Musik zwischen Disko und Diskurs

Trümmerbruch in der Disco

Von 27. Januar 2012 um 12:06 Uhr

Mal wieder die Ohren durchpfeifen lassen? Dieser elektronische Berserker namens Skrillex hat goldene Produzentenhände. Er ist völlig zurecht für fünf Grammys nominiert.

© Ethan Saks

Echte Stilbrüche muss man mutig vollziehen, sonst sind sie nutzlos. Sonny John Moore wagt sogar den Trümmerbruch, Tendenz zur Pulverisierung, die Umwertung aller Werte. Wenn seine Biografie nämlich nicht ebenso artifiziell ist wie seine Platten, muss der 24-Jährige vor gar nicht langer Zeit als Singer/Songwriter durch den Westen gereist sein. Ein Mann, seine Gefühle, die Wandergitarre – weiter könnte das Bild nicht von dem entfernt sein, was der elektronische Berserker unterm Künstlernamen Skrillex seit drei, vier Jahren veranstaltet.

Andererseits: Mit Worten ist auch seine klangliche Gegenwart kaum zu beschreiben. Brostep haben sich findige Labelsucher dafür ausgedacht, eine Art radikalisierter Dubstep, mit weniger unterschwelligem Bass, dafür umso mehr mittel- bis hochschwelligem Krach. Brostep ist ein tanzbares Chaos voller Klangfragmente, die eher miteinander ringen, als ineinander zu wirken, drei- bis fünfminütige Zuritte unzähmbarer Wildpferde, wenn man so will. Und Skrillex ist einer der besten Cowboys der Ranch.

Skrillex – First Of the Year (Equinox)

Nach dem weltweit beachteten Dance-Track Scary Monsters and Nice Sprites von der gleichnamigen EP, die am 12. Februar in gleich fünf Kategorien um Grammys kämpft, verdichtet er sein Talent zur Sortierung des Unsortierbaren jetzt noch ein wenig weiter. Denn seine fünfte Platte in gut zwei Jahren, die EP Bangarang, stellt in dem Unterfangen die vielleicht größte Ordnungsleistung der Popgeschichte dar: Durch die koordinierenden Hände dieses jungen Diskjockeys, der seine alten Schallplatten längst gegen Sequenzer, Kaossilator, Keyboard, Groovebox, also digitale Surrogate analoger Tonerzeugung getauscht hat, scheint tatsächlich ein Plan ins Durcheinander der Samples, Sounds und Instrumente zu geraten.

Und wenn das Prinzip elektronischer Töne in dieser Anordnung die strukturierte Verwirrung des Partyvolks ist, ein abendliches Tanzflächentrainingslager der Bauch-Verstand-Koordination, dann beherrscht Skrillex die ganz hohe Schule. Er macht aus dem akustischen Stahlbad eine erfrischende Klangdusche, die weder abstumpft noch einlullt. Sie spült einem die Ohren mit grobkörnigem Zeugs durch, aber nach Ohrenspülungen hört man bekanntlich besser.

Scary Monsters And Nice Sprites EP by Skrillex

Zuhause im Wohnzimmer, ohne das sensorisch sedierende Umfeld von Licht- und Bildershows, mag das so befremdlich wirken wie Rammstein zum Frühstück. Doch es lohnt sich selbst dann. Bangarang ist wie eine Fünf in Mathe, bei der alle Ergebnisse stimmen, aber kein Rechenweg. Man versteht – unter Einsatz von Alkohol, Adrenalin und was noch so berauscht – sehr genau, was Skrillez da mit uns macht: die frühen Chemical Brothers mit spätem Metalcore zu vereinen, Aphex Twin, The Prodigy und aktuelle AraabMUZIK mit Gitarren-Soli, Industrial-Geräuschen, R’n'B-Samples oder – wie in Breakn’ A Sweat – sich selbst mit den ergrauten Psychorockern The Doors. Nur wie genau er das macht, bleibt uns verborgen. Egal.

