Wir müssen reden. Über Nazis. Ein Blog

Neonazis übernehmen die “Identitäre Bewegung”

Von 16. Dezember 2012 um 12:15 Uhr

JN-Kampagne „Identität - Werde, wer Du bist“ © Screenshot von der NPD-Homepage

Mit poppiger Jugendkultur mischen junge Rassisten europaweit die althergebrachte rechte Szene auf. Russische Nazi-Hools “bassen” gegen die Antifa, während italienische Faschisten gegen Sparpolitik “flashmobben”. Die völkische Rechte in Deutschland dagegen besetzt Begriffe und bleibt dennoch in ihrer Ideologie gefangen. Gerade erst übernahmen neurechte Aktivisten die Meinungsführerschaft der deutschen Variante der französischen „Identitären“, schon startet die NPD-Jugend eine gleichlautende Kampagne.

Jung, aktionsorientiert und modern gibt sich die französische „Génération identitaire“. Mit neuer Fassade wollen sie mit altem Rassismus zur Bewegung werden. In Deutschland haben scheinbar die neurechten Akteure Götz Kubitschek und Felix Menzel die Zügel in die Hand genommen und schließen damit an die Strategien der „Konservativ-subversiven Aktion“ (ksa) an.

Die erste identitäre Aktion in Deutschland kommt aus der Neonaziszene: Widerstand muss auch Spaß machen, meinten die „Nationalen Sozialisten Rostock“ und tanzten im August mit Masken verkleidet einige Minuten vom Kröpeliner Tor bis zum Rathaus und nannten das ganze „Hardbass gegen Demokraten“.

Tanzende Neonazis © Screenshot von YouTube

Diese Aktionsform russischer Neonazis breitet sich seit einem Jahr über Europa aus. Mit Parolen wie „Demokratie = Volkstod“, „NS Fetzt!“ und „Verboten Gut“, sollte in Rostock an die medienwirksamen Flashmobs der „Unsterblichen“ der im Juli verbotenen „Spreelichter“ angeknüpft werden. Mit derselben Musik und rassistischen Parolen umzingelten daraufhin im Oktober die „Identitären Wien“ den Caritas-Workshops „Tanz für Toleranz“, bevor vier Wochen später fünf Personen mit dieser Aktionsform die Eröffnungsveranstaltung der „interkulturellen Wochen“ in Frankfurt am Main störten.

Alte Ideologie unter neuen Namen

Bereits im September 2010 erstellte die selbsternannte „Sarrazin-Bewegung“ – eine kulturrassistische Splittergruppe, die sich auf Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ beruft – die Facebookseite „Identitäre Bewegung “100% Identitär – 0% xenophobisch”“ und knüpften damit an die neurechte Ideologie einer angeblichem kollektiven „Identität“ an, die auf der kulturellen und regionalen Herkunft beruhe. Die Betonung auf das „Eigene“, aber angeblich ohne Rassismus. „Ethnopluralistische Vielfalt“ statt „kultureller Einheitsbrei“ – Mit der Überhöhung des Regionalen durch den französischen „Bloc identitaire“ klingt dies auch nicht sofort nach dem „Volkstod“ und der damit verbundenen altbackenen völkischen „Blut-und-Boden-Ideologie“ wie bei der NPD.

Der Widerspruch, an dem eine einheitliche gesamteuropäische rechte Bewegung bisher scheiterte, scheint mit dem Dreiklang aus „Region, Nation und Europäisch“ aufgehoben: „Identitär“ ist, wer sich zu seiner regionalen, nationalen und kulturellen Herkunft bekennt. Die Grenzen zwischen Kulturalismus und Rassismus verschwimmen. Der Begriff „Identität“ wird völkisch besetzt, aber kulturalistisch umschrieben.

Die Homepage der „Identitäre Bewegung“ © Screenshot

Das Konzept von „Ethnopluralismus“ und „Identität“ speist sich aus der Ideologie der „Neuen Rechten“ der 70er und 80er Jahre. Ganz nach dem neurechten Vordenker Alain de Benoist erobert diese Ideologie scheinbar vermittelt über Musik, Videos und dem Partypatriotismus der Fußball-WM den vorpolitischen und kulturellen Raum, unterschlägt dabei aber, dass die Beziehungen der Menschen untereinander auf Sozialisation und sozialen Normen basiert und nicht auf naturalisierter Herkunft, es sei denn, diese wird zur sozialen Norm. So endet die vordergründige „ethnopluralistische Vielfalt“ wieder im stumpfen Rassismus.

