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Von Menschen und anderen Tieren

 
Peter Singer: Von Menschen und anderen Tieren
Peter Singer (Photo by Andrew Wilkinson, http://www.wilkinsonmedia.net)

Der australische Bioethiker Peter Singer erhält heute Abend in der Berliner Urania einen Preis – den nach ihm benannten „Peter-Singer-Preis für Strategien zur Tierleidminderung“ eines neu gegründeten gleichnamigen Fördervereins. Doch Peter Singer ist keinesfalls unumstritten.

In seinem Buch Muss dieses Kind am Leben bleiben? erläutert der Wissenschaftler, warum es legitim sein könne, behinderte Neugeborene in den ersten 28 Tagen nach der Geburt umzubringen. Die Neugeborenen hätten keine Selbstwahrnehmung. Über die Lebensqualität behinderter Kinder und deren Weiterleben soll seiner Ansicht nach ein Gremium entscheiden. Erst im April hatte Singer in einem Radiointerview mit einem US-Sender gesagt, dass es durchaus angemessen sei, wenn der Staat oder private Versicherer die Behandlung behinderter Kinder ablehnen würden.

Protest

So ist es nicht überraschend, dass vor allem behinderte Menschen und ihre Organisationen die Preisverleihung an Peter Singer scharf kritisieren und zu Protestaktionen am Tag der Preisverleihung aufgerufen haben. Sie halten Singer für jemanden, der die Lebensqualität und das Lebensrecht behinderter Menschen in unzulässiger Art und Weise infrage stellt. Trotzdem will eine Gruppe Wissenschaftler, Aktivisten und Tierschützer dem Professor der US-amerikanischen Princeton University den Preis verleihen. Die Laudatio sollte Michael Schmidt-Salomon von der Giordano-Bruno-Stiftung halten. Dieser hat aber nun bekannt gegeben, er werde als Laudator nicht mehr zur Verfügung stehen. Grund ist ein aktuelles Interview mit Singer, das die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) veröffentlichte. „Peter Singer hat in diesem Interview Positionen vertreten, die meines Erachtens nicht nur im Widerspruch zu einem humanistisch-emanzipatorischen Politikverständnis, sondern auch im Widerspruch zu seinen früheren Standpunkten stehen“, sagte Schmidt-Salomon. „In dieser Situation muss ich die Reißleine ziehen, denn ich kann keine Laudatio auf einen Preisträger halten, bei dem ich nicht einschätzen kann, welche Positionen er tatsächlich vertritt.“

Singer hat bereits den Ethik-Preis der Giordano-Bruno-Stiftung erhalten. Auch damals gab es scharfe Kritik und Proteste vonseiten der Behindertenbewegung.

Abgeordnete empört

Aber auch Politiker fordern über Parteigrenzen hinweg eine Absage der Veranstaltung. „Hier wird einem Mann ein Podium geboten, der behinderten Menschen – insbesondere Säuglingen – das Lebensrecht abspricht. Das geht gar nicht“, kommentierte der Beauftragte für Menschen mit Behinderungen der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Uwe Schummer. Die behindertenpolitische Sprecherin der Grünen, Corinna Rüffer sagte: „Dass jemand, der die Tötung behinderter Säuglinge legalisieren will, ausgerechnet in Deutschland zum wiederholten Mal einen Preis bekommt, treibt mich vor Wut auf die Palme.“ Die Bundestagsabgeordnete Katrin Werner (Linke) kritisierte die Berliner Urania dafür, dass sie ihre Räumlichkeiten für solch eine Preisverleihung zur Verfügung stelle.

Auch die Bundesvereinigung Lebenshilfe ist entsetzt. Bundesvorsitzende und Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, Ulla Schmidt (SPD) schrieb einen offenen Brief an die Preisverleiher, die Laudatoren und die Verantwortlichen der Urania:

„Uns ist unverständlich, dass bei der Auslobung des Preises und der Wahl Peter Singers für die Preisverleihung ganz offensichtlich nicht bedacht wurde, dass Herr Singer sich zwar um die Förderung der Tierrechte verdient gemacht hat, dabei aber das Lebensrecht von Menschen mit schweren Beeinträchtigungen in einer Weise infrage stellt, die einer solchen Ehrung diametral entgegensteht. Peter Singer, der den in Deutschland grundrechtlich und in der internationalen Staatengemeinschaft menschenrechtlich gewährleisteten Schutz des Lebens jedes Menschen bezweifelt und in der Folge ein uneingeschränktes Lebensrecht von Menschen aufgrund ihrer Beeinträchtigung und dem damit einhergehenden Fehlen von Rationalität, Autonomie und Selbstbewusstsein bestreitet, mit einem Preis auszuzeichnen, der noch dazu seinen Namen trägt, lässt jede Sensibilität für die Gleichwertigkeit menschlichen Lebens, für die Gleichheit der Menschen vermissen. Nicht zuletzt führt diese Auszeichnung zur Diskriminierung von Menschen mit schweren Beeinträchtigungen, die im Artikel 3 Abs. 3 des Grundgesetzes, der Grundlage unseres demokratischen Staates verboten ist.“

