Rock’n'Roll in 17 Stichen

Ist das Kim Wilde? “Your love alone is not enough, not enough, not enough. When times get tough, they get tough, they get tough, they get tough.” Wenn die Zeiten hart, hart, hart sind, ist auch deine Liebe nicht genug, genug, genug, klar. Zeilen, die dem Popsternchen und Männertraum der Achtziger durchaus gut stünden, stumpf gereimt und ein bisschen doof. Kim Wilde würde gut zu den hier musizierenden Manic Street Preachers passen. Schließlich nahmen sie bereits das Stück Little Baby Nothing gemeinsam mit der wenig gesangsbegabten Pornodarstellerin Traci Lords auf.
Es ist nicht Kim Wilde, es ist Nina Persson, Sängerin der schwedischen Popgruppe The Cardigans. Ihr dünnes Stimmchen verrät sie in der ersten Minute von Your Love Alone Is Not Enough, der ersten Single des neuen Albums der Manic Street Preachers Send Away The Tigers. Ein schwaches Lied, inklusive “La la la la la la la la”-Gesäusel.
Es ist ihr achtes Album, bei ihnen wird gerne argwöhnisch mitgezählt. Im Jahr 1992 veröffentlichten sie ihr Debüt, Generation Terrorists. In unzähligen Interviews erläuterten sie ihren Plan: ein einziges Album veröffentlichen, davon mehr Exemplare verkaufen, als Guns ’n’ Roses von Appetite For Destruction, drei Abende hintereinander im ausverkauften Wembley-Stadion spielen und sich dann auflösen. Damals beliebte Bands hielten sie für “worse than Hitler”, im Video zu You Love Us trat der Bassist Nicky Wire als Marilyn Monroe auf, in Thailand erreichten sie ein Auftrittsverbot, nachdem sie der königlichen Familie dort den Tod gewünscht hatten. In einem Interview mit dem BBC-Moderator Steve Lamacq ritzte sich der Gitarrist Richey James mit einer Rasierklinge 4 Real in den Arm. Siebzehn Stiche machten ihn zur Ikone.
Die vier Musiker aus Wales betonten nimmermüde, wie ernst sie es meinten. Und ihr Plan erfüllte sich zu einem Hundertstel. Von Generation Terrorists wurden eine Viertelmillion Exemplare verkauft, von Appetite For Destruction indes 25 Millionen. In London spielten sie zweimal vor 900 Menschen im Marquee Club, in Wembley wären es 90.000 gewesen. In Deutschland traten sie auf im Vorprogramm der Toten Hosen. Auflösen konnten sie sich besser: Nachdem ihre ruppiges drittes Album The Holy Bible erschien, verschwand plötzlich Richey James. Sein Auto wurde an der Severn Bridge gefunden, der Grenzfluss zwischen Wales und England ist dort beinahe einen Kilometer breit. Vom Musiker fehlt bis heute jede Spur.
Als Trio machten sie weiter und nahmen mitreißende Alben auf, Everything Must Go erschien im Sommer 1996 und This Is My Truth Tell Me Yours zwei Jahre darauf, beide wurden mit dem Brit Award für das beste Album belohnt. Danach ging’s musikalisch bergab. Ihr letztes Album, Lifeblood, klang gepflegt nach Langeweile. Die Ironie der früheren Jahre, der Glam und der Punk waren verschwunden. Ihre Gesten gerieten immer größer, der glatte Bombast ihrer Stücke begann zu nerven. Gar die Hülle der letzten Platte glänzte aufdringlich. Derweil gaben sich die Musiker als große Sozialisten, besuchten Fidel Castro und sangen ein Lied für Elián Gonzáles, ein Kind, das zum Politikum zwischen Kuba und den USA geworden war.
Send Away The Tigers ist ein kleiner Schritt nach vorne, immerhin. Es ist weniger geschliffen, die Stücke sind wieder besser. Vieles klingt typisch: die getragenen, hallenden Gitarren, das einfache Bum-Tschak des Schlagzeugers Sean Moore, die hymnischen Refrains und die zitatreiche Lyrik. Besonders gelungen ist das rockige Underdogs, es versprüht diese renitente Attitüde der frühen Jahre, verpackt Sozialromantik in punkige Akkorde. Der Autumnsong baut auf einem ergreifenden Gitarrenmuster auf, im Mittelteil wird leider ein bisschen zu viel geklatscht. The Second Great Depression besticht durch ein düster gestrichenes Cello und eine schöne Melodie. Mit gepresster Stimme beklagt James Dean Bradfield in Rendition die Folterpraktiken der CIA, “Never knew the sky was a prison”. So was hört man gerne von ihm, auch wenn das Lied sonst lahm daherkommt.
Vieles vom Rest klingt verfettet und satt. Hier ein Schunkelrhythmus (Indian Summer) und ein übertriebenes Gitarrensolo (Imperial Bodybags), dort eine Reminiszenz an den peinlichen deutschen Metal der Achtziger (Rendition) und ein zu billiger „Nanana“-Refrain (Winterlovers). Unübertroffen schlecht ist die Single Your Love Alone Is Not Enough.
