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Hauptrolle: behindert und lebensmüde

 

Es sollte eine ganz normale Filmpremiere in London werden: Für Me before you oder Ein ganzes halbes Jahr, wie das Buch und der Film in Deutschland heißen, hatte man den roten Teppich ausgerollt und viele Fans warteten auf die Schauspieler Sam Claflin (Hunger Games) und Emilia Clarke (Game of Thrones).
Aber nicht nur Fans des Films waren anwesend, sondern auch eine Gruppe von Rollstuhlfahrern, die gegen den Film und das zugrunde liegende Buch protestierten.

Spoilerwarnung! Nicht weiterlesen, wenn man die Handlung des Buchs oder des Films nicht vorab wissen möchte.

Worum geht es?

Der erfolgreiche Geschäftsmann Will ist vom Hals abwärts querschnittgelähmt und seine Eltern suchen für ihn eine neue Assistentin, die ihn rund um die Uhr pflegt. Sie finden Louisa, die zwar völlig unerfahren ist, aber, da sie bislang beruflich wenig Glück hatte, bereit ist, den Job anzunehmen. Die beiden verlieben sich ineinander, verbringen nach großen Anlaufschwierigkeiten eine tolle Zeit miteinander und trotzdem will sich Will umbringen, weil er sein Leben für nicht mehr lebenswert hält. Am Ende tut er das auch. Er reist in die Schweiz und stirbt mit Hilfe von einer Sterbehilfeorganisation. Kein Happy End. Das Buch ist todtraurig, der Film ist es sicher auch. Ich habe das Buch gelesen und kenne auch schon die Fortsetzung des Romans.

Um es vorweg zu sagen, ich mochte das Buch. Ich mag auch Jojo Moyes‘ Schreibstil. Ich mochte die Liebesgeschichte und die Hauptperson der Handlung, Louisa. Was ich nicht mochte, war alles, was mit dem Tod von Will zu tun hatte und seinen Tod überhaupt. Und ja, es gibt Stellen in dem Buch, da kann ich als selbst querschnittgelähmte Frau nur mit dem Kopf schütteln. Da merkt man dann schon, dass das jemand geschrieben hat, die nicht querschnittgelähmt ist und auch nie eine Beziehung mit jemandem hatte, der diese Behinderung hat, sondern alles nur vom Hörensagen interpretiert.

Warum nun also der Aufschrei? Sowohl in den USA, Kanada als auch in Großbritannien, wo der Film diese Woche anläuft, gibt es Proteste von behinderten Menschen. Auch auf Twitter wird lautstark protestiert.

Nicht behinderte Schauspieler spielen behinderte Menschen

Es ist wirklich fast schon lächerlich, aber ja, auch in Hollywood spielen nicht behinderte Schauspieler behinderte Rollen – und das meist ziemlich schlecht. Ich werde langsam wirklich müde, mich darüber aufzuregen. Es nervt halt einfach nur noch. Dementsprechend gibt es auch wenig Akzeptanz für diese Filme vonseiten vieler behinderter Menschen. Sie empfinden es wie „Blackfacing„, das Anmalen von weißen Schauspielergesichtern mit schwarzer Farbe, statt gleich schwarze Schauspieler einzusetzen.

Behindertes Leben wird als unwert dargestellt

Das Argument gegen das Buch und den Film, das Leben mit einer Behinderung wird als unwert dargestellt, kann ich durchaus verstehen. Will beantwortet die Frage, warum genau er eigentlich sterben möchten, fast immer nur damit, dass er so – also behindert – nicht leben möchte. Er sei nicht der Typ, der sein Schicksal einfach akzeptiert. Na prima!

