Musik zwischen Disko und Diskurs

Dick, satt und teigig

Von 8. Juni 2009 um 12:36 Uhr

Ein unsägliches sechstes Album zum Mitgrölen und Schunkeln: So durchschaubar wie auf “Battle For The Sun” klangen Placebo noch nie

Cover

 
Placebo – For What It’s Worth
 
Von dem Album: Battle For The Sun PIAS 2009

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Geschmackssicher waren Placebo immer. Ihre bislang fünf Alben hüllten sie in glänzende Fotografien, die immer auch Ausdruck ihrer Musik waren. Der Zehnjährige auf ihrer ersten Platte trug einen viel zu großen Wollpullover, und der Sänger Brian Molko kreischte wie ein ängstlicher Junge, dem das Leben nicht eben angegossen saß. Die sich schweigend und selbstversunken Gegenübersitzenden auf dem zweiten Werk Without You I’m Nothing illustrierten seine Lyrik von Entfremdung und Verwirrung: “Your smile would make me sneeze, when we were siamese, don’t go and lose your face, at some stranger’s place, and don’t forget to breath”, sang Brian Molko in dem gespenstischen Lied The Crawl.

Die beiden ersten Alben aus den späten Neunzigern waren Placebos Meisterwerke, die folgenden drei waren mal mehr, mal weniger erfolgreiche Versuche, diesen leicht entzündlichen Cocktail aus Energie und Melodie erneut zu mischen. Mehr kann auch Placebos neues Werk Battle For The Sun nicht sein. Soviel vorweg: Es ist ihr erster vollständig misslungener Versuch.

Vom Schrecken kündet einmal mehr die Hülle, denn die ist erstaunlich einfallslos. Eine vom Mond verdeckte Sonne auf hellblauem Grund, eine verwischte Korona, rechts dringen eben die ersten Strahlen durch. Auf dem schwarzen Mond verrät ein schmuckloser Aufkleber den Titel des Albums. Digitale Bildbearbeitung an ihrem Tiefpunkt: So durchschaubar waren Placebo noch nie, so unansehnlich ohnehin nicht.

Dennoch, ersteinmal klingt Battle For The Sun wie ein typisches Placebo-Album. Die Gitarren leicht verstimmt, der Sänger nörgelig, der Bass schön laut. Doch etwas stimmt nicht. Schon die Single For What It’s Worth rockt arg flach, Brian Molko scheint den Text per Placebo-Lyrik-Zufallsgenerator geschustert zu haben: “Come on, walk with me, into the rising tide!” Und: “No one cares when you’re out in the street. No one cares when you’re down in the gutter. Got no friends, got no lover.” Dann, oh Schreck!, Bläser, Stöhnen, Gitarren dick und satt und teigig.

Kitty Litter zu Beginn des Albums ist gar nicht so übel. Kreischig, auch melodiös und überzeugend rumpelig. Doch das war es auch schon. Alles weitere versinkt im Breitwandkleister konventionell gedroschener Rockakkorde. Der Sinn fürs Ästhetische ist Placebo verloren gegangen. Am deutlichsten wird das im unerträglichen Refrain der Rockhymne Ashtray Heart, im streicherzerbügelten Titelstück und im von Mariachi durchkreuzten Gitarrensolo in The Never-Ending Why. Hier passt nichts zusammen.

Manche hübsche Idee geht unterwegs verloren. Bläser? Warum nicht. Aber doch nicht so! Drollige Elektronik? Schwiemelige Geigen? Ja, auch die mag man manchmal hören. Aber zu solchem Muckerrock? Und alles auf einmal? Und auch noch dermaßen berechnend aufs Mitgrölen und Schunkeln hin aufgenommen? Nein, das bereitet kein Hörvergnügen.

Im Sommer bedröhnen Placebo wieder einmal die großen Freiluft-Festivals der Welt. Da gehören sie hin, das können sie. Sollten sie Battle For The Sun absichtlich auf die bierseligen Mitsinger hinkomponiert haben, wer weiß, vielleicht ist ihnen dann ja doch etwas ganz Großes gelungen.

“Battle For The Sun” ist bei PIAS/Roughtrade erschienen

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Kategorien: Pop
Leser-Kommentare
  1. 9.

