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Liebe ist nur ein Luxusproblem

 

Das Duo Slow Club verneigt sich vor Marvin Gaye und Aretha Franklin. Sein neues Album „Complete Surrender“ bringt den Soul auf den Punkt und macht ihn zu einem kathartischen Erlebnis.

© Caroline/Universal
© Caroline/Universal

Daniel Radcliffe wird auf ewig Harry Potter bleiben. Ein Zustand, der den Schauspieler bekanntlich nicht allzu glücklich macht. Ob er auch auf ewig Fan von Slow Club bleibt, wird man noch sehen müssen. Allerdings spricht einiges dafür. Denn erstens ist sie schon seit Längerem Radcliffes erklärte Lieblingsband, er hat sogar schon einmal die Hauptrolle in einem ihrer Videoclips übernommen. Zweitens ist Complete Surrender, das neue Album, ein ganz besonders gutes geworden. Und drittens ist die Musik des Duos aus Sheffield genau das Richtige, um jemanden zu trösten, wenn er mal wieder spitzenmäßig dotierte Angebote für Rollen bekommt, in denen er bloß wieder so etwas Ähnliches wie Harry Potter spielen soll.

Tatsächlich ist Complete Surrender prima dazu geeignet, einem eine gute Dreiviertelstunde lang über alle noch so großen Luxusprobleme hinweg zu helfen. Die Songs von Charles Watson und Rebecca Taylor nehmen den Zuhörer an mit all seinen Sorgen und erheben ihn dann aus seinem Jammertal. Aus einer Band, die man bislang eher dem New Folk zugerechnet hat, ist eine Band geworden, der genau das gelingt, was Soul zu so existenzieller Musik macht: dem individuellen Elend Ausdruck zu verschaffen und per Katharsis die Trübsal zu vertreiben. Das klingt nicht nur religiös, das ist es oft auch.

Als hätten sie für dieses Verfahren einen programmatischen Song schreiben wollen, eröffnen Slow Club ihr drittes Album mit Tears of Joy. Im Herzschlagtempo puckert der Rhythmus, und während im Hintergrund eine elektrische Orgel kurz vorm Infarkt jubiliert, schraubt Taylor, um zu beschreiben, was ihr denn die Freudentränen ins Gesicht treibt, ihre Stimme in immer höhere Höhen, bis sie endlich im Falsett ankommt: „If you gave me your heart, I’m ready for it.“ Man sieht, es geht wieder mal nur um die Liebe. Aber damit eben auch um alles.

Die Vorbilder, vor denen sich der Slow Club mit Complete Surrender verneigen, sind Riesen. Suffering You, Suffering Me klingt wie der eine Song, den Holland-Dozier-Holland vergessen haben, für Motown zu schreiben. Not Mine To Love hätte auch Aretha Franklin kaum inbrünstiger singen können. Number One ist eine nahezu klassische Piano-Ballade, die man auch einem Marvin Gaye hätte unterschieben können.

Trotzdem – und das unterscheidet Complete Surrender vom Großteil des aktuell grassierenden Retro-Souls – verleugnen Slow Club ihre Vergangenheit nicht komplett. So souverän ihre Songs mit den üblichen Soul-Versatzstücken (von der demonstrativen gesanglichen Entäußerung bis zu kleinen Details wie dem lückenfüllenden Funk-Gitarren-Riff) hantieren, so dezidiert distanzieren sie sich aber auch vom Mainstream-Soul und seinen schillernden Oberflächen. Selbst wenn die dicksten Gefühle mit größten Gesten beschworen werden, wenn der Bombast überhand zu nehmen droht, klingt das irgendwie doch immer noch bescheiden und ein wenig ehrfürchtig, ja sogar ein bisschen nach Folk und Lagerfeuer. Eben nicht wie klassischer Soul, sondern, seien wir ehrlich, wie der Versuch zweier britischer Mittelstandskinder, den Zorn, die Gottesfurcht, die Seelenpein zu verstehen, die Soul zu Soul macht. Oder, anders gesagt: Slow Club vertonen ein Luxusproblem. Auf großartige Weise.

„Complete Surrender“ von Slow Club ist bei Caroline/Universal erschienen.

5 Kommentare


  1. „Tatsächlich ist Complete Surrender prima dazu geeignet, einem eine gute Dreiviertelstunde lang über alle noch so großen Luxusprobleme hinweg zu helfen.“

    Ich komme auf diesen reproduzierenden Yuppie-Kram (zum Glück) nicht klar. Meine Definition von Kunst: „Kunst ist die Unabhängigmachung des Moments von der Zeit“. Und die Momente von „Slow Club“ (und dem meisten anderen bei ZON vorgestellten Zeuchs) habe ich schon vorher gehört, bloß wesentlich ECHTER!


  2. Reichlich irre, 2 Frauen Boxing kämpfen zu lassen. Frauen sollten das Symbol für Recreation und Frieden sein, nicht für Aggression stehen. Aber wieder mal 99% der Pop Begeisterten haben nicht den Brain ihre seelischen Geschehnisse auch bis in den Kopf kommen zu lassen.

  3.   LoungeHH

    Oh Herr lass es Musik(geschichtlichen)Verstand regnen: Der Autor hat garantiert noch nie in seinem Leben eine Platte von Marvin Gaye oder Aretha Franklin gehört. Nicht anderes ist es zu erklären, dass er diese beiden dünnen Stimmchen mit gefühlt einer halbe Oktave Bandbreite so dreist mit diesen Musiker-Größen vergleicht. In welchem Genre auch immer diese Scheibe nach Autorenmeinung dahinkränkelt – Soul ist es garantiert nicht!

  4.   Infamia

    Soul? Ne, nicht wirklich, oder? Bestenfalls der Versuch, ein paar Elemente des Souls in einen Popsong zu verpacken. Marvin Gaye wäre wohl tief beleidigt, würde man ihm im Jenseits davon erzählen, was heute alles so als Soul durchgehen soll. Hat jemand mal Aretha gefragt, was sie dazu sagt?

    Nicht alles, was leidend klingt, ist gleich Soul.

  5.   Sick

    „Oh Herr lass es Musik(geschichtlichen)Verstand regnen“

    Stimmt, das dachte ich auch. Aber erst nachdem ich die ersten drei Kommentare gelesen hatte.

    Hörproben-Mit-Sofortiger-Bewertung-Hörer sind mir ein Greuel. Wie auch immer die Definition von Soul lautet, auch andere Rezensenten hören Soul-Referenzen hier raus. Ich übrigends auch.

    Gutes Album.

 

Kommentare sind geschlossen.