Das Musik-Blog zwischen Disko und Diskurs

Aus der Ursprungsenergie des Jazz

Von 8. Februar 2013 um 09:05 Uhr

Wayne Shorter kehrt nach 40 Jahren zurück zu Blue Note. Auf dem neuen Album zeigt sein Quartett, wie man sich frei und harmonisch zugleich durch die Welt des aktuellen Jazz bewegt.

© Robert Ashcroft

© Robert Ashcroft

Endlich ist er zurück, der verlorene Sohn, zurück nach 40 Jahren. Aus der Sicht von Blue Note, dem legendären Label, mit dem die beiden deutsch-jüdischen Migranten Francis Wolff und Alfred Lion dem modernen Jazz eine äußere Gestalt gaben, ist die Neuverpflichtung von Wayne Shorter, der zwischen 1964 und 1970 elf Alben auf dem Label veröffentlichte, eine ganz große Geschichte.

Mit der Veröffentlichung von Without a Net in seiner neuen alten Heimat zeigt sich Shorter gleich von zwei Seiten. Acht Mitschnitte von der Europatournee seines Quartetts und eine weitere Live-Aufnahme, in der das klassische Bläserquintett Imani Wind dem rohen Klang eine Lage Samtgewebe gegenüberstellt, verdeutlichen, warum Shorters Quartett als eine der außergewöhnlichsten Gruppen des aktuellen Jazz gilt.

Da sind Wucht und Dringlichkeit zu spüren, die federnde Dynamik, mit der sich das Quartett im Zeitkontinuum bewegt, die Farben von Brian Blades Schlagzeugspiel, die Fantasie der Basslinien von John Patitucci, die so verspielte wie brachiale Eleganz des Pianisten Danilo Perez’ und alles zusammen in einem fluiden Aushandlungsprozess, der immer wieder überraschende Richtungen einschlägt. Freier und zugleich harmonischer bewegt sich niemand durch die Landschaften des aktuellen Jazz.

Doch vollkommen macht diesen beweglichen Gruppenklang erst der einzigartige Ton von Wayne Shorter selbst. Auf Tenor- und Sopransaxofon setzt er seine Marken: ohne Vibrato, ohne Schnörkel, manchmal warm und anschmiegsam und dann wieder schneidend bis an die Schmerzgrenze.

Shorter geht vorsichtig, sehr vorsichtig mit seinen Tönen um, während er seiner Band den langen Zügel lässt, spielt er selbst (zum Missfallen mancher Zuhörer) auch einmal längere Zeit gar nichts. Ein Asket des Klangs. Er verzichtet auf alles Überflüssige, meidet Floskeln und planierte Wege und setzt bei seinem Publikum ein vergleichbares Maß an Konzentration voraus. Doch Shorter ist gut gelaunt: Immer wieder schwelgt er auf Without a Net, seiner Rückkehr als verlorener Sohn, in Erinnerungen. Orbits, ein Stück, das er 1966 für das Miles Davis Quintet schrieb, fungiert als Ouvertüre, wenig später tänzelt er durch ein Zitat von Manteca, Dizzy Gillespies Klassiker des Afrocuban Bop.

Im spannungsgeladenen Zusammenspiel seiner Band haben diese Rückgriffe auf die Vergangenheit nicht das Geringste mit Nostalgie zu tun. Die vertrauten Motive sind nur weitere Türen, durch die die Musik in neue Räume gelangt, bevor sie sich in einer langsamen Spannungssteigerung dem Dreh- und Angelpunkt des Albums nähert: Pegasus, die ausgedehnte Komposition mit dem Bläserensemble, die im Spagat zwischen der Disziplin der notierten Teile und der brodelnden Improvisation einen Bogen schlägt zu den Ursprungsenergien des Jazz.

Wie damals schon in New Orleans geht es um die Spannung zwischen Individuum und Kollektiv, zwischen freier Interpretation und gemeinsamer Präzision, um die Aufhebung eines dialektischen Gegensatzes auf einer höheren Ebene. So gesehen hebt die Musik des Wayne Shorter Quartet ab. Ohne Netz.

“Without a Net” von The Wayne Shorter Quartet featuring Danilo Perez, John Patitucci and Brian Blade ist erschienen bei Blue Note.

