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Opulenz zum Quadrat

 
Konstantin Gropper alias Get Well Soon hat in Mannheim Popmusikdesign studiert. Sein erstes Album ist trotzdem gut, bunt und schwelgerisch.
Rest Now Weary Head You Will Get Well Soon

Einst hatte Mannheim Goethe, Schiller und Mozart. Heute sind Jule Neigel, Joy Flemming und Xavier Naidoo geblieben. Hier fließt der Neckar in den Rhein, von der Nachbarstadt Ludwigshafen aus stinkt die BASF herüber. Die Innenstadt ist quadratisch angelegt, man wohnt in H7, Q4 oder L9.

In Mannheim kann man seit vier Jahren Musikbusiness und Popmusikdesign studieren. An der Popakademie Baden-Württemberg lehren Heinz Rudolf Kunze, der ehemalige Chef von Universal Music, Tim Renner, sowie Mitglieder der Söhne Mannheims und der Fantastischen Vier. Den großen Durchbruch hat noch keiner der Akademiker geschafft. Ist das so schlimm? Es gibt wahrlich genug Popmusik mit Design.

Konstantin Gropper ist Mitte 20 und hat kürzlich das Studium in Mannheim abgeschlossen. Ihm wünscht man den großen Erfolg. Unter dem Namen Get Well Soon hat er sein Debütalbum Rest Now, Weary Head! aufgenommen. Ein Musterstudent kann er nicht gewesen sein: Was hier zu hören ist, klingt wenig quadratisch, nicht glatt und schon gar nicht konstruiert. Die Pressemitteilung zur Platte sagt nichts über einen Bachelor-Abschluss. Hingegen raunt sie von seiner oberschwäbischen Herkunft und seinem Umzug nach Berlin, von seiner frühen Ausbildung an klassischer Gitarre und Cello.

Groppers Album lässt sich leicht ins aktuelle Popgeschehen einordnen. Die traurigen Trompeten Beiruts ertönen hier (You/Aurora/You/Seaside), der schwere Folk von Bright Eyes dort (Christmas In Adventure Parks). Wie seine Kollegen nimmt Konstantin Gropper die Lieder meist allein auf und holt sich nur für Auftritte Hilfe. Auch er trägt den Scheitel streng. Er kleidet die getragenen Melodien in opulente Gewänder aus britischem Pop. So mischt sich Leichtigkeit unter Schwermut, das Überkandidelte verschwimmt in Tränen.

Seine Kompositionen sind klar, doch nicht berechnend. Immer wieder schlägt Gropper Haken, tauscht die Mittel des Pop gegen die der klassischen Musik. Das Album beginnt mit dem Prelude und endet 60 Minuten später mit der Coda.

Und wie beim klassischen Orchester klingen auf der Platte derart viele Instrumente und Stimmen, dass es acht Leute braucht, solch ein Dröhnen auf die Bühne zu bringen. Glockenspiel, Banjo, Akkordeon, Trompete, Geige, Klavier, Gitarre, Bass und Schlagzeug – aus den Lautsprechern quillt eine wahre Lust am pastösen Farbspiel. Manchmal kippt die Opulenz in den Kitsch, Help To Prevent Forest-Fires ist weniger elegisch als schmierig, Witches! Witches! Rest Now In The Fire geht unter in süßlichen Chören und jubilierenden Streichern. Der hineingeschaukelte Walzer ist eine Strapaze.

Den Erstsemesterkurs „Texten in deutscher Sprache“ bei Herrn Naidoo hat Gropper offenbar geschwänzt, er singt Englisch, ein gutes dazu. Er erzählt davon, dass man in Alaska keine Kühlschränke brauche und davon, dass das Leben sowieso keine Zukunft habe. Alles ohne erzwungene Reime. Aus Titeln wie I Sold My Hands For Food So Please Feed Me und Ticktack! Goes My Automatic Heart sprüht ein feiner Humor.