Und das, obwohl er eigentlich recht angenehm leben könnte: Er hat mit Louisa am Ende eine tolle Freundin, seine Eltern bemühen sich, ihm das Leben so angenehm wie möglich zu gestalten, er hat ein schönes Haus und ziemlich viel Geld, kann das Haus verlassen, zu Veranstaltungen gehen und vieles mehr. Zudem wird für den Film auch noch mit „Lebe mutig“ geworben (#liveboldly), was man entweder so verstehen kann, dass das Leben mit Behinderung immer Mut erfordert. Das ist eine typische Heroisierung behinderter Menschen, wie es auch gerne Medien machen. Aber auch die andere Interpretation, dass man sein Leben so lange mutig leben soll, wie man es noch kann, ist nicht viel besser.

Das Buch setzt schon fast als logisch voraus, dass man nach einer Querschnittlähmung nicht mehr leben möchte. Dass das behinderte Menschen auf die Palme bringt, vor allem querschnittgelähmte Menschen, verstehe ich, denn klar ist, die Mehrheit möchte leben und das vermutlich meist unter weit schwierigeren Umständen als der Rollstuhlfahrer im Buch.

Sexualität und Behinderung wird falsch oder gar nicht dargestellt

Eines der dümmsten Vorurteile, denen man als behinderter Mensch so im Laufe des Lebens immer wieder begegnet, ist, dass behinderte Menschen keinen Sex haben können oder gar keine Sexualität haben. Da könnte man meinen, wir leben in einer aufgeklärten Welt, in der jeder weiß, dass es Sex in den unterschiedlichsten Facetten gibt, aber das scheint sich weder bis zur Autorin noch nach Hollywood rumgesprochen zu haben, denn auf eine gute Sexszene wartet man auf den vielen Seiten des Buches vergeblich. Damit wird ernsthaft der Eindruck erweckt, ein querschnittgelähmter Mann könne kein Sex haben oder wenn, dann sicher keinen erfüllenden, dann kann man es auch gleich lassen.

Immer wieder das Gleiche

Der US-amerikanische Regisseur Dominick Evans, der selbst im Rollstuhl sitzt, schrieb über den Film: Behinderte Menschen „haben es satt, Filme anzuschauen, in denen behinderte Menschen falsch dargestellt werden. Auch weil wir nicht miteinbezogen werden, nirgendwo. Wir wurden zum Drehbuch nicht befragt. Kein Rollstuhlfahrer hat das Drehbuch geschrieben. Sogar die Hauptrolle spielt ein nicht behinderter Schauspieler, was dazu führt, dass er nicht einmal weiß, ob er gut spielt, wie schädlich seine Darstellung und wie unauthentisch das Drehbuch ist.“ Ohne behinderte Menschen einzubeziehen, fahre das „nicht behinderte Hollywood“ damit fort, das Leben für behinderte Menschen schwerer zu machen, weil es das sei, was Menschen sehen und sie annehmen, das sei die Wahrheit.

Mit dieser Meinung steht Dominick Evans nicht alleine da. Hunderte englischsprachige Tweets und zahlreiche Kommentare in amerikanischen und britischen Medien gab es in den vergangenen Tagen. Bleibt abzuwarten, welche Reaktionen der Film in Deutschland auslöst, wenn er am 23. Juni in die Kinos kommt.

25 Kommentare

  1.   Christian

    Arme Schauspieler, wenn ich das Argument konsequent zuende denke, könnten Schauspieler aber auch keine Polizisten oder Mörder, keine Heiligen oder Huren, keine Massenmörder oder sonstwas spielen, es sei denn sie wären es wirklich.

  2.   redukteur

    Das Publikum besucht solche Filme kaum wegen hoher Realismuserwartungen und irgendwann muss auch Frau Linkt damit leben, dass es andere Sichten auf die Welt und ihre Themen gibt als die von Frau Link.
    Der Blackfacing-Vorwurf ist übrigens ziemlich daneben. Jeder Regiseur darf frei besetzen, oder darf man künftig Rollen von Psychopaten nur noch mit echten Psychopaten ?

