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Inklusiver Arbeitsmarkt statt Behindertenwerkstätten

 

Das nenne ich einen Paukenschlag: Das Deutsche Institut für Menschenrechte hat die Bundesregierung aufgefordert, den allgemeinen Arbeitsmarkt für behinderte Menschen zugänglicher zu machen und über die Zukunft von Behindertenwerkstätten offen zu diskutieren. Endlich fängt jemand damit an, an scheinbar unbeweglichen Strukturen zu rütteln. Denn über die Rolle von Behindertenwerkstätten wird bislang kaum diskutiert. Manche Einrichtungen haben sich aber schon mal gewappnet und sich das Label „Inklusion“ angeheftet. Vermutlich in der Hoffnung, dass der Kelch der Inklusion an ihnen vorübergeht und man alten Wein in neuen Schläuchen verkaufen kann, ohne sich ändern zu müssen.

Inklusive Beschäftigungsmodelle

„Die Prioritäten der Arbeitsmarktpolitik müssen verschoben werden: weg von der Förderung von Sonderstrukturen, hin zum gleichzeitigen Ausbau inklusiver Beschäftigungsmodelle auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt“, erklärte Valentin Aichele, Leiter der Monitoringstelle zur UN-Behindertenrechtskonvention des Instituts anlässlich der Veröffentlichung des Positionspapiers „Inklusiver Arbeitsmarkt statt Sonderstrukturen“ am Montag.

Die Zukunft der Werkstätten für Menschen mit Behinderungen müsse offen diskutiert und ein Konzept entwickelt werden, wie diese Sonderstruktur langfristig in einem inklusiv gestalteten Arbeitsmarkt aufgehen könne. Dabei müssten die Werkstattbeschäftigten von Anfang an einbezogen werden. Außerdem müsse darauf geachtet werden, dass dies nicht zulasten der Betroffenen und ihrer Sozial- und Alterssicherung gehe. „Solange Menschen mit Behinderungen in gesonderten Werkstätten arbeiten müssen, weil sie auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt keine Chancen haben, kann von einer vollen Verwirklichung des Rechts auf Arbeit und Beschäftigung im Sinne der UN-Behindertenrechtskonvention nicht die Rede sein“, so Aichele weiter.

UN kritisiert Werkstätten

Auch die Vereinten Nationen haben das deutsche Werkstattsystem in seiner heutigen Form gerügt. Sie kritisierten 2015, dass die Werkstätten Menschen mit Behinderungen absondern und keinen Übergang zum allgemeinen Arbeitsmarkt ermöglichen würden. Die Vereinten Nationen empfehlen daher die schrittweise Abschaffung der Werkstätten.

Damit hat das Institut für Menschenrechte den Nagel auf den Kopf getroffen: Behindertenwerkstätten sind keine Inklusion – schon gar nicht, wenn da für einen Hungerlohn von wenigen Hundert Euro Zulieferarbeit für große Industriezweige geleistet wird. Neulich erzählte mir jemand, das ganze Wäschereigewerbe seiner Region sei in der Hand von großen Behinderteneinrichtungen. Es gebe in seinem Landkreis kein einziges Hotel, das nicht seine Wäsche in einer Behindertenwerkstatt reinigen lässt. Es ist also keineswegs so, dass in Behindertenwerkstätten nur sinnlose Arbeit getan wird, wie vielleicht mancher denken mag. Im Gegenteil: Manche Einrichtungen sind mittelständische Unternehmen, die gute Umsätze erzielen. Der Haken ist nur: Von diesem Geld sehen die behinderten Mitarbeiter wenig, sie können sich kaum weiterentwickeln, die Mindestlohnregelung gilt nicht, es gibt für sie keinen Betriebsrat, sie haben nicht die gleichen Rechte wie Arbeitnehmer etc. Das durchschnittliche Monatsentgelt eines Werkstattbeschäftigten betrug 2014 rund 181 Euro.