Gerade dieses Ticktack! Goes My Automatic Heart fällt durch seine Kargheit auf. Gropper singt zur Gitarre, begleitet von seinem eigenen „Oohh-oohh-oohh-oohh“ und elektronischem Zirpen. Ebenso Born Slippy Nuxx, die Coverversion des Techno-Hits von Underworld aus dem Jahr 1996. Der verschleppte Rhythmus und das sanft gestrichene Cello müssen keine Tanzfläche füllen.

Konstantin Gropper mag Stanley Kubricks Werke, das kann man auf seiner Internetseite nachlesen. Ein bisschen so wie dessen Filmkunst ist auch Rest Now, Weary Head!. Bunt und schwelgerisch, ein Genuss, den man am besten fassen kann, wenn man den Kopf abschaltet und sich berauschen lässt.

„Rest Now, Weary Head!“ von Get Well Soon ist als LP und CD bei City Slang erschienen.

„Papa was a Musiklehrer“ – hier geht’s zu Konstantin Groppers Porträt beim ZEIT ZUENDER »

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8 Kommentare


  1. […] Opulenz zum Quadrat Konstantin Gropper alias Get Well Soon hat in Mannheim Popmusikdesign studiert. Sein erstes Album ist trotzdem gut, bunt und schwelgerisch wie die Filme Stanley Kubricks. […]

  2.   webmanny

    „Ein Musterstudent kann er nicht gewesen sein“

    Da habt Ihr wohl recht.

    Ich kenne den Bursche schon seit einigen Jahren, damals als er noch in einer anderen Band Namens „yourgarden“ spielte. Man kann froh sein, dass die Mainstreamer aus Mannheim nicht zu viel kaputt gemacht haben.

    Ganz interessant zu dem Thema: Aktueller Bericht im Rollingstone

  3.   sissineck

    Hm, kann ja nicht so ganz alles schief gelaufen sein in Mannheim so wie die Musik klingt …
    Menschen, die überhaupt keine Ahnung haben was da gemacht oder sogar vielleicht nicht gemacht wird, sollten sich besser informieren oder sich einfach raushalten.

  4.   bo

    kurz vor weihnachten bei rock im quadrat gesehen – und einfach nur GEIL!

  5.   Patosch

    @ webmanny: „Man kann froh sein, dass die Mainstreamer aus Mannheim nicht zu viel kaputt gemacht haben.“

    Völliger Quatsch. Als würde sich ein Künstler wie Konstantin Gropper so einfach brainwashen lassen. Ich glaube nicht, dass in Mannheim irgendwas kaputt gemacht wurde. Vielmehr haben sich dort Leute getroffen, deren Zusammenarbeit jenseits des Mainstreams jetzt Früchte trägt.

    Ein bisschen mehr Recherche hätte diesem Artikel nicht geschadet. Doch Kühnemund will Gropper in ein Quadrat packen, „leicht ins aktuelle Popgeschehen einordnen“, damit sein Popakademie-Bashing sauber durchgeht. Er macht es sich damit doch ein wenig zu einfach, denn (wie Kubrick) kann man GetWellSoon nicht hoppla-hopp in irgendwelche Portrait-Schubladen stecken. Daher rührt auch die Unstimmigkeit dieses Beitrags.

  6.   e-fred

    Musikalisch wirklich ein außergewöhnliches Werk. Klanglich leider, wie die meisten modernen Popproduktionen, auf äußerst niedrigem Niveau. Durch die starke Komprimierung lassen die Aufnahmen jegliche Transparenz vermissen.
    „Gerade dieses Ticktack! Goes My Automatic Heart fällt durch seine Kargheit auf“ – das Stück könnte noch viel karger sein. Schade um die schöne Musik

  7.   Nostradamus

    Wer ‚Get well soon‘ wirklich beurteilen will, sollte sie mal live sehen, dann gibt’s auch keine Probleme mehr mit schlechtem Sound oder sonstigen technischen Problemen, weil jeder der sieben sein Handwerk zur Kunst macht……..

    trifft einen mitten ins Gefühlszentrum