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Hamburgs schlagender Nachwuchs

 
Screenshot Die APR-Mitgliedsbünde bei Facebook
Die APR-Mitgliedsbünde bei Facebook © Screenshot

Am Samstag den 6. Juli 2013 soll in Hamburg das jährliche, bundesweite Treffen des Allgemeinen Pennäler Rings (APR), einem Zusammenschluss extrem rechter Schülerburschenschaften stattfinden. Verantwortlich für das Treffen ist die Naziverbindung Pennale Burschenschaft Chattia Friedberg zu Hamburg (Chattia); Ort des Treffens die einschlägig bekannte Hamburger Burschenschaft Germania (Germania).Erst im April war die Chattia negativ aufgefallen, all sie gegen eine weitere Kieler Schülerverbindung aus dem APR ein Säbel-Duell austrug und dazu auch der Hamburger NPD-Kandidat Björn Neumann erschien, der vor dem Haus einen Presse-Fotografen tätlich angriff.
Nun lädt die Chattia, mangels eigenen Haus, in die Räume der befreundeten Germania aus der Sierichstraße. Wieder wird erwogen eine Säbelmensur zu schlagen, vor allem soll bei dem „23. Pennälertag“ aber die bundesweite Arbeit des APR koordiniert werden.

 Der APR – völkisch, elitär, männerbündisch und offen für Neonazis

Momentan gehören dem APR ein Dutzend Schülerburschenschaften, hauptsächlich aus Norddeutschland, an. Diese bezeichnen sich selbst als „national-freiheitliche und wehrhafte Pennalkorporationen“ und bekennen sich zum burschenschaftlichen Prinzip, wie es für die studentischen Verbindungen die rechte Deutsche Burschenschaft vertritt. Gegründet wurde der APR 1990 ursprünglich von fünf Pennalien. Hamburg und Umgebung war gleich mit dreien vertreten, darunter mit der Pennalen Burschenverbindung Teutonia Hamburgia ein Bund über den der Hamburger Verfassungsschutz in einem geheimen Bericht 1993 schrieb, es handele sich bei der Teutonia um eine „eindeutig rechtsextremistische Verbindung“, der „auch ausschließlich Rechtsextremisten angehören.“ Kein Wunder, die Hamburger Teutonen veranstalteten damals mit anderen Burschenschaftern und Neonazis Wehrsportübungen Niedersachsen.  Die Teutonia, welche als Kontaktadresse das Haus der Germania angibt, war jahrelang inaktiv, erst vor kurzer Zeit konnte sie neue Mitglieder gewinnen und mischt nun wieder im APR mit.

Ihren eigenen Nachwuchs „keilen“ (werben) die braunen Pennäler außer im rechten Spektrum natürlich an den Schulen, wo sie vertreten sind. „Der Keilbetrieb wird direkt in den Schulklassen umgesetzt, wobei hier leider ein schlechter Zeitgeist herrscht,“ berichtete beispielsweise die Gymnasiale Burschenschaft Germania Kiel. Für ihre Vernetzung, Veranstaltungen, Reisekosten, Schulungen, Werbung aber auch für Säbelklingen und andere Fechtausrüstung erhebt der APR von seinen Mitgliedsbünden jährliche Beiträge, die Kasse des APR enthielt 2012 mehrere Tausend Euro.

 Die pennale Mensur

Bei den meisten Schülerburschenschaften des APR müssen die jungen Mitglieder eine Mensur nach der „Linzer Pauk- und Ehrenordnung von 1958“ (LPO) schlagen. Bei den ritualisierten Körperverletzungen wird nicht, wie bei den studentischen Verbindungen auf den Kopf geschlagen, sondern mit stumpfem Säbeln auf den nackten Oberkörper. Die entstehenden Riss- und Quetschwunden bleiben so anschließend unter der Kleidung verborgen, denn Schülermensuren waren früher oftmals verboten. In der LPO ist auch geregelt, wer überhaupt die Säbelduelle austragen darf, Schüler „die das 14. Lebensjahr vollendet haben, sowie alle Personen, welchen der ‚Allgemeine Ehrenkodex’ die Waffenehre zuspricht,“ es „gelten die Bestimmungen des Waidhofner Abkommens.“ Mit dem Waidhofner Abkommen wurde Ende des 19. Jahrhunderts beschlossen, „dem Juden auf keine Waffe mehr Genugtuung zu geben, da er deren unwürdig ist!“ Bei den Pennalien ist der radikale Antisemitismus, den die meisten Verbindungen vom Wilhelminismus bis zum Nationalsozialismus propagierten, bis heute virulent.

