Das Musik-Blog zwischen Disko und Diskurs

Lass es durchlaufen

Von 19. März 2012 um 14:43 Uhr

Auf seiner neuen Platte mixt der Berliner DJ Fritz Kalkbrenner Funk, House und Hip-Hop. Offen bleibt dabei, ob das Musik für die Sitzecke oder den Club ist.

© Marie Staggat

DJs kennen das, DJs hassen das. “Kannste so durchlaufen lassen”, hören sie öfters, wenn ihnen jemand, der andere Beschallungsvorstellungen als die dargebotenen hat, auf Privatpartys eine CD aufs Pult legt. Gut, Fritz Kalkbrenner dürfte das kaum widerfahren, seit er die hippen Clubs des Kontinents beschallt. Aber DJs wie er sind eben in gewisser Weise mitschuldig an der Selbstentmündigung ihrer Branche durchs Publikum. Dann jedenfalls, wenn sie Platten machen wie Suol Mates, Auftakt einer CD-Reihe des Berliner Elektrolabels Suol. Man kann es so durchlaufen lassen.

Das zweite eigenständige Album des an Jahren und Popularität kleineren Bruders vom großen Paul Kalkbrenner ist nämlich nicht nur eine versierte, man könnte fast sagen: abgebrühte Kompilation verschiedener Stile von Funk, Soul, R’n’B bis Deep House, Beat Pop, Hip-Hop, dem ewigen Steckenpferd des Berliners. Der Produzent mischt all dies auch noch zur One-Track-CD ab: Die Übergänge sind fließend, die Stimmung ist lässig, der Beat treibend, das Ziel lautet – Disco.

Für daheim, für andere, aber für wo genau? Und für wen? Die Frage stellt sich beim strukturierten Elektro-House mehr als beim flächigen Techno, auf konzeptionellen Alben zudem mehr als auf den anknüpfungsfähigen Formaten EP und Maxi. Fritz Kalkbrenner fügt vom 79er Funk-Classic Johnson Jumpin über 13 Jahre alten Chicago House von Boo Williams bis zum neuen Neosoul When everything changed 18 Stücke anderer zu zwei eigenen Remixen wie Ruby Lee hinzu und kann sich doch nie entscheiden, ob er ein DJ-Set vor Publikum simuliert oder ein modernes Mixtape für zu Hause.

Somit hängt Suol Mates irgendwie haltlos zwischen Tanzhalle und Sitzecke. Intelligent montiert, mit viel Gespür für Nahtstellen und dem, was man Flow nennt und in jeder Feierabend-Lounge für Bewegung sorgt, wirkt es auf beiden Ebenen sonderbar deplatziert: im großen Kontext des Raves zu klein, im privaten des Home-Entertainments zu groß.

Aber vielleicht ist dieses Dilemma konservierten Partygefühls auf Tonträgern ja unauflösbar: Dem, was man in diesem Genre so durchlaufen lassen kann, fehlt oft das emotionale Element des DJs bei der Arbeit. Da hilft nur eins: Fritz Kalkbrenner live erleben und hoffen, dass er zwischen Boxentürmen mehr auslöst als beschwingtes Mitwippen.

“Suol Mates” von Fritz Kalkbrenner ist erschienen bei Suol Music/Rough Trade.

Aus der ZEIT Nr. 12/2012

Kategorien: Funk, Hip-Hop, House
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Die Kalkbrenner-Brüder werden meines Erachtens reichlich überbewertet … geschuldet dem Erfolg des Films Berlin Calling.

  2. 2.

    Das Dilemma der DJ`s. Leider bleiben sie nur Wasserträger der “echten” Musiker.
    Jeder, wirklich jeder mit ein paar Soundprogrammen und einem PC ist in der Lage solche Tracks zu basteln.Also reduziert sich alles auf einen bestimmten Style, den Rest besorgt der Computer.Gäääähn.

    • 19. März 2012 um 19:50 Uhr
    • Hermez
  3. 3.

    Da kann ich Mc-Noise nur beipflichten.
    Kalkbrenner steht für ein Klientel das gerne auch Gucci-Raver genannt wird. Der DJ als Superstar wurde mit der Loveparade beerdigt (als Camel das Sponsoring übernahm). Innovation ist Mangelware. Klingt für mich leider nach 10 Jahre stillstand. Wie hieß es doch so schön?: “3x dabei, bitte nicht wiederwählen”.

    • 19. März 2012 um 20:11 Uhr
    • von-Rauschen
  4. 4.

    Es geht um die Musik. Nicht um Bewertung. Wems gefällt, der soll sie hören. Wers nicht mag, der soll was anderes machen . . .

    • 19. März 2012 um 20:27 Uhr
    • C90
  5. 5.

    Das sehe ich nicht so. Von dem Film hat hauptsächlich Paul Kalkbrenner profitiert, auch von dem Hit “Sky and Sand”, obwohl dieser ohne die Vocals von Fritz unvorstellbar wäre.
    Ich finde, dass gerade Fritz seinen Erfolg sich erarbeitet hat und das durch wirklich gute Produktionen.

    Zum Artikel:
    “Da hilft nur eins: Fritz Kalkbrenner live erleben und hoffen, dass er zwischen Boxentürmen mehr auslöst als beschwingtes Mitwippen.”
    Ein Muss ihn einmal Live zu sehen. Wirklich sehr sehr gut.

  6. 6.

    Auf keinsten!

    • 19. März 2012 um 22:04 Uhr
    • Burmuda
  7. 7.

    @Mc-Noise.
    find’ ich auch.

    • 19. März 2012 um 22:29 Uhr
    • barfly
  8. 8.

    ^^ ganz sicher nicht, beide haben ihren Stil und der ist ziemlich einzigartig.

    • 19. März 2012 um 23:12 Uhr
    • Ich
  9. Kommentar zum Thema

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