Das Musik-Blog zwischen Disko und Diskurs

Reden bringt nichts, man muss ihn hören

Von 12. Dezember 2012 um 11:54 Uhr

Früher Heavy Metal, dann Chansons, jetzt Bastler: Eivind Aarset ist ein Jazzgitarrist, dem das Vorpreschen fremd ist. Seelenruhig fummelt er an jedem einzelnen Ton.

© eivindaarset.com

Er ist keiner von den Musikern, die sich nur kurz räuspern, und schon haben sie ihr Publikum am Haken. Keiner von den breitbeinigen Gitarristen, die einfach losbratzen. Das Platzhirschige, Vorpreschende ist Eivind Aarset fremd; er ist Musiker, Gitarrist, man muss ihn hören, und er tut wenig, um seinem Publikum den Zugang zu erleichtern.

Auf der Bühne verschanzt er sich mit seiner Gitarre hinter einem Tisch, auf dem er seine Geräte aufgebaut hat, Echos, Effekte, Rechner. Ein Ausstatter der Töne, er spielt nur wenige, doch jeden Ton behandelt er mit Sorgfalt. Den einen sägt er mit einer leichten Verzerrung an, dem anderen hängt er einen Echomantel um, einem dritten stellt er phasenversetzt ein Spiegelbild gegenüber. »Ich erforsche den Klang«, erklärt Aarset seine Vorgehensweise, »denn der Klang hat eine eigene Botschaft.« Jeder Ton zählt, und jeder hat seinen eigenen Charakter. Mit solcher Genauigkeit tastet er sich voran. »Es hat keinen Sinn«, sagt er, »immer wieder dieselben Sachen zu machen.«

Seit der 1961 in Drøbak am Oslofjord geborene Gitarrist den Heavy Metal hinter sich ließ, war er sehr gefragt: zusammen mit Ray Charles oder Ute Lemper, Arild Andersen oder Django Bates, Jon Hassell oder Rebekka Bakken. Ein größeres Publikum bemerkte ihn vor 15 Jahren, als er an der Seite von Nils Petter Molvær Improvisation, Elektronik und Tanzmusik ausbalancierte.

Gerade hat Aarset sein neues Album Dream Logic veröffentlicht. Zur selben Zeit ist er mit Flood zu hören, einem geistesverwandten Projekt rund um den norwegischen Schlagzeuger Thomas Strønen und den britischen Saxofonisten Iain Ballamy. Auf Dream Logic formuliert Aarset in Zusammenarbeit mit dem Live-Remixer Jan Bang seinen Standpunkt ganz radikal. Die Musik bewegt sich konsequent langsam, das traditionelle Gitarrespiel scheint nur mehr ferne Erinnerung zu sein.

Wie in Zeitlupe tauchen Einzelheiten auf, ein Orgelton oder ein gebrochener Akkord hier, ein Knistern, Bruchstücke einer Melodie, ein leises Schaben dort. Es geht um Atmosphäre, um präzise arrangierte Traumwelten, die aus dem Dunst der Klänge aufsteigen, um Entstehen und Vergehen, flüchtige Begegnungen mit Groove und Harmonie und das Abenteuer der Ungewissheit in der unendlichen Weite der Möglichkeiten.

Es ist eine Zukunftsmusik, die hier erklingt, ruhig und beunruhigend zugleich, harsch zuweilen, für Momente einfach und schön. Aarset macht es niemandem leicht, man muss ihn hören.

“Dream Logic” von Eivind Aarset und “Mercurial Balm” von Flood sind erschienen bei ECM.

Aus der ZEIT Nr. 49/2012

Kategorien: Jazz
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Damit die Musik auch gefunden werden kann: Das Duo Strønen/Bellamy heißt Food, wie das Essen.

    • 13. Dezember 2012 um 15:29 Uhr
    • Nashorn
  2. 2.

    “flüchtige Begegnungen mit Groove und Harmonie” Danke fürs Posten.

    • 28. Dezember 2012 um 12:19 Uhr
    • TDU
  3. Kommentar zum Thema

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