 Völkische Ideologie

Als quasi programmatische Grundlage veröffentlichte der APR 2005 ein „Geleitheft der konservativen  Jugend – Identitätssuche, Pflichterfüllung und Rebellion“. Der schwülstige Text strotzt nur so vom Bekenntnis zu Männerbund, Elite, Führertum und völkischem Nationalismus. „Jugend unseres Volkes!…Erhebe dich aus den Trümmern unserer Zeit, befreie dich von allem, was dich peinigt – breite deine Flügel über unser ew‘ges Vaterland und benetze sie mit deinem Schweiß und Blute … ignoriere die Schwätzer und achte deine Führer!“ heißt es dort im Epilog. Gepriesen wird auch das wohl bekannteste Lied des Jungvolks in der Hitler-Jugend (HJ) „Auf hebt unsre Fahnen,“ in dem Werte besungen werden, welche als Vorbild für die Pennäler gelten sollen. Sogar aus Hitlers Rede 1935 vor 50.0000 HJ-Angehörigen wird, allerdings leicht abgeändert zitiert. „Zäh wie Leder – schnell wie die Windhunde – hart wir Kruppstahl,“ so müsse auch die heutige „konservative“ Jugend laut APR-Heft sein.

Faksimile APR-Geleitheft
APR-Geleitheft (Faksimile)

Ähnlich wie einige studentische Burschenschaften, fielen auch APR-Pennalien immer wieder durch personelle Kontakte nach Rechtsaußen auf, sei es durch Doppelmitgliedschaften, durch Publikationstätigkeiten oder durch Einladungen von braunen Referenten zu Veranstaltungen.

 Verhältnis zur Deutschen Burschenschaft

Die völkischen Schüler sind eng vernetzt mit der Deutschen Burschenschaft (DB) und hier besonders mit deren extrem rechten, innerverbandlichen Kartell Burschenschaftliche Gemeinschaft (BG), das immer wieder durch geplante „Arier-Beschlüsse“ in die Schlagzeilen gerät. Die DB-Burschenschaften stellen oft ihre Häuser für die Pennalien des APR zur Verfügung, unterstützten diese finanziell oder ideell und halten mit ihnen gemeinsame Veranstaltungen ab. Die Studentenverbindungen wissen, dass sie sich hier einen verlässlichen, rechten Nachwuchs heranbilden. So war in der Zeitung der DB, den Burschenschaftlichen Blättern 1/2004 zu lesen: „Eine Pennalie als ‚Vorfeldorganisation’ zur Ausbildung des couleurstudentischen Nachwuchses sichert vielen einen vollen Fuchsenstall.“ Füchse nennt man die jungen Anwärter in Burschenschaften. Viele Alte Herren des APR sind dementsprechend Mitglieder in studentischen Burschenschaften und meistens sind es die am äußersten rechten Rand. Prominentester Politiker mit Vergangenheit in einer  Schülerburschenschaft dürfte momentan Michael Büge (CDU) sein, der seinen Job als Staatssekretär in Berlin wegen burschenschaftlicher Tätigkeiten verlor. Er war in der APR-Verbindung Iuvenis Gothia aktiv.