Zumal er wenig Worte benötigt, um sein Publikum zu unterhalten. Der Sticker Parental Advisory auf dem morbiden Cover ist da so sinnvoll, als warnte ein Schild am Hochsicherheitstrakt vor gefährlichen Gefangenen im Innern: Weiß jeder, ändert aber nichts. Bei Skrillex weiß man wenig und es ändert alles. Solche Brüche machen Musik groß.

“Bangarang” von Skrillex ist erschienen bei OWSLA/Big Beat.

Kategorien: Elektronika
Leser-Kommentare
  1. 49.

    Da fühlen sich wohl einige Herrschaften in ihrer isolierten Einzigartigkeit bedroht, wenn plötzlich mehr als drei Menschen auf dem Planeten “ihre” Musikrichtung hören.
    Auch wenn sich das quasi durch alle Genres zieht, ist es doch immer wieder wesentlich unterhaltsamer als das Abendprogramm im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Und es ist eine Ode an diese innovative Musikrichtung, dass so emotional darüber “disktuiert” wird.
    Sehr amüsant, meine Damen und Herren. Bitte mehr davon. Vielleicht beschert uns das ja in den kommenden Jahren einige neue Perlen in Sachen Dubstep. Ich würde das begrüßen, auch wenn es nicht zwingend von Skrillex kommen muss.

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    • 30. Januar 2012 um 09:56 Uhr
    • BuzzJoe
  2. 50.

    Genauso wie Skrillex mit einfachen aber soundtechnisch hochgepumpten Melodien Effekthascherei betreibt, so liest sich dieser Artikel:

    Mit zahlosen, nervigen Metaphern (=Effekthascherei) unterlegt, lobt der Autor den Künstler ausnahmlos in den Himmel, so dass man sich fragt: ist hier ein Messias geboren?

    Ein Verweis auf Künstler wie Spor (aka Feed Me) oder Noisia würde dem Artikel gut tun. Denn bei genauer Studie dieser europäischen Monster-Producer merkt man: Skrillex hat mit seinen Tracks das Bass-Rad nicht neu erfunden, sondern eher schlecht kopiert, amerikanisiert und für 15-jährige Teenies zugänglich gemacht..

    (Von der Redaktion gekürzt: Bitte halten Sie sich an unsere Netiquette und unterlassen Unterstellungen und Beleidigungen.)

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    • 30. Januar 2012 um 11:21 Uhr
    • über
  3. 51.

    Put a fookin donk on it!

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    • 30. Januar 2012 um 23:52 Uhr
    • Risotto_Ronny
  4. 52.

    Ich konnte mich sehr über die vom Artikel hervorgerufene Diskussion erfreuen. Leider merkt man hier doch sehr schnell, wer auch nur ein bisschen Ahnung von elektronischer Musik hat und wer nicht, und wer sich vor allem aktiv mit der gegenwärtigen, damit zusammenhängenden Kultur beschäftigt.

    @Bäm
    “Denn objektiv(!) betrachtet kann man nur festhalten, dass Skrillex frischen Wind in ein eher abgehangenes Musik-Genre bringt[...]”

    Wer solche Aussagen mit vollem Ernst von sich gibt, ist schlichtweg sehr sehr weit vom aktuellen Geschehen elektronischer Musik entfernt und hat davon einfach keine Ahnung. Das letzte Jahr hat gezeigt in welchem großartigen und niveauvollem Ausmaß sich die Post-Dubstep und UK-House Szene in Europas Clubkultur verankert hat. Es entstehen Verbindungen zwischen Berlin und London, musikalische Hybride zwischen englischem Dubstep und deutschem Techno. Neue Musik durch Globalisierung (im positiven Sinne) und nicht durch Trivialisierung. Hier ist künstlerisch etwas im Gange und es wird hochmoderne Musik gemacht. Die Musik beinhaltet Referenzen und eine Ausdrucksfähigkeit, die man bei Skrillex wohl kaum erkennen kann. Er schafft es allerdings erstaunlich gut Stereotypen elektronischer Musik ins Unendliche zu banalisieren und der Masse zugänglich zu machen. Wo ist hier die goldene Produzentenhand? Jerry Cotton vs. Ernest Hemingway…

    Willkommen in der Trivial-Kultur Rubrik der Zeit-Online Präsenz. Ich bin enttäuscht welches Niveau dieser Artikel in einer sonst doch sehr von mir geschätzten Zeitung enthält.

