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Orga-Panne im Landtag NRW – „Ich bin taub!“

 

Der Landtag von NRW hat den Themen Inklusion und Barrierefreiheit in der vergangenen Woche besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Okay, das war nicht ganz beabsichtigt, aber die Landtagsverwaltung hat eindrucksvoll gezeigt, wie man Sitzungen mit gehörlosen Experten nicht organisiert: ohne Gebärdensprachdolmetscher.

Zu einer Anhörung zum Thema Inklusion behinderter Menschen hatte man zwar zwei gehörlose Sachverständige geladen. Einen Gebärdensprachdolmetscher hatte der Landtag aber „so kurzfristig“ nicht gefunden, begründet der Landtag nun die Panne, denn das Treffen wurde zum Eklat. Der gehörlose Experte Martin Magiera hielt während der Sitzung ein Plakat in die Luft, auf dem stand „Ich bin taub!“, um darauf aufmerksam zu machen, dass er nicht verstehen kann, was gesprochen wird. Daraufhin wurde die Anhörung abgebrochen.

Huch, da nehmen auch Gehörlose teil!

Der Landtag redet sich nun damit raus, dass man erst eine Woche vor dem Termin davon erfahren habe, dass auch zwei gehörlose Menschen an dem Termin teilnehmen wollen. Na, wie überraschend bei dem Thema! Und man habe den gehörlosen Experten angeboten, für sie einen eigenen Termin anzuberaumen. Das lehnten diese ab. Sie wollten zum eigentlichen Termin kommen– verständlicherweise. Wenn man für diesen keine Dolmetscher findet, muss dieser eben verschoben werden. Sonst handelt es sich nämlich gerade nicht um Inklusion.

Das ist übrigens nicht das erste Mal, dass sich der Landtag NRW mit dem Thema Inklusion etwas schwertut, um es einmal freundlich auszudrücken. Schon im vergangenen Jahr schaffte er es mit Organisationsschwierigkeiten in Bezug auf Barrierefreiheit in die Medien. Damals hieß es, ein rollstuhlfahrender Abgeordneter des Landtags könne nicht in die Türkei fahren. Das sei zu schwierig zu organisieren.

Zu viele behinderte Menschen angemeldet

Der Deutsche Bundestag hat sich allerdings auch schon schwer damit getan, Inklusion zu organisieren. 2011 sagten die Verantwortlichen die Veranstaltung zum Welttag der Menschen mit Behinderungen ab, weil sich zu viele behinderte Menschen angemeldet hatten – genauer gesagt: zu viele Rollstuhlfahrer. Ja, wer rechnet denn mit so was? Da macht man eine Veranstaltung zum Thema Teilhabe von Menschen mit Behinderungen und die Leute, die teilhaben sollen, kommen auch noch?

Diese Fälle sind eigentlich nicht zu entschuldigen. Am Ende bleiben behinderte Menschen nämlich außen vor, als hätte sich gar nichts geändert. Früher kamen in Anhörungen keine gehörlosen Experten zu Wort, selbst wenn es um Belange von Gehörlosen ging. In den Landtagen saßen gar keine Rollstuhlfahrer.

Die Zeiten ändern sich

Zum Glück hat sich unterdessen aber doch viel geändert. Nur müssen sich die Verwaltungen erst darauf einstellen, dass es so ist. Und nicht nur Verwaltungen: Behinderte Menschen rücken immer mehr in die Mitte der Gesellschaft. Das ist gut so. Aber damit das auch wirklich gelingt und noch mehr wird, muss es normal werden, auf Dinge wie Gebärdensprachdolmetscher und barrierefreie Zugänglichkeit zu achten. Das ist nicht zuletzt eine Frage der Einstellung. Die Reaktion der Öffentlichkeit zeigt aber schon, dass die Achtlosigkeit gegenüber behinderten Menschen nicht mehr toleriert wird. Auch dass ein gehörloser Mensch mittels eines Plakats im Landtag selbst auf seine Diskriminierung hinweist, ist ein gutes Zeichen. Die Zeiten ändern sich. Jetzt müssen nur noch alle mitmachen.

18 Kommentare

  1.   dzickert

    „Einen Gebärdensprachdolmetscher hatte der Landtag aber “so kurzfristig” nicht gefunden, …“

    wenn politiker es nicht es nicht schaffen einen gebärdendolmetscher zu organisieren, zeigt es nicht nur die unfähigkeit unserer politiker, sondern insbesondere die heuchelei – nicht nur beim umgang mit menschen mit behinderung.

    ich, als privatperson, traue mir zu, innerhalb eines halben tages einen gebärdendolmetscher zu organisieren. und Sie können davon ausgehen, daß ich weiß, wovon ich spreche.

    wir lernen wieder einmal, daß in deutschen parlamenten nur geblubbert wird, daß humanität lediglich zu passenden gelegenheiten als schnell zu entsorgendes plakat vor sich hergetragen wird.

    in ländern der sogenannten dritten welt können Sie beobachten, daß öffentliche veranstaltungen ohne gebärdendolmetscher selten sind.

    das foto zum beitrag zeigt überdeutlich die arroganz und dummheit deutscher politiker – nicht nur zu themen, die behinderte menschen betreffen.

