‹ Alle Einträge

Die Winterreise

 

Was Schubert konnte, kann Schlippenbach schon lange: Drei alte Freejazzer fahren durch die deutsche Provinz. Und erleben so einiges

Schlippenbach-Trio Winterreise

Bei Dunkelheit und schlechtem Wetter in einer unbekannten Stadt anzukommen, erst mal „Hotel Kacke“ in der Kackgasse und dann den Club zu finden, sei ein melancholisches Geschäft, berichtet Alexander von Schlippenbach von der alljährlichen Winterreise seines Trios. Immerhin seien die Clubs heute etwas komfortabler als vor 35 Jahren, als alles begann. In den Anmerkungen zur neuen CD mit frei improvisierter Musik notiert Schlippenbach auch Zeichen der Veränderung – die Clubs seien heute etablierter, da sie oft mit städtischen Kulturbehörden zusammenarbeiten, könnten sie auch etwas bessere Gagen zahlen.

Mit Schlippenbach am Steuer, Parker als Straßenkartendeuter und Lovens auf dem Rücksitz geht es, jedes Jahr im Dezember, auf eine kleine Tour durch ausgewählte Clubs der Republik. Unlängst wurden Parkers Karten durch das Navigationssystem „Lisa“ ersetzt. Schnell hat man es in „Moni“ umgetauft, das Hotel in der Kackgasse findet man mit ihrer Stimme tatsächlich viel schneller. Parker beschreibt die Tour als eine Mischung aus Urlaub und Verpflichtung. Lovens ist für die Musik im Auto zuständig – letztens haben sie auf der Fahrt fast ausschließlich Soli des Saxofonisten Wayne Shorter gehört, die Lovens auf Kassetten kopiert hatte. Die Musikstücke setzten immer erst da ein, wo das Solo beginnt und brachen ebenso abrupt wieder ab.

Das Schlippenbach-Trio hat europäische Freejazzgeschichte geschrieben, seine Musik swingt. Es gilt heute als eines der langlebigsten Kollektive der Improvisierten Musik. Die Vielfalt der gemeinsamen Erfahrungen und Ideen hört man während dieser knapp 70 Minuten Musik auf Winterreise sehr deutlich. Die kollektive Improvisationshaltung Schlippenbachs widerspricht jenen musikalischen Gesetzgebern, die auf das einmalige Ereignis setzen. Das macht die Musik des Trios so wundervoll: Intensität und Dichte, Klangberge und leise Horizonte aus einer gut gefüllten Schatztruhe gemeinsamer Spielerfahrung geschöpft.

„Winterreise“ vom Schlippenbach-Trio ist erschienen bei Psi Records

Hören Sie hier „Winterreise“

Lesen Sie hier: Die Platten des Jahres 2006 – Eine Nachschau auf 100 Tonträger

Weitere Beiträge aus der Kategorie JAZZ
Grant Green: „Live At Club Mozambique“ (Blue Note 2006)
OOIOO: „Taiga“ (Thrill Jockey 2006)
Koop: „Koop Islands“ (Compost 2006)
Soweto Kinch: „A Life In The Day Of B19: Tales Of The Tower Block“ (Dune 2006)
Pharoah Sanders: „The Impulse Story“ (Impulse 2006)

Alle Musikangebote von ZEIT online finden Sie unter www.zeit.de/musik