    Liebe Redaktion: Lest mal ein wenig De:Bug (http://de-bug.de/)! Da könnt ihr vielleicht bisschen was lernen :)

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    • 1. Februar 2012 um 13:21 Uhr
    • jonas
  5. 53.

    Witzig zu sehen, daß solche Schwanzvergleichs-Diskussionen nicht nur in Hip Hop und Metal üblich sind, sondern scheinbar auch bei elektronischer Musik.

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  6. 54.

    Diese ganze Diskussion wurde eigentlich schon geführt, und eig. wurde auch schon alles gesagt:
    - Die Zeit Redaktion hat keine Ahnung von “-step”
    - Sie versucht nur einem Hype aufzuspringen und möglichst Jugendlich zu wirken
    - Die De:Bug ist wesentlich niveauvoller und ihre Polemik unterhaltsam:
    http://de-bug.de/mag/8692.html
    - etc.

    Nun möchte ich hier nicht noch mehr auf diesen schlechten Artikel eingehen, sondern widme mich gleich den Kommentaren:
    Natürlich gibt es bei jeder Musikrichtung diesen versuch zwanghaft Underground zu bleiben, teilweise berechtigt da dadurch die Musik stärker vermarktet, der Künstler seine Autonomie verliert und eben schlechter wird. Underground um des Underground willen ist dumm, das wissen denke ich die meisten.
    Aber UKF Dubstep, Skrillex, Rusko etc.. haben Dubstep nicht innovativ weiterentwickelt, sondern wie schon gesagt wurde, vernichtet. Wobble gab’s schon im D’n'B und der neue Dubstep besteht zu 95% aus Wobbles, nicht neues also. Ich liebe den Dungeon Style(Kryptic Minds, Biome, TZR etc.), doch kann ich mich auch für neue Entwicklungen begeistern, wenn sie den gut sind. Hierfür gibt es viele Beispiele: Burial, James Blake, Ikonika, Kode 9, Untold etc.., sprich vorallem Labels wie Hyperdub, Hessle Audio, R&S Records etc…
    Ich weiß nicht was das Theater soll von wegen schon wieder eine Subkultur die rebelliert und versucht das unvermeidbare, den Tod ihrer subkultur, zu vermeiden. Es geht hier schlicht und einfach darum, das ein Begriff gerettet werden soll, der sich von seinem Gegenstand entfernt hat: Dubstep
    Eine Musik die sehr experimentell und daher schwer zu kategorisieren ist, daher der berühmte ausspruch: “Bass&Space”
    Der Begriff Brostep für die kommerzielle Version des Dubstep wird sich nicht durchsetzen, bzw. hat sich nicht durchgesetzt, daher der ganze Streit. Es ist echt deprimierend was auf dem Schulhof als Dubstep dargeboten wird. Jetzt warte ich eig. nur noch darauf, das die Dubstep party, die alle 3 Monate in Nürnberg stattfindet, auch noch mies wird.

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    • 13. März 2012 um 12:08 Uhr
    • J
  7. 55.

    Skrillex verhält sich zu Dubstep wie Scooter zu Techno

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    • 18. März 2012 um 21:11 Uhr
    • Emanuel Berger
  8. 56.

    Also für mich ist seine Musik eine reinste Wohltat, egal in welcher Verfassung ich mich befinde und zu welchem Zweck ich sie höre. Ich würde also einfach mal sagen, unterschiedliche Wahrnehmungen…. ;)

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    • 14. Mai 2012 um 00:40 Uhr
    • Musicalement Maniaque
  9. Kommentar zum Thema

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