Raus aus den Werkstätten

Nun ist mir klar, dass nicht jeder Mensch – auch nicht unter den besten Bedingungen und mit der besten Assistenz – etwas Produktives leisten kann. Natürlich brauchen auch Menschen eine Tagesstruktur, die das nicht können. Aber viele der 300.000 Menschen, die derzeit in Werkstätten arbeiten, könnten die gleiche Arbeit, die sie jetzt machen, mit Assistenz auch für den üblichen Lohn leisten. Nur müssten Arbeitgeber geeignete Bedingungen dafür schaffen.

Hinzu kommt, dass der Weg in die Werkstatt von den Jobcentern teilweise als Abschiebebahnhof benutzt wird. Neulich hat mich nach einem Vortrag jemand angesprochen, der Opfer eines Überfalls wurde und nach einem Schädelbasisbruch und anschließendem Schwerbehindertenstatus ohne Umwege in die Behindertenwerkstatt geschickt wurde, weil er „ja jetzt ein bisschen langsamer sei“.

Das ist natürlich für den Arbeitsvermittler einfacher, als einen Arbeitgeber davon zu überzeugen, bitte einen leicht behinderten Mann einzustellen, der noch mit den Folgen eines Verbrechens kämpft. Statistisch gesehen ist die Chance gering, dass dieser Mann jemals wieder auf dem ersten Arbeitsmarkt landet. Einmal Werkstatt, immer Werkstatt.

Vorbild Schweden

Es gibt Länder, die haben sich vom Konzept der Behindertenwerkstätten verabschiedet. Ich war neulich auf Einladung des schwedischen Kulturinstituts in Schweden, wo man uns unter anderem das Unternehmen Samhall vorstellte. Samhall ist ein staatliches Unternehmen, das als Personaldienstleister für die schwedische Wirtschaft arbeitet und ausschließlich behinderte Menschen vermittelt. Früher hatte Samhall selbst Behindertenwerkstätten, jetzt arbeiten Samhall-Mitarbeiter beispielsweise bei IKEA oder anderen schwedischen Unternehmen, angestellt sind sie aber bei Samhall.

Insgesamt beschäftigt Samhall 23.000 behinderte Mitarbeiter. Alle bekommen Tariflohn, dieser ist teilweise sogar höher als der Lohn, der bezahlt würde, wenn sie direkt bei der Firma angestellt wären. Samhall wird allerdings finanziell massiv vom Staat unterstützt. Natürlich steht es Samhall-Mitarbeitern frei, direkt zum Auftraggeber  zu wechseln, wenn beide Seiten das wollen. Viele Mitarbeiter bleiben allerdings lieber bei Samhall, weil dort teilweise besser gezahlt wird und sie nicht einfach auf die Straße gesetzt werden können. Die Durchlässigkeit, aus dem „Sondersystem“ rauszukommen, könnte also auch hier besser sein. Trotzdem arbeiten die Menschen innerhalb der Gesellschaft und nicht abgetrennt in Werkstätten, und sie bekommen einen angemessenen Lohn und nicht 180 Euro im Monat.

Auch Großbritannien hat vor Jahren schon seine Behindertenwerkstätten geschlossen. Aber die Regierung hat daraus eher ein Sparprogramm gemacht, statt gute Maßnahmen für den Zugang zum ersten Arbeitsmarkt zu treffen – ein Holzweg.  Insgesamt wird es sich langfristig aber lohnen, behinderte Menschen in unterstützendem Rahmen auf den ersten Arbeitsmarkt zu holen. Nur wer wirklich einen geschützten Raum braucht, sollte diesen auch bekommen. Wer jedoch als Verkäuferin in einer Behindertenwerkstatt Backwaren verkauft, kann das mit Unterstützung auch woanders und für viel mehr Lohn tun.

Die  Voraussetzungen müssen dafür geschaffen werden. Außerdem muss dafür Geld in die Inklusion statt in die Ausgrenzung gesteckt werden. Dazu braucht man neue Konzepte und Wege und vor allem: Die Gesellschaft muss es wollen. Die Schweden wollten das.

