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Tausche Cello gegen Bass

 

Charles Mingus musste erst sein Instrument wechseln, um vom Straßenjungen zum Frauenhelden, Traditionalisten und Neutöner aufzusteigen. Jetzt ist er quicklebendig in einer neuen CD-Box zu hören.

Das Charles Mingus Quintet 1964 in der Wuppertaler Stadthalle (© F. Günter Krings)
Das Charles Mingus Quintet 1964 in der Wuppertaler Stadthalle (© F. Günter Krings)

Nachts in L.A., in den dreißiger Jahren: Was macht dieser farbige Lümmel da in der 103. Straße? Er lehnt an der Laterne und liest! Hey, das ist Charles Mingus – als er noch ein Niemand war. In seiner Autobiografie Chazz biegt jetzt eine Gang um die Ecke: Es ist Buddy Collette mit seinen Leuten.

„Bist du der Junge, der Cello spielt?“ Alle grinsen, obwohl keiner einen Witz gemacht hat. „Was würdest du davon halten, Kohle zu machen und die heißesten Klamotten zu tragen? Sieh dich doch mal an. Du bist angezogen wie ein Penner.“
„Ich mach mir nichts mehr aus Klamotten.“
„Was würdest du davon halten, die schärfsten Weiber in der ganzen Stadt zu haben?“ Dagegen hat Mingus überhaupt nichts.
„Na gut, dann tritt der Gewerkschaft bei.“ Mingus weiß, was die Gewerkschaft ist: ein privater Club, der von Schuhputzern, Zeitungsboten und Brauseverkäufern Schutzgelder eintreibt.
„Besorg dir einen Bass, und wir nehmen dich in unsere Gewerkschafts-Swingband auf.“
„Einen Bass kaufen?“
„Genau. Du bist schwarz. In der klassischen Musik wirst du es nie zu etwas bringen, egal, wie gut du bist. Also musst du ein Negerinstrument spielen. Ein Cello kannst du nicht schlagen, also musst du lernen, wie man einen Bass zupft, Charlie!“

Und so kam es, dass Charles Mingus der berühmteste Bassist des Jazz wurde und Frauen, Frauen, Frauen, Frauen hatte. Hätte sich seine Initiation vierzig Jahre später zugetragen, wäre er bestimmt ein Rapper geworden; der Jazz hatte zwischenzeitlich ja arg an Sex-Appeal verloren.

Heute interessieren sich junge Hörer wieder mehr für das teils zarte, teils schräg-wilde Genre zwischen Klassik und Pop, auch wenn nicht alles, was sich heute Jazz nennt, früher als solcher durchgegangen wäre. Charles Mingus (1922 bis 1979) hatte hohe Erwartungen an sein Tun und an sein Publikum. Wenn jemand vor der Bühne quasselte oder mit Gläsern klirrte, konnte er handgreiflich werden. Beim Jazz verstand er keinen Spaß, der war ihm mehr E als U.

Die Box Mingus Mingus Mingus Mingus präsentiert den Bassisten nur auf der ersten CD, einer Trioaufnahme aus dem New York des Jahres 1957. Auf den drei weiteren CDs widmen sich Jüngere seinen Werken. Mingus war ein Komponist von Rang, dessen Stücke wie Haitian Fight Song oder Goodbye Pork Pie Hat keine Allerwelts-Standards sind, sondern Aufmerksamkeit verlangen.

Auf der zweiten CD spielt die amerikanische Mingus Dynasty Band, die sein Erbe pflegt, am Bass der Österreicher Hans Glawischnig. Auf der dritten CD spielt die Ulrich Gumpert Workshop Band, am Bass der in Berlin lebende Jan Roder. Auf der vierten CD spielt The Independent Jazzwerkstatt Orchestra, auch aus Berlin, am Bass Johannes Gunkel.

Entstanden sind die Aufnahmen bei Konzerten von 2007 bis 2009 in Berlin und Potsdam. Sie zeigen: In Mingus ist noch Musik drin. Selbst die 14-köpfige Big Band geht sehr flott zur Sache.

Auf die Frage nach dem Warum genau dieser Zusammenstellung gibt Ulli Blobel von der jazzwerkstatt Berlin-Brandenburg eine herrliche Antwort: „Sie zeigt die Liebe des Produzenten zu Mingus.“ Für ihn sei Mingus der Größte, noch vor Thelonious Monk (1917 bis 1982), der seit einigen Jahren wieder viel gespielt werde.

Was, Herr Blobel, zeichnet Mingus denn aus? „Er hat die Tradition bewahrt und etwas Neues geschaffen.“ In der Tat: Mingus löste den Jazz aus starren Formen, noch bevor in den Sechzigern alle Form gesprengt wurde. Er gab seinen Musikern Freiheit, ohne die Geschichte infrage zu stellen. Das polyphone Spiel nimmt den Free Jazz vorweg, ohne New Orleans zu verleugnen. In dieser Balance ist der verhinderte Cellist zum Klassiker gereift.