Rassismus mit oder ohne „Heil Hitler“?

Da die Neonaziszene seit Jahren versucht ihre menschenverachtende Ideologie wieder gesellschaftsfähig zu machen, wundert es nicht, dass Nazis auf den Zug aufspringen. Die „Identitäre Gruppe Frankfurt” wurde 2010 von den „Nationalen Sozialisten Rhein-Main“ und aus dem „Freien Netz Hessen“ heraus initiiert. Im März 2011 erstellte der neurechte „Block Identität“ (BI) seine Facebookpräsenz und folgte damit Blog und Twitter-Account, die bereits davor online gingen. Ende Juli desselben Jahres dann ein erstes BI-Treffen im Ruhrgebiet. Für den August letzten Jahres rief der NPD-Stadtrat und Anführer der „Nationalen Sozialisten Geithain“ (NSG), Manuel Tripp, zum Geithainer „Tag der Identität“ auf. Nach Eigenbeschreibung vertreibt er in seinem Shop „identitäre Kleidungsstücke“. Die sächsische Neonaziszene näherte sich ideologisch den „Neurechten“ an. Thorsten Thomsen, Pressesprecher der sächsischen NPD-Fraktion und Arne Schimmer, NPD-Abgeordneter im Sächsischen Landtag nahmen im Oktober an der von Götz Kubitschek und Felix Menzel organisierten neurechte Messe in Berlin teil. Schimmer soll bereits Jahre zuvor an Schulungen des neurechten „Think Tank“ – dem Institut für Staatspolitik (IfS) – teilgenommen haben.

Screenshot von FB

Am 10. Oktober diesen Jahres dann, ging die Facebookseite „Identitäre Bewegung Deutschland“ als zentrale deutsche Plattform – inspiriert durch die „Generation Identitaire“ in Frankreich und der „Identitäre Bewegung Österreich“ – online und hat aktuell über 4.000 „Gefällt mir“-Angaben. Erstes Posting ist das Video der französischen Kriegserklärung der „Génération Identitaire“ gegen die vermeintliche von der 68er-Bewegung geprägte „multikulturellen Gesellschaft“ sowie gegen die angebliche „Islamisierung“ Europas. Die „identitäre“ Kriegserklärung wird vier Tage später auch in der Internetsendung des neonazistischen FSN-TV vorgestellt, noch bevor am 20. Oktober 60 aus ganz Frankreich angereiste antimuslimische Rassisten das Dach einer Moschee in Poitiers besetzen. Die Polizei beendete den Protest nach sechs Stunden und nahm drei Personen wegen Anstachelung zum Rassenhass und Sachbeschädigung fest.

Götz Kubitschek und Martin Lichtmesz, beides Aktivisten der „Konservativ-subversiven Aktion“, nehmen daraufhin am ersten Novemberwochenende am Konvent des „Bloc identitaire“ in der südfranzösischen Stadt Orange teil. Danach gab Kubitschek Handlungsempfehlungen für eine deutsche „Identitäre Bewegung“ heraus, indem er die Aktionsorientierung bekräftigt: „Agieren, agieren, agieren: Aktion verbindet, Reden trennt”. Den Aktivisten soll durch verpflichtende Richtlinien vorgeschrieben werden, wie diese sich bei Aktionen zu kleiden haben und welche Symbole verwendet werden. Zudem schlägt er die Formulierung eines „Manifests“ nach dem französischen Vorbild vor, im Bewusstsein der Vorbelastung des Begriffs durch Breivik. Kubitscheks autoritäre Züge werden überdeutlich. So spricht er von „brauchbaren regionalen Führungsköpfen“ und empfiehlt:

  • Für einen extrem raschen Aufwuchs des eigenen Projekts und die damit veerbundene [sic!] Sog-Entwicklung sorgen, die es möglichen identitären Konkurrenten nahelegt, sich einzuordnen oder zu verschwinden. Dies bedeutet, die Zügel in die Hand zu nehmen, nicht auf basisdemokratische Führungsmodelle reinzufallen, sondern andersherum: unterhalb einer straffen Organisation regionale Kreativität zuzulassen und zu fördern, ohne sich in generelle Streitereien zu verwickeln und Runde Tische zu bilden
  • Sich klar darüber sein, daß es schiefgehen kann, daß aber der eigene Name danach so oder so einen Stempel trägt und daß es kein Mitleid für gescheiterte „Nazis“ gibt (zumindest in Deutschland nicht). Über diese möglichen Konsequenzen gründlich nachdenken und lieber gleich sagen: Das ist nichts für mich.