    Okay! Ein Tritt in den Magen ist das ja schon! Placebo scheinen hier wohl überflüssigen Fett abzubekommen!
    Dick, satt und teigig … Tja, einmal dazu:
    Wie können “Bläser, Stöhnen, Gitarren dick und satt und teigig” sein?
    Und Black Market Music, Sleeping with ghosts und Meds, waren mal mehr, mal weniger gute Versuche (???bite?)
    (achja …. wenn Sleeping with ghosts Dir zu poppig war, definiere mir das mal bitte… und Meds langweilig?- ich glaube, falscher Film, wo ist die Fernbedienung?)
    Das Album scheint “anders” zu sein, aber “anders” ist für mich nicht gleich “schlecht… oder dick, satt und teigig)
    Als wohl “geborener Fan” musste ich mich auch erstmal reinhören, da es halt nicht so wirklich den Vorgänger entsprach. Aber irgendwann, bekommt man sehr wohl Geschmack auf mehr (obwohl man ja selbst schon dick, satt und teigig davon zu sein scheint)
    … so viel dazu ^^
    Jetzt zum Cover:
    Ich würde es nicht als einfallslos bezeichnen, denn das sind Placebo allemal nicht!
    Es ist halt schlicht! Aber das fällt auf. Und genau DAS ist der Punkt. Wenn man durch die Media Abteilung eines Kaufhaus stöbert und sich die Covers anschaut, fällt einem “das Einfallslose” schon mehr auf, als das von aberhunderten “Promisternchen”, die sich auf den Covern halbnackt und in Pose platzieren…
    Es scheint sich dann wohl eher abzuheben, da Schlichtheit bei solchen Sachen auffällig ist, da es nicht wie die anderen Alben aussieht: zu aufgedonnert
    Solche Sachen sind sowieso immer zweierlei !
    Gloria war wirklich genial, und dabei hab ich zugegebenermaßen, auch “mitgegrölt”, aber das war auch bei den Liedern der davorigen Alben so!!
    Placebo sind und bleiben einfach Placebo !!

    Antworten

    • 9. Juni 2009 um 21:17 Uhr
    • Grinsebacke
  2. 10.

    Ein wenig Neutralität beim Schreiben wäre wirklich schön gewesen, mich wundert es, dass in der Kritik nichts zum Aussehen der Gruppe gesagt wurde, um dem Nichtmögen mehr Nachrduck zu verleihen. Natürlich will ein Kritiker auch seinen eigenen Senf dazugeben, aber irgendwie fehlt mir bei der Bewertung jede Objektivität und jeder Versuch, das ganze aus einem vernünftigen Blickwinkel zu sehen oder hören oder beschreiben. Ganz im Gegenteil, ich lese da nur “mäckmäckmäck, buhu ich will nichts nettes schreiben”. Außerdem steckt in dem Text viel zu viel Selbstdarstellung eines ziemlich großen Egos, dass momentan erfolgreiche Dinge oder Bands, die in aller Munde sind, aus Prinzip zerreißen muss ;-) Schade!
    Zugegebenermaßen musste ich mich auch erst an das Album gewöhnen und die etwas härteren Höreindrücke “verarbeiten”. Jedoch ist das Album keineswegs schlecht oder oberflächlich und nur für “bierselige Mitsinger” konzipiert, sondern einfach mal direkter und spaßiger. Wenn das nun prinzipiell schlecht sein soll, nur weil man das so von Placebo vorher nicht kannte, dann weiß ich auch nicht…
    Mir hat das Hören Spaß gemacht, spätestens beim zweiten Hördurchgang haben einen die Songs gepackt und man konnte schön viel entdecken. (Breathe Underwater, Unisex, Speak In Tongues)
    Wirklich schwach ist meiner Meinung nach nur Bright Lights, aber mit dem Rest des Albums kann man nun wirklich keine Fans vergraulen und sich sehr gut anfreunden.

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    • 10. Juni 2009 um 18:16 Uhr
    • Trallala
  3. 11.

    Werte/r User Trallala,
    wie auch sollte eine Band Fans vergraulen, die nur vom Kritiker Neutralität, Objektivität und Vernunft erwarten, sich selbst aber ganz unneutral, subjektiv und unvernünftig an derartig öder Matschmusik erfreuen?
    Herzlichst, jk

    Antworten

    • 10. Juni 2009 um 20:08 Uhr
    • Jan Kühnemund
  4. 12.

