Das Musik-Blog zwischen Disko und Diskurs

Gitarrendruck statt Modernisierungsdruck

Von 9. November 2012 um 09:17 Uhr

Endlich mal ein Comeback, das nicht nach Geldnot klingt: Auf “King Animal” spielen Soundgarden so stark und metallisch verlötet, als hätten sie sich nie getrennt.

© Universal Music

Von allen fünf Sinnen baut unser Gehör am frühesten ab. Schon in jungen Jahren planiert das Grundrauschen moderner Zivilisation die Flimmerhärchen im Ohr, lange, bevor sich unsere Hornhaut krümmt, der Tastsinn erlahmt, Geschmäcker und Gerüche verfliegen. Für unser biografisches Empfinden ist es da ein Segen, dass viele Tonfolgen über den Umweg der Haut, des Magens, der ganzkörperlichen Aufnahme ins Langzeitgedächtnis dringen. Musik zum Beispiel lässt sich bekanntlich auch taktil empfinden. Besonders diese hier.

Denn es bedarf nur weniger Momente des ersten Tracks auf einer Platte, die lange Zeit keiner für möglich gehalten hatte, und alles ist wieder da: Diese stakkatoartigen Gitarrenflächen über einem kontradiktorisch vertrackten Schlagzeug, das unablässig gegen jedes Riff, jeden Chorus anzuarbeiten scheint und gerade dadurch alles so virtuos miteinander verlötet. Dazu diese Stimme, so druckvoll, so guttural, als nutze sie den ganzen Leib als Resonanzraum. Unterlegt von Bassläufen, die zwar unsichtbar erscheinen, aber unentrinnbar präsent.

Wenn all dies plötzlich zurück ins Gehirn dringt, wenn ein Klangteppich aus Wucht und Präzision an etwas längst Verschüttetes, lärmend Nachdrückliches gemahnt, wenn das allerdings keine verstaubte LP aus der hintersten Regalecke ist, sondern neu – dann haben Soundgarden wieder ein Album aufgenommen. Und was für eines.

Vom ersten Moment an räumt es sich beinahe wie auf den brillanten Grammy-Siegern Badmotorfinger und Superunknown den Weg übers Ohr bisweilen brachial in die Magengrube frei und fräst sich von dort weiter hoch ins musikalische Erinnerungsvermögen.

Beim emblematisch auf Heimkehr verweisenden Auftaktstück Been Away Too Long muss man sich zwar aufs Neue an Chris Cornells metallischen Gesang aus jener Epoche gewöhnen, die den Grunge frühzeitig zurück zum Hardrock-Start geführt hatte. Doch schon beim nachfolgenden Non State Actor drückt Kim Thayil seine Gitarre so grob und gleichsam filigran unter Matt Camerons Drums, die das alte Wechselspiel aus Mit- und Gegeneinander spätestens im jazzig verspielten Bones of Birds zu alter Stärke bringen, als hätte es die Bandauflösung nie gegeben.

Alles ist also fast wie immer und nichts daran ist auch nur annähernd so ärgerlich, wie man es bei manch anderem Comeback empfindet. Zum Ende hin mag King Animal etwas abbauen, als hätten sich die Endvierziger ein wenig quälen müssen, um volle Albumstärke zu erreichen. Doch – abgesehen vom Ursprung-Bassisten Yamamoto – annähernd in Originalbesetzung, gab es wohl selten zuvor eine Wiedervereinigung, die nach ewig zurückliegenden Erfolgen mit 21 Millionen Tonträgern so wenig nach Geldnot und Entzugserscheinung klang.

Produziert vom genreprägenden Weggefährten Adam Kasper (Nirvana, Pearl Jam, Foo Fighters), klingt King Animal stattdessen erfrischend nach einem Neuanfang ohne Selbstkorrekturen, ohne Modernisierungsdruck und falsche Profilneurosen. Wer das damals schon mochte, wird es heute lieben. Wer nicht, der nicht.

“King Animal” von Soundgarden ist erschienen bei Mercury.

Kategorien: Rock
Leser-Kommentare
  1. 1.

    cool. was für eine gute nachricht. endlich wieder ironiefreien authentischen rock hören. diese ganzen teeniehipster die so tun als wären sie joy division gingen mir schon viel zu lange auf den senkel…

    • 9. November 2012 um 12:13 Uhr
    • knus horlanski
  2. 2.

    Was für ein Klugschiß.. (falls Ihnen dieser Begriff überhaupt etwas sagt)

    • 9. November 2012 um 12:28 Uhr
    • Philo
  3. 3.

    Oh toll, die werd’ ich mir besorgen müssen!

    • 9. November 2012 um 12:55 Uhr
    • raffaelp
  4. 4.

    Zum Ende hin kommt mit “eyelid’s mouth” erst das Highlight der Platte :)

    Und das Comeback von ALICE IN CHAINS war nicht minder gelungen.

    Welcome back boys, men and grandfathers of rock!

  5. 5.

    Soundgarden? Neues Album?!

    geil…brauch ich!

    • 9. November 2012 um 16:19 Uhr
    • Anson
  6. 6.

    Das Album kommt nach dem ersten Durchhören (natürlich heute am Erscheinungstag gekauft!) als äußerst homogen, radaulüstern und mit dem erwarteten Mut zum Tritt in die Magengrube daher! Jedoch gewinnt es nach meinem Empfinden – im Gegensatz zum Autoren – gerade zum Ende hin an Substanz. Ich halte den Rausschmeißer-Song “Rowing” für das mit Abstand stärkste Stück des neuen Albums. Wäre ich der Produzent der Platte gewesen, hätte ich das als Track 1 gewählt. Das mag auch vielleicht auch daran liegen, dass es beim Plattenvorstellungskonzert am Mittwoch im Dortmunder FZW gleich zweimal gespielt wurde – einmal vor offiziellem Gigbeginn als Probe, dann zum Ende noch einmal regulär im Set. Und zweimal war es schlichtweg atemberaubend! Da klingen Bass und Gitarre derart mystisch-düster, wie es bislang höchstens Tool hinbekommen haben. Schön, dass Soundgarden jetzt endlich neues Material haben. Beim Festivalauftritt “Rock am Ring”/”Rock im Park” in diesem Sommer hatte das Best-of-Programm nur für die alten Fans echten Charme. Dank “King Animal” können nun neue, jüngere “nachwachsen”. Gut so!

    • 9. November 2012 um 23:10 Uhr
    • Tommytric
  7. 7.

    “king animal” ist wirklich ein tierisches album! der sound, die stücke u.
    die spieltechnisch excellente einspielung: da stimmt einfach alles. man
    könnte fast sagen, daß dieses werk die CD ist, die led zeppelin immer
    machen wollte, aber nicht gemacht hat…

    • 10. November 2012 um 16:51 Uhr
    • frillinx
  8. 8.

    Ich hab ja schon den glauben an alles verloren und gerade was an “musik” heutzutage einem zugemutet wird ist WENIGER als ne hand voll warmer scheisse, von diesen seltsamen geisteskranken instant menschen. diese platte verlängert meinen aufenthalt um eine weile auf diesem ettikierten
    pseudo planeten. heil soundgarden!!!! oh gott.jetzt werde ich bestimmt wieder zensiert, weil se den kontex wieder nich raffen..bin gespannt..viel spass an alle die soundgarden vermisst haben und die genialität dieser combo verinnerlicht haben!!! cheers

    • 13. November 2012 um 19:28 Uhr
    • hüttenkäse
  9. Kommentar zum Thema

    (erforderlich)

    (wird nicht veröffentlicht) (erforderlich)

    (erforderlich)