Dem ist wohl nichts hinzuzufügen…

52 Kommentare

  1.   Daniel

    Ich kann die Ablehnung nachvollziehen, aber man macht es sich intellektuell doch ein wenig einfach, wenn man die Moralphilosophie Singers nur nach ihrem Ergebnis beurteilt und nicht nach ihrem Prozess. Das trifft natürlich auch auf Singer zu, der mit seinen plakativen Äußerungen die Medien bespielt. Ein wenig schade, aus akademischer Sicht.

  2.   Thomas Friedrich

    Die Art, wie nun wieder gegen Singer gehetzt wird, ist ein trauriges Beispiel für die Empörungskultur in unserer Gesellschaft. Dass die „Kritiker“ sich mit Nazi-Vergleichen und dem Ruf nach Maulkörben begnügen, liegt offenbar an der Unfähigkeit, Singer mit logischen Argumenten zu widerlegen.

    Mir konnte jedenfalls niemand erklären, wieso die Ethik sich heute noch an der Speziesgrenze orientieren sollte. Warum sollte ein schwerbehinderter Säugling, der über so gut wie kein Bewusstsein verfügt, ein Lebensrecht haben, während wir sogar Menschenaffen, die nicht nur genetisch zu 98% mit uns übereinstimmen, sondern auch ein hochentwickeltes Selbstbewusstsein haben, dieses Recht verweigern? In meinen Augen hat Singer vollkommen recht, wenn er diesen Spezies-Chauvinismus mit Rassismus vergleicht.

    Und was die Früheuthanasie angeht: Man muss Singers Meinung nicht teilen. Aber man sollte bedenken, dass die passive Euthanasie von schwerbehinderten Säuglingen auch in Deutschland üblich ist. Bei Kindern, die ohne Darm zur Welt kommen, wird zum Beispiel auf eine intravenöse Ernährung verzichtet, obwohl es möglich wäre, das Leben des Kindes damit eine Weile zu erhalten. Und ist es wirklich humaner, ein Kind verhungern zu lassen als durch ein Medikament gezielt zu töten?

    Ich kann einer empathielosen „Lebensbejahung“, die das Leben unter allen Umständen für ein Geschenk hält – egal wie elendig es für den ist, der es führen muss – nichts abgewinnen.

  3.   Stefan Krämer

    In einem Interview mit dem Titel „Tragische Missverständnisse“ äußert sich Michael Schmidt-Salomon zu Peter Singer, seiner Laudatio und der Verbindung zur Giordanio-Bruno-Stiftung. Vor allem aber streicht er heraus, dass Singers Gedanken im Bezug auf Behindertenpolitik doch etwas komplexer sind, als es in Ihrem Artikel dargestellt wird. Hier der Link: http://hpd.de/artikel/11717

  4.   JAdler

    Man kann ja unterschiedlicher Auffassung zum Thema Singer sein, aber von einem seriösen Eintrag in einer seriösen Zeitung darf ich erwarten, dass, wenn schon Stimmen zitiert werden, doch auch die andre Seite zu Wort kommt. Das wird in allen deutschen Zeitungen ignoriert, und langsam grüble ich ernsthaft, warum.

    http://www.giordano-bruno-stiftung.de/meldung/ist-beschaemend-dass-linke-solch-reaktionaere-positionen-unterstuetzen


  5. Völliges Unverständnis!
    Diese Preisverleihung ist im Hinblick auf seine Äußerung zu Neugeborenen mit Behinderungen absolut nicht zu akzeptieren und ist erschreckend. Welches abstoßende Gedankengut äußert sich hier! Das weckt Assoziationen an ein Tötungsprogramm der Nazizeit (T4).

  6.   Julia Probst

    Der Laudator Singers, Schmidt-Salomon, welcher Vorstandsprecher ist, der Bruno-Giordano-Stiftung und ebenfalls Philosoph, hat heute die Laudatio auf Singer abgesagt.

    Der Grund? Es ist denen auf einmal „plötzlich“ klar, dass Singer behindertenfeindlich ist, obwohl die behindertenfeindlichen Aussagen Singers seit Jahren bekannt sind.

    Gut so, wenn endlich erkannt wird, welche menschenfeindliche Geisteshaltung Singer vertritt!

    Hier die Quelle: http://hpd.de/artikel/11746?nopaging=1

    Was das Tierleid angeht: Tiere sollten meiner Meinung auch ein Recht darauf haben, dass sie human behandelt werden und nicht gequält werden, egal für was! Kein Lebewesen auf der Welt hat es verdient, gequält zu werden.

