Das Musik-Blog zwischen Disko und Diskurs

Die dunkle Seele des Lennon-Clans

Von 10. Dezember 2012 um 10:19 Uhr

Gar nicht so leicht, mit John Lennon verwandt zu sein: Aber die junge Folk-Schamanin Chloe Charles hat Mut zur Eigenständigkeit.

© Clee Images

Wenn eine Sängerin als Stiefschwester von Julian Lennon und folglich weitläufige Verwandtschaft des Songwriter-Gottes John Lennon vorgestellt wird, geht ein großes Fenster der Erwartungen auf. Man denkt an die Beatles und Imagine – und ist erst einmal überrascht, es mit einer schwarzen Folk-Soul-Chanteuse aus Toronto zu tun zu bekommen.

Dabei wäre der Hinweis komplett überflüssig gewesen: Chloe Charles weiß von ganz allein zu überzeugen. Die Songs ihres Debütalbums Break The Balance sind von einer Delikatesse und Eigenständigkeit, als wollten sie dem Hörer im Vorübergehen zuwispern: Trau dich ruhig, ein bisschen kompliziert zu sein. Um das Komplizierte dann ungemein natürlich über die Rampe zu bringen.

Experimente, so die Autodidaktin und ehemalige Psychologiestudentin, bewahrten sie nun einmal vor Langeweile, und nichts sei langweiliger, als andere zu kopieren. Nein, all die Vergleiche mit Joni Mitchell, Feist oder Joanna Newsom in Ehren: Charles’ helle Kopfstimme und die leicht verzickten, von Geigen-Stakkati, Cello-Brummen und akustischen Gitarren untermalten Arrangements entwickeln eine ganz eigene, nervöse Aura.

Statt aufs Eingängige zu spekulieren, sind sie von einer elektrischen Unterkühltheit, die zunächst so gar nicht zur Anmutung von Chloe Charles als üppiger Hippie-Braut passen will. “Demons rock me from the inside of my body“, singt sie im Titeltrack, und das ist mehr als so dahingesagt: Immer wieder schleicht sie um die dunklen Ränder der Seele, selbst beim feenhaften Soon On A Snowflake sind die Schatten zu spüren.

Charles’ erklärtes Vorbild? Björk! Und tatsächlich, deren pantheistische Spiritualität klingt durch, wenn sie, mal bloß vom Geiger Davide Santi, mal von einer Folk-Combo im Stop-and-go-Rhythmus begleitet, die dunklen Wälder Kanadas durchstreift. Kein Zufall, dass die kleine Chloe das Singen am Teich ihres Großvaters erlernt haben will: Auf Break The Balance gibt es viel Naturmystik, Gott kommt als Kröte zu uns und die Soulsängerin als Schamanin – Let’s Get Naked! Aber auch diese offensiv vorgetragene Einladung bleibt vertrackt, denn das scheinbar Simple ist hier soundtechnisch wie kompositorisch mit allen Wassern gewaschen.

Schon Oscar Wilde wusste: “Die einfachen Dinge sind der letzte Trost komplizierter Menschen”.

“Break The Balance” von Chloe Charles ist erschienen bei Make My Day Records/Al!ve.

Aus der ZEIT Nr. 49/2012

Kategorien: Folk, Soul
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Stiefschwester von Julian Lennon ist gut. Wenn ich das richtig sehe, haben die beiden kein gemeinsames Blut in den Adern, da Cynthia Lennon und Noel Charles erst nach ihrer Geburt zusammengekommen sind. Mit John Lennon hat Chloe so viel zu tun wie Whitney Houston.

    • 10. Dezember 2012 um 10:45 Uhr
    • Steve
  2. 2.

    Hauptsache, mal einen Lennon-Clan erfinden. Die Headline hat gereicht, den Artikel nicht zu lesen.

  3. 3.

    wieso “dunkle” seite? wieso nicht einfach auf rassistische verlinkungen verzichten?
    und wieso ist sie eine “schamanin”? wegen der farbe ihrer haut? weil es in toronto üblich ist? oder für folk sängerinnen? fühlt sie sich dem schamanenkult (sofern es ihn so überhaupt gibt) verplfichtet?

    rassismus stinkt.

    • 10. Dezember 2012 um 11:33 Uhr
    • rachel
  4. 4.

    @rachel: Bitte lesen Sie den Artikel! Das Attribut “dunkel” bezieht sich nicht auf die Hautfarbe der Sängerin. Das ist wohl eher eine Freud’sche Unterstellung Ihrerseits. “Immer wieder schleicht sie um die dunklen Ränder der Seele…”
    Beste Grüße aus der Redaktion.

    • 10. Dezember 2012 um 11:38 Uhr
    • Rabea Weihser
  5. 5.

    @Kunstdirektor: Wie sinnvoll, einen Artikel zu kommentieren, ohne ihn gelesen zu haben. Vielen Dank für Ihren hochqualifizierten Beitrag.
    Grüße aus der Redaktion.

    • 10. Dezember 2012 um 11:39 Uhr
    • Rabea Weihser
  6. 6.

    Die Dame hat doch mit John Lennon garnichts zu tun. Sie sind nicht verwandt und sie ist nicht mal unter dem Einfluss von Lennon aufgewachsen.

    Also weder leiblicher Vater noch Adoptivvater.

    Was sollen diese Schülerartikel in letzter Zeit auf der Zeit?

    • 10. Dezember 2012 um 11:47 Uhr
    • Lena
  7. 7.

    Endlich mal wieder etwas Niveau und auch “Besonderes” in der ansonsten langweiligen stets gleich klingenden Popscene, wo sich nur minimalistisch der oder die eine vom anderen unterscheidet.

    • 10. Dezember 2012 um 12:09 Uhr
    • E.Moritz
  8. 8.

    und wie kommen sie aus der schamaninnen-sache wieder raus?

    (und über den rassistischen hintergrund von metaphern des “dunklen” lässt sich sprachwissenschaftlich und kulturhistorisch diskutieren)

    grüße von draußen.

    • 10. Dezember 2012 um 12:13 Uhr
    • rachel
  9. Kommentar zum Thema

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