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Nach Naziangriff – Polizei ermittelt gegen die Betroffenen

 
Güstrower Nazis in Aktion: Sebastian Bluhm (mit schwarz-weiß-roter Fahne), Nils Matischent (NPD, Mitte, mit schwarzer Kapuze und blauer Hose, Stuhl in der Hand), Dominik M. (vorne, weiße Jacke) | Foto: Kombinat Fortschritt
Güstrower Nazis in Aktion: Sebastian Bluhm (mit schwarz-weiß-roter Fahne), Nils Matischent (NPD, Mitte, mit schwarzer Kapuze und blauer Hose, Stuhl in der Hand), Dominik M. (vorne, weiße Jacke) © Kombinat Fortschritt

Bei einer selbstorganisierten Kundgebung von Flüchtlingen in Güstrow haben Neonazis am Samstag versucht die Teilnehmer anzugreifen. Etwa 150 Personen waren dem Aufruf der Refugees gefolgt und hatten auf dem Marktplatz und mit einer spontanen Demonstration in die Güstrower Südstadt gegen alltäglichen Rassismus und für eine echte Teilhabe der Flüchtlinge am Stadtleben demonstriert. Während der Kundgebung auf dem Marktplatz versuchten etwa 15 bis 20 Neonazis die Veranstaltung zu attackieren. Sie warfen mit Stühlen auf Antifaschisten, die sich ihnen in den Weg stellten, verletzten jedoch niemanden. Die eingesetzten Polizeibeamten waren zu wenige und agierten hilflos, als sie vor allem versuchten, die Antifaschisten von Gegenwehr abzuhalten. Zwei Tage später beteiligt sich die Lokalzeitung an der Umdeutung der Geschehnisse.

"Polizisten schmissen sich zwischen die Fronten"? Angreifende Neonazis am 30. Mai in Güstrow
„Polizisten schmissen sich zwischen die Fronten“? Angreifende Neonazis am 30. Mai in Güstrow

Kurz nach dem Angriff stellte Einsatzleiter Jens Wilke die Situation klar: Die rechten Angreifer seien „gerannt wie die Hasen, nachdem wir uns ein bisschen dicker gemacht haben“, beschreibt er den Zwischenfall aus seiner Sicht. Er verortet die Nazis in der ortsansässigen Szene, habe jedoch niemanden erkannt. Beunruhigt schien er zu diesem Zeitpunkt noch nicht: „Ist doch nichts passiert, wo ist denn der Sachschaden?“ Es sei ja nichts beschädigt worden. In einer stellenweise skurril anmutenden Mitteilung erklärte die Polizei noch am Abend, dass die Neonazis Stühle „umschubsten oder in die Luft warfen“ – ganz so, als ob das fliegende Sitzmobiliar keine Menschen hatte treffen sollen. Den entstandenen Sachschaden schätzte sie mittlerweile auf mehr als 1000 Euro.

Umdeutung beginnt

Während die Websites Kombinat Fortschritt und Endstation Rechts noch am Abend Bilder und Namen der angreifenden Neonazis veröffentlichen, begann am Montag die Neuinterpretation der Attacke, unter tatkräftiger Mithilfe des Lokalblatts „Schweriner Volkszeitung“ (SVZ). „Linksautonome“ hätten sich unter die „ansonsten friedliche Kundgebung“ der Flüchtlinge gemischt und seien den Neonazis schließlich „entgegen“ gestürmt, heißt es, Stühle seien durch die Luft geflogen. Wer sie warf? Wird nicht erwähnt. Auf diese Weise wird subtil ein Bild gezeichnet, in dem sich angeblich die Nazis gegen Antifaschisten hätten verteidigen müssen und die Schuld für die Eskalation nach links verschoben, auch ohne dies explizit auszuformulieren. Was geschehen wäre, wenn die vermummten, gewaltbereiten und mit Fahnen bewaffneten Neonazis auf die Flüchtlinge getroffen wären, ohne dass Antifaschisten sie daran gehindert hätten, mag man sich kaum vorstellen.