 Die Organisatoren Chattia Friedberg

Die diesjährigen Hamburger Ausrichter des APR-Tages sind mit der neofaschistischen Szene bestens vernetzt. In der jüngsten Vergangenheit gab es häufige Doppelmitgliedschaften mit der NPD. Gleich zwei Hamburger Chatten verloren wegen neonazistischer Aktivitäten ihren Job als Lehrer bzw. Filial-Leiter einer Bank. Der Banker hatte 2008 einen braunen Bestseller namens „Blutzeugen“ über gefallene NS-Kämpfer in der Weimarer Republik veröffentlicht. Bei Treffen zu denen die Chattia einlud kamen auch schon ehemalige SS-Angehörige, Aktivisten der Kameradschaftsszene, und 2007 mit Klaus Kaping ein verurteilter Holocaustleugner. Ein inzwischen aus der Szene ausgestiegener Chatte war 2010 für den Ordnerdienst der Hamburger NPD aktiv. Mitglieder der Chattia waren in den letzten Jahren häufiger im Vorstand des APR vertreten, sei es als Sprecher oder Kassenwart. Laut Szenekennern waren letztes Jahr Chattia-Veranstaltungen zwar schlechter besucht, dafür machte man aber einige Ausflüge und Besuche in Deutschland. So z.B. im Mai 2012 einen gemeinsamen Wochenend-Besuch mit der Burschenschaft Dresdensia Rugia, zu „Ulex“, einem Alten Herrn der Chattia. Ulex war nicht nur der Spitzname von Propaganda-Minister Joseph Goebbels, sondern ist auch der „Biername“ des Chatten Thorsten Heise. Da in der Chattia auch Nichtakademiker und Frauen Mitglied werden können, wurde auch der langjährige und mehrfach vorbestrafte Nazikader aufgenommen. Ob Heise den Namen Ulex wählte, weil er Geld mit brauner Propaganda verdient, in seinem Verlag erschien auch das Blutzeugen-Buch, ist unbekannt. Auf jeden Fall ist der einer der wichtigsten Anführer der Szene und aktuell Landesvize der Thüringer NPD.

Chattia bei Facebook
Chattia bei Facebook © Screenshot

 Rechtes Veranstaltungszentrum gemeinnützig und früher finanziell gefördert

Das Haus der Germania in der Sierichstraße ist nicht nur Ort des APR-Treffens, sondern diente in den letzten 25 Jahren immer wieder als Treffpunkt und Veranstaltungsraum für die extreme Rechte. Die vom Inlandsgeheimdienst als rechtsextremistisch geführten Organisationen Deutscher Freundeskreis und Hamburger Kreis trafen sich hier Anfang bzw. Mitte der 1990er Jahre. In den letzten Jahren waren ins Germanenhaus immer wieder Personen eingeladen, die auch vor der NPD und anderen neofaschistischen Organisationen auftraten. Trotzdem können über den sog. Hausverein der Germanen, das Studentenwohnheim Harry-Lange e.V., der das Haus finanziell trägt und einen weiteren Bonner Verein, die Beiträge der Burschen und Alten Herren von der Steuer als gemeinnützig abgesetzt werden. 2003 beschloss die Bürgerschaft auf Antrag von Abgeordneten aus CDU, Schillpartei und FDP sogar ein Teil der Renovierung des braunen Hauses aus der Tronc-Abgabe, Einnahmen aus der Hamburger Spielbank, mit 7.500 Euro, zu finanzieren.

Die Ideologen von der Blauen Narzisse

Aus der Pennalen Burschenschaft Theodor Körner aus Chemnitz, wie die Chattia auch dem Inlandsgeheimdienst schon aufgefallen, kommen urpsrünglich Felix Menzel und Sebastian Schermaul. Sie schrieben nicht nur an dem “APR-Geleitheft für die konservative Jugend” mit, sondern gründeten auch 2004 das Print- und Internet-Projekt Blaue Narzisse, das wichtigste neurechte Magazin für Schüler in Deutschland. Menzel war bis 2007 APR-Vorsitzender. Beim 20. APR-Tag 2010 in Eisenach wurde die Blaue Narzisse dort ausführlich vorgestellt. Viele ihrer Autor_innen sind Mitglieder aus Schüler- oder Studentenverbindungen. Doch Chefredakteur Menzel und sein Umfeld sind auch durchaus praktisch orientiert. Vor einigen Jahren war er ein Wortführer der Konservativ-Subversiven Aktion (KSA), die mit spektakulären Aktionen Veranstaltungen von politischen Gegnern störte. Menzel stellte 2008 das KSA-Konzept, Titel „Mit den gleichen Waffen zurückschlagen,“ in der Hamburger CDU-Zentrale vor. Die Bildzeitung schrieb dazu „Neonazi bei Partei-Seminar.“

