Ihre Notizen, Gedichte und Bilder für die gedruckte ZEIT
Schnurstracks. Ich mag dieses Wort. Es bringt seine Bedeutung zum Klingen: »Schnur«, das ist gerade, ohne Umwege, auf kürzester Strecke. »Stracks«, kommt das von »Strecke«?, frage ich mich jetzt eben. Egal! Das »a« mit anschließendem »ck« bringt einen kleinen entschlossenen Knall und ist gleichzeitig der größtmögliche Kontrast zum dunklen »u« in der ersten Silbe. Das sehe ich bei »schnurstracks« vor mir: Jemand geht aufrecht und zügig, aber nicht überhastet, in eine Situation, um sie zu klären. »Schnurstracks« ist in Bild und Klang sehr viel anschaulicher als »direkt« oder »straight«.
Margit Bergmann, Flein, Baden-Württemberg
Meine Mitreisenden morgens in der S-Bahn. Beim Umsteigen etwa wartet oft mit mir zusammen eine Frau mit Rucksack, meist hat sie auch noch Tragetüten dabei. Sie trägt eine dicke Brille und immer Hut, sommers wie winters. Und sie liest viel, meistens englische Krimis im Original. Wo sie wohl hinfährt? Vielleicht ist sie Nanny einer englischen Familie? Oder führt sie einem älteren, ohne Zweifel distinguierten Herrn den Grunewalder Villenhaushalt?
Gabriele Zimmer, Berlin
(Nach Wilhelm Müller, »Der Lindenbaum«)
Am Tore vor dem Amte,
da steht ein armer Mann;
er schaut so müd und traurig
und traut sich nicht heran.
Er sprach schon oft da drinnen
so manches triste Wort.
Doch schickte man ihn immer
ganz eilig wieder fort.
Er wird auch heute wandern
vorbei an diesem Haus.
Hartz IV ist viel zu wenig;
ach, all sein Traum ist aus.
Die Kinder wollen essen,
das lässt ihm keine Ruh.
Das Tor, du Arbeitsloser,
das bleibt dir leider zu.
Karlheinz Schäfer, Kümach bei Würzburg
Mein Sechsjähriger, der mich vor Weihnachten fragt: »Mama, wie alt bist du?« Erwachsen und argwöhnisch frage ich zurück: »Warum willst du das wissen?« Seine Anwort: »Ich wollte nur wissen, wie viele Weihnachten du schon hattest.«
Birgit Setz, Mainz
Ich bin nicht sicher, ob mein Lieblingswort schon bei Ihnen erschienen ist. Jedenfalls ist Regenbogenpresse wirklich aktuell: Da gaukeln die bunten Seifenblasen zu Skandalen und Skandälchen mal wieder durch den Medienwald, bis die raue Wirklichkeit der Journalisten dem gläubigen Publikum alle Regenbogenträume platt walzt.
Susanne Privat, Bonn
Es gibt ein Wort in der deutschen Sprache, das jedem Autofahrer geläufig sein sollte, spätestens wenn er beim Ein- oder Ausparken auf ein anderes Fahrzeug auffährt: Kunststoffstoßstange! Richtig flüssig geht das nicht von der Zunge, und ein Ausländer – besonders aus dem spanischen oder englischen Sprachraum – wird bei der Aussprache auf große Schwierigkeiten stoßen. Vielleicht sollte man daraus ein Silbenkurzwort formen, etwa »Kustostosta« oder noch kürzer »Kusta« – wie »Azubi« für »Auszubildender«.
Gerhard Bauer, München

1950

2009
1950 lebte ich als Erstklässlerin mit meinen Eltern in Berlin. Ein großes Ereignis in diesem Jahr war unser Familienurlaub in Oberhof, Thüringen. Als wir fast 60 Jahre später auf einer Fahrt nach Berlin überraschend eine neue Route wählten und das Ortsschild »Oberhof« auftauchte, stand mir sofort wieder das Bild vor Augen, wie ich damals auf einem Bronze-Hirsch in der Ortsmitte reiten durfte. Wir fuhren nach Oberhof hinein und fanden das Denkmal unverändert vor. Ich wagte es nicht mehr, mich auf den Rücken des Tieres zu setzen, aber die Erinnerung an glückliche Kinderferien vor fast sechzig Jahren war sehr schön!
Sabine Enders, Tübingen
Mit der S-Bahn bin ich auf dem Weg in den Berliner Südosten. Irgendwann steigt eine junge Frau mit ihrer vielleicht zweijährigen Tochter ein und setzt sich in meine Nähe. Die Kleine kann kaum zwei Wörter aneinanderreihen, aber als ein alter Mann zusteigt, ruft sie zu ihm hinüber: »Hallo, Onkel, freier Platz!«, und zeigt auf den Platz neben sich. Leider hört es der Mann nicht. Wie gern wäre ich wie er gerade erst eingestiegen!
Anne Schäfer, Berlin

Januar 1946 – genau ein Jahr zuvor hatten wir unsere Heimat in Westpreußen verlassen müssen. Auf vielen Umwegen waren wir in Bad Pyrmont gelandet. Wir besaßen kaum etwas, wurden selten satt und froren erbärmlich in diesem langen kalten Winter. Unser Mittagessen durften wir uns täglich in einer Suppenküche abholen – mit einer Terrine, aus der wir auch alle aßen. Da freuten wir uns, als wir einen Brief vom Wohnungsamt erhielten mit einer Adresse, bei der wir uns drei Teller (leihweise!) abholen durften. Nach langem Klingeln wurde uns die Haustür geöffnet. Wortlos las man unsere Bescheinigung und drückte uns – ebenso wortlos – drei tiefe Teller mit den eingetrockneten Resten von Erbsensuppe in die Hand. Ich war damals acht Jahre alt und habe mich sehr geschämt. 54 Jahre später fanden wir die Bescheinigung im Nachlass meiner Mutter. Die drei Teller standen noch wohlbehalten in ihrem alten Küchenschrank.
Karin Hampe, Hann. Münden
Wenn im Winter die Saatkrähen als munterer Schwarm schräg über unser Haus zu ihrem Nachtquartier fliegen, nachmittags um vier, und sie im blassrosa Himmel langsam meinen Blicken entschwinden, dann beneide ich sie um ihr entferntes Ziel und ihre Gemeinschaft. Morgen warte ich wieder auf sie.
Elke Langmann, Augsburg