Am Schlachtensee

Wenn es heiß ist, geht man an einen Badesee. Da entspannt man sich und sammelt Kräfte für alles, was da kommt. Dieses Geheimnis wird von Generation zu Generation weitergegeben, und im Großen und Ganzen funktioniert das auch. Außer man wohnt in Berlin. Da funktioniert das inzwischen nicht mehr so richtig gut. In Berlin ist das nämlich so: Man steigt am Schlachtensee aus der S-Bahn, trägt einen vorschriftsmäßigen Picknickkorb am Handgelenk, darin einige Flaschen des kühlen Pilsbieres, vielleicht gar ein sanftes Frikadellchen oder auch gesalzenes Gebäck. Nun sucht man sich auf der proppevollen Liegefläche einen ungenutzten Quadratmeter, entrollt eine Badematte, legt sich ein Handtuch unter den Kopf und macht eine kleine Schläferei.

Macht man eben nicht, weil unten am Ufer jemand abgestochen wird. So hört es sich zumindest an. Wenn man genauer hinschaut, sieht man, dass es nur eine achtköpfige Meute muskelbepackter Männer, dem Installateur- oder Gerüstbauerhandwerk zuzuordnen, ist, aus Leibeskräften schreiend, die damit beschäftigt sind, sich gegenseitig ins Wasser zu schmeißen, sich im Wasser zu balgen, mit einem Medizinball zu bewerfen, brüllend wieder aus dem Wasser zu steigen, nur um sich subito wieder ins Wasser zu stürzen. Ein perpetuum mobile der Grobheit, ein Sisyphos-Treiben. Man schaut zunächst missmutig, nach einigen Minuten fasziniert auf dieses Treiben, das ohne jeden Zweck erscheint, ungerecht und erratisch anmutend werfen die Menschen einander ein ums andere Mal ins Wasser, brüllen und johlen, es nimmt kein Ende, sie haben schier unerschöpfliche Energievorräte, immer weiter geht das, es ist einfach sagenhaft. Gerade, als man sich daran gewöhnt hat, kommt er. Der Nebel. Dichter, dichter Nebel. Er kommt von einem kleinen Alu-Grill. Von einem kleinen Alu-Grill, der offenbar falsch bedient wird. Von einem kleinen Alu-Grill, der nicht nur falsch bedient wird, sondern hier eigentlich gar nichts zu suchen hat. Zwei grüngesichtige juvenile Deppen kokeln an dem Grill herum, operieren mit Kohle, Grillanzündern und Spiritus, die Rauchschwaden werden dichter und dichter, sie ziehen mit pestilenzartigem Gestank in Richtung Badewiese. Erste Rufe werden laut: „ßndisda? Seid wohl bekloppt, wa. Gloobck nicht, grilln die hier, áschlöcha.“ Nun werden die Deppen hektisch, wedeln mit bloßen Händen über der Feuerstelle hin und her und verstärken damit den Qualmaustritt auf das Zehnfache. Schnell formiert sich aus den im Qualm sitzenden ein Mob, der sich im Halbkreis um die Grill-Anfänger herum aufbaut und skandiert, „ausmachen, ausmachen ihr Spastis“: Irgendwer erbarmt sich und gießt einen halben Liter Wasser in die Glut. Langsam kehrt Ruhe ein. Habe ich Ruhe gesagt? Langsam kehrt der Lärm auf den Ursprungspegel zurück. Die gerade erwähnten Installateure frönen weiterhin ihrem debilen Spiel, dessen finales Ziel es wohl sein soll, dass alle Mitspieler ertränkt werden. Es ist wirklich erstaunlich, wie sehr sie schreien können, ohne heiser zu werden. Immer wieder hört man das laute Klatschen von Arschbomben auf dem Wasser. Gejohl wird abgelöst von lautem Gejohle, das wiederum abgelöst wird von extralautem, superlautem Spezialgejohl und rekordverdächtigem 1a Spitzen- Gejohl mit optionalem Schwerst-Wasserspritzen.

