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Die Hex ist tot!

 

Vor wenigen Jahren begründeten sie ein Musikgenre namens Hexen-House. Nun sind Esben And The Witch auf Irrwegen zur Goth-Rock-Band gereift. Fürchtet sich noch jemand?

© Pinelopi Gerasimou
© Pinelopi Gerasimou

Vier Jahre nach der großen Aufregung ist von Witch House vor allem die Erinnerung an ein Musikgenre geblieben, das es niemals wirklich gab. Ein paar House-, Dub- und Rap-Produzenten begannen mehr oder weniger gleichzeitig, sich für Dreiecke, dritte Augen, umgedrehte Kreuze und die düstersten Platten von The Cure zu interessieren. Dann hängten sie dicke Vorhänge vor die Fenster ihrer Studios, dachten sich den einprägsamen Sammelbegriff für ihre Musik aus und lachten über den gelungenen Scherz. Bis ihnen wieder einfiel, dass die Musikpresse noch nie besonders viel Spaß verstanden hat.

Sogleich entwickelte sich ein kleiner Hype um rätselhafte Projekte mit Namen wie Salem, Balam Acab und – unvergessen – oOoOO. Esben And The Witch sind bis heute die wahrscheinlich populärste Witch-House-Band, und es passt zur Geschichte des Phantom-Genres, dass ihre Musik nicht einmal ansatzweise mit den Beat-getriebenen Tracks der anderen Vertreter vergleichbar ist. Schade eigentlich: Abgesehen von diesem Schönheitsfehler sind Esben And The Witch tatsächlich das perfekte Witch-House-Projekt.

Die Band fand 2008 in Brighton zusammen und entwickelte schnell eine Aura des Unergründlichen. Ihr Name verweist auf ein blutiges dänisches Märchen, die ersten Artworks und Videos spielten mit Schockeffekten und anderer Gruselfilm-Ästhetik. In ihrem Interesse an allem, was Menschen Angst macht, ähnelten Esben And The Witch den sonstigen Insassen der Witch-House-Schublade also durchaus. Ihre Musik aber wies schon auf dem Debütalbum Violet Cries (2011) in eine andere Richtung: Sie war, um das abzukürzen, eine Art Goth-Rock für Hipster.

Gewaltausbrüche wurden bei Esben And The Witch nur angetäuscht, die Beschäftigung mit okkulter Symbolik blieb oberflächlich, das Makabere und Weltabgewandte meist Effekthascherei. Umso überraschender deshalb, dass die Band jetzt noch einmal ernst macht. A New Nature ist ihr drittes Album und das erste auf Nostromo Records, dem bandeigenen Label, das stilecht nach einem Joseph-Conrad-Roman benannt wurde. Die Aufnahmen im Studio des harten Hundes Steve Albini ließen sich Esben And The Witch von ihren Fans finanzieren. Der Sound hat mit trendiger Geisterbeschwörung nichts mehr zu tun. Er gleicht, ganz im Gegenteil, einem Exorzismus.

Um sich A New Nature anzunähern, kann man sich vorstellen, die junge PJ Harvey sei bei der populären Langstrecken-Rockband Swans eingestiegen. Während sich der Gitarrist Thomas Fisher und der Schlagzeuger Daniel Copeman um möglichst elegische Spannungsbögen bemühen, gibt die Bassistin und Frontfrau Rachel Davies eine unnahbare Leidenssängerin. Acht spröde Songs kommen auf diese Weise in 56 Minuten zusammen, gelegentlich entlädt sich alles in reinigenden Gitarrengewittern. Dennoch braucht man Geduld für die neue Version von Esben And The Witch. Bewegung minimal – die Band erlaubt sich nur noch ein zombiehaftes Voranschleppen.

Schon wegen seiner Schwerfälligkeit kann A New Nature nicht zu dem Befreiungsschlag werden, der es zweifellos sein sollte. Man wird Esben And The Witch nach dieser Platte nicht mehr in fragwürdige Schubladen einsortieren. Man erhält aber auch keine Antwort darauf, ob ihnen jemals mehr gelingen wird, als die stringente Inszenierung einer Düsteratmosphäre, hinter der sich gewöhnliche Rocksongs verbergen, jetzt nur etwas länger als zuvor. Da sich aber keine Plattenfirma mehr um deren Vermarktbarkeit sorgen muss – wen wollen Esben And The Witch damit eigentlich noch erschrecken?

„A New Nature“ von Esben And The Witch ist erschienen bei Nostromo Records/Rough Trade.

5 Kommentare

  1.   pe.

    Die bekanntesten Witch-House-Projekte sind meiner Ansicht nach Balam Acab, Holy Other und oOoOO. Espen And The Witch haben dieses Gengre nicht begründet; sie gehörten genau genommen nie wirklich dazu.

  2.   Al3x

    Mich erinnert das Werk in Bezug auf die Stimmung und Songstruktur sehr an „Third“ von Portishead. Etwas lauter und metallischer natürlich. Vor allem der Opener „Press Heavenwards!“ hätte auch aus portisheadscher Feder stammen können.

  3.   janfreitag

    Gefühlskrach. Nannte man das nicht früher auch Emocore? Gefällt auf jeden Fall!


  4. Off topic: PJ Harvey at the Royal Albert Hall -> http://www.pjharvey.net/everything2.html

  5.   whatever

    Zitat „Sie war, um das abzukürzen, eine Art Goth-Rock für Hipster.“ – Nichts gegen den Trend.

    Zitat „Der Sound hat mit trendiger Geisterbeschwörung nichts mehr zu tun. Er gleicht, ganz im Gegenteil, einem Exorzismus.“

    Hat der Schreiber je einen Song oder eine Scheibe gehört?
    (Von der Redaktion gekürzt. Bitte drücken Sie sich angemessen aus.)

 

Kommentare sind geschlossen.