Das Musik-Blog zwischen Disko und Diskurs

Oh, wie schön klingt Arizona

Von 22. Juni 2012 um 08:22 Uhr

Howe Gelb zeigt seinen einstigen Kumpels von Calexico, was ein echtes Americana-Album ist: Sein neues Werk “Tucson” ist die erste Country-Rock-Oper der Musikgeschichte.

© HoweGelb.com

Vielleicht hat es Howe Gelb ja tatsächlich gewurmt. Dass die Würstchen, die er gnädigerweise einst in seine großartige Band aufgenommen hatte, sich einbildeten, sie könnten das große amerikanische Erbe ebenso gut verwalten wie er. Dass diese Typen dann mit ihrem Nebenprojekt auch noch erfolgreicher wurden als der Meister selbst. Also hat er diese undankbaren Gesellen gefeuert.

Und nun beweist er ihnen nicht nur, dass der alte Mann es noch drauf hat. Sondern zeigt den selbstgefälligen Epigonen, dass er mal eben ganz locker aus dem Ärmel schüttelt, womit Calexico, die übrigens im September ihr neues Albums Algiers herausbringen werden, eine große Nummer wurden.

Giant Giant Sand – Forever And A Day

Zugegeben, es braucht wohl ein gehöriges Maß an unsachgemäßer Küchenpsychologie, um die Geschichte von Howe Gelb, seiner nun schon 27 Jahre alten Band Giant Sand und seinen langjährigen Mitspielern Joey Burns und John Convertino, die heute als Calexico die Sehnsucht der Europäer nach mythischer amerikanischer Weite befriedigen, so zu interpretieren. Das neueste Werk des mittlerweile 55-jährigen Gelb, den man getrost bezeichnen kann als wichtigsten Begründer dessen, was wir heute Americana nennen, aber legt so eine Auslegung zumindest nahe.

Howe Gelbs kleines Orchester (© Cargo)

Für das Album Tucson, benannt nach der Stadt in Arizona, in der Gelb lebt, hat er seine Band nicht nur in Giant Giant Sand umbenannt, sondern mit Streichern, Bläsern, Steel Guitar und Gastsängern zu einem zwölfköpfigen Alt-Rock-Orchester aufgeplustert. Mit dem hat er 19 Songs eingespielt, die sich, so der Untertitel, zur ersten “Country Rock Opera” der Musikgeschichte zusammenfügen. In dem Epos erzählt Gelb die Reise eines “halb ergrauten Mannes mit jungshafter Naivität”, die den Protagonisten ins Gefängnis und zu neuer Liebe führt.

Ungefähr ein Jahrzehnt, nachdem er den Gitarristen Burns und den Schlagzeuger Convertino aus seiner Band geschmissen hat, scheint er ihnen mit dem ihm eigenen, verschrobenen Größenwahn sagen zu wollen: Das, was Calexico so gut können, habt Ihr alles von mir gelernt. Nämlich schicke Americana mit Tex-Mex-Flair und Jazz-Vibe, mit Bläsern und Streichern, üppigen Arrangements und einem staubigen Geschmack. Musik, die als Sound-Tapete ebenso funktioniert wie als musikalische Fernreise. Songs, die eifrig amerikanische Klischees reproduzieren und doch nie zur Karikatur verkommen.

Giant Giant Sand – Detained

Das alles konnten Giant Sand zwar auch schon immer, aber der erratische Gelb neigte bislang immer wieder dazu, seine Ideen allzu sehr ausufern zu lassen. Die hübschesten Songs wurden eben nicht prächtig ausgestattet, sondern lieber schnell hingehuscht wie eine Skizze, bevor sich Gelb der nächsten Eingebung widmete. Als hätte er Angst vor dem Erfolg, den schließlich Calexico ernten durften.

Diese Angst hat Gelb nun offenbar abgelegt: Tucson ist ein wundervolles Country-Rock-Album mit schläfrigem Roots Rock und schummrigem Bar-Jazz. Nun singt der Kuchen selbst, die Krümel müssen erst einmal schweigen.

“Tucson” von Giant Giant Sand ist erschienen bei Fire Records/Cargo.

Kategorien: Country, Folk, Rock
Leser-Kommentare
  1. 9.

    Muss der Kritik von Don Alberto recht geben: Der vermeintliche Konkurrenzkampf Giant Sand vs. Calexico wird in dieser Besprechung zu sehr in den Fokus gerückt.

    Aber wo wir schon einmal dabei sind: Calexico gefällt mir dann doch um Längen besser – düsterer, experimenteller und somit irgendwie “deeper”, wie man so schön sagt…

  2. 10.

    Genau! Einfach mal zuhören!
    Und: Die Krümel sind klasse, doch es lebe der Maestro.

    • 24. Juni 2012 um 16:05 Uhr
    • Achim Kopf
  3. 11.

    na toll, giant sand auf den konflikt mit calexico zu reduzieren. das ist für mich keine musikkritik. und calexico sind keine “krümel”, sie sind lang eine lokal größe in tucson, und produzieren fantastische alben mit. sie nur auf ihr tex-mex und ihr mehr extrovertierten art (die auch eine berechtigung hat) zu reduzieren, ist gegenüber der band nicht fair. “übervater” howe gelb hat die wüste nicht für sich gepachtet – sein pech, wenn ihm der ehrgeiz gefehlt hat , “groß” rauszukommen.

  4. 12.

    Völliger Blödsinn, dass Howe Gelb Joey und John gefeuert hat. Als die ersten Calexico-Platten entstanden sind, waren beide immer noch Teil von Giant Sand.

    • 17. August 2012 um 12:03 Uhr
    • Heinrich Oehmsen
  5. 13.

    Weil diese Typen vom Nebenprojekt einfach begabter sind als der Meister.

    • 21. August 2012 um 21:31 Uhr
    • Kristian Gripenberg
  6. 14.

    Downloaded it and love it. Thanx for the review!

    • 30. Januar 2013 um 17:06 Uhr
    • Frank Andreas Runge
  7. Kommentar zum Thema

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