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Im Hals die Kindertröte

 
Die italienische Band Eveline feiert ihre Helden: Sie zitiert Robert Wyatt oder Radiohead und erzählt aus altem Material neue Geschichten. Gerade ist ihr erstes Album erschienen.
Eveline Happy Birthday

Eveline kommen aus Bologna. Die vier Musiker verraten nur ihre Initialen: L.B. spielt den Bass, L.X. die Gitarren, am Schlagzeug sitzt T.O., und D.M. singt und haut in die Tasten. Die Hülle ihres Debütalbums Happy Birthday, Eveline!!! zieren Familienfotos, in die sie ihre bärtigen Gesichter hineinmontiert haben. Die künstlerische Strategie, sich in existierende Werke einzuschreiben, verfolgen sie auch in ihren Liedern. Sie spielen mit verschiedenen Identitäten, immer wieder schlägt ihr schräger Humor durch.

Die Platte beginnt mit der hüpfenden Melodie eines Klaviers. D.M. und die Gastsängerin Iris tragen dazu jeweils eine Strophe vor. Sie erzählen die Geschichte von P.L.D., „Poor little Dano“. Er versuche, seinen Schöpfer zu lieben, sei dazu aber nicht in der Lage, erläutert D.M. P.L.D. steht in der Tradition der Romanfiguren von Pirandello, Miguel de Unamuno und Flann O’Brien: Charaktere, die sich gegen ihre Schöpfer stellen. Die Figur aus dem zweiten Stück Jefferson Peace Yeppy Ya Ye!!! hat bereits ein Eigenleben entwickelt, erzählt D.M., und wird auf dem zweiten Album der Band im kommenden Jahr wiederkehren. Das Stück ist ruhig, aus blubbernder Elektronik, sphärischen Klängen und zurückgenommenem Gesang entsteht eine Spannung, die nicht aufgelöst wird.

Gilda lebt von einem starken Saxofon. Es erinnert an Post-Punk-Bands wie die Laughing Clowns oder Essential Logic. Turbulente Trommelwirbel verleihen dem kurzen Stück Nervosität. Es folgt ein melancholischer Rocksong, der auch von Jeff Buckley stammen könnte, er trägt den seltsamen Titel Bin Laden And The Romantic Voice Of The Ocean. Wir hören zwei Minuten lang ruhige Gitarren, begleitet von schweren Schlägen und dräuenden Bassläufen. Dann folgt eine rätselhafte Strophe, zum Abschluss nicht minder erratische Elektronik-Klänge. Das ist eine gelungene Übersetzung der Ohnmacht und der Verständnislosigkeit im Angesicht des Ungeheuerlichen. Der Sleepy Song fügt sich nahtlos an, die Elektronikklänge laufen durch, die Gitarren singen Hymnen. The Bends von Radiohead habe Pate gestanden für dieses Stück, erzählt D.M.

Mr. Wyatt In Love trägt seine Referenz bereits im Titel. Es ist Evelines Antwort auf Robert Wyatts Old Europe. Wyatt zelebrierte darin die Zeit, in der amerikanische Musiker Paris bevölkerten. D.M. lädt ihn nun nach Paris ein, zu Rotwein und Jazz. Die naive Hommage vereint jazzige Harmonien mit einer simplen Melodie, Wyatt beherrscht das perfekt. Am Ende versucht sich D.M. an der Sorte Vokalise, die Wyatts Spezialität sind: die Stimme als Trompete. Dass seine Trompete eine Kindertröte ist, macht das Stück rührend.

Auch 11 Years With Jennifer Hartman enthält eine Widmung. Bei Jennifer Hartman Records erschien 1989 Tweez von Slint. Das Stück hat mit Slint wenig zu tun, der Kontrast von Ruhe und Krach im folgenden Livewire umso mehr. Es zitiert deren Klang, eine fragile Klavierfigur steht neben Geschrammel. Die schaumigen Gitarren in Gin.O.Lemon erinnern an die Instrumental-Band Pell Mell, die Ende der Achtziger frühen Post-Rock auf SST veröffentlichte. Im abschließenden Stück Lxwaldocwithme&t. erzählen Eveline von einem imaginären San Pedro, einem Ort, „an dem man guten Wein trinken, Parfüm riechen und entspannen kann“. D.M. erzählt, er habe dieses San Pedro nach dem Ort im Nordwesten Italiens modelliert, aus dem er stamme.

So funktionieren Eveline. Ihre Zitate sind nie bloße Referenzen. Sie begeben sich in die Klänge, Bilder und Geschichten anderer und entwickeln daraus eigene Geschichten. Von ihnen erdachte Charaktere bevölkern die geliehenen Welten und entwickeln ein Eigenleben.

„Happy Birthday, Eveline!!!“ von Eveline ist CD erschienen bei Sopot Records.

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