2009 kam Menzel erneut nach Hamburg um über Medien zu referieren. Ort war die schlagende Verbindung Landsmannschaft Mecklenburgia Rostock, welche enge Kontakte zu den Germanen pflegt und auch sonst in ihrem Haus mal Referenten hatte, welche nicht gerade das Image demokratischer Konservativer haben. 2012 wurde Medienexperte Menzel zu einer Geldstrafe verurteilt, weil er eine Bundespolitikerin beleidigt hatte.

 Neues Pferd: Identitär

Da das Projekt KSA nicht mehr zog, setzen Menzel, Blaue Narzisse und Konsorten inzwischen auf ein neues Pferd: Die ursprünglich aus Frankreich stammende Identitäre Bewegung. Ihr Anliegen: „Uns Identitären geht es um den Erhalt unserer ethnokulturellen Identität, die heute durch den demographischen Kollaps, die Massenzuwanderung und die Islamisierung bedroht ist.“ Interne Dokumente belegen, dass die Identitären, Wahlspruch „100 % Identitär, 0 % Rassismus “, nicht nur ihren völkischen Nationalismus mit kulturalistischer Verpackung als harmlos verkaufen wollen, sondern gezielt initiiert wurden und somit keine „rechte Graswurzelrevolution“ sind. Anfang Oktober 2012, bevor die Identitäre Bewegung Deutschland (IBD) gegründet wurde und ihren ersten Internetauftritt hatte, verlinkte die Germania auf ihrer Facebookseite eine „Kriegserklärung“ (Eigenbezeichnung) der Generation Identitaire dem großen französischem Vorbild. Die Videobotschaft welche die Germanen als „großartig“ empfohlen, wurde bald von youtube für Deutschland gesperrt. Kurze Zeit nach der „Kriegserklärung“ im Germanen-Link wurden die Identitären in Deutschland gegründet.  Alles nur Zufall? Am 1. Juli will APR-Burschenschafter Menzel nun in Dresden ein Identitäres Zentrum mit mehreren Räumen eröffnen.

Screenshot Werbung für antimuslimische Aktion der Hamburger Identitären
Werbung für antimuslimische Aktion der Hamburger Identitären © Screenshot

In Hamburg fielen die Identitären vor allem durch Störaktionen wie im Museum für Völkerkunde und gegen eine antirassistische Kundgebung im Stadtteil Horn auf. Letztere Aktion misslang gründlich. Prompt kam danach Manöverkritik von Menzel via Blauer Narzisse. Die Aktionen und die Internetpräsenz der Identitäten, finden auch bei Mitgliedern aus hiesigen Verbindungen Zuspruch. Und so schließen sich die Kreise aus völkischen Pennälern, rechten Akademikern, reaktionären Konservativen, neurechten Ideologen und aktionsorientierten Identitäten. Ein Teil dieses Spektrums wird in Hamburg beim Pennäler-Tag zusammenkommen.

12 Kommentare

  1.   Fehlerteufel

    Bitte im Text korrigieren:

    > Ein Teil dieses Spektrums wird in Hamburg beim Pennäler-Tag zusammen kommen.

    … zusammenkommen (ein Wort).


  2. […] via störungsmelder: Hamburgs schlagender Nachwuchs […]

  3.   Hannes Gnad

    “… burschenschaftlichen Prinzip, wie es für die studentischen Verbindungen die rechte Deutsche Burschenschaft vertritt.” – Eine Mehrheit der Burschenschaften und vor allem der Burschenschafter in Deutschland ist heute der Ansicht, daß die alte Deutsche Burschenschaft zwar manche Positionen vertritt, aber wohl keine burschenschaftlichen Prinzipien mehr.

