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Ein Tornado aus Worten

 

Feiert die Londoner Lyrikerin Kate Tempest! Ihr neues Album Everybody Down ist eine zwölfteilige gerappte Sozialstudie. Wer zwischen ihre Zeilen gerät, wird ein anderer.

© David Stewert
© David Stewert

Natürlich klingt “Kate Tempest” besser als “Katrin Sturm”. Näher am Orkan, am Erdbeben, an entfesselter Energie. Tempest bläst alles weg mit Worten. Und hinter diesem Reimgewitter steht Kate, ein robustes, englisches Mädchen.

Kate Tempest wurde 1986 in eine Arbeiterfamilie im harten Londoner Süden geboren. Sie brach die Schule ab, hing auf der Straße rum, schloss sich der Hausbesetzerszene an, arbeitete mit 14 im Plattenladen, schlug sich so durch. Aber Kate wollte was. Sie war ein scharfsinniges Mädchen, mochte Bücher, schrieb Gedichte, stand mit 16 zum ersten Mal auf einer Open-Mic-Bühne und zeigte den versammelten Rappern im Publikum, welch Sprachgewalt hinter roten Wangen und goldenen Locken lauern kann. Sie ging zur Brit School, wo sich Großbritanniens Popjugend auf die große Karriere vorbereitet, und studierte Poetry. Von den alten Griechen über Shakespeare bis Eminem.

Mittlerweile ist sie 27 und in ihrer Heimat bekannt als hochbegabte Lyrikerin und Theaterautorin. Ihr Bühnenstück Brand New Ancients wurde 2013 mit dem Ted Hughes Award ausgezeichnet. Sie schreibt, um rezitiert zu werden oder selbst mit Worten um sich zu schießen.

Wo Rhythmus und Phrasierung so essentiell sind, bleibt nur ein kleiner Schritt vom Spoken Word zur Musik. Nach ihrem Debüt 2011 mit der Band Sound of Rum ist jetzt ihr Album Everybody Down bei Ninja Tune erschienen. Ein Tornado: Mit unglaublicher Sogkraft zieht Tempest Bruchstücke der britischen Mittelschicht in ihre Geschichten und gibt ihnen neue Form.

Everybody Down berichtet in zwölf Episoden, den zwölf Tracks, aus dem Leben der Hauptfigur Becky, einer gutmütigen Studentin, die kellnern geht und als Masseuse arbeitet. Sie verliebt sich in Pete, aber ist er wirklich der Richtige, wenn der Alltag die rosa Wolken vertrieben hat? Beeindruckend, wie Kate Tempest die Psychogramme ihres Personals ausbreitet, wie sie als allwissende Erzählerin von Bruderzwist, Familientragödien, Drogendealern und Musikbiz-Idioten rappt. Wie sie aus Dialogen, inneren Monologen und Zeitgeistkommentaren einen sozialen Mikrokosmos konstruiert. Das ist bedrohlich, bisweilen auch trostlos in seiner Profanität: Menschen suchen die Liebe, weil es zusammen weniger kalt ist. Da gibt es kein Happy End, auch wenn der letzte Track diesen Titel trägt.

Den instrumentalen Teil des Albums hat Dan Carey besorgt, der schon für M.I.A., Hot Chip oder Bat for Lashes einen modernen, elektroiden Sound entwarf. Er grundiert die Platte mit Stimmungen, die sich mal treibend, mal halluzinogen und nur selten sonnig unter Tempests Reime legen. In einer zweiwöchigen Fiebersession haben die beiden ihre Songs aufgenommen, nachdem Tempest zwölf Monate an den Texten gefeilt hat. Everybody Down merkt man die energetische Kompression an: Es ist eine der besten Platten dieses Jahres.

