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Ist er ein echtes Juwel?

 

Ryan Keen könnte ein wohlkalkuliertes Popprodukt sein, das sich in die Riege der dünnhäutigen Folksänger einreiht. Vielleicht ist er aber doch ein Meister des Understatements.

© Embassy of Music
© Embassy of Music

Understatement hat es gerade ziemlich schwer. Multitasking möglichst vieler Endgeräte dominiert unsere Mediennutzung. Dass die Kakofonie der Reizüberflutung immer wieder von stillen jungen Männern mit Gitarre durchdrungen wird, ist da entweder erstaunlich. Oder folgerichtig.

Warum Ed Sheeran, William Fitzsimmons, Ben Howard oder der neue Songwritingsuperstar Mike Rosenberg alias Passenger mit ihrem Wenig bis Nichts aus klanglicher Reduktion und fehlender Performance teils mächtige Hallen füllen, hat auch damit zu tun, dass Bescheidenheit im Größenwahn zuweilen lauter klingt als das kollektive Brüllen.

Im Sturm allgemeiner Erregung treibt ihr unaufdringlicher, fast scheuer Folk wie ein schwankendes Boot im Aberwitz. Und nun segelt also die nächste Jolle durchs Fahrwasser der großen Pötte. Es heißt Ryan Keen, stammt aus der englischen Grafschaft Devon, ist mit 25 Jahren vergleichsweise grün hinter den Ohren und singt, als sei er mit sich im Reinen allein auf der Welt.

Nur, dass eben immer mehr Menschen zuhören, wenn die Ryan Keens ihr Inneres nach außen kehren. Wenn ihre dürren Stimmen in den Wald pfeifen, we’re not just skin and bones, surrounded by the cold, dabei aber so flüchtig klingen, als setze die Kälte da draußen diesen großen, dünnhäutigen Jungs doch zu. Umso bemerkenswerter, dass auch dieses Exemplar aus der Wärme ins Freie tritt und sich seinen Gefühlen vor Fremden stellt. Das hat Keen vor seinem bezaubernden Debütalbum Room for Light bereits bei 260 Konzerten bis rauf auf die heiligen Bretter der Royal Albert Hall getan. Was natürlich den Verdacht aufwirft: Ist das vielleicht nur der nächste Hype des verwertbaren Folkpop?

Es gilt zunächst die Unschuldsvermutung. Setzen wir also mal voraus, Ryan Keen sei kein postertaugliches PR-Objekt. Dass ihn also niemand in die Riege zuckersüßer Sänger hinein gecastet hat und sein Studium der – im Mutterland des Pop gibt’s das wirklich – “kommerziellen Musik” plus zugehörigem Managementjob nicht der bestmöglichen Selbstvermarktung diente.

Glauben wir, diesen Ryan Keen gäbe es echt und nicht nur als Powerpointpräsentation seiner selbst. Dann wüchse hier das nächste Juwel des Understatements heran. Eins, dem man zum Auftakt stundenlang zuhören kann, ohne sich je zu langweilen. Eins von dem gern mehr kommen darf. Nicht bloß volle Hallen

“Room for Light” von Ryan Keen ist erschienen bei Embassy of Music.

2 Kommentare

  1.   JB7

    Oh danke danke… Das passt gerade so gut zu meinen Reisevorbereitungen.


  2. Hä?

    Sollte das entscheidende Kriterium nicht die Qualität der Musik sein, und nicht die Authentizität (was auch immer das ist) des Musikers? Ist nicht eigentlich sogar der Musiker als Person irrelevant?

    Wenn Indie zum Hipster-Ritual geworden ist, dann ist es nicht mehr besser als der Kommerz.

 

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