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Wie man eine barrierefreie Dienstreise (nicht) organisiert

 

Stefan Fricke ist Landtagsabgeordneter in NRW und Mitglied der Parlamentariergruppe Türkei. Im Oktober will die Gruppe nach Ankara, Istanbul und Zonguldak reisen. Stefan Fricke hat bedingt durch Contergan extrem kurze Arme und Beine. Er ist Rollstuhlfahrer. Deshalb, so findet der Landtag NRW, soll er zu Hause bleiben und sieht sich außer Stande diese Reise für ihn zu organisieren. Die taz hat über den Streit zwischen Fricke und dem Landtag berichtet. Es gibt auch eine Stellungnahme des Landtags, in der unter anderem behauptet wird, es gebe in der Türkei keinen barrierefreien Bus. Außerdem wird betont, man habe unter anderem für ihn eine barrierefreie Dusche und eine Toilette eingebaut und „ihm eine Reise nach Berlin ermöglicht“.

Um die Stellungnahme besser einschätzen zu können, habe ich mal nach „Accessible van Turkey“ gegoogelt. Ich hatte auch keine Ahnung, ob es da solche Fahrzeuge gibt. Nach 10 Sekunden wurde ich fündig und fand barrierefreie Kleinbusse und Taxis, unter anderem in Ankara und Istanbul. Mich überrascht das nicht, denn was meiner Erfahrung nach absolut nicht funktioniert ist, ein 08/15-Reisebüro mit solch einer Reiseplanung zu betrauen. Aber es gibt beispielsweise Spezialreiseanbieter, die sicher Auskunft geben können, wie man sowas in der Türkei organisieren kann, und er wäre auch nicht der erste Rollstuhlfahrer, der in die Türkei reist.

Von Europa bis Indien

Ich habe sehr viel Erfahrung mit Reisen als Rollstuhlfahrerin auf der ganzen Welt. Ich war auf allen Kontinenten. Auch was Reisen in Gruppen angeht, habe ich Erfahrung. Ich habe als Journalistin an vielen Pressereisen teilgenommen – ich war in ganz Europa unterwegs, in der arabischen Welt und ich war sogar in Indien, was ich bislang als abenteuerlichste Reise empfand für jemanden, die im Rollstuhl sitzt und das Land überhaupt nicht kennt.

Bei den meisten dieser Reisen stand ich vor dem gleichen Problem wie Stefan Fricke: Ich brauchte einen einigermaßen barrierefreien Transport und ich musste irgendwo zur Toilette gehen. Dabei reicht auch mir keine ebenerdige Toilette. Die Tür muss z.B. so breit sein, dass ich mit dem Rollstuhl durch passe. Alle Organisationen und Unternehmen, mit denen ich gereist bin, haben versucht, es möglichst gut zu organisieren, aber ohne Improvisation geht es eben auch nicht ganz. Aber am Ende haben wir immer eine Lösung gefunden.

Extra Wagen und Stopp in Hotels

Die Lösung bei fast allen meinen Reisen: Die Gruppe fuhr im Reisebus und ich in einem getrennten Wagen hinterher. Wenn wir von A nach B gefahren sind, hat mich immer jemand anderes aus der Gruppe begleitet. Ich hatte dadurch dennoch immer guten Kontakt zu der Gruppe.

Das Toilettenproblem war da schon schwieriger zu lösen. Aber selbst in einer Exklave des Oman habe ich es geschafft, eine Toilette zu finden, die ich benutzen konnte. Hotels sind da sehr hilfreich. Zwar haben die in vielen Ländern keine barrierefreien Toiletten – jedenfalls nicht nach meiner Definition – aber ich habe einfach gefragt, ob sie mir ein freies Hotelzimmer aufschließen können. Meist waren die Bäder groß genug, dass ich dort die Toilette benutzen konnte. Gerade in Ländern, in denen Gastfreundschaft groß geschrieben wird, war das nie ein Problem. Ich habe immer angeboten, etwas dafür zu bezahlen, aber selbst das wurde meistens abgelehnt.

Wo ein Wille ist…

Was man braucht, um solche Reisen zu organisieren: Vor allem den Willen, es möglich zu machen. Wer versucht, den Einbau einer Toilette in den Landtag, mit der Organisation einer Reise aufzuwiegen, hat irgendwie nicht ganz verstanden, um was es hier geht: Ein gewählter Abgeordneter möchte an etwas teilnehmen, an dem auch seine nichtbehinderten Kollegen teilnehmen.

