war und erst letzte Woche endgültig beschlossen wurde. Das Abbrennen von Feuerwerkskörpern auf Demonstrationen ist künftig verboten, die Polizei hat die Möglichkeit Versammlungen örtlich zu verschieben oder gar zu verbieten, wenn verfeindete Gruppen sich zu nahe kommen könnten. Nach den diesjährigen Ausschreitungen ist nun auch ein Vermummungsverbot in der Diskussion. Ob allerdings eine immer weitere Verschärfung des Versammlungsgesetzes eine adäquate Antwort auf das rechtsextremes Massenevent mit internationaler Beteiligung ist?

Kategorien: bundesweit
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Sicher, das Event wurde von poln. Rechten (ONR,wobei, das ist NICHT dasselbe wie die NPD und Konsorten!) und Konservativen (Allpoln. Jugend) organisiert-die über 50 000 Teilnehmer (neben denen der kopierte Marsch des Präsidenten winzig war) waren vor allem junge Menschen, die weder Mitglieder von ONR noch von MW (mlodziez wszechpolska,allpoln. Jugend) sind und deren Ideen denkbar distanziert gegenüber stehen. Warum sie am Marsch teilgenommen haben? Vor Allem aus Protest gegen eine Regierung (u. auch leider Opposition) die den Staat Richtung Abgrund führt (2 Mio. Emigranten, von denen der Grossteil wohl nie wieder nach Polen zurückkommt, innerhalb von 5 Jahren ist die Auslandsverschuldung auf um 300 Mld auf 800 Mld Zloty gestiegen, fast 25% Arbeitslosigkeit (NACHDEM 2 Mio. emigriert sind!), eine Aussenpolitik, die diesen Namen nicht verdient, Massenbankrott kl.u. z.T auch mittlerer poln.Firmen, ein Grossteil der Industrie in Händen ausländ. Firmen (d.h dass auch der Gewinn kaum in Polen bleibt) und und und). Diese Menschen sind mitnichten Nationalisten oder gar “Faschisten”- nein, sie möchten nur einen Neuanfang. Die III Poln. Republik ist ein Staat des “Runden Tisches”, d.h einer, in dem Ex-Kommunisten sich auf atemberaubende Weise am national. Eigentum bereichert haben, in denen Ex-Staatssicherheitsagenten eine 10-fach höhere Rente kassieren als z.b frühere Solidarnosc-Aktivisten,das Ganze unbehelligt, ein Staat, aus dem die Menschen (die auf Staatskosten ausgebildet wurden) nach z.b England auswandern, weil sie keine Perspektive sehen, dessen Führung berechnend,unfähig,korrupt und zynisch ist. Daher finden Leute wie Winnicki (Vorsitzender der Allpoln. Jugend) auch Gehör, wenn sie die Abschaffung dieser “Republik des Runden Tisches” versprechen, wenn sie ankündigen, es würde dieses mal “keinen Runden Tisch” geben. Das die “Anti”faschisten dieses Mal von einer Blockade abgesehen haben ist schön, zumindest sind dieses Jahr keine Randalierer aus Deutschland angereist. Noch eine Kleinigkeit: Das Bündnis der Linksdemokraten (SLD) fordert nun ein Verbot beider “faschistischer Organistionen”. Das ist beinahe schon ironisch-ist die SLD doch das Sammelbecken alter kommunistischer Kader.

    • 20. November 2012 um 02:09 Uhr
    • Feliks Lukasiewicz
  2. 2.

    Dem Kommentar vom Herr Feliks Lukasiewicz kann ich 100% zustimmen.
    Es ist viel Zeit vergangen, seit dem die Polnische Republik ihre Unabhägigheit in sog. Runden Tisch erkämpft hat. Es war natürlich von Anfang an klar, dass die Kommunisten nicht mehr in der Lage sind die Vorherrschafft zu halten. Deshalb hat man sich mit den Herren von Solidarnosc abgesprochen. Es ist kein grosses Geheimniss, dass die Kommunisten, Sicherheitsagenten des Innern sowie viele andere Partei-Funktionäre und ihre Kinder sich am Staatsvermögen bereichert haben. Diese Leute geben sich als SLD und PO (Platforma Obzwatelska) aus.
    Da ich persönlich am diesen Massendemo teilgenommen habe, möchte ich einigen FALSCHEN NACHRICHTEN wiedersprechen. Es ist vor allem falsch, dass dort NUR Neonazis und Rechtsradikale randaliert haben. Es waren eben meistens die linksorientierte Randalierer aus Deutschland, die es zu Ausschreitungen provoziert haben. Im Jahre 2012 hat man sich schon am Grenzübergängen gegen diese abgesichert und die meisten ausgefischt.
    Am diesen Tag waren viel mehr junge Leute anzutreffen und sogar sehr viele Familien mit Kleinkindern. Auch sehr viele alte Menschen waren dabei – alle eben, die sich mit der Politik von Donald Tusk nicht einverstanden füllen bzw nicht identifizieren. Donald Tusk, der vom Westen (vor allem von Deutschland) glorifiziert wird, ist ein politischer Bankrott. Auch die Methoden, die der Herr verwendet um die Opposition (PiS – von Lech Kaczynski, ONR, MW usw.) sind sehr ähnlich denen, die 50 Jahre den Rotten Terror angewendet haben.
    Deshalb sind die Fragen in Sachen von Smolensk-Katastrophe weiter offen und geben zu Stoff zum Nachdenken…

    • 17. Januar 2013 um 21:26 Uhr
    • Patrick Starczewski
  3. Kommentar zum Thema

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