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Be-la-la-la-langlose Kostümschau

 

Gwen Stefani rüscht sich zur Popfigurine auf. Das neue Album „The Sweet Escape“ klingt nach all ihren musikalischen Gewandmeistern, bloß nicht eigen. Vielleicht sollte sie lieber nur Mode machen

Gwen Stefani

I’m just an Orange County girl, livin’ in an extraordinary world. And the girls sing – La la la la la la la, and the guys sing – La la la la la la la. Man würde ihr so gern glauben. Zum Nachweis ihrer Einfachheit legt Gwen Stefani dem Album The Sweet Escape gefühlsduselige Bilder bei. Lebt hinter der mondänen Fassade wirklich ein ehrliches, liebesbedürftiges Mädchen? Verbergen die getönten Gläser nur die Tränen, die es den Freunden hinterherweint, die sie verließen, verschreckt von der Glitzer-Aura? Herrjemineh, wer nimmt der Schönen denn ab, dass unter all den Gucci-, Westwood- und Galliano-Hüllen immer noch die alte Gwen from the block steckt?

Früher war sie ein freches Ska-Mädchen und sang für die kalifornische Band No Doubt. Als die eine Pause einlegten, rüschte Gwen Stefani sich zu einer Figurine der Popkultur auf: Ihr Solo-Debüt L.A.M.B. aus dem Jahr 2004 verkaufte sich rund acht Millionen Mal, nebenher entwarf sie eine gleichnamige Modekollektion. Die vier Buchstaben stehen für Love, Angel, Music, Baby, so taufte sie auch ihre vier in Dirndlmieder, Springerstiefel und Schottenröcke verpackten asiatischen Tänzerinnen. Und vom nächsten Herbst an können ihre Fans dann nach Liebe, Engel, Musik und Kleinkindern duften.

Viele Popstars vermarkten ihre eigenen Parfüm- und Modelinien, selten aber sind Musik und Klamotte so verschränkt wie bei ihr. In jedem zweiten Lied singt sie von Luxuskleidern, ihre Konzerte sind Modenschauen. Sie verehrt Madonna und die modebewussten Mädchen aus Harajuku, dem Bahnhofsviertel Tokios. Von ihnen lässt sie sich inspirieren. Gwen Stefani fehlt es an Sprachsinn und Poesie, nicht aber am Mut zur Affirmation des Ego-Produkts. Mal um Mal betont sie ihre Glaubwürdigkeit und Coolness. „The girls want to know why boys like us so much (…) They like the way that l.a.m.b. ist going ’cross my shirt. They like the way my pants, it complements my shape“, protzt sie in ihrer Jodel-Single Wind It Up.

Wie man sich zur egozentrischen Champagner-Heldin aufspielt und dabei Bodenhaftung vortäuscht, brachten ihr wohl Pharrell Williams und die Neptunes bei. Das erfolgreiche Produzententeam revolutionierte vor sechs Jahren mit verschrobenem Minimalismus den R’n’B und griff auch Britney Spears, Mariah Carey, Beyoncé und Justin Timberlake unter die Arme. Wind It Up ist ein Paradestück neptunischer Skurrilität und gleichsam der einzige Lichtblick auf Gwen Stefanis zweitem Soloalbum. Es rappelt wie ein Jahrmarkt, nervöses Hufeklappern umschwirrt die wummernde Marschtrommel, und das All-American-Girl jodelt zu Klangschnipseln aus seinem Lieblingsalpenmusical The Sound Of Music. Eine wahrhaft schräge Überraschung. Oder vielleicht doch nur ein neuer durchkalkulierter Modeentwurf? Von L.A. über Tokio nach Salzburg ist es für Musikfreunde schließlich nur ein Katzensprung.

Ansonsten singt sie Be-la-la-la-langloses in das teure Studiomikrofon. Die folgenden elf Stücke auf The Sweet Escape klingen blankpoliert und amerikapoppig. Sie lassen weniger einen eigenen Stil erkennen als den des jeweiligen Produzenten – neben den Neptunes helfen namhafte Popschreiber wie Linda Perry von den 4 Non Blondes oder Martin Gore von Depeche Mode aus. Klöternder R’n’B trifft auf elektrisierten HipHop, New Age auf BritPop. Gwen Stefani schlüpft in die Kompositionen ihrer musikalischen Gewandmeister wie in neue Kostüme. Jedes Lied lässt sie anders aussehen.

Dass dieses Album keine Richtung habe, mache es sehr modern, sagt sie. „Ich habe nie geplant, noch eine Soloplatte zu machen. Es ist irgendwie peinlich, darüber zu reden. Ich hatte noch ein paar fantastische Songs von der ersten übrig. Ich wollte aber ein Baby haben. Jetzt habe ich beides. Ich schwimme einfach mit dem Strom“, zitiert sie der Internetdienst PR inside. Wenn das 37-jährige Mädchen hinter der großen Brille so denkt, sollte es lieber den Mund halten und Mode machen. Damit lässt sich auch viel Geld verdienen.

„The Sweet Escape“ von Gwen Stefani ist erschienen bei Universal

Hören Sie hier einen Ausschnitt aus „Wind It Up“

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