  3.   Frieda

    Ich fand dieses Buch einfach nur wunderschön und freue mich auf die Verfilmung. Man kann es natürlich nicht jedem recht machen und auf alle Befindlichkeiten Rücksicht nehmen! Wer also immer nur etwas zu nörgeln hat, und ständig an anderen rummäkeln will, sollte doch selbst ein Buch schreiben oder einen Film drehen! Macht es doch besser, aber dazu fehlt es wohl leider an eigenem Talent, da wird lieber bei anderen das Haar in der Suppe gesucht!
    Bitte behaltet Eure ewigen Besserwissereien einfach für Euch! Die will niemand lesen!

  4.   Nutzer

    Meiner Meinung nach ist diese Kritik etwas unfair. Glücklicherweise (kann man das so überhaupt sagen?) habe ich keine Behinderung, weiß also nicht ob ich die Story aus ihrer Perspektive überhaupt bewerten darf.
    Ich meine im Film zu „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ wurden die Hauptrollen auch von gesunden Schauspielern gespielt. Nach Ihrer Logik scheinbar absolut diskriminierend.

    Zu dem Buch „Ein ganzes halbes Jahr“ frage ich mich, ob Sie es gelesen haben oder hier bloß die Meinung einzelner wiedergeben.
    Das Buch handelt davon, dass Will sich bereits gegen das Leben entschieden hat, bevor seine Eltern ihm Clara „aufgezwungen“ haben. Alleine in diesem Akt wird Wills Argumentation gegen das Leben, so heruntergebrochen sie hier auch sein mag, begründet: Ihm fehlt die Selbstbestimmung.
    Das ist ein Beispiel unter vielen, eine Geschichte unter vielen und keine Stigmatisierung aller Menschen mit Beeinträchtigungen.
    Dieser Grundgedanke ist meiner Meinung nach Schwachsinn. Ich denke auch nicht, dass alle der Gruppe xy böse ist, nur weil sie im Film xy böse war. Natürlich kann man hier auch unterstellen, dass diese Gruppe versucht so „Öffentlichkeitsarbeit“ zum eigenen Vorteil zu leisten. Dass maße ich mir allerdings nicht an.

  5.   Nele Abels

    Als Titelunterschrift auf der Hauptseite lese ich reichlich erstaunt:

    „Im Film ‚Ein ganzes halbes Jahr‘ spielt ein nicht behinderter Schauspieler einen Querschnittgelähmten – dem trotz liebender Partnerin nichts anderes einfällt als Suizid.“

    Noch ignoranter oder bornierter und mit noch mehr Herablassung lässt sich über die komplexe psychische Problematik von Suzidalität wohl kaum reden. Ich kann nur hoffen, dass für diesen Satz irgendein unausgebildeter Praktikant in der Redaktion verantwortlich zeichnet und nicht die Verfasserin des ansonsten sehr informativen und interessanten Artikels!

  6.   saja

    „Der Blackfacing-Vorwurf ist übrigens ziemlich daneben. Jeder Regiseur darf frei besetzen, oder darf man künftig Rollen von Psychopaten nur noch mit echten Psychopaten ?“

    So wie ich Frau Link verstanden habe, wäre sie schon zufrieden damit, wenn Filmschaffende sich mehr bemühen würden, das Leben und die Probleme von z.B. Rollstuhlfahrern halbwegs realistisch und abseits der üblichen Klischees darzustellen. Behinderte Darsteller zu verpflichten (oder Schriftsteller mit Behinderung beim Drehbuchschreiben einzubeziehen) könnte ein erster Schritt in die richtige Richtung sein. Schließlich muss Frau Link damit leben, wie sie (eben auch aufgrund von typischen Mediendarstellungen) von anderen gesehen wird („bemittleidenswert…“ „können noch nicht mal Sex haben…“ „besser, man nimmt sich das Leben“, etc.)

