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ICE hieß Sex Machine

 

Über die Jahre (54): James Brown und seine Band verwandelten Anfang der Siebziger den Soul von einem Bummelzug in einen Express

Cover
 
James Brown – Medley
 
Von dem Album: Love Power Peace Polygram 1971
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Bitte einsteigen! Vorsicht an der Bahnsteigkante! Im Frühjahr 1971 sind James Brown und sein Soul-Express unterwegs durch die Konzerthallen Europas. Heute Abend hält er in der Musikhalle Olympia in Paris. Die Fahrgäste tummeln sich am Bahnsteig, der Zug ist pünktlich. Die Band setzt mit einem dramatischen Tusch ein. „The James Brown Show!„, kreischt Bobby Byrd, der ewige Schaffner des Soul. Das ist das Signal zur Abfahrt.

Schnaufend setzt sich die Lok in Bewegung. Das Bordbistro bleibt heute geschlossen, Reservierungen entfallen. Schon nach wenigen Metern lässt James Brown die Bremsen abklemmen. Die französischen Reisegäste wissen nicht, wie ihnen geschieht. James Brown und seine Band pfeifen auf Anschlusszüge und Wartezeiten. Dieser Zug kennt nur eine Richtung, und der Funk stellt die Weichen.

Im Führerstand peitscht der Lokführer des Soul seine Mannschaft zu Höchstleistungen an: „Fellas, can I go to the bridge?!“ – „Yeah!“ Was sonst? Tarifverhandlungen sind überflüssig, der Mann ist seine eigene Gewerkschaft. Wer sich verspielt, landet im Aschkasten. Die Band schwitzt und schaufelt unentwegt Kohlen nach: Bootsy Collins am Bass, blutjung und unberechenbar, daneben sein Bruder Phelps an der Gitarre. Damit die Feuerbüchse auch ordentlich dampft, hat James Brown gleich zwei Schlagzeuger engagiert. Die Bläser sorgen für Hochdruck im Zylinder. Es ist die heißeste Kapelle der Welt.

Gemeinsam mit seinen Mitarbeitern, den JB’s, hatte Bahnchef Brown die Soulmusik erst kürzlich von einem Bummelzug in einen Express verwandelt. Brown ließ das Schienennetz neu verlegen und den Fahrplan straffen. Die neuen Hochgeschwindigkeitszüge des Jahres 1971 heißen Sex Machine, Give It Up Or Turnit A Loose oder Super Bad. Dagegen wirkt die restliche Popmusik wie eine Draisine.

Lokführer James Brown im März 1971Lokführer James Brown im März 1971 (Copyright: Hulton Archive/Getty Images)

Die Lokomotive schnauft. Es geht bergauf: James Brown steckt den Kopf aus dem Führerstand und lässt sich den Wind um die Nase wehen: „Just an old sweet song / keeps Georgia on my mind.“ Dann nimmt der Zug wieder Fahrt auf. Mit irrwitziger Geschwindigkeit spielt sich die Band durch die wichtigsten Stationen. Häufig bleibt nur Zeit für kurze Zwischenstopps: die Ballade Try Me fliegt vorbei, der alte Heuler Please Please Please wird nur kurz angefahren. Verspätungen kann sich dieser Zug nicht leisten. Nur für It’s a Man’s Man’s Man’s World bleibt der Express einige Minuten dampfend auf den Schienen stehen. Der Lokführer stellt seine Mannschaft vor und fordert „Raise your hand!„. Er ist jetzt schon heiser vom Anschreien gegen den Fahrtwind. Die Passagiere jubeln, die wilde Fahrt wird zum Gottesdienst auf Rädern. Soul Power – dieser Zug fährt mit Seelenkraft.

When we say get up, what do we mean?„, ruft James Brown durch die Sprechanlage. Dann schmeißt die Band die Sex Machine an. Ein Ruck geht durch den Zug, die Franzosen kreischen vor Vergnügen. Die Lokomotive hüpft, springt fast aus den Gleisen. Die Ventile glühen. Stoppzeichen werden überfahren, der Zug ist nicht mehr zu halten. Später wollen Augenzeugen gesehen haben, wie sich eine Pariser Dame ihrer Kleider entledigt. Es wurde ihr einfach zu heiß im Abteil.

Mit quietschenden Reifen fährt der Zug schließlich im Pariser Olympia ein. Der Lokführer steigt aus dem Führerstand und lässt sich vom Schaffner Bobby Byrd gebührend verabschieden: „Hard working! James Brown!„. Die Fahrgäste rufen noch minutenlang seinen Namen. Vier Jahre später lässt der Lokführer James Brown den Express abkoppeln und sattelt auf den Einschienenverkehr um. It’s Not The Express, It’s the JB’s Monorail, so lautet der Titel einer Single aus dem Jahr 1974. Bootsy Collins und seine Heizer arbeiten da schon längst für das Konkurrenzunternehmen von George Clinton. Raumschiffe brauchen keine Kohlen.

„Love Power Peace – Live At The Olympia, Paris, 1971“ von James Brown ist bei Polygram erschienen. Soeben wurden bei Hip-O Select die gesammelten Singles der Jahre 1970-1972 wiederveröffentlicht.

Eine vollständige Liste der bisher in der Rubrik ÜBER DIE JAHRE besprochenen Platten finden Sie hier.

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1 Kommentar


  1. […] Dreißig war James Brown, als er Sex Machine aufnahm. In den folgenden beinahe vierzig weiteren Jahren seines Lebens mag er […]

 

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