  7.   Wolfsspitz

    @2

    Was heißt hier bitte gehetzte? hat er die Aussagen getroffen oder nicht? Wenn sie Herrn Peter Sieger seine Meinung zugestehen möchten, das müssen sie auch in den saureren Apfel beißen Meinungen zu akzeptieren die sich gegen Herrn Sieger richten. Der Begriff Euthanasie hat in Deutschland einen ganz üblen Beigeschmack, im übrigen reden wir hier nicht von Sterbehilfe sondern von einer bewussten Tötung. Nicht alle medizinisch möglichen Maßnahmen bei einem schwerst behinderten Säugling zu nutzen ist eine Sache, die aktive Tötung etwas anders, Wer soll die Entscheidung den Treffen? Welcher Arzt möchte bitte so eine Entscheidung treffen und dann natürlich im Zweifel das Kind auch zu töten? Wenn so etwas erst einmal gesellschaftlich gewollt ist, kann es wie die Erfahrung zeig sehr schnell zu Pervertierung des ganzen kommen. Man sollte sich vor Augen führen wozu wo so etwas in der Geschichte bereits geführt hat. wer entscheidet den welche Behinderung auf die Liste kommt bei der eine aktive Tötung eines Säuglings erlaubt ist. Mir ist es egal wie ein Herr Singer das theoretisch sieht, ich wüsste gerne von ihm wie er sich das ganze den ganz konkret vorstellt oder haben wir es hier wieder mit einer Person zu tun die nur theoretisiert. Ich will Herrn Singer jetzt nicht als Nazi beschimpfen nur empfehle ich mal sich damit zu beschäftigen was gerad bei der Ermordung von Menschen mit Behinderung im dritten Reich so als Begründung angegeben wurde und was die Täter so später zu ihrer persönlichen Schuld ausgesagt haben.

    Es ist doch erstaunlich das sich hier ein Mensch berufen fühlt entscheiden zu wollen welcher Säugling ein Lebensrecht hat und welcher nicht. Solange man hier theoretisch rum labert ist das also ja so einfach wenn man dann aber mal genauer Nachfragt wie man sich das ganze genau vorstellen soll kommt meist nichts mehr viel. Es tut mir leid aber geistige Brandstifter wie Herrn Sieger gibt es mir etwas zu viel. Ich könnte drauf Wetten das Herr Sieger selber niemals so eine Tötung eigenhändig vornehmen würde.

  8.   Menon

    „Dem ist wohl nichts hinzuzufügen…“

    naja, doch und zwar dann, wenn Sie nicht nur das Internet „gecopy-pasted“ hätten, sondern Singers „Praktische Ethik“ gelesen hätten und zwischen moralischen Begründungen und positiven Recht unterscheiden würden. Aber Singerbashing ist natürlich viel einfacher, als eine philosophische Begründung der Menschenwürde zu entfalten. Außerdem: Gegen wissenschaftliche und philosophische, methodisch entwickelte Thesen kann man nicht protestieren, sondern nur argumentieren.

  9.   Thomas Friedrich

    @7:

    Gegen sachliche Kritik habe ich nichts einzuwenden. Die „Kritik“ besteht aber überwiegend aus Beleidigungen, Nazi-Vergleichen und dem Ruf nach Redeverbot. In der Missachtung grundlegender Toleranzgebote bedienen die Gegner sich ihrerseits typischer Nazi-Methoden. Das gipfelte vor Jahren darin, dass Singer körperlich angegangen und seine Brille auf dem Fußboden zertreten wurde.

    „Nicht alle medizinisch möglichen Maßnahmen bei einem schwerst behinderten Säugling zu nutzen ist eine Sache, die aktive Tötung etwas anders,“

    Wo liegt der Unterschied, wenn das Ergebnis – der Tod des Kindes – dasselbe ist? Bei einem gesunden oder älteren Kind würde es ja auch keinen Unterschied machen, ob man es aktiv tötet oder absichtlich verhungern lässt. In diesem Fall wäre beides gleichermaßen verwerflich. Warum ist dann bei einem Säugling, der ohne Darm zur Welt kommt, das Verhungern-Lassen in Ordnung, aber die aktive Tötung verwerflich?

  10.   Mirjiam

    In der Begrifflichkeit Singers betrachte ich mich als „Speziezistin“, d.h. dass – auch behinderte – Säuglinge meiner eigenen Spezies mir näher stehen, als die anderer Spezies. Was nicht heißt, dass ich die anderen umbringen will.
    Problematisch finde ich das Problem, wer die Entscheidung treffen soll, ob ein anderes Leben Lebensqualität hat oder nicht. Meiner Ansicht nach geht Singer hier nicht fachkompetent und nicht differenziert genug vor, wenn er z.B. Down-Syndrom-Kindern eine solche abspricht. Jede/r, der/die schon mal mit Down-Syndrom-Kindern gearbeitet oder gelebt hat, kann das nicht ernst nehmen.