  2.   ninconanco

    „Einen Gebärdensprachdolmetscher hatte der Landtag aber “so kurzfristig” nicht gefunden, …“

    wenn politiker es nicht es nicht schaffen einen gebärdendolmetscher zu organisieren, zeigt es nicht nur die unfähigkeit unserer politiker, sondern insbesondere die heuchelei – nicht nur beim umgang mit menschen mit behinderung.

  3.   graefin

    Auf Phönix ist es mittlerweile normal und ich finde das auch gut so, dass Gebärdendolmetscher die Nachrichten den Gehörlosen näher bringen.
    NRW hat ca. 17 Mio Einwohner. Und da war kein Gebärdendolmetscher
    aufzutreiben ? Eine erbärmliche Ausrede, gerade zu einer Zeit,
    wo viel von § 1 des GG über die Würde der Menschen diskutiert wird !!??

  4.   r.wackermann

    Sorry, aber ich verstehe nicht. Es gibt Sonderbeauftragte für so ziemlich alles – gibt es keine für Fragen der Behinderung? Wieso wurde da niemand zu Rate gezogen? Wieso hat man nicht jemanden gefragt, der sich damit auskennt? Vielleicht Eventmanager mit Ahnung? Sorry, aber ich bin etwas ratlos…

  5.   Elke in Pink

    „Behinderte Menschen rücken immer mehr in die Mitte der Gesellschaft. Das ist gut so, aber damit das auch wirklich gelingt und noch mehr wird, muss es normal werden, auf Dinge wie Gebärdensprachdolmetscher und barrierefreie Zugänglichkeit zu achten. Das ist nicht zuletzt eine Frage der Einstellung.“

    Nein.

    Das ist vor allem eine Frage des Geldes.
    Behinderte Menschen sind im Durchschnitt weniger „profitabel“ und „flexibel“ verglichen mit konkurrierenden gesunden jung-dynamischen Arbeitskräften.
    Damit passen sie halt nicht ins neoliberale Wirtschaftssystem.
    Ausnahmen (Autisten mit Sonderbegabung, etc.) bestätigen die Regel.
    NRW ist da durchaus symptomatisch: Frau Löhrmann bring zwar Inklusion in die Schulen, allein es wird nicht ansatzweise das dringend notwendige Personal zur Verfügung gestellt.
    So wird denn eine ‚eigentlich‘ sehr gute Idee zur Tortur für Lehrende und auch in etlichen Fällen zu einer Verschlechterung der Lernsituation für Schüler.
    In vielen Kultur- und Bildungseinrichtungen sind nicht mal die (recht preisgünstigen) Induktionsanlagen installiert.
    Dringend notwendige Hilfen werden Behinderten von Krankenkassen verweigert, so dass sich die weit geöffnete soziale Schere für Behinderte oftmals noch viel dramatischer auswirkt.
    etc.
    etc.
    etc.
    Der Vorfall im Landtag ist keine ‚Panne‘, sondern Symptom einer nur noch an Verwertungsinteressen ausgerichteten Wettbewerbsgesellschaft.
    Oder anders ausgedrückt: die permanenten ‚Orga-pannen‘ haben System und bestimmen leider den Alltag vieler behinderter Menschen.

  6.   Tannengrün

    Nachdem seit einigen Jahren nur noch das Kürzel NRW durch die Lande flattert, fangen die Menschen doch tatsächlich an, die richtige Schreibweise zu vergessen….

  7.   Kasha Rubini

    Hammerhart!
    So dämlich können eigentlich nicht mal deutsche Politiker sein.

  8.   Stefan Fischer

    Was soll’s? Es gibt Cola ohne Zucker, Bürgerbegegnungen der Kanzlerin nur mit ausgewählten Bürgern, und nun gibt es auch Sitzungen mit Gehörlosen ohne Dolmetscher.

    Die Gehörlosen sind aber auch unsensibel. Weiß doch jeder daß Politiker nicht denken können. Daß man die Politiker nun deswegen kritisiert ist echt unfair.


  9. […] „Ich bin taub“ – bei einer Anhörung zum Thema Inklusion protestierte einer der Experten mit einem solchen Schild. Denn es waren keine Gebärdensprachdolmetscher anwesend. … […]

  10.   diabolos

    Peinlich, peinlich und peinlich. Da fällt einem nur ein Wort ein: Vollidioten.