Letzteres dürfte mit ein Grund dafür sein, warum sich nach anfänglichen Richtungsstreitigkeiten die „Identitäre Bewegung Deutschland“ sich inzwischen oberflächlich von der NS-bezogenen Szene und der NPD distanziert. Dies hinderte die „Jungen Nationaldemokraten (JN)“ nicht daran mit Unterstützung der Mutterpartei NPD die Kampagne „Identität – Werde, wer Du bist“ ins Leben zu rufen:

„Das EIGENE bedingungslos verteidigen! Die WEISSE HAND ist unser Zeichen gegen alle, die unsere IDENTITÄT zerstören. WIR sagen: Bis hierhin und nicht weiter“.

Hier wieder das „Eigene“, das einer kollektiven „Identität“ angehören soll, dass mit dem „Wir“ betont wird. Das hier die Worte „Rasse“ und „Volk“ nur vermieden werden, um nicht sofort an die historischen Vorbilder mit ihrer „Blut-und-Boden-Ideologie“ sowie an die nationalsozialistische Parole „Du bist nichts, dein Volk ist alles“ zu erinnern, ist offensichtlich.

Während die rassistische „identitäre“ Ideologie sich im vorpolitischen und kulturellen Raum weiter ausbreitet, scheitert die organisierte deutsche Rechte dennoch an sich selbst. Die sogenannte „Identitäre Bewegung Deutschland“ mit dem gelben Lambda als Symbol, schafft zwar die strömungsübergreifende Bündelung von jungen Aktivisten aus der antimuslimischen und „Neuen“ Rechten, ist sich aber uneins darüber inwieweit Neonazis mit dazu gehören und gibt sich trotz professionellen Marketings und jugendorientierter Agitprop zu radikal völkisch-rassistisch um neue Zielgruppen zu erreichen.

Kategorien: bundesweit
Leser-Kommentare
  1. 17.

    Also, was man hier so liest … “Diese Aktionsform russischer Neonazis breitet sich seit einem Jahr über Europa aus.”

    Russische Neonazis? Wenn ich sowas lese, sehe ich, dass der Autor offensichtlich gar nicht weiß, was überhaupt greundlegende Positionen des Nationalsozialismus waren.
    Der inflationäre Gebrauch des Begriffs “Nazi” ist schon längst zur lästigen Form der Hetze gegen alles geworden, was einem spezifischen politischen Lager nicht passt. Ebenso überansprucht wird der “Rassismus”, der als Universaltotschläger dient.
    Zwischen einer “identitären Bewegung” und dem Nationalsozialismus liegen Welten. Aber egal – alles Nazi …

    • 24. Dezember 2012 um 12:49 Uhr
    • W. Scholz
  2. 18.

    Entschuldigt,

    ihr müsst diese Bewegung nicht mit der NPD auf eine Stufe stellen.
    Ich persönlich habe mit der NPD nie etwas gemeinsam gehabt. diese Bewegung jedoch werde ich unterstützen.

    Es geht euch nur darum die rechte Keule zu schwingen um eine Politik aufrecht zu erhalten, die ausschließlich den Mammon anbetet.

    Uns geht es darum, dass die derzeitigen Machthaber versuchen mit aller Gewalt ein Konstrukt zu errichen, das durch keinen Bürger der einzelnen Völker jemals anerkannt wurde.

    Sollte dieses Konstrukt nicht abgerissen werden, wird es so enden wie in Jugoslawien.

    Wenn sie wollen, dass Europa, wie diese Tage wieder die USA, private Banken anflehen muessen um zu überleben und sich somit einzig und alleine durch diese beherrschen lassen. Dann nur zu, ich werde sie von ihrem eigenen Untergang nicht abhalten.

    • 26. Dezember 2012 um 15:00 Uhr
    • gapginnunga
  3. 19.

    @swann: Danke für diese objektive Aussage, auch wenn’s wehtut, liebe Genossen/innen, sie entspricht einem Wahrheitsgehalt von 100%! ;)

    • 27. Dezember 2012 um 14:23 Uhr
    • Identitärer
  4. 20.

    @ Kommentar 14: Es heißt in dem Link: “An der Kundgebung ‘Der Rechten’ könnten auch mehrere Anhänger der neuen Nazi-Gruppe der ‘Identitären’ teilgenommen haben: Ein Plakat der Gruppe hing heute parallel zu den Nazi-Kundgebungen an einer Brücke an der B1 in Dortmund.”