Kate Tempests Stil unterscheidet sich von Mike Skinner (The Streets) durch ihren literarischen Zugang, die anspruchsvolle Rollenprosa, die sie noch in diesem Jahr zu einem Erzählband weiterentwickeln will. Im Gegensatz zu der Spoken-Word-Künstlerin Ursula Rucker verzichtet Tempest auf einen ausgestellten Kämpfergeist und vertraut ganz der Kraft ihrer Texte. Sie beschreibt das Leben, wie sie es erfahren hat oder sich imaginiert, mit einer überraschend unprätentiösen Weisheit. Straßenklug, pointiert und mit rauer, aber sehr variabler Stimme trägt sie sie vor.

Deutschland hat Julia Engelmann und Katrin Sturm. England hat Kate Tempest. Wer zwischen ihre Zeilen gerät, wird ein anderer.

“Everybody Down” von Kate Tempest ist erschienen bei Big Dada/Ninja Tune.

8 Kommentare

  1.   Ralf

    Ehrlich? Was ist das für ein hochgezüchteter Text zu so wenig Aussage in der Musik?
    Erinnert mich stark an die unglaublich gebildeten Menschen, die in Museen vor Bildern stehen, den ewig toten Künstler nie kannten aber genau wissen, was er beim malen damals gefühlt hat!

    Was kostet so eine Werbung bei der Zeit?
    Hätte ich gerne für unsere (deutschen) Künstler auch mal!


  2. “Hätte ich gerne für unsere (deutschen) Künstler auch mal!”

    Vielleicht sollten dann deutsche Künstler es auch mal mit klugen Texten, guter Hintergrundmusik, dem Beschreiben von etwas relevantem und einem unglaublichem lyrischem Talent versuchen. Fällt Ihnen da jemand ein? Mir nämlich nicht. Nur platte Witze und Reime zum Fußnägel aufrollen…

  3.   DpunktJpunkt

    Kate Tempest ist der Kracher!
    Das Album ist grandios! Sowohl wegen der Musikalität als auch der Texte/Aussage/Herangehensweise (worin genau auch immer die besteht).
    Noch besser finde ich nur ihre Spoken-Word-Performances. Da kann man sich fast nen beliebigen Clip ansehen und wird -zack- reingezogen bzw. weggeblasen.
    Ich sag mal: There’s fire in her bones! (https://www.youtube.com/watch?v=0qKz4xOZa2k Wie verlinkt man bloß?)

  4.   DpunktJpunkt

    @#2: Nur um nicht gleich ins antideutsche Gegenteil der überflüssigen nationalen Stimmung von #1 zu verfallen: DJ Koze! Ok, mehr Witz als Lyrik, zählt aber trotzdem.


  5. @DpunktJpunkt

    Das hat wenig mit Antideutsch per se zu tun. Allerdings bringt die deutsche Kulturindustrie seit Jahrzehnten vor allem irgendwas kalauerndes hervor. Wenn es dann mit Anspruch sein soll, wird irgendwas kalauerndes ironisch persifliert. Oder man ist Autor, dann suhlt man sich im individuellen Selbstschmerz der Innenbetrachtung. Hauptsache aber selbstreferentiell.

    Das ist für mich so eintönig wie langweilig. Wobei ich zugegebenermaßen inzwischen auch einfach aufgeben habe und mich aufs Englische verlegt habe. Da gibt es Leute wie Kate Tempest zwar auch selten, aber recht gute Dachen insgesamt sehr viel öfter.


  6. Mist. Sachen natürlich nicht Dachen.

  7.   Markus

    Mensch Ralf, eine gute Rezension ist doch noch lange keine Werbung. Oder ist für Sie nur eine schlechte Rezension eine echte Rezension? Und der Kritiker muss stets und immer Kritik üben? Hm… Mal nachdenken.


  8. Nach so vielen Monaten eher einer für die Archivgräber, aber als Antwort auf #2 sei Prezident genannt. Nun gut – es ist Rap, aber es gibt derzeit keinen besseren in Deutschland. Empfehlung: Neueste Erkenntnisse vom absteigenden Ast.

 

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