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Das wird teuer – Mehdorns Waterloo

 

Möglicherweise dürfen sich die Berliner an eine neue Großbaustelle gewöhnen. Das Berliner Landgericht hat am 27. November der Klage des Hautpbahnhof-Architekten Meinard von Gerkan statt gegeben, derzufolge eine Änderung seines Bauplans durch die Bahn AG unzulässig sei. Die Bahn hatte entgegen von Gerkans Willen statt der geplanten, gewölbten Decken Flachdecken einziehen lassen, die wiederum von einem anderen Architekten geplant worden waren. Die Bahn geht natürlich in Berufung, aber wenn es hart auf hart kommt, muss der Hauptbahnhof in einer 3 Jahre langen Umrüstungsaktion umgebaut werden, was mit derzeit etwa 40 Millionen Euro Baukosten beziffert wird.

Es steht Aussage gegen Aussage. Die Bahn AG sagt, man habe den Plan geändert, um Geld zu sparen; von Gerkan habe auf Anfragen, wie der Bau billiger anzufertigen sei, keine Vorschläge geliefert. Von Gerkan kontert, die wahren Gründe für die Veränderung seines Entwurfs seien „menschlicher Natur“. Es sei Herrn Mehdorn darum gegangen, „ein Exempel zu statuieren, [zu] zeigen wer der Herr im Hause ist“.

Liebe Leserinnen, Liebe Leser, was halten Sie von dem Urteil?

25 Kommentare


  1. Das Urteil geht natürlich vollkommen in Ordnung. Wurde auch Zeit, daß die Kunst mal wieder in ihr Recht versetzt wurde. Alles andere wäre die endgültige Unterwerfung unter die Hegemonie-Ansprüche des Gelds gewesen.

  2.   Ludwig

    Ich würde dem Urteil schon deswegen zustimmen, weil ich selten etwas monströs trostloseres gesehen habe als die unteren Etagen des Lehrter Bahnhofs, der Hades ist ein Freudenhaus dagegen. Auch scheint mir die Argumentation des Architekten nicht aus der Luft gegriffen, um seine Eitelkeit zu befriedigen. Den Schuh wird Herr Mehdorn sich also anziehen müssen.

  3.   Ulrich Stock

    Ich kann’s noch nicht glauben. Aber wenn, würde ein großartiger Bahnhof noch großartiger. Es versteht ja wohl niemand außer Herrn Mehdorn, warum die Bahn erst so etwas Ambitioniertes bauen läßt, um dann auf den letzten Metern in den Baumarkt zu rennen. 🙂

  4.   Jörg Schmidt

    Das Urteil von weldfremden Juristen verstehe ich vielleicht noch, die Reaktion darauf ganz sicher nicht mehr. In ein paar Wochen beschweren wir uns wieder über den schlechten Service in den Zügen der Bahn, die Verspätungen und den hohen Fahrpreis. Aber mal eben 40 Million für Gestaltung (die Funktion ist ja nicht beeinträchtigt) auszugeben, ist völlig ok. Schön wenn man so mit dem Geld von Anderen rumprassen kann.

  5.   Alexander Schmiedel

    Es ist sehr schade, dass die jetzt ansetzende Diskussion hauptsächlich bei den zusätzlichen 40 Millionen Euro hängen bleibt, die eine neue, andere Decke kosten wird.

    Die Frage besteht tatsächlich nicht darin, ob man mit diesem Geld die Gunst eines „eitlen Architekten“ befriedigen solle, sondern vielmehr, ob es einem wichtigen Auftraggeber erlaut sein darf, mutwillig Entscheidungen hinter dem Rücken der Architekten zu treffen.

    Vom kulturellen Standpunkt ist die Entscheidung ohnehin zu begrüssen. Es drängt sich ja ohnehin der Verdacht auf, dass die Kritiker am Urteil diegleichen sind, die ständig den Verlust an Baukultur in diesem Land geisseln.

  6.   Henrik

    Nun ich seh das ganze zwiegespalten. Klar, das Urheberrecht des Architekten muss gewahrt werden, aber der Kunde ist nunmal König – in diesem Fall die Bahn, und kann als Bauherr alle Details eines Bauvorhabens bestimmen, auch wenn das nicht ganz im künstlerischen Sinne des Architekten besteht. Man sollte, statt den Lehrter Stadtbahnhof in eine 3 jährige und 40 Millionen teure Baustelle zu verwandeln, den Architekten mit einem verhältnismäßigem Schadensersatz abfinden. Denn ich möchte nicht durch die Bauarbeiten am Lehrter Stadtbahnhof mit langen Verspätungen am Südkreuz im ICE Fernverkehr kämpfn müssen.

  7.   Heiko Wittbold

    Die Entscheidung des Gerichts ist zu begrüßen! Vertrag setzt sich gegen Ignoranz und Gutsherrenart durch. Schade nur, das dieses Urteil beim Glasdach des Bahnhofs nicht mehr greift, da der Architekt hier einer (sinnlosen) Kürzung schon zugestimmt hat. Auch ging es wohl nicht um die Eitelkeit eines Architekten, sondern eher um die eines Bahnchefs, der zeigen wollte, wer der Herr im Bahnhof ist und bestimmt, wo es lang geht. Wir kennen dieses nur zu Genüge. Es ist somit ausgeschlossen, das die Deutsche Bahn bei diesem Streit einlenken wird und das Urteil akzeptiert. Das wäre ja noch schöner!

  8.   Jan

    Das der Architekt das letzte Wort hat was gebaut wird finde ich schlicht grotesk. Seit wann geht ein Kunde eine Verpflichtung zur Umsetzung ein, wenn er bei einem Dienstleister einen Vorschlag für ein Gebäude oder sonstetwas bestellt? Wie kann der Architekt seinen Kunden zwingen, seine Kunstvisionen zu übernehmen und auch noch zu bezahlen? Was das mit Recht zu tun hat, ist für mich nicht nachvollziehbar.

  9.   Stefan R aus Leipzig

    Ich denke das Urteil ist mehr als gerechtfertig – nur hätte sich der Architekt schon eher auf die Hinterbeine stellen müssen – dann wäre Deutschland das peinliche verkürzte Glasdach erspart geblieben. Ich denke, früher oder später muss da auf jeden Fall nachgebessert werden. Ob das nun gleich 40 Millionen Euro kosten muss – da habe ich so meine Zweifel!

 

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