Ein Bundesland wie NRW, das sich Inklusion auf die Fahnen geschrieben hat, aber es dann nicht einmal schafft eine Dienstreise für einen rollstuhlfahrenden Abgeordneten zu organisieren, erweckt bei mir starke Zweifel, ob überhaupt verstanden wurde, was Inklusion bedeutet. Es geht eben nicht darum, die normale Teilnahme an einer Reise nach Berlin und den Einbau einer Toilette als Heldentat zu verkaufen. Inklusion bedeutet, das möglich zu machen, was für andere Abgeordnete auch normal ist: An Dienstreisen ins Ausland teilzunehmen. Wieso seine Fraktionskollegen der Piratenpartei glauben, das sei sein Privatproblem, erschließt sich mir deshalb überhaupt nicht.

14 Kommentare

  1.   Pirschelbär

    der letzte Absatz bringt es auf den Punkt. Man kann jeden halbwegs inkludierten Menschen mit Pressemitteilungen, Fernsehsendungen und aus dem Allerwertesten abgefeuerten Raketen feiern, aber solange der überwiegende Teil der Mitmenschen die Barrieren im Kopf hat, geht das alles gegen die Wand.

    groeten.
    P.


  2. Entschuldigung, Christiane Link, dass ich mich zunächst mal über etwas fundamentaleres empöre, nämlich über die Frage:

    Was zum Teufel hat eine Reisegruppe eines Provinzparlaments in der Türkei zu suchen?

    Art. 32,I unseres Grundgesetzes regelt unmissverständlich: „Die Pflege der Beziehungen zu auswärtigen Staaten ist Sache des Bundes.“

    Nun ist zwar bekannt, dass (keineswegs nur in NRW) Landesregierungen bzw. mehr oder weniger umfangreiche Teile davon gern mit „Wirtschaftsdelegationen“ in der Weltgeschichte herumreisen, um die Wirtschaftsbeziehungen etwa zwischen Baden-Württemberg und China zu stärken und Exportaufträge für die heimische Wirtschaft an Land zu ziehen. Dies mag man mit einigem Zähneknirschen noch für gerechtfertigt halten. Aber eine Parlamentariergruppe? Welche Rechtfertigung wird dafür an den Haaren herbeigezogen?

    Die deutschen Steuerzahler verpulvern Jahr für Jahr viele Milliarden für den Unterhalt von 13 (ohne Stadtstaaten) Provinzfürstenhöfen mit Ministerpräsidenten, Ministern, Staatssekretären, teilweise recht großen Landesparlamenten (mit Mitarbeiterstäben), Landesvertretungen in Berlin und Brüssel und einer keineswegs billigen bürokratischen und logistischen Infrastruktur, ohne die all diese überflüssigen Parteifreunde-Versorgungsposten noch nicht mal den Anschein einer Sinnhaftigkeit wahren könnten. Von den Kosten der Folgeschäden dieser Kleinstaaterei, etwa im Bildungs- und Sicherheitsbereich, rede ich gar nicht erst.

    Dass die Damen und Herren Provinzparlamentarier sich auch noch „Bildungsreisen“ auf Staatskosten bewilligen, schlägt dem Fass den Boden aus.

  3.   Futl_U

    Danke für ihren Kommentar, liebe Frau Link! Ich war auch schwer verwundert, dass es in der Türkei so überhaupt keine Möglichkeit geben sollte, barrierefrei zu reisen.
    Ergänzt sei, dass neben der peinlichen Aufrechnerei der Verwaltung, die sich mit dem eigentlich doch selbstverständlichen Einbau einer barrierefreien Toilette in einem Landtag (!) brüstet, mich insbesondere das Verhalten von Frickes Fraktion (Piraten Partei) empört: statt sein berechtigtes Anliegen zu unterstützen wurde dort scheinbar so getan, als sei das seine Privatangelegenheit.
    Insgesamt eine ganz schöne Schweinerei!
    Ich hoffe, Herr Fricke lässt sich durch diese Dreistigkeiten nicht ermutigen und bleibt weiterhin politisch aktiv (auch wenn ich an seiner Stelle mir Gedanken über einen Parteiwechsel machen würde).

  4.   Stefan Leikeim

    ein nahezu unbrauchbarer Artikel, dessen Erkenntniswert sich darin erschöpft, dass die Autorin via Google in der Türkei barrierefreie Busse und Taxis gefunden hat. Ob das nun das einzige Problem war,, diese Reise zu organisieren, wird nicht hinterfragt, sondern einfach unterstellt.

    Vielmehr erschöpfen sich die restlichen Ausführungen in mitleidheischenden Beschreibungen eigener Reisen der Autorin, die für das Thema völlig belanglos sind, weil man nicht weiss, ob sie dieselben Handicaps hat wie der Abgeordnete, es um andere Länder geht usw.