Stühle flogen durch die Luft. Ursache: U.a. der Güstrower Neonazi Maurice L. © Kombinat Fortschritt
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„Polizisten schmissen sich zwischen die Fronten“? Angreifende Neonazis am 30. Mai in Güstrow

Tatsache ist, die mediale Darstellung („Polizisten schmissen sich zwischen die Fronten“) ist verzerrt, wenn nicht sogar falsch. Zum Zeitpunkt der Konfrontation waren keine 15 Beamten vor Ort, sondern lediglich eine Handvoll. Und die beschäftigten sich nicht mit den angreifenden Nazis, sondern mit den Antifaschisten. Sogar als einige Beamte selbst von den durch die Luft fliegenden Stühlen im Rücken getroffen wurden, änderte sich dies nicht. Die Polizisten wären schon zahlenmäßig kaum in der Lage gewesen, einen Angriff auf die Flüchtlinge zu vereiteln. Dass die Situation nicht weiter eskalierte und es nicht zu körperlichen Auseinandersetzungen kam, ist nicht der Polizei zu verdanken, sondern der Anwesenheit von Antifaschisten. „Als sich Teilnehmer der Kundgebung den Neonazis in den Weg stellten, warfen diese mit Stühlen eines Straßencafes auf die Demonstranten. Die wenigen anwesenden Polizisten waren mit der Situation sichtlich überfordert, so dass es nur durch Zufall keine Verletzten gab“, teilte auch die Landesweite Opferberatung LOBBI am Samstag mit, die mit Vertretern vor Ort war. Der Migrantenrat Mecklenburg-Vorpommern forderte die Behörden auf, die verantwortlichen Neonazis schnell zur Rechenschaft zu ziehen.

Dass der Angriff klar von den Neonazis ausging, bestätigte auch ein Mitarbeiter des Restaurants, dessen Möbel „durch die Luft“ flogen: „Als die kamen, haben die sich gleich die Stühle geschnappt“, sagte er kurz nach dem Tumult über die Neonazis, die hauptsächlich aus Güstrow stammen. Unter ihnen befand sich auch der NPD-Stadtvertreter Nils Matischent. Ob die Polizei jetzt auch gegen ihn vorgeht, wollte Polizeisprecherin Isabel Wenzel am Montag nicht direkt sagen, bestätigte aber, dass er sich in der Gruppe befand, gegen die der Staatsschutz jetzt wegen Landfriedensbruch ermittelt. Matischent ist vorbestraft und wurde im Herbst 2014 zu einer Bewährungsstrafe verurteilt, die jedoch noch nicht rechtskräftig geworden ist.

Über den Ablauf des Angriffs besteht bei Beobachtern Einigkeit, zumindest außerhalb von SVZ und Polizei: Die ermittelt jetzt auch gegen die Antifaschisten wegen Landfriedensbruch, bestätigte Wenzel. Derzeit werde gegen drei Personen ermittelt, dieser Kreis werde sich aber noch erweitern.

9 Kommentare

  1.   cielo

    Als Antifaschist musste man schon immer den Mob von oben und den auf der Straße ertragen. Die Polizei und Staatsanwaltschaft in Neufünfland ist doch bekannt für Repressalien gegen Antifaschisten!

    Nichts Neues also!

    Trotzdem schön, dass den Glatzen etwas entgegen gesetzt wird, sonst hätte es für die Flüchtlinge wohl blöd ausgesehen.
    Und hätten die sich gewehrt, und wären erwartungsgemäß von der Staatsanwaltschaft angeklagt und ausgewiesen worden.

  2.   PsyPunk

    Mc. Pomm, das Sachsen des Nordens, aber eigentlich ein bundesweites Problem, daß vor allem Polizisten den Nazis näher stehen, als Freunden der Flüchtlinge. Braune Bananenrepublik!

  3.   Irmela Mensah-Schramm

    Es ist wie es ist: Ein mal wieder handfester Skandal wir die Polizei gegenüber Nazis agiert hat!

    Muss es denn erst Verletzte, Schwerverletzte oder sogar Tote geben, damit man von der zuverantwortender Seite mal wieder kleinlauf zu hören bekommt, „Wir haben die Situation unterschätzt“ etc.!
    Mein Gott, keine 5 Jahre nach der Aufdeckung des Verfassungsch(m)utz und Polizeiskandals zum NSU, man ist hierzulande einfach nicht lernfähig!