  4.   Verwundert

    Mich würde es wirklich interessieren (besonders aus psychologischer Sicht), was Menschen in diesen braun angehauchten Organisationen eigentlich sehen bzw. wieso sie davon angezogen werden? Gibt es in unserer Gesellschaft so viele abgrundtief Enttäuschte, die sich dadurch Erlösung versprechen und glauben, diese nicht anders zu finden? Ist es der Gegenpol zur Konsumgesellschaft? Erschreckenderweise sind ja auch eine nicht zu verachtende Anzahl an Akademikern dabei. Sollte Bildung nicht auch Aufklärung vermitteln? Die Faszination, die das auf diese Menschen ausübt, wird für mich wohl immer unergründbar bleiben. *kopfschüttel*


  5. Habe den Text nur überflogen, vermisse aber das Wort “Kotzbecken”. Bewahrenswerte Traditionen sollte man nicht einfach so ins Klo kippen.

    “Ulex” heißt – glaube ich – “Stechginster”. Hab das in Heibers Goebbels-Biographie gelesen. Damals hielt ich es für besser, aus einem Klumpfuß (Rundrücken) – anders als G. – LINKE Konsequenzen zu ziehen. Aber dann kamen die Culturellos und führten den Biologismus auch in den geistig-politischen Bereichen ein.

    Auch in Harburg gab es eine Schülerburschenschaft. 1993 veranstaltete die – eigentlich ganz witzige – Philosophie-AG eines Nachbargymnasiums eine Diskussion mit dem “Nationalmarxisten” Reinhold Oberlercher. Indirekt bestanden Verbandelungen mit “Albia Harburgensis”.

    Die Veranstaltung musste wg. Antifa-Protesten ausfallen. Wer DA wohl das Flugblatt geschrieben hatte? Wer DA wohl mitgerobbt war durch das Harburger Weichbild?


  6. Aus heutiger Sicht war es falsch, so heftig gegen Oberlercher vorzugehen, zumal die Philosophie-AG alles andere als rechts war und Oberlercher entlarven wollte. Angeführt von einem SPD-nahen, sehr engagierten und tiefschürfenden Philo-Lehrer.

    Das Argument des Gegenflugblattes verwirrte damals auch die brave Juso-Gruppe, denn es lautete: Wir bekämpfen Oberlercher nicht, weil wir die BESSEREN Argumente haben, sondern weil normative Fragen mit Argumenten nicht zu lösen sind (alles Meinungssache!) und deshalb nur mit faktischer Gewalt zu lösen sind.

  7.   wrobezahl

    “Wrobezahl” wurde mittlerweile gesperrt, kommt aber als “Mollemann”, “Detlef.Klobiger” und “Doppeleck” noch bei Zeit-Online vor.

    Zu finden in dem Text “Demokratie muss wehtun”. Ein interessanter Artikel, der allerdings – wieder einmal – den Versuch unternimmt, “Plattenlabel” zu hinterfragen. Ein beliebter Sport in aufgeklärt-emanzipierten Diskussionen, diesmal geht´s um Nachhilfe-Pädagogik und das Fach Latein. Auch “Mollemann” erzählt dort, was er über diese Themen so denkt.