    Und in welchen Ländern, Hotels usw. die Autorin schon war, interessiert mich noch viel weniger.

  5.   ruggero

    Das ganze ist einfach nur grenzenlos peinlich für die politische Führung in NRW.


  6. […] diesmal befasst sich Christine Link damit, dass ein gewählter Abgeordneter  des Landtages NRW an einer Dienstreise nicht teilnehmen können soll, weil es im Rollstuhl angeblich nicht ginge. Barrieren einer Dienstreise, 19. September 2014. […]

  7.   rey200

    Über Inklusion zu reden ist halt einfach. Aber der Streit zeigt bildhaft, wie sehr die Inklusion in manchen Köpfen nur ein leeres Wort ist, und ein Wille, es in die Realität umzusetzen nicht einmal ansatzweise vorhanden ist.


  8. Naja, möglicherweise hat Fricke auch etwas übertriebene Vorstellungen?

    „Einen behindertengerechten Bus aus Deutschland in die Türkei transferieren“?

    Das haben Sie doch auch nicht gemacht Frau Link. Sondern sind Kompromisse eingegangen.

    Leider hört man nie die ganze Wahrheit. Das hier hört sich so an, als wärs ein typischer Fall davon. Und das Opfer wäre hier der Landtag bzw. dessen Administration.

  9.   Sonja Tengler

    Inklusion ist eigentlich ein Wort, welches die Unmenschlichkeit ausdrückt in welcher wir als Menschen leben sollen, und müssen.
    Denn sonst wäre klar, dass jeder Mensch seine Bedürfnisse hat, selbst wenn sie die selben sind wie die von Jedermann.
    Denn selbst eine geplante, ja verordnete Inklusion integriert noch niemanden in eine Gemeinschaft in welcher er entweder unwillkommen ist, oder als Außenseiter betrachtet wird von dem besser Abstand gehalten werden sollte.
    Falls Inklusion nun als Ausgleich für die Liebe und Zuwendung gesehen werden soll welche versäumt wurde irgendwann einmal, dann bitte IM Sinne von echter Liebe. Nicht wieder nur irgendeinen Slogan aufgreifen, der sich zufälligerweise danach anhört!

  10.   Perhaps39

    Der Artikel ist – vermutlich aus persönlichen Befindlichkeiten – sehr einseitig geschrieben worden.
    Ich kann daraus jedenfalls nicht erkennen, dass auch nur einer der Kommentatoren sich ansatzweise mit der operativen Arbeit der Landtagsverwaltung auseinandergesetzt hat. Aber warum auch? So ist es doch viel einfacher – immer draufhauen.
    In diesem Artikel wird mit einem Link auf den taz-Bericht verwiesen. Dort hat einer kommentiert, dass das Land NRW der Türkei einen behindertengerechten Bus mit Sanitäranlagen zur Verfügung stellen könnte, um diese zu blamieren. Das Geld würde der „Steuerzahler“ sicher gerne dafür ausgeben.

    So ist das eben mit den Abgeordneten und den Politikern – die meinen einfach immer, dass sie wissen, für was die Steuerzahler ihr Geld ausgeben möchten ….. und meistens liegen sie falsch.

    Wenn nun ein alleinerziehender Abgeordneter sein noch nicht schulpflichtiges Kind mitnehmen müsse und seine Teilnahme daran scheitern würde, dass die Türkei oder welches Zielland auch immer, keine Kinderbetreuung anbieten würde…. wäre die Kritik dann auch so groß?

    In beiden Fällen ist mit Sicherheit eine Lösung die sinnvollste: Der MdL, der diese Delegationsreise – aus welchen Gründen auch immer – nicht mitmachen kann, wird bei wichtigen Gesprächen und Terminen via Skype zugeschaltet. Da werden die Gesprächspartner bestimmt Verständnis für haben. Abgesehen davon wird es bestimmt Protokolle der Besprechungen und Termine vor Ort geben oder der zuhause gebliebene Abgeordnete wird einfach im Nachgang informiert.

    Ich weiß ich weiß – wenn alle so denken, dann werden wir in der Barrierefreiheit usw… nie weiterkommen. Mit diesen Sprüchen braucht ihr mir gar nicht kommen.

    Ich persönlich vertraue jedenfalls darauf, dass die Landtagsverwaltung in ihrem Ermessensspielraum sehr wohl das öffentliche Interesse mit dem Individualinteresse über die Teilnahme an der Delegationsreise des Herrn Fricke abgewogen hat. Wenn die Kosten dafür den Rahmen sprengen, dann ist das eben so. Eine grundsätzliche Nichtbereitschaft scheint es nicht zu geben, da die Reise nach Berlin ja geklappt hat.