Kategorien: Jazz
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Was für eine interessante musikalische Gestalt es annimmt und zwischenzeitlich an die Klangfarben von Herbie Hancock’s River:The Joni Letters erinnert.
    Diese Klangqualität ist vor allem Wayne’s Bandmitgliedern zu verdanken. Gerade wenn man dieses Quartett live gesehen hat merkt man, dass die schwindenden Kräfte Wayne Shorters hörbar von seinen Mitmusikern ausgeglichen werden. Er ist meiner Ansicht nach nicht mehr fähig bei seinen alten Qualitäten anzuknüpfen. Eigentlich muss er das auch nicht mehr tun…erinnert irgendwie an Miles:-)

    • 8. Februar 2013 um 13:23 Uhr
    • rüdeoahhhrr
  2. 2.

    Blue Note ist schon seit Jahrzehnten nicht mehr das Label der beiden Herren Wolff und Lion. Es ist seit Jahren eins der vielen Labels irgend eines Multis (zuvor mal EMI, momentan: Universal)und lebt nur vor allem davon, das alte Image zu nutzen; so werden alte Aufnahmen, die NIE auf Blue Note erschienen sind, nun mit diesem Etikett verkauft; und ahnungslose Jungkäufer glauben, sie hätten nun eine “Legende” oder gar “rare Aufnahmen” in der Hand.

    • 8. Februar 2013 um 13:24 Uhr
    • Jeeves
  3. 3.

    Wie schön, dass er noch in dieser Inkarnation unter uns wandelt und uns nach wie vor mit seiner Kreativität beglückt…so viele Erinnerungen und so viele Klang gewordene Träume! Hier klingt für mich rein gar nichts nach “schwindenden Kräften”! Uns selbst wenn’s zerbrechlicher würde…seid ihr euch bewusst wie alt Wayne eigentlich ist? Eben…! Wir sollten nicht erwarten, dass er gleich spielen soll wie früher, oder? Ich würde mich glücklich schätzen nur einen Bruchteil so kreativ, visionär und vital in dieses Alter zu kommen! Ich schreibe hier als Musiker, der sich einfach nur vor dem Genius Wayne Shorter verneigen kann…ich grüsse dich Meister und wünsche dir noch ganz viel Zeit hier unter uns um deine Visionen Klang werden zu lassen!

    • 8. Februar 2013 um 16:03 Uhr
    • kybernes
  4. 4.

    Noch etwas dazu – vergessen wir nicht: Wayne war immer auch ein ebenso wichtiger Komponist wie Improvisator! Da spielt es keine Rolle wie viel er spielt – es ist trotzdem seine Komposition & Konzept. Natürlich sind seine Mitmusiker sehr wichtig, da es über Jahre eine unglaubliche Chemie mit ihnen entwickelt hat! Er übertrifft damit meiner Meinung Miles, der jedenfalls nach seinem Comeback nie so lange eine Besetzung seiner Band beibehalten hat. Das höre ich enorm intensiv: diese Tiefe im Interplay, in der Kommunikation…einfach wunderbar, traumhaft!

    • 8. Februar 2013 um 16:18 Uhr
    • kybernes
  5. 5.

    Wenn man den Kommentar N°1 liest, denkt man, es handelt sich um ein Sport-Team, nicht um Musiker. Welche Qualität hat Wayne Shorter verloren?

    • 8. Februar 2013 um 16:26 Uhr
    • dacapo
  6. 6.

    “Pegasus”, Mensch was für ein tolles Lied. Frei, dennoch harmonisch, tight arrangements jedoch so flüssig in der Spielweise. Danilo Pérez ist aus meiner Sicht sowieso eines der unterbewertesten Jazz-Pianisten die z.Zt. die Scene beglücken. Sorry aber wenn die ganze Platte so gut klingt dann schaltet Eure Rechner aus und ab in den Einkauf!

  7. 7.

    Ich bewundere Wayne Shorter und kenne alle seine Platten. Er ist einer größten noch lebenden Komponisten und Saxophonisten und ein Seher. Seine neu Platte Whithout a Net hört sich jedoch schemenhaft an. Es liegt nicht an seinen Soli. Nichts verabreden vor dem Konzert geht hier nicht auf.

  8. 8.

    Was für ein excellenter, transparenter Sound und eine begeisternde Dynamik. Manchmal fühlt man sich an einen Film noir-Soundtrack erinnert.
    Weather Report war nie so mein Fall, aber hier stimmt einfach alles!

    • 9. Februar 2013 um 15:38 Uhr
    • frillinx
  9. Kommentar zum Thema

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