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Zeit fürs Zimtmädchen

 

Jazz? Rock? Egal! Die Glorreichen Sieben sind zu viert und variieren Neil Young. Singen tut auf ihrem Album niemand, aber wer kann schon so schön quäken wie das Vorbild.

© Kathrin Lillinger
© Kathrin Lillinger

Schlichte Gemüter erfreuen sich an der sogenannt ehrlichen Rockmusik, und warum auch nicht. Sie versteht sich als ein schweißtreibendes Handwerk und pocht im Viervierteltakt auf den Charme des Rustikalen. Wer mehr braucht als bierselige Gitarrensoli im vertrauten Schema, mag kompliziertere Spielarten des Rock bevorzugen. Früher nannte man so etwas Art Rock, das war ein Hardrock, der sich vorn und hinten etwas abgebrochen hatte. Heute spricht man chic vom Math Rock: Durfte der Rock noch Wurzeln im Blues haben, müssen es beim Math Rock schon Quadratwurzeln sein.

Mit solchen Sprüchen mögen Jazzmusiker und Jazzkritiker lästern über ein benachbartes Genre, das nie wirklich locker sein kann oder lockerlassen kann, weil es immer an sich arbeiten muss, um die Transpiration aufrechtzuerhalten.

Aber auch Spötter halten die Klappe, wenn von Neil Young die Rede ist, dem selig quäkenden Kanadier, der vor Jahrzehnten mit seiner Klampfe vom Sugar Mountain der vergänglichen Jugend zu uns Erwachsenen herabgestiegen ist, um nun ruhelos durch den Dschungel unendlicher Gruppenimprovisationen zu streifen. In der Vinylversion seines ungefähr 50. Albums, Psychedelic Pill, reicht eine Plattenseite nicht mehr aus, um das längste Stück zu fassen. Es wird ausgeblendet; man muss umdrehen, um weiterzuhören.

Neil Young hat mit diesen Dehnübungen seine Nische in der Rockmusik so lange vergrößert, bis jetzt ein paar marodierende Jazzmusiker hineingestolpert sind. Sie nennen sich, den Wilden Westen beschwörend, Die Glorreichen Sieben, sind aber nur zu viert, was immerhin ihre Ferne zum Math Rock dokumentiert: der Finne Kalle Kalima an der elektrischen Gitarre, der Schweizer Flo Götte am Bass, der Deutsche Christian Lillinger am Schlagzeug und, am zweiten Schlagzeug, der Österreicher Alfred Vogel.

Europäischer kann ein Jazzquartett nicht sein, von der Virtuosität nicht zu sprechen. Als wollten sie Lou Reed selig paraphrasieren: You can’t beat two drums, bass and guitar. Mit Lust an der Destruktion und Rekonstruktion nehmen sie sich des Youngschen Œuvres an. Allein drei genussvolle Minuten braucht es, bis das erste Stück, Zimtmädchen, sich als jenes Cinnamon Girl zu erkennen gibt, dem der Meister ums Haar verfallen wäre: „I wanna live with a cinnamon girl / I could be happy / The rest of my life / With a cinnamon girl.“ Gesungen allerdings wird nicht, nur im Kopf des Hörers.

Mit Heart Of Gold geht es weiter, dem einzigen Nummer-eins-Hit, den Neil Young je hatte, hier mit einer Kantigkeit gespielt, als müsse von Herzen gehobelt und nicht veredelt werden.

Neun Kunststücke insgesamt, weder Math noch Art, noch Hard: Dies ist Free Rock. Oder, machte es nicht so viel Spaß, sogar Free Jazz. (Mehr Sottisen über Jazz bei nächster Gelegenheit.)

„Keep On Rockin‘ In The Free World“ von Die Glorreichen Sieben ist erschienen bei Boomslang Records/www.traps.at

Aus der ZEIT Nr. 47/2013

8 Kommentare


  1. „Schlichte Gemüter erfreuen sich an der sogenannt ehrlichen Rockmusik“

    Hier aufgehört zu lesen.


  2. Wunderbar.

    So stelle ich mir das idealerweise vor:
    einen Titel gehört und Lust auf den Rest des Albums bekommen.

  3.   Lyaran

    So wie Rockmusik etwas für schlichte Gemüter ist kann man sich Jazz nur als wichtigtuerischer Pseudo-Intellektueller anhören 🙂

    Wenn dann Musiker aus der Newjazz-Szene sich an Niel Young versuchen bleibe ich sehr skeptisch ob man sich das anhören kann.

    Denn mal ehrlich: Die meisten Jazzer können Rock musikteoretisch auseinandernehmen aber nicht verstehen und deswegen auch nicht spielen.

    Leider ist kein Beispiel hier verlinkt. Würde mich wirklich mal interessieren wie das klingen soll.


  4. „Singen tut auf ihrem Album niemand“

    in einem schulaufsatz gern, aber in der zeit? liest eigentlich noch jemand die texte korrektur?

  5.   Rabea Weihser

    @johnny flash: Ich glaube, der gesamte Teaser hätte in einem Schulaufsatz schlechte Noten bekommen. Generell gilt (auch in der ZEIT): Was auffällt, ist Absicht. Beste Grüße aus der Redaktion!

  6.   Lyaran

    Autsch!
    erstmal natürlich NEIL Young 🙂

    Und dann hab ich den Link auf der Webseite des Labels gefunden.

    War dann was ich erwartet hatte…

  7.   Rabea Weihser

    @Lyaran: Es muss wohl an Ihrem Browser liegen. Ein Hörbeispiel von Soundcloud ist jedenfalls im Text eingebaut. Beste Grüße


  8. nett gemacht, aber nicht mutig genug. das erinnert mich an ‚whos’s afraid of r. wagner?‘. da hat’s ähnliche reaktionen gehagelt. obwohl die mutiger waren – und jazziger. ausserdem: kann man von der bäckerinnung erwarten, dass sie ihre brötchen als langweilig schmeckend einstufen tut? wahrscheinlich nicht.

 

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