Zehn Stücke sind es insgesamt, die Bilanz wäre wohl ausgeglichen, fünf zu fünf. Wenn es nicht ganz am Ende, einige Minuten nach dem eigentlich abschließenden Stück Winterlovers, plötzlich weiter tönen würde: “As soon as you’re born they make you feel small, by giving you no time instead of it all. Till the pain is so big you feel nothing at all”, krächzt James Dean Bradfield sich durch eine unerträglich dick aufgetragene, bluesrockige Version von John Lennons Working Class Hero aus dem Jahr 1970. “If You Wanna Be A Hero, Just Follow Me”. Bei Lennon klang das noch ironisch.
Knapp verloren. Schade.
„Send Away The Tigers“ von den Manic Street Preachers ist als CD und LP erschienen bei Red Ink.
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naja, so seid ihr journalisten. kennt die ganzen b-seiten nicht, der mann, immerhin bisher sieben an der zahl und überwiegend vortrefflich. und macht ne abrechnung. knapp verloren, leider
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Lieber Holger,
einerseits ging es in dieser Rezension um das Album der Manic Street Preachers, nicht um ihre “überwiegend vortrefflichen” B-Seiten. Andererseits versichere ich gerne, diese zu kennen (ehrlichgesagt zähle ich aber nur fünf, vielleicht kenne ich also doch nicht alle). Im Unterschied zu früheren Großtaten auf Vinylunterseiten überzeugen mich allenfalls “Fearless Punk Ballad” und “Welcome To The Dead Zone”, die anderen finde ich teilweise peinlich (dieses Kuhglockengedengel in “Love Letter To The Future” und das simple Gebretter in “Boxes & Lists”). Alles kein Vergleich zu “Prologue To History” oder “PCP”, oder?
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ich weiss nicht: ist irgend jemandem schon mal aufgefallen, dass james teilweise wie klaus meine klingt, u.a. bei dem refrain von “underdogs”? sehr, sehr beunruhigend.
ich finde “your love is…” nicht unübertroffen schlecht, endlich mal wieder eine hübsche manics melodie, mag sie auch noch so schwülstig wirken.
verloren haben sie nicht, weil sie insgesamt ihre melodien wiedergefunden haben.
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Doofer Artikel, die Autorin hat lieblos hier und da (bei ECHTEN Musikjournalisten vielleicht?) abgeschrieben. Die Kritik, die Manics würden seit “This is my truth …” (mein persönlicher “Tiefpunkt” neben Gold against the soul) zu glatt und Stadionrock-mäßig und immer gleich klingen ist nun wahrlich nicht originell und stimmt vor allem nicht (was ist mit Know your enemy? Lipstick Traces zählt wohl auch nicht?). Generation Terrorists und Holy Bible sind eben Geschichte, da hilft das ganze Jammern nicht.
Also ich finde es immer wieder geil wie J.D.B. seine Motown-Einflüsse in die Lieder einbringt. MELODIEN, das können die Manics.
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ooops, “Autorin”. War keine Absicht …
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Beste Natascha.
Lieblosigkeit lässt der Autor sich natürlich ungern nachsagen, noch unangenehmer ist ihm allerdings der Vorwurf des Abschreibens. Wo? Von wem? Wer sind die “ECHTEN Musikjournalisten”? Jedem seine/ihre Meinung zu der Platte, aber Herabwürdigungen führen uns nicht weiter, oder?
Jan Kühnemund
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Das Verkaufszahlen nicht über Qualität der Musik/ Band Auskunft geben sollte bekannt sein ! Der Musikgeschmack der heutigen und vergangener Generationen lässt sich auf seine Weise mit einem Holocaust vergleichen. Generation Terrorists gehört wohl zweifellos zu den besten Debütalben aller Zeiten. Oder welcher der 18 songs ist schlecht? Es genügt allerdings nicht das Album “durchzuzappen” um dessen Qualität zu beurteilen. Dies gilt auch für weitere Alben. Die Manics sind mehr als aktuell aufkommende Chartbands, lassen sich deshalb nicht auf diese einfache Art und Weise “bewerten” ohne die Philosophie der Band und Texte zu kennen und einzubeziehen. Auch ich finde Lifeblood nicht gelungen. Das aktuelle Album ist durchaus gelungen und teilweise genial, es braucht aber Zeit, die Sie vermutlich nicht haben um es zu “verstehen” und beurteilen zu können.Lieber Herr Kritiker, so einfach geht es nicht und entschuldigen Sie bitte den folgenden durchaus überspitzten Spruch (in dieser Situation passt er einfach), der nicht persönlich gemeint ist: “Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal die Fresse halten”.
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Lieber Tobi.
Wenn man etwas nicht mag, dann hat man es nicht verstanden. Wenn ich nun keinen Eierlikör trinke — liegt es daran, daß ich mich nicht genug mit ihm beschäftigt habe? Nein, denn ich mag ihn nicht und kann Ihnen Gründe dafür nennen. Und so hat es Jan Kühnemund in seinem Artikel zu den Manic Street Preachers getan. Alles kein Grund für (nicht persönlich gemeinte) Beleidigungen, oder?
Bestes,
Sebastian Reier
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