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Stil im Dunkeln

 

Wer ist dieser Moiré? Der Londoner Musikproduzent hält sich selbst bedeckt und lässt auch seinen House lieber aus dem Untergrund strahlen. Sein berückendes Debütalbum „Shelter“ tänzelt zwischen Club und Lounge.

© Katja Ruge
© Katja Ruge

Es ist nie das Schlechteste, ein klitzekleines Geheimnis um sich und seine Ziele zu haben. In der Liebe ist das kaum anders als im Krieg, im Alltag genauso wie auf dem weiten Feld der Kunst.

Der Londoner Musikproduzent Moiré zum Beispiel zelebriert das Rätselhafte um seine Person. Bisweilen sind seine flinken Finger an den Reglern auf der Bühne zu bestaunen. Bis auf ein paar Kollaborationen und EPs war allerdings noch nichts Großes, Eigenständiges auf Tonträgern zu hören.

Das ändert sich nun zwar mit seinem berückenden Debütalbum Shelter. Doch der versierte Live-DJ hält offenbar weiterhin wenig von Publicity und Bekanntheit. Diese Zurückhaltung scheint auch auf seinen Sound abzustrahlen. Den ausschließlich im Bereich des Minimal House zu verorten, ginge schließlich trotz des gemächlichen Tempos an der Sache vorbei. Von Progressive bis French verstecken sich darin allerlei weitere Komponenten des Genres. Im verstörend beatlosen Elite/Hands On etwa experimentiert Moiré gelegentlich mit verquirlten Klangkollagen jenseits fester Songstrukturen, findet aber gleich im Anschluss (Infinity Shadow) zu fast discotauglicher Dynamik mit stilisierten Vocals zurück.

Moiré bleibt konsequent in der Unergründlichkeit seiner Person und belässt auch sein Erstlingswerk stilistisch eher im Dunkeln. Da rauschen die Bässe manchmal hinein, als würde gleich ein fettes Techbrett gebohrt. Dann aber rascheln nur noch weiche Synthieflächen unter der unverwüstlichen Hi-Hat. Eine Dreiviertelstunde wirkt es so, als schliche Moiré nicht nur um seine wahre Identität herum, sondern auch um jede Festlegung auf irgendetwas Greifbares an seiner schüchternen Version der EDM. Nie ist zu ahnen, was er vorhat. Will er die Massen zum Tanzen bringen oder zum Lauschen? Unterhalten oder sedieren? Will er, wie im Klatsch-House von Stars, in den überfrachteten Pop abbiegen oder, wie im anschließenden Rings feat. Charlie Tappin, Richtung Ambient-Reduktion? Bezweckt er überhaupt etwas mit Shelter oder dekliniert da nur ein Mischpultvirtuose seine Liebe zum Verketten dessen, was er in der Welt der Geräusche so Bizarres findet?

Vermutlich von allem ein bisschen, jedenfalls von nichts zu viel. Deshalb kann man sich in einem Moment wunderbar im vielfältigen Kosmos der acht Tracks verlieren, um im nächsten so eine merkwürdige Zappeligkeit in den Beinen zu verspüren. So bringt uns Moirés erstes Album eine Art Festivalmusik für die Stunden nach der Kernpartyphase vorm Sonnenaufgang. Es lockt Kraftreserven aus den müden Knochen, leert sie aber nicht vollends. Chill-out-Sound in der Morgenbrise. Die ambrosischen Stunden. Eine geheimnisvolle Zeit, erfüllt mit Musik eines geheimnisvollen Künstlers.

„Shelter“ von Moiré ist erschienen bei Werkdiscs/Ninja Tune.

5 Kommentare

  1.   B

    Ich finde es sehr sehr fraglich den Sound von Moire mit „EDM Mainstream“ zu vergleichen. „Die EDM ich bin auf Extasy und trage Tank-Tops mit Ausschnitt bis in den Schritt Kultur“ alla Coachella oder Tomorrowland hat nichts mit dem zu tun, um was es bei elektronischer Musik geht geschweige denn etwas mit dem vorgestellten Werk. Wie an dem Track „Rings“ unschwer zu erkennen ist ist dieser Sound eher etwas für die elektronische Avantgarde die auch mit leiseren Tönen etwas anfangen kann und sich in den Verstrickten und Konstruierten Sound fallenlassen kann.

  2.   mariusfunk

    Ich bin das erste Mal vom Musikteil der Zeit überrascht. Danke!

  3.   Fabian

    Großartiges Album. Passt perfekt ins Werkdiscs Portfolio – der Schritt zu Actress ist klanglich nämlich nicht wirklich groß.
    Schön dass sowas von der Zeit Redaktion beachtet wird.

  4.   michel

    so schade! da beäugt die tonträger-rubrik endlich mal ein elektronisches album mit anspruch und schreibt dann so kitschig-ahnungslos darüber, dass ich’s fast nicht zu ende lesen kann.
    da gibt es echt noch nachholbedarf.
    trotzdem schön, dass die zeit sich dahingehend etwas öffnet.

  5.   janfreitag

    Lieber Michel,
    es gibt aber auch echt keinen Stil, nicht mal im gestrengen Heavy Metal, der jede Art sprachlicher Unkorrektheit erbarmungsloser kritisiert als elektronische Musik (was jetzt sicher auch wieder die völlig falsche Klammer ist). Zugegeben – da bin ich kein Experte, freue mich aber stets, wenn mich da was so erwischt wie Moiré. Wenn ich dann darüber schreibe, möchte ich dafür gar nicht benotet werden, sondern Aufmerksamkeit schaffen. Grobe Fehler dürfen gern benannt werden; so kann ich sie beim nächsten Mal ausräumen. Pauschalkritik hilft mir weniger. Trotzdem danke für die Resonanz,
    der Autor

 

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