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3.000 Meilen von Bochum

 

Obacht, Plattenhändler: Nur weil Bambara, Bajourou, Kora und Diabaté draufsteht, gehört „Welcome To Mali“ von Amadou & Mariam noch lange nicht in Eure staubige Ethno-Ecke!

Ach, wie hübsch der Pop sich seit einiger Zeit mit afrikanischen Federn schmückt. Oft klingt das flotte Getrommel, das funkige Gitarrendengeln zur europäischen Melodieführung sogar recht erfrischend. Etwa als die Talking Heads sich in den Achtzigern Fela Kutis flotte Fusion zur Brust nahmen. Oder als A.J. Holmes kürzlich ein schmackhaftes Süppchen aus Hi-Life und Elektronik servierte. Oder als das atemlose Getute des Antibalas Afrobeat Orchestra (aus Brooklyn!) einige Lieder von TV On The Radio und den Foals aufmischte.

Nicht zu vergessen: Vampire Weekend! Deren Debütalbum war durchwirkt vom dem rhythmischen Stoff, der heute etwas grob in die Schublade Afrobeat gepresst wird. Aber besser als Ethno und Weltmusik ist das allemal. Der Gefahr, ganz und gar in dieser Schublade zu landen, setzen sich die meisten Popmusiker nicht aus, den meisten gereicht das Afrikanische als Verzierung, Erfrischung. Das Gerüst bleibt Pop oder Rock.

Und doch ist seit kurzem ein gewisser Überdruss am vermeintlich fremden Klang wahrzunehmen. Mehrere Rezensenten des neuen Albums von Franz Ferdinand äußerten sich erleichtert darüber, dass die Band ihre Ankündigung, künftig auch ein wenig zu afrobeaten, nicht umsetzte. Warum so skeptisch? Vielleicht hätte es ja geholfen.

Stellen wir es uns mal umgekehrt vor: Wie war das wohl damals, als Fela Kuti Ende der Sechziger begann, die Musik der Yoruba und den westafrikanischen Hi-Life mit der musikalischen Tradition der ehemaligen Kolonialherren, mit Jazz und Funk zu vermengen? Wie groß ist heute die Empörung unter malischen Musikjournalisten, wenn ein neues Album von Amadou & Mariam zu europäisch klingt? Wahrscheinlich betrübt es niemanden, solange es nur gut klingt.

Bei Fela Kuti klang es oft gut. Und auf dem neuen Album von Amadou & Mariam auch. Oh, Schreck! Amadou & Mariam, sind das die beiden Blinden aus dem WM-Lied von Herbert Grönemeyer? Sie sind es. Und man kann ihnen diese Kooperation wohl verzeihen. Bochum ist gute viereinhalbtausend Kilometer von Bamako entfernt, dort leben und lieben sich die beiden Musiker Mariam Doumbia und Amadou Bagayoko. Und wer interessiert sich in Mali schon für deutschen Pop?

Welcome To Mali haben sie – beide singen, er spielt Gitarre – ihr Album genannt, es ist ihr fünftes. Und was sie alles Willkommen heißen in ihrer Heimat: den Funk, den Blues, die Elektronik, Pop und Soul, Reggae und Pipapo – alle tummeln sich um den malischen Bajourou, als wäre es das Normalste der Welt. Ist es vielleicht ja auch.

Überhaupt tummelt sich hier viel: Französisch, Englisch und Bambara, Gitarre, Elektronik, Keyboard, Schlagzeug, Vocoder und Kora, Keziah Jones, Juan Rozoff, K’Naan und Toumani Diabaté. Obacht, Plattenhändler. Nur weil Mali, Bambara, Bajourou, Kora und Diabaté draufsteht, gehört das Album noch lange nicht in eure staubige Ethno-Ecke. Welcome To Mali ist ein astreines Popalbum. So astrein eben, wie Pop heute überhaupt noch sein kann.

Einer darf da nicht fehlen: Damon Albarn. Vor ein paar Jahren nahm er ein ganzes Album mit malischen Musikern auf, auch hier hat er seine Finger bei mehreren Stücken im Spiel. Etwa bei der Single Sabali. Die wählte das Netzmagazin Pitchfork immerhin unter die besten 20 Lieder des Jahres 2008. Die drollige Elektronik, der drängende Bass und Mariams Falsette klängen, als hätten Dizzee Rascal und Giorgio Moroder mit der Sängerin Asha Bhosle eine Bollywood-Filmmusik aufgenommen, schrieb ein englisches Musikmagazin.

Aber so ist das fast überall auf Welcome To Mali. Neugierig sammeln Amadou & Mariam die Töne aus allen Teilen der Welt zusammen, die ihnen gefallen. Nichts ist dem anderen einfach nur Schmuck, die Töne fügen sich zu einer beeindruckenden Musik zusammen, die im besten Sinne heimatlos klingt.

„Welcome To Mali“ von Amadou & Mariam ist auf CD und LP bei Because Music/Warner erschienen.

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2 Kommentare

  1.   Weltbuerger

    Selbiges könnte man zu den Popalben von Lokua Kanza auch sagen. Vielleicht sollte die euroamerikanische Plattenindustrie mal etwas von ihrem kulturellen Dünkel herunterkommen, Außereuropäisches nur als „Verzierung“ für amerikanische und europäische Musiker zu nehmen und stattdessen ihren Blick (und den der Plattenhändler und Konsumenten) mehr auf die wirklichen Geburtsorte toller moderner Musik lenken: die malinisischen, kongolesischen, tanzanianischen, indischen, pakistanischen, angolanischen, … Stars selbst!


  2. […] musikalisch reichsten Gegenden Afrikas, dem Land von Popstars wie Tinariwen, Ali Farka Touré oder Amadou & Mariam, jede Art von weltlichem Gesang ausmerzen wollen – das hat die Menschen […]