Nun kommen andere Schwaden angeraucht. Vier struppige Menschen sitzen nebenan, die schlimmste Sorte Mensch, die es gibt: Weiße mit Dreadlocks. Schwaben, die erst 2009 die Band Rage against the Machine entdeckt haben, auf Hochbetten schlafen und Ben Becker für Subkultur halten. Sie sitzen da und kiffen. Nun, das soll mir ausnahmsweise recht sein, das geht wenigstens leise vonstatten. Erleichtert entkronkorkt man ein Pilsbier, nimmt einen geziemenden Schluck, fast sind einem nun auch die johlenden Wasserspritzer vom Ufer sympathisch, es macht sich eine Art Frieden breit. Doch da hört man den Klang des Sommers 2009. Der Klang des Sommers 2009 ist der Klang eines Nokia-Handys, auf dem Musik über den Lautsprecher abgespielt wird. Falls es nicht bekannt sein sollte, erkläre ich es hier kurz: Die täglich mehr werdenden Deppen dieser Welt haben alle zusammen Anfang des Jahres einen Brief an Nokia geschrieben, weil sie festgestellt haben, dass ihr vorsätzlich ausgeübtes MP3-Player-Kopfhörergezischel inzwischen niemanden mehr in Bus und Bahn nervt. „Lieber Nokia“, so haben sie geschrieben, „niemand beachtet uns mehr. Niemand zollt uns Respekt. Wir werden ignoriert, und das darf nicht sein, denn unser Daseinssinn und -zweck ist es, der Menschheit eine wahrhaftige Geißel zu sein, auf dass wir ihre Toleranz prüfen könnten. Daher, lieber Nokia, erfinde uns doch bitte etwas, das laut und klein ist und plärrt und nervt, am Besten ein Musikabspielgerät was unsere ganzen vier oder fünf mp3-Dateien, die wir beistzen, in möglichst hässlichem Klang abspielen kann. Könnt ihr das?“ – „Ja“, haben die Nokias geantwortet, „das können wir.“ Und dieser Klang kleiner, plärrrender Handys, das ist der Klang des Sommers 2009.

Ich höre also nun aus 8 cm Luftlinie ein Nokia N95, das einen mir unbekannten Aggro-Rap-Soundtrack bereitstellt. Irgendwas unmelodisches von einem Diddy O. oder Puff Diddy, einem dieser goldverplombten Rapper mit Gestikulierkrankheit, die jedes Mal schon für das Wechseln ihres Namens oder der Straßenseite oder für das Einsteigen in ein Automobil mehrere Millionen Dollar kassieren. Ich öffne vorsichtig meine Augen. Eigentlich muss ich es nicht, weil ich sowieso weiß, was ich sehen werde, aber es ist wie ein Unfall. Man schaut eben doch hin. Ich sehe einen gegelten, jungen Mann, er steht dort in einer Khaki-Hose, einem Nike-T-Shirt und Nike-Turnschuhen, deren Gegenwert recht genau meiner monatlichen Umsatzsteuervorauszahlung entspricht. Er hat eine monströse, leuchtend weiße, um 35 Winkelminuten phasenverschobene Baseballkappe auf, und zwar eine, deren halbrunder Hut-Teil an seiner höchsten Erhebung fast 50cm hoch ist und deren Krempe breit und lang genug wäre, einem ausgewachenen Iglo-Schlemmerfilet Schatten zu spenden. Er steht da, hält auf Hüfthöhe sein Handy in der Hand und schaut herum. Sonst tut er nichts. Er tut nur einfach da stehen. Und hoffen, dass man ihn bewundert oder hasst. Er möchte auf jeden Fall eine Reaktion. Dazu ist er da. Und deshalb reagiere ich auch nicht. Ich ignoriere ihn.

Erst nach einer Viertelstunde merke ich, dass er offenbar nur 4 MB Speicher im Handy hat, er spielt jedenfalls immer wieder das Lied von vorne. Das bekommt mir nicht, das weiß ich noch von der Popkomm 1998, auf der ich – als männliche Hostess arbeitend, insgesamt 25.000 mal das Lied „Samba di Janeiro“ hören musste und darob richtig gehend krank wurde. Mit Fieber. Ich schaue den Morgenländer also an. Er schaut zurück. Ja, jetzt hat er mich da, wo er mich haben wollte. Ich schaue nochmal. Er schaut zurück. „Könnten Sie sich bitte ein wenig zur Seite stellen? Oder die Musik leiser machen? Ich würde gerne etwas schlafen“.