    Und warum Vorwürfe nur möglich sind, wenn man weder die konkrete Stunde, noch das “Knobelfach Latein”, noch das an “unmittelbar vorzeigbaren Resultaten” in 80 Min. überhaupt Erreichbare kennt. Und sich wenig Gedanken über konkrete Besonderheiten macht…

    Es gäbe viele interessante Punkte an dem Text von Frau Passig; aber die strukturelle Gewalt des Konto-Sperrens nervt; Löschen von Beiträgen reicht ja wohl (wenn es denn vernünftige Gründe gibt). Deshalb HIER nur die allgemeine Aussage:

    Das Hinterfragen von “Plattenlabeln” ist ja auf mehrere Weisen möglich, sie können eher eine “substantia” oder ein “accidens” (!) treffen. Auch in der Postmoderne ist die “substantia” i.d.R. nur schwer erschütterbar, weil es auch “geistige Realitäten” gibt, die in JEDEM halbwegs rationalen Diskurs früher oder später wieder durchschlagen. Auch “Online” ist keine Einbahnstraße; auch “Online” kann Aufmarschfeld sein einer “wehrhaften Rationalität” und einer “traditionellen Polit-Propaganda mit traditionell-belehrenden Elementen”, die so oft totgesagt wurde.

    Die Rebellion dagegen KANN nicht funktionieren, wenn man unter Klarnamen schreibt. Weil man durch die Teilnahme am “halbwegs rationalen Online-Diskurs” eben auch die “geistigen Realitäten” anerkennen muss; und das führt dann wieder zu den “Plattenlabeln”.

    Deshalb ist es auch für mich z.B. überflüssig, den “Rebellen-Konservatismus”, wie er im Artikel über die Pennäler-Burschenschaften beschrieben wird, zum Dreh- und Angelpunkt seiner politischen Meinung zu machen. Das hab ich auch nie getan !!! Aber im Sinne einer “wehrhaften Rationalität” darf man doch – Internet, Popinternet – auf bestimmte Stil- und Denkmuster aus diesen konservativen Bereichen zurückgreifen, insofern diese eine Teilwahrheit beinhalten und verwendbar sind.

    Zum oben eingeblendeten Artikel über Burschenschaften u. meinem Kommentar: Ich behaupte nicht, dass die Philosophie-AG, von der dort die Rede ist, mit Burschenschaften verbandelt war; es ging eher um Oberlercher und Rechtsradikale im geographisch-sozialen Umfeld der Schule – und ist schlecht formuliert. – Der Rest hingegen trifft zu. Die Philosophie-AG war eine tolle Sache eines engagierten Philosophen, hatte aber auch eine “antisozialistische” Stoßrichtung, die dann an verschiedenen Stellen des örtlichen Polit-Lebens spürbar wurde.

  8.   wrobezahl

    Unter einem anderen Artikel wird derzeit über die Verfahren gegen den Burschenschaftler Weidner diskutiert, der Dietrich Bonhoeffer als “Landesverräter” bezeichnet hat und deshalb verurteilt wurde.

    Ich persönlich bin dafür, dass man ihn verurteilt, allerdings nicht zu Gefängnis. Und nur unter ausdrücklicher Betonung, dass die Meinungsfreiheit in diesem Sonderfall NS nur eingeschränkt gilt und ihre Grenze z.B. bei negativen Urteilen über Widerstandskämpfer und/oder Opfer findet. – Das dann rechtlich herzuleiten, könnte – in dieser Form – eine stärker philosophische Begründung und Formulierung der Bundesrepublik und ihrer Grundsätze notwendig machen.

    Es ist wie in Dietzenbach bei Ffm: Die S-Bahn ist schon da – worauf alle warten, ist aber mal wieder die kritisch-engagierte Kultur.

    Im Übrigen finde ich die Diskussion aber langweilig, zumal sie oft nur von Missverständnissen über die Ebene(n) des Konflikts beruht: reales Recht; wünschenswertes Recht; NS im Allgemeinen; Sonderfall NS; Intersubjektivität der Geschichtswissenschaft; Justiziabilität der Geschichtswissenschaft außerhalb von Plagiatsdiskussionen usw.usf.

    Diese sehr interessanten Punkte wird man anhand einer Weidner-Diskussion aber nicht angemessen diskutieren können; dazu müssten zuviele Vorfragen geklärt werden. Das macht man besser anderswo.

    Noch interessanter ist für mich die Frage, wie der NS meinungsmäßig weiterlebt, ohne eine direkte Verbindung zum historisch-konkreten NS zu haben, der ohnehin immer mehr verblassen wird im kollektiven Gedächtnis.