    Bitte entschuldigt, aber das ist doch nun wirklich sehr dünn. Irgendwo an einer Ausfallstraße in dieser Stadt hing ein Plakat der Identitären, und das soll darauf hindeuten, dass die Identitären an dieser Demo teilgenommen haben? Da könnte ich jedes x-beliebige Plakat dort nehmen und Vermutungen anstellen, wer so alles dabei gewesen sein KÖNNTE.

    Vielleicht liegt der Fehler aber auch darin, dass die Identitären von den Autoren als “neue Nazi-Bewegung” wahrgenommen werden.

    Was ich nicht verstehe, ist diese krampfhafte Bemühung, alles politisch Abweichende sofort als nazi-nah darzustellen. Ob man so für Glaubwürdigkeit sorgt, lasse ich mal dahingestellt.

    • 28. Dezember 2012 um 00:11 Uhr
    • Hanebüchen
  5. 21.

    Es ist schon auffällig, wie angestrengt in diesem Artikel der große Bogen gespannt wird, um alle als böse und verbrecherisch zu brandmarken:
    Russische Neonazis- italienische Faschisten- neurechte Aktivisten- Kubitschek- KSA- NPD- Sarrazin- Breivik usw.
    Man kann es drehen und wenden , wie man will:
    Der Begriff der nationalen und kulturellen Identität (und wieso sollte sich ein Zuwanderer nicht zu dieser bekennen?)ist uns jahrzehntelang aberzogen worden und tritt jetzt an den unterschiedlichsten Orten zutage, vielen Dank an die 68′er! :-)

    • 28. Dezember 2012 um 20:20 Uhr
    • Julius
  6. 22.

    #18 gapginnunga

    Den “Mammon” anbeten = Antisemitismus

    • 30. Dezember 2012 um 18:12 Uhr
    • Harte Fakten
  7. 23.

    [...] rein” und sprachen Todesdrohungen aus. Dass auch die von Rechtsextremen durchsetzte “Identitäre Bewegung” sich in dem Thread äußerte, zeigt, wie nah die sogenannte Mitte und Neonazis sich im Umfeld von [...]

  8. 24.

    Natürlich hat Deutschland eine Identität. Das Grundgesetz-Deutschland, das Auschwitz-Deutschland, das Mahner-Deutschland usw. und sofort. Und die Nicht-Identität.
    Das Problem ist, dass einige (viele?) Deutsche sowas nicht als Identität haben wollen (verständlich), dann gibt es welche, die stolz sind auf diese Identität und alle, die das nicht wollen (Rechte genannt) bekämpfen und dann gibt es noch Dritte, die den Deutschen das Recht auf eine nationale Identität absprechen wegen Auschwitz – selbst die Auschwitz-Identität wird bei diesen negativ gesehen.

    Nun gab es fernab von Alt- und Neonazis immer Menschen, die aktiv für eine selbstbewusste, positive Identität eintraten.
    Als ob das Häuflein irgendwas an der Psyche der Deutschen ändern könne. Das ist doch die viel tiefer liegende Ursache als die 68er, die damals noch deutscher gedacht haben als viele Rechte heute.

    Dazu Problem liegt auch daran, Rassismus pauschal abzulehnen.
    Denn was trennt die europäische Identität von der afrikanischen. Christlich vs. Muslimisch? Eher nicht, das ist eine arabische Sache. Sondern weiß vs. schwarz. Das zu sagen: Wir sind weiß, würde . Das es von 90% der Europäer mitgedacht wird – ok – aber nur im Unterbewusstsein.

    Eine nationale Kulturpolitik, in der nicht nur Minderheiten “zu Wort kommen” und der Mehrheit den Schuld-und-Sühne-Stempel aufdrücken, sondern sich der Durchschnittsdeutsche sowohl wiederfindet, als auch erfreut, würde, denke ich, von vielen Deutschen positiv aufgenommen.

    Woher will man überhaupt rekrutieren? Aus den “deutsch und stolz”-Prolls. Bei skeptischen oder verzweifelten Neonazis? Beim Junge Unioner? Bei Linken? Ich seh da wenig Anknüpfungspunkte.

    Einerseits wie der ein Kommentar auf der ersten Seite von Stil reden aber dann solch stilloses Auftreten betreiben wie die Antifa, bei der Leute “weggebasst” werden.
    Trotz allen Unausgegorenseins und Halbherzigkeiten beglückwünsche ich diese Menschen zu ihrem Mut, die Stimme zu erheben.

    • 30. Januar 2013 um 22:38 Uhr
    • Randgebiet
  9. Kommentar zum Thema

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