Und ja – der junge Mann nickt mir zu. So geht’s. Liebe Berliner, ich habe gerade ein Beispiel gegeben, wie man das macht. Respektvoll, höflich, mein Gegenüber auf Augenhöhe angesprochen. Und zack – da nickt er! Er bleibt allerdings da stehen, wo er stand. Auch lässt er die Musik weiter laufen. Ich warte einige Minuten. Wiederhole dann, auf sein Handy zeigend, „Entschuldigung. Die Musik. Leiser bitte. Oder woanders hin gehen. Bitte.“. Er nickt wieder, sonst ändert sich jedoch nichts.

Ich zücke mein Nokia N95 und steppe durch die Songdatenbank meiner 1 Gigabyte Mini-SD Karte. Was nehmen wir denn. Dinosaur Junior? Die Babyshambles? Interpol? Oder kann man ihn mit Reggae quälen? Linton Kwesi Johson? Nein, wir nehmen Frank Zappa, Apostrophe, ein sechsminütiger Fieberwahn, das muss funktionieren. Ich schalte ein. Der Aggro-Rap ist nicht mehr zu hören, er ist maskiert, wie die Tontechniker das nennen. Mein Zappa ist einfach lauter. Ich bin froh, dass ich vor dem Überspielen aufs Handy alle Lieder nochmal per Software komprimiert habe. Der junge Mann geht weg. Das wiederum macht mir so gute Laune, ich glaube, ich ziehe jetzt mal meine Badehose an und gehe mit den Klempnern und Gerüstbauern plantschen

 

Die Pinnwand des Grauens

Berlin ist voll von Biosupermärkten, und diese Läden sind im Grunde auch eine schöne Einrichtung. Man kann mit vergleichsweise großer Sicherheit davon ausgehen, dass die dort gekauften Waren von einer brauchbaren Qualität sind. Das Ambiente solcher Läden ist allgemein freundlich und hat nichts mit der dumpfsäuerlichen Brottrunk-Atmosphäre der alten Reformhäuser gemeinsam. Was dem Redesign der Warenwelt indes noch ein bisschen hinterherhinkt, ist das Publikum dort. Als wollten zwangsweise schlimmste Klischees bedient werden, wimmelt es auch im modernsten Biosupermarkt noch von übellaunigen Gegen-alles-Allergikern, die mit zitternden Fingern Produktzutatenliste entlangfahren, dann mit einer Mischung aus Triumphgeheul und völliger Verbitterung „Ha! Mit Gluten!“ ausstoßen, ihren Sauerkrautsaft, Staudensellerie und die Vierteltüte Buchweizen-Pops in sorgfältig abgezählten Centstücken bezahlen, um dann an der separaten Brottheke verhärmte Sauerteigsituationen zu erleben. Ich übertreibe? Iwo!

Im „Basic“ Biosupermarkt am Walther-Schreiber-Platz gibt es nämlich jetzt eine kleine, aber sehr aussagekräftige Literatureinrichtung, an der ich in einer zwanghaft zu nennenden Weise mindestens einmal die Woche vorbeigehen muss. Es handelt sich um eine Art schwarzes Brett, das zur wechselseitigen Kommunikation zwischen Biosupermarktkunden dient, aber auch als Qualitätssicherungs-Rückkanal zur Geschäftsleitung fungiert. Da hängen herrliche Sachen. Da wird sich über Dinge beschwert, die sich wirklich kein Mensch ausdenken kann, nicht in den kühnsten Träumen. Die Geschäftsleitung des Basic-Biosupermarktes jedoch toppt diese Beschwerdeschreiben mit einer absolut freundlich-professionellen Art des Antwortens, die sich auch von absurdestem Genörgel überhaupt nicht aus der Ruhe bringen lässt.

Ein Kunde schreibt beispielsweise: „„Leider vermisse ich in Ihrem Sortiment noch Bio-Putzstein“. Anstatt, wie es normal wäre, zu antworten: „Hä? Putzstein? Was ist denn das für ein Tand? Können Sie nicht einfach eine Parkuhr zuquatschen“, kontert die Geschäftsleitung kühl, aber nicht unfreundlich, mit der schriftlichen, für alle einsehbaren Antwort. „Leider ist es uns noch nicht möglich, diesen Putzstein in Bio-Qualität anzubieten.“ Klug retourniert, gewissermaßen hermetisch, unzweifelhaft, in hohem Maße souverän.