    In einer radikalisierten facebook-Welt (um es einfach mal so zu nennen) wäre der Begriff “Landesverräter” ohnehin nicht mehr aussprechbar; allenfalls noch als eine Art Slapstick-Figur wie der Weihnachtsmann, der Sprechende Schuh, der “Geist”, die “Gesellschaft”, das Ungeheuer von Loch Ness, der Ufo von nebenan usw. . Das ermöglicht es ja auch, die Anpassung an die neoliberale Mentalität, an Teile der typischen “Medienwelt” unserer Tage, als antifaschistischen Widerstand zu verkaufen.

    Die sachliche Grundlage für diesen Trick ist durchaus gegeben; aber es bleibt ein billiger Trick, wenn dadurch das faschistische Potenzial des Culturello-Mainstreams verdeckt (Biologismus) oder gerechtfertigt (Ausgrenzung) werden soll.

    Ohnehin kann die Cultuuuur-Mafia nicht über Nazis diskutieren, ohne dem Konflikt wieder ihr typisches Maß an Hysterie und Irrationalismus überzugießen. Entscheidend ist immer, dass eine konkrete Person in ihren “liberalen” Grundrechten auf Teilhabe und Meinungsfreiheit verletzt wird (was ich ja bei Weidner o.k. finde), dass die Person unsympathisch ist und dass das NS-Signal (der Hinweis auf NS-Gesinnung) unmittelbar wahrnehmbar ist, am besten sinnlich-stilistisch-ästhetisch, z.B. durch Begriffe wie “Landesverräter”, Rekurs auf historischen NS oder eine thematische Ähnlichkeit.

    Besonders problematisch ist, wenn langjährige “Antifaschisten” (ein zu hohes Wort für uns alle) mit dem NS in Verbindung gebracht werden, weil sie das deskriptiv Richtige an ihm, das auch bei vielen anderen zu finden ist, als solches partiell anerkennen. Dass sie normativ weiterhin links sind, aber gerade deshalb das Realistische am Rechten anerkennen, um nämlich Linkssein auch umsetzen zu können – wird dann übersehen.

    Insofern können NS-Vorwürfe eine ähnliche Funktion bekommen wie z.B. Sexismus- oder Vergewaltigungsvorwürfe: Sie werden auf irrational-außenseiterfeindliche Weise gebraucht.

    Deshalb ist mir diese Weidner-Diskussion auch zu langweilig, um mir nun einen Extra-Account zuzulegen. Sie können meinen Beitrag ja dorthin verschieben. Dann kann ich Zeit-Online auch wieder jedermann empfehlen.


  9. Berichten Sie auch einmal über die ” schlagende” grüne Jugend in Göttingen?. Da bekommt das Wort ” schlagen” einen anschaulichen Aspekt.
    Aber das gehört scheinbar nicht zu den Störungsmeldungen. Das wird einfach übergangen.

  10.   wrobezahl

    Wrobezahl wechselt jetzt zur “Süddeutschen”-Online-Diskussion, wo er unter dem Namen “Klobiger” zu finden ist. Das heißt nicht, dass Zeit-Online jetzt Ruhe vor ihm hätte. Aber das Maß an struktureller Gewalt und boshaften Artikeln macht es zu nervig, anstrengend und auch unheimlich für Wrobezahl, sich hier weiter zu beteiligen. Andere sind auch nicht immer besser; aber im Falle der Ladurner- und P.-Artikel wurde die “sachliche Artikel-Logik” sehr offenkundig gesprengt, sodass man von “Schmäh-Artikeln” sprechen darf.

    (Nur als Anmerkung: “Martinus” aus der auch sonst unrealistischen Artikelserie zu Kleingärten hat den Kleingarten angeblich seit 1969 gepachtet, der von ihm eingeladene Schwarzhäutige seit den 70ern. Dennoch greift “Martinus” auf der Suche nach Missionierungsobjekten über 30 Jahre lang nicht zu – und das obwohl er in dem Klischee verhaftet ist, Dunkelhäutige seien prinzipiell zutiefst unzufrieden mit der Gesellschaft in D.)