Die Vierfach-CD „Mingus Mingus Mingus Mingus“ ist erschienen bei jazzwerkstatt 138.

Aus der ZEIT Nr. 26/2014

8 Kommentare

  1.   dacapo

    Ulrich Stock, sind Sie sich sicher, dass ein Jazzmusiker mit Format eines Charly Mingus heutzutage ein Rapper sei? Es gäbe doch sicherlich andere Vergleichs-Musiken aus der Zeit, als die Art des Jazz, sagen wir Bebop, die Mingus spielte.
    Sie halten wohl nichts vom Bebop, haben vielleicht diese Musik nicht verinnerlicht, oder wieso kommen Sie auf Rap-Musik, als vergleichbare Musik des Heute? Ob man den Rap in 70 Jahren noch hören mag, so wie heute den Bebop? Das darf man doch bezweifeln, oder?


  2. „quicklebend“ ist kein Wort – lässt Ihnen das Ihre Rechtschreibprüfung durchgehen?


  3. Zitat:
    ———-
    Jetzt ist er quicklebend in einer neuen CD-Box zu erleben.
    ———-

    Heisst das nicht quicklebendig?

    Und ist er persönlich in der CD-Box? Wie passt er mit dem Bass dort hinein?

    Mann, mann, mann, tiefer geht es im Niveau und Stil offenbar nicht, oder?

  4.   catcatzen

    Goodbye Pork Pie Hat:

  5.   Faubus

    Mingus‘ Autobiographie heißt „Beneath the Underdog“ und nicht „Chazz“!

  6.   Klaus D.

    (Von der Redaktion gekürzt. Bitte mäßigen Sie Ihren Ton!)
    Oder werden Sie alt, Herr Stock?
    .
    Noch was: „polyphon“ waren die Jazz-Bands in New Orleans schon in den zwanziger Jahren, das ist nun wahrlich keine Erfindung von Mingus.
    Und (zumindest abendländische) Musik ist seit etwa eintausend Jahren (nachweisbar) ebenfalls polyphon.

  7.   Klaus D.

    Übrigens gibt’s von Mingus reichlich bessere und wichtigere Alben als diese 40 Minuten früher Trio-Aufnahmen. Seine Alben auf IMPULSE, auf ATLANTIC, auf COLUMBIA sind alle noch erhältlich und zudem nicht so teuer wie diese Nachspielmusik-Platte.

    Und „frühen“ (historischen) Mingus gibt’s zudem als extrem preiswerte 4er oder gar 10er Box für’n Appel und’n Ei bei jedem Versand.

  8.   stock

    Werte Kommentatoren,

    hier eine kleine Antwort des Autors:

    zu 1.)
    „Ulrich Stock, sind Sie sich sicher, dass ein Jazzmusiker mit Format eines Charly Mingus heutzutage ein Rapper sei?“

    Nun, wie könnte ich mir sicher sein bei einer ausgewiesenen Spekulation? Aber wenn ich sein Buch lese, seinen Ton höre…

    zu 2.)
    quicklebend –

    lese ich nirgends. Vielleicht war das ein Fehler in einer Ankündigung auf der Homepage?

    zu 3.)
    Und ist er persönlich in der CD-Box? Wie passt er mit dem Bass dort hinein?

    Ja, das vergaß ich zu erwähnen: Er spielt leibhaftig in der Box – sie ist zwei Meter lang und durch das nach außen dringende Gebrumm von einem Sarg klar zu unterscheiden!

    zu 4.)
    Goodbye Pork Pie Hat

    Danke für das Video!

    zu 5.)
    Mingus’ Autobiographie heißt “Beneath the Underdog” und nicht “Chazz”!

    Die Mingus-Autobiographie, die vor mir auf dem Tisch liegt, heißt „Chazz“ und steht unter diesem Titel auch im Verzeichnis lieferbarer Bücher:
    http://www.zvab.com/advancedSearch.do?title=Chazz++Erinnerungen+eines&author=Mingus

    zu 6.)
    “Polyphon” waren die Jazz-Bands in New Orleans schon in den zwanziger Jahren, das ist nun wahrlich keine Erfindung von Mingus.

    Eben darauf bezieht sich der Satz im Artikel.

    zu 7.)
    Übrigens gibt’s von Mingus reichlich bessere und wichtigere Alben als diese 40 Minuten früher Trio-Aufnahmen.

    Gegenstand der Kritik waren nicht andere, vor Jahrzehnten erschienene Alben, sondern diese aktuelle Box, auf der eben nicht nur Mingus selber spielt, sondern auch junge Musiker spielen, die sein Erbe lebendig erhalten. „Nachspielmusik-Platte“ – so kann man es sehen. Anderswo (in der Klassik) gilt es als Qualitätsmerkmal eines Komponisten, wenn seine Werke posthum aufgeführt werden.

    Rückfrage an die werten Kommentatoren: Woher all dieser Missmut?

    Quicklebendig aus der Box

    grüßt der Autor

 

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