  7.   saja

    So wie ich Frau Link verstanden habe, wäre sie schon zufrieden damit, wenn Filmschaffende sich mehr bemühen würden, das Leben und die Probleme von z.B. Rollstuhlfahrern halbwegs realistisch und abseits der üblichen Klischees darzustellen. Behinderte Darsteller zu verpflichten (oder Schriftsteller mit Behinderung beim Drehbuchschreiben einzubeziehen) könnte ein erster Schritt in die richtige Richtung sein. Schließlich muss Frau Link damit leben, wie sie (eben auch aufgrund von typischen Mediendarstellungen) von anderen gesehen wird („bemittleidenswert…“ „können noch nicht mal Sex haben…“ „besser, man nimmt sich das Leben“, etc.)

  8.   Alexander

    Liebe Frau Link,
    ich lese Ihre Beiträge sehr gerne, weil sie gut geschrieben sind und man als Fußgänger etwas darüber lernen kann, wie es ist wenn man kein Fußgänger (mehr) ist. Mir leuchtet Ihre Kritik an dem Film absolut ein und es erinnert mich an die alten Filme in denen Schwule, Lesben und Transgender immer nur als Opfer oder Suizidanten vorkamen. Noch heute, wo auch LSBTIs im Film ein lebenswertes Leben haben können, werden sie so gut wie immer von heterosexuellen Darstellern gespielt, die dann gerne nach den Dreharbeiten darüber berichten, dass es schon schwieriger als in einer Hetero-Handlung war, die Sexszenen zu drehen. Ehrlich gesagt weiß ich nicht mal, ob es einen bekannten Regisseur gibt, der im Rollstuhl sitzt. Wenn nein, warum eigentlich nicht? Es wäre schon schön, mal einen Film zu sehen, den Leute gemacht haben, die sich damit auskennen. Mit Samuel Koch gibt es zumindest schon mal einen bekannten Schauspieler, der eine mögliche Besetzung sein könnte.

  9.   savantfool

    Ich habe übrigens gehört das Herr Hanks einen geschichtsprofessor spielt aber gar keiner ist. Da geht es doch schon los.

    Mann kann sich natürlich auch über jeglichen kleinen Mist aufregen.

    Viele körperlich Behinderte haben in den Englischen Medien kundgetan sie Mögen das Buch und freuen sich über die Verfilmung. Denn selbst dort gab es die Debatte die die Welt (mit all den Problemen die wir wirklich haben) nicht braucht.

    Ich versteh das sich aufgeregt wird wenn Scarlett Johansson eine Japanische Figur spielt, es gibt viele tolle Japanische Schauspielerinnen.

    Aber mal als kontrast: Als Hermione Granger im Theater von einer Farbigen gespielt wurde, durfte man sich nicht auf regen.

    Auch das ging mir schon am Hinterteil vorbei.

    Wir steigern uns Künstlich in sachen rein anstatt uns zu kümmern das Plätze und Orte Barrierefrei werden.

    Wir verurteilen Schauspieler weil sie Ihren beruf ausüben. Sie Schauspielen. Sam Claflin hier einen körperlich Behinderten.
    DiCaprio hatte mal einen geistig Behinderten gespielt. Bitte schreiben Sie darüber auch….

  10.   chen hans

    Vielleicht haben behinderte Schauspieler auch keine Lust, Behinderte zu spielen. Vielleicht wollen sie einen Chef spielen, der zufällig behindert ist. Das ist nämlich überfällig.

    Es gibt Behinderte, die begehen Suizid. Man könnte sagen: Man merkt, dass der Artikel von jemandem geschrieben worden ist, der keinen Suizid in seiner Familie zu beklagen hat.

    Wer nun glaubt, der Film wolle kolportieren, es sei besser tot zu sein als behindert, der macht es sich ein bisschen einfach. Der Film findet ein Publikum vor, das gewohnt ist, zu bemitleiden und mitzufühlen, wenn er damit Geld einspielt, mag das blöd sein, aber nicht bösartig.

    Frau Link, produzieren Sie den Film, der es besser macht? Es wäre freilich Zeit.