    Für mich hat sich Folgendes gezeigt:

    1.) In linken Kreisen ist ja Reinhard Kühnls Faschismus-Theorie sehr beliebt, die den Faschismus als “Form bürgerlicher Herrschaft” sieht, der dann zum Zuge kommt, wenn der Liberalismus nicht mehr funktioniert. Ich halte das zwar für keine erschöpfende Erklärung, den beschriebenen Mechanismus aber für real.

    Und er passt auch auf die Cultuuuur: Die lockere Kulturmafia geht von Ausgrenzungs- zu Vernichtungspolitik über, wenn es wortlos-strukturell nicht mehr klappt mit ihrem historischen Auftrag: Biologisierung, Vermarktwirtschaftichung, Rückbau an Sinn und Rationalität. Dann werden zunächst konservativ-spießige Verhaltensweisen gezeigt, schließlich auch ein Übergang zu Irrationalismus und dem Rückbau bürgerlicher Rechte und Freiheiten.

    Dies wurde von vielen auf vielfältige Weise demonstriert. Unfreiwillig, aber überzeugend.

    2.) Ich habe oft genug erlebt, dass gerade die besseren Argumente (und Qualifikationen) ignoriert oder offen angegriffen werden. Die legitime Gegenwehr dagegen war Ausgangs- und Schlusspunkt der Figur “Wrobezahl”. Ich glaube, dass diese Gegenwehr allerdings auch schon von den “geistigen Realitäten als solchen” geleistet wird. Die Postmoderne verdampft zwar vieles, was keine halbwegs klare Grundlage hat; verbale Rationalität kann eine solche aber haben und ist deshalb in ihrem Kern resistent gegen Umdeutungs- und Negierungsversuche.

    Einige Diskussionen haben das auch gezeigt. Vor allem aber auch die Notwendigkeit meiner Gegner, mit einem erheblichen Aufwand an Tricks, Einsatz, Anonymität und schlechten Argumenten zu arbeiten.

    3.) Die “Postmoderne” ändert längst nicht alles, und sie ist auch keine Einbahnstraße, wie übrigens auch die Plagiatsaffären keine Einbahnstraße waren. Vor dem Fall Schavan war das auch spürbar.

    Die taz hat für eine Rubrik den Werbeslogan “klassisch – peinlich – innovativ” geprägt. Ein gutes Motto, das allerdings nicht verdecken darf, worum es gehen sollte:

    “Peinlichkeit” ist ein Begriff, um den nur scheinbar toleranten und offenen Neoliberalismus doch noch in den Besitz einer normativen Unterdrückungswaffe zu bringen. Er ist intuitiv-irrational und auch im Neoliberalismus nicht justiziabel oder offiziell festgelegt. Das schafft genau die Basis für den üblichen automatisierten, halbbewussten, irrationalen, unausgesprochenen Wertungs- und Verhaltensstil, der im Neoliberalismus dort typisch ist, wo es nicht um knallharte Kalkulation geht.

    Der Kampf gegen den “Peinlichkeitsbegriff” gehört zum linken Engagement dazu.

    4.) Wrobezahl wurde sinngemäß als “schwarz-gelber (Möchtegern-)Precht” bezeichnet. Er sieht sich aber als Linken, der darum weiß, dass die Linke sich einerseits um konservative und liberale Elemente ergänzen muss (aus realistischer Orientierung), andererseits aber auch um ERNSTHAFT alternative Bestandteile (biologische, psychische, sexuelle Abweichungen).

    Die Grünen sind – von ihrer Tendenz her – nicht mehr “alternativ”, sondern qua Biologismus und Feminismus manchmal treibende Kraft der Ausgrenzung. Und für den “eigentlicheren Roten” halte ich mich obendrein.

    Ich hoffe, dies alles ist nachvollziehbar geworden.

    Gute Nacht.