    An alle Placebo Fans da draußen,

    Battle For The Sun ist ein Album voll mit Lieblingsliedern einer Band, die sich weiterentwickelt hat. Wie kann man dieses Album nur Scheiße finden? Ich bin ratlos.

    Ich danke dem lieben Gott (und ich bin nicht gläubig), dass es diese Band gibt und sie diesen Schlagzeuger engagiert haben. Der rockt mal richtig. Konzertkarten sind gekauft. Und liebster Kühnemund, gut, dass Geschmäcker unterschiedlich sind. Wäre nur Schade, wenn irgendjemand auf deine Meinung vertraut und diesem Album keine Chance gibt. Schon mal über eine Umschulung nachgedacht? Vielleicht in einen Bereich, wo deine Meinung nicht gefragt ist? Würde mich freuen.

    Liebste Grüße
    Sandra

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    • 16. Juni 2009 um 12:07 Uhr
    • Sandra Bescherer
  5. 13.

    Hm… die neue Placebo braucht Zeit, bevor sie sich richtig entfaltet. Diese Review scheint mir mehr ein “Battle Against Placebo” zu sein.

    Meine Wertung fiel da ganz anders aus:

    http://lieinthesound.wordpress.com/2009/06/03/placebos-befreiungsschlag-battle-for-the-sun/

    DifferentStars

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  6. 14.

    Placebo alt – Placebo neu, völlig egal – denn was interessieren mich die vergangenen Alben wenn wir in der Gegenwart leben?

    Die unsäglichen vergleiche mit alten Placebo-Scheiben nervt!

    Placebo ist in 2009 angekommen und liefern mit “Battle of the Sun” durchaus einen Soundtrack für den Sommer 2009.

    ..und wie kommentierte ein Freund diesen Beitrag von Herrn Kühnemund:
    ..über Musik zu schreiben ist wie zu Architektur zu tanzen!

    Fazit: kaufen, lauschen, genießen!

    Antworten

    • 18. Juni 2009 um 08:10 Uhr
    • Tom
  7. 15.

    Hm, ich kann mich meinen Vorpostern nur anschliessen. Meine Placebophase war eigentlich schon lange vorbei, aber als ich sie live bei Rock am Ring erleben durfte (und…alle Festivalbesucher als “bierselige Mitsinger” abzustempeln finde ich im Übrigen etwas oberflächlich) ist sie wieder zum Leben erwacht.

    Zugegebenermassen muss man sich wohl etwas ins neue Album reinhören, und etwas poppiger ist es auch geworden. “Ashtray Heart” ist für meinen Geschmack etwas zu mainstream-lastig, und “bright lights” hatte ich gleich wieder vergessen. Aber ansonsten könnte jedes einzelne Lied in meine Lieblings-playlist aufgenommen werden.

    Das Cover finde ich auch nicht so ganz geglückt, aber ich kann nur zustimmen, dass mir diese Schlichtheit bedeutend lieber ist, als was sich sonst so alles in den Regalen tümmelt.

    Die Wandlung der Band gefällt mir sehr, die neu gewonnene Fröhlichkeit steht ihr (ob der neue Drummer Schuld ist?). Allerdings haben auch die dunkleren Alben ihren ganz eigenen Reiz gehabt.

    Und nun zur Rezension: natürlich darf jeder seine Meinung vertreten aber dann bitte etwas differenzierter (bei Niemandem ist “alles scheisse…”), und immer mit dem Gedanken, dass sie persönlich ist. Man sollte nicht so überheblich sein und denken, dass diese allgemeingültig ist (“es ist ihr erster vollständig misslungener Versuch”-scheinen ja einige Menschen anders zu sehen, wenn ich mir die Vorposts so durchlese).

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    • 18. Juni 2009 um 11:35 Uhr
    • Maud
  8. 16.

    Das Album IST es. Die Texte SIND es.
    Es IST Placebo.
    Jeder Künstler verändert sich im Laufe der Jahre, aber der innerste Kern von Placebo ist geblieben. Nach dreimaligen Anhören des Albums war ich davon überzeugt und ich bin es auch jetzt noch. (nach mindestens 15maligem Anhören ;)
    Da gibts kein dazwischen….vllt mag mancher enttäuscht sein, aber ich bins auf keinen Fall. Das Album hat mich sofort entflammt, im positivsten Sinne überrascht und mitgerrissen. :)

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    • 22. Juni 2009 um 22:18 Uhr
    • Lavendel
  9. Kommentar zum Thema

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