Eine andere Kundin, der Schrift nach Grundschullehrerin, schreibt: „Suche Ingwer, der nicht aus China kommt. Bio, made in China? Dass ich nicht lache!!“. Die Geschäftsleitung wiederum antwortet stoisch: „Ingwer kann nur in tropischen oder subtropischen Gebieten angebaut werden. Wir versichern aber, dass die anbauenden Unternehmen sich unseren Qualitätsrichtlinien verpflichtet haben“. Eine kühle, hochprofessionelle Antwort, die in ihrer völligen Unberührbarkeit und Unemotionalität wie ein Karateschlag daherkommt. Wunderbar.

Um den nächsten Kundenbrief zu verstehen, muss kurz erwähnt werden, dass es einen großen Fahrradständer vor dem Biosupermarkt gibt. Er trägt den Aufdruck: „Schön, dass Sie mit dem Rad da sind.“ Nun zum Brief:

„Am Fahrradständer heißt es, es sei schön, dass ich mit dem Rad komme. Rabatt gibt es aber nur für Autofahrer (kostenloser Parkplatz). Die Fahrradständer könnten verbessert werden. Gute Bügel im Boden. Wie viel ist Ihnen das Ankommen der Kunden mit Fahrrad wirklich wert? Es gibt nämlich auch noch andere Bioläden…

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Der Brief scheint ganz frisch, hier konnte die Geschäftsleitung noch nicht antworten. Wenn ich die Geschäftsleitung wäre, ich würde folgendes antworten:

Lieber anonymer, feiger, Kunde. Es bedarf einiger in hohem Maße pathologischer Hirnverrenkungen, das Anbieten eines Parkplatzes als Rabatt fehlzuinterpretieren. Und was meinen Sie überhaupt mit „Gute Bügel im Boden“? Sätze ohne Prädikat werden von uns grundsätzlich nicht akzeptiert. Falls Sie mit dieser ihrer unverständlichen Sentenz zufällig meinen, wir sollten Ihnen einen fest installierten Fahrradständer anbieten, können Sie sich gehackt legen, denn die Bauordnung verbietet dies aufgrund des schmalen Gehsteigs, und Sie können gottverf*** nochmal froh sein, dass wir für Ihr minderwertiges Klapprad überhaupt eine Abschließmöglichkeit bereithalten. Sie fragen: „Wie viel ist Ihnen das Ankommen der Kunden mit Fahrrad wirklich wert?“ Wir sagen es Ihnen ganz offen: Nichts. Sie können uns nämlich völlig gestohlen bleiben, weil Sie noch nicht mal Geld für ein Auto haben, dementsprechend wenig einkaufen und uns dann noch unsere kostbare Zeit mit Ihrem dummdreisten Genörgel stehlen. Ach, wir sagen’s ehrlich, Autofahrer sind uns 20x lieber, sie haben erstens ein schlechtes Gewissens und zweitens einen großen Kofferraum. Selbst ein Kleinwagenfahrer macht im Vergleich zu Ihnen einen achtfachen Umsatz, und daher hegen und umgarnen wir jeden einzelnen Autofahrer und wenn uns die bereits erwähnte GOTTVERF***** Bauordnung es nicht verböte, würden wir glatt noch eine Tiefgarage anbauen, noch lieber sogar einen Drive-in. Falls Sie mit Ihrer abschließenden, mit dunkel-raunenden „Punktpunktpunkt“ garnierten Mitteilung, „es gibt auch noch andere Bioläden“ ausdrücken wollen, dass Sie andere Bioläden dem unsrigen künftig vorziehen, so rufen wir Ihnen aufmunternd zu: „Tun Sie das! Verpissen Sie sich, Sie sind frei! Gehen Sie anderen auf den Sack, wir möchten Sie eh jedesmal aus dem Laden kärchern, wenn wir Sie mit Ihren missratenen, schielenden Kindern, die sämtliche Waren unnötigerweise mit ihren Klebefingern anpacken, ohne sie zu kaufen, durch den Laden stolpern sehen. Tschö mit ö.

 

Stadtbad Schöneberg, das Mekka der Maulfaulen.