27 Kommentare

  1.   Lucas471

    Ich bin froh dass der Artikel differenziert und ausgeglichen ist. Ich arbeite selbst in diesem Bereich und hätte nie geglaubt, dass sich Menschen eben gerade und teilweise ausschliesslich in einer sehr geschützten Werkstatt wohl fühlen. Auch diese Möglichkeit lässt der Blog offen.
    Der Blog zeigt aber leider auch, dass Inklusion funktioniert wenn (1) der Staat Geld locker macht oder (2) Arbeitgeber zur Inklusion verpfichtet werden. Und worüber fast niemand schreibt sind die Menschen mit Persönlichkeitstörungen. Sie ecken überall an und bleiben selten lange an einem Ort. Weder in der Werkstatt noch in einem Betrieb im ersten Arbeitsmarkt.

  2.   A.Denauer

    Aufgrund der Gleichbehandlung mit anderen Schwervermittelbaren müßte der Staat dann Hunderttausende in staatlichen Firmen mit Tariflohn beschäftigen.
    Die Frage ist, wie der Tariflohn ermittelt wird – und natürlich, wer das bezahlen soll.
    Ich schätze mal – pro 100.000 Betroffene ca 25.000.000.000 Euro.
    Andere – zB alleinerziehende Mütter ohne Qualifikation oder psychisch anfällige Nichtvermittelbare – müßten gemäß Art. 3 GG gleich behandelt werden.
    Machen Sie mal einen Finanzierungsvorschlag.

  3.   Xepio

    Es gibt doch gewissermaßen ein Beschäftigungsmodell – Leiharbeit. Wenn man der Ansicht ist, das ein Teil der Behinderten eine vollwertige Arbeitskraft in manchen Bereichen sein können,dann nur zu.
    Da gehts lang ->.
    Arbeitnehmerüberlasser sind oft nicht zimperlich und nehmen,etwas übertrieben,fast jeden. Nur, verlange man keine Extra-Würste.Vor Ort,beim „Kundenunternehmen“ wird meist knallhart ausgesiebt.Wer die an ihn oder sie gestellten Aufgaben nicht erledigen kann,wird dort wirklich nicht „alt“.Der erste Tag ist oft auch schon der letzte Tag.Zum „kuscheln“ ist meist kein Platz.Aber Wohlwollen findet man manchmal auch.
    Ich kenne eine derzeit 52-jährige Deutsche,die nach einem sehr schweren Verkehrsunfall mit gewissen Handicaps zu leben hat.Sprachstörungen und manches mal gewisse,schwer zu erklärende Aussetzer,die leider zu Fehlern führen.Aber sie ist ansonsten sehr zuverlässig,immer fleißig und beliebt.

  4.   Fratzlaw Indolenski

    Vielen Dank für diesen Artikel.

    Deutschland hat BRK 2006 unterzeichnet und im März letzten Jahres gab es die erste Anhörung durch den Fachausschuss der UN, bei der Deutschland scharf in allen Bereichen kritisiert wurde.

    (Ein weiterer wichtiger Punkt neben diesem „Sub-Arbeitsmarkt“ ist die Zwangspsychiatrie und die gegenwärtige Revision des PsychKG im Land Berlin: Das PsychKG modifiziert die Willensfreiheit und liegt damit nicht nur seit jeher im Konflikt mit dem GG, sondern auch mit der BRK.)

    Hier die Konvention:
    http://www.institut-fuer-menschenrechte.de/?id=467

  5.   Lavestan

    Den Zielen und Begründungen in diesem Artikel kann ich, weil auch so ein Fall vorhanden ist nur zustimmen. Personen die in Behindertenwerkstätten oft genauso lange, und gewissenhaft arbeiten wie die in der Industrie z.B.beklagen sich dass ihre Arbeit wenn’s nach der Entlohnung geht, kaum wertgeschätzt wird. Obwohl viele Tätigkeiten z.B.denen der Zulieferindustrie der Automobilindustrie entsprechen. Für Autos muß man bei uns viel Geld hinlegen, und die die Anteile an der hohen Qualität haben, sehen davon kaum etwas. Es gibt viele Beschäftigte die mit entsprechender Inklusion hochwertigere Arbeiten übernehmen, oder wesentlich leichter eine -wenn auch besser betreute- Berufsausbildung machen könnten. Hoffen wir dass dieser Lebenstraum von Vielen auch verwirklicht werden kann.