  4.   Irmela Mensah-Schramm

    Fortsetzung:
    Ich komme auch wieder nach Güstrow – um wenigstens den sichtbaren und offensichtlich auch u.a. von der Polizei geduldeten Nazidreck unkenntlich zu machen!

  5.   Hans Uwe Werner

    1.) Bleibt nur zu hoffen, dass die Beteiligten zur Rechenschaft gezogen werden.
    2.) @cielo: Wieso redest du von Glatzen? Die haben doch gar kein Glatzen. Ich habe unfreiwillig eine und bin Antifaschist. Trotzdem muss ich immer wieder Anfeindungen von Schwarz-Weiß-Denkern wie dir erleben.

  6.   Karl Friederichs

    Wenn man sieht, mit welchem bedrohlichem Einsatz die Polizei antifaschistische Demonstrationen eingrenzt (z.B. auch Anfang Mai bei der NaziDemo und Gegendemo in Berlin) und verfolgt (Siehe oben und Leipzig), während gleichzeitig minimalistischer, ja symbolisch wirkender Einsatz gegen Gewalt der anderen Seite Nazis oft illegale Freiräume verschafft, der gewinnt nicht den Eindruck, dass unsere Sicherheitsbehörden die Freiheit des rechtschaffenen Bürgers ernsthaft verteidigen. Dem Demokraten bleibt da nur das Bestreben, die Weiterentwicklung des Art 20 Abs. 4 Grundgesetz vor dem Lichte der Rechtspraxis neu zum Bundesverfassung zu bringen, die Überfinanzierung der Sicherheitsbehörden zu bekämpfen – und die alliierten Vorbehaltsrechte gegenüber den Deutschen weitestmöglich zu erhalten.

  7.   Lücke

    Es gibt zwei Versionen!
    Version 1 : Die Nazis warten vor einen Cafe darauf das Antifas von der Demo zu ihnen hin kommen um sie dann mit Stühlen zu bewerfen.Die Polizei sieht zu und packt sich welche von den Antifas,weil die Bullen wohl auch alle Nazis sind?
    Version 2 : Ein Haufen Antifas ist zu den hin und die Nazis haben sie mit den Stühlen des Cafe´s abgewehrt.Die Polizei packt sich dann welche der Antifa´s weil diese die Nazis angreifen wollten.
    Dazu stellt sich noch die Frage warum die Antifa´s nicht auf den Bildern gezeigt werden?Könnte dieser Anblick dann vllt. Version 2 bestettigen?Weil Zufall ist das nicht.Es ist auch nicht der erste Vorfall dieser Art von zuerst von einen Angriff von Rechts berichtet wird und am Ende kam er von den vermunten und sich in Überzahl befindlichen Linksradikalen.Auch wenn Nazis noch so scheiße sind muß man schon sehr naiv sein um die Version 1 zu glauben.


  8. […] *facepalm* Nazis greifen Demo von Geflüchteten an – Schuld sind aber natürlich die “Linksautonomen”… “Während die Websites Kombinat Fortschritt und Endstation Rechts noch am Abend Bilder und Namen der angreifenden Neonazis veröffentlichen, begann am Montag die Neuinterpretation der Attacke, unter tatkräftiger Mithilfe des Lokalblatts „Schweriner Volkszeitung“ (SVZ). „Linksautonome“ hätten sich unter die „ansonsten friedliche Kundgebung“ der Flüchtlinge gemischt und seien den Neonazis schließlich „entgegen“ gestürmt, heißt es, Stühle seien durch die Luft geflogen. Wer sie warf? Wird nicht erwähnt. Auf diese Weise wird subtil ein Bild gezeichnet, in dem sich angeblich die Nazis gegen Antifaschisten hätten verteidigen müssen und die Schuld für die Eskalation nach links verschoben, auch ohne dies explizit auszuformulieren. Was geschehen wäre, wenn die vermummten, gewaltbereiten und mit Fahnen bewaffneten Neonazis auf die Flüchtlinge getroffen wären, ohne dass Antifaschisten sie daran gehindert hätten, mag man sich kaum vorstellen.” mehr im Link http://blog.zeit.de/stoerungsmelder/2015/06/02/nach-naziangriff-polizei-ermittelt-gegen-die-betroffe… […]


  9. […] via störungsmelder: Nach Naziangriff – Polizei ermittelt gegen die Betroffenen […]