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Komm, Honigtäubchen!

 

Darf nur die Jugend von Sex singen? Schon James Brown und Marvin Gaye stimmten dagegen. Nun bekräftigt der Altmeister Lee Fields, wieviel Soul ein 50-Jähriger haben kann.

Unser Audioplayer wird derzeit überarbeitet
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Ende Dreißig war James Brown, als er Sex Machine aufnahm. In den folgenden beinahe 40 weiteren Jahren seines Lebens mag er das Lied noch tausend, zehntausend Mal gesungen haben, mit 51, mit 64, und sicher auch noch mit 73.

Oder Marvin Gaye. „Ooh baby, I’m hot just like an oven / I need some lovin‘ / And baby, I can’t hold it much longer / It’s getting stronger and stronger / And when I get that feeling / I want sexual healing„, raunte er Anfang der Achtziger, da war er etwas über 40. Und hätte sein Vater es nicht mit dem Schießeisen verhindert, Marvin Gaye sänge das Lied wohl noch heute, er wäre 70.

Was in vielen anderen Genres albern klingt, scheint im Soul kein Problem zu sein: Gealterte Männer, die sich frühpubertär aufführen und die Liebste(n) lüstern ins Bett singen. Ganz ohne jedes Augenzwinkern. Wie wird wohl Robbie Williams klingen, wenn er im Rentenalter von jungen Dingern fabuliert?

Auch Lee Fields ist kein Spund mehr. Die Jugend verbrachte er in den Sechzigern, heißt es, in einem Kaff in North Carolina. Ende 50 mag er heute sein. Inbrünstig schmachtet auch er die Ladies an, die hübschen, die „lovely Ladies, beautiful Ladies.“ Die Damen, die man zu diesen Zeilen vor Augen hat, sind nicht halb so alt wie der Sänger. „Hey honey, I got something to tell you„, brummt er gleich zu Beginn, „uuhuuhuu, baby, ye-he-he-hea!“ Später singt er sein Honigtäubchen an. Puh.

© Phillip Lehman
© Phillip Lehman

Seit 40 Jahren macht Lee Fields Musik, meist unerkannt. Ein halbes Jahr sang er mal mit Kool & The Gang. Die Produzenten Jeff Silverman und Leon Michels holten ihn zurück ins Rampenlicht. Sie gründeten im Jahr 2004 ihr Label Truth & Soul, um butterweichen Soul auf Platte zu bringen, nach dem Vorbild der perfekten Klänge der Moments, der Delfonics und der Stylistics. „Musik“, sagen sie, „robust wie ein Nagel, süß wie Honig“. Lee Fields hatte zuvor schon einige Singles bei dem New Yorker Funk-Label Daptone aufgenommen, sein Soul passte haargenau zu den Vorstellungen von Silverman und Michels.

Und so klingt Lee Fields Soul auf My World, seinem ersten Album für Truth & Soul: Hier schneidiger Memphis-Soul, schwül und temperamentvoll, berstend von Melodie, getrieben von funkensprühenden Hörnern und Orgeln. Und dort schleppende Rhythmen, zerzauste Bläser, Glockenläuten. „My world is empty without you„, haucht die Band vielstimmig zu einem beschwingten Bossasoul, Lee Fields Stimme zerschneidet die Harmonie. Butterweich, dann rauchig in den hohen Lagen. Er hat aber auch zu klagen.

My World ist ergreifend nostalgisch. Da sind Brüche und Verschiebungen zwischen Text und Zitat, sie machen die ganze Sache unterhaltsam. Schon das erste Stück Do You Love Me (Like You Say You Do) lebt von einem Orgellauf, den in den Sechzigern so wohl niemand eingestreut hätte. Und auch das schleifenartige Motiv von Money I$ King klingt ganz und gar modern. Viele der Stücke sind selbst Zitate, sie erschienen schon in anderer Form, etwa auf früheren Platten von Lee Fields oder als Instrumentalversionen auf Platten seiner Band The Expressions.

Und der große deutsche Soulbarde Udo Jürgens? Dem ist das alles nicht geheuer. In einem Interview anlässlich seines bevorstehenden 75. Geburtstags sagte er: „Sex ist das Vorrecht der Jugend. Ich finde es geschmacklos, wenn ältere Menschen ihr Intimleben öffentlich ausbreiten.“ Lee Fields wird das kaum kümmern, James Brown und Marvin Gaye ja ohnehin nicht.

„My World“ von Lee Fields & The Expressions ist auf CD und LP bei Truth & Soul Recordings/Groove Attack erschienen