  6.   Henning Sponbiel

    Welch ein horrender Blödsinn. Als Vater eines behinderten Kindes, das „außerhalb“ nicht zurecht käme, weiß ich, wovon ich rede. Und noch einmal Blödsinn: Es wird durchaus versucht, einzelne Behinderte, von denen die Betreuer in den Werkstätten den Eindruck haben, sie könnten eventuell auf dem ersten Arbeitsmarkt eine Chance haben, entsprechend zu vermitteln.

    Die Werkstätten als ein Lebensmittelpunkt, wo die Behinderten sich frei von Ängsten und zusammen mit anderen Behinderten, Freunden sich problemlos bewegen können, werden in diesem Szenario überhaupt nicht berücksichtigt. Viele Behinderte brauchen die gewohnte Umgebung ohne Druck innerhalb ihrer gewachsenen Gemeinschaft. Hier verkennen anscheinend viele „Wohlmeinende“ die Situation vieler Behinderter.

  7.   A.Denauer

    Welche Kosten haben Sie kalkuliert?
    Ich schätze mal auf 100.000 Personen ca 25.000.000.000€ pro Jahr.
    Wie viele sind betroffen?

    Aufgrund der Gleichbehandlung müßte man auch nichtvermittelbare Langzeitarbeitslose, unqualifizierte Alleinerziehende usw beschäftigen usw.
    Wer zahlt?

  8.   Wolfsspitz

    Ich bin Schwerbehindert und arbeite ganz normal auf dem ersten Arbeitsmarkt, aber nicht weil mir der Staat in irgend einer Form geholfen hat. Ganz in Gegenteil da wurde mir schon zu meiner Schulzeit irgend etwas von Behindertenwerkstatt erzählt und der Berater vom Arbeitsamt hat bezweifelte, ohne mich zu kennen, das ich den Realschulabschluss schaffe. Es ist also kein Märchen das Menschen mit Behinderung gerne auch mal ohne zwingenden Grund in eine Behindertewerkstatt abgeschoben werden sollen.
    Behindertenwerkstätten sollten immer der letzte Ausweg sein und es sollte, so wie es auch ihre Aufgabe ist, ihr Ziel sein ihre Beschäftigten möglichst für den ersten Arbeitsmark fit bzw wieder fit machen. Ja es gibt Menschen für die mag die Behindertenwerkstatt wirklich Sinnvoll sein aber dann sollten auch nur diese dort dauerhaft beschäftigt sein. Eines noch in Behindertenwerkstäten gibt es für die Betreuten kein Gehalt und auch keine Lohn, die bekommen ein recht geringes Taschengeld, dafür würde von uns, die hier schreiben, keiner auch nur eine Finger krum machen. Inklusion sieht anders aus. Ja, keiner muss in der Behindertenwerkstatt arbeiten, das ist aber auch nicht das Problem, problematisch ist es, das die Menschen die nicht auf das Abstellgleis Behindertenwerkstatt gestellt werden oft keine sinnvolle Alternative haben.

  9.   Wolfsspitz

    @Xepio,

    genau so ein Gelaber wie du es da schreibst geht mir gehörig gegen den Strich. Ich bin Schwerbehindert und oh wunder´, ich glaube nicht nur, ich weiß sogar das ich eine Vollwertige Arbeitskraft bin und ich habe keine Lust mich von einer Leiharbeitsfirma verheizen zu lassen.

  10.   Michael Ziegert

    Tja, Frau Link, wie sagte schon Nietzsche: „Wer davon lebt, einen Feind zu bekämpfen, hat ein Interesse daran, dass er am Leben bleibt.“
    Und:
    Darf man sich Journalistin nennen, dann aber ohne sachliche und um Neutralitiät bemühte Abwägung tendenziöse Artikel schreiben, nur weil „Blog“ drüber steht?