Gestern Regen. Plästern, Plätschern, Prasseln. Régen. Was für ein Sauwetter. Die Tochter liebt Schwimmbäder. Ich hasse Schwimmbäder, lieber aber wiederum meine Tochter und ließ mich also von ihr überreden, mit ihr ins Stadtbad Schöneberg zu gehen. Stolz verkündete sie mir im Schwimmbad: „Heute möchte ich vom Einmeterbrett springen“. Das hatte sie sich zuvor noch nie getraut. Das Einmeterbrett war gesperrt. Sie wollte die am Beckenrand stehende Bademeisterin auch selber fragen und tapste dort hin. Kurz darauf kam sie zurück und sagte, „sie wollen das Einmeterbrett heute Nachmittag irgendwann noch öffnen.“ Wir warteten dann schwimmend eine knappe Dreiviertelstunde, nichts geschah. Meine Tochter fragte nochmal nach, wann denn das Einmeterbrett geöffnet werde. Die Bademeisterin antwortete mit „ma kieken“. Eine Viertelstunde später klopfte ich beim Bademeister an, der in seinem Bademeisterkabuff saß und mit den Händen eine Pizza aß. „Guten Appetit“, sagte ich, „meine Tochter möchte gerne am Einmeterbrett springen, wird das heute nochmal geöffnet und wenn ja, wann?“ – Statt einer Antwort zeigte der Bademeister mit dem Finger auf seine draußen im Bad herumspazierende Kollegin. „Wie bitte?“, fragte ich höflich nach? „Kollegin frahren“, kam mürrisch die Antwort.

Wir haben die Kollegin dann nicht mehr gefragt. Unfreundliches Pack.

 

Be-Berlin oder Roh-Rohrzucker?*

Ist das jetzt der neue Trend? Slogans und Produktnamen für Stotterer? Ich wurde in den Kommentaren zum vorigen Beitrag gefragt, ob ich nicht mal etwas über den Berlin-Slogan be.berlin bzw. sei Berlin schreiben könne. Ja, kann ich. Ich weiß nur nicht, was. Ich kann nur dazu sagen, dass ich Stadtslogans Unsinn finde. Zutiefst an der falschen Stelle rausgeschmissenes Geld. Eine Stadt braucht keinen Slogan. Ah, jetzt weiß ich doch, was ich schreiben kann. Der von mir sehr verehrte Kabarattist Hanns-Dieter Hüsch sollte nämlich mal einen Slogan für Berlin verfassen. Er vergaß den Auftrag und merkte erst morgens beim Weckerklingeln nach einer durchfeierten Nacht, dass er ja den Slogan in einer Agentur abzugeben habe. Daraufhin hatte er mit 2 Promille Standgas schnell auf einen Zettel gekritzelt, „Berlin – das bist du!“ – und gutgelaunt das Honorar eingestrichen.

Wer nun glaubt, so gehe das in Agenturen generell zu, der irrt. Zwar wirken Slogans oft wie schnell und besoffen hingeschludert, in Wahrheit ist es aber so, dass die Agentur-Denker sich in der Denkzelle mühsam Vorschlagslisten abringen, diese werden dann in größerer Runde vorgestellt, dort sitzen mindestens zehn Bedenkenträger mit Direktleitung zum Markenanwalt kopfwackelnd am Tisch, um in semantischen Streich- und Fabulierorgien wieder alles zu zerfleddern. Und das kostet.

Ich plädiere statt dessen für das Geld den Kapielski’schen Springbrunnen zu bauen. Dann hätte Berlin ein wirkliches Pfund zum Wuchern.

*) Wortwitz mit Roh-Rohrzucker (C) 2008 Sascha Lobo.

 

Berliner Post – Ihr Feedback bitte

Ich habe am Freitag etwas interessantes erlebt. Ich war zu Hause, hörte plötzlich, wie an der Wohnungstür etwas durch de Briefschlitz fiel. Ging zur Tür und fand auf dem Fußboden eine der berühmten, roten Postkarten der Deutschen Post AG, die mich informierte, man habe mich nicht angetroffen und ich solle doch mein Paket bitte am nächsten Tag auf der Post abholen. Heute jedoch nicht. Ich riss die Wohnungstür auf und krakeelte dem Briefträger hinterher.

Ich: Moment, ich bin zu Hause. Wo ist mein Paket?“

Postmann: Dit wollten wa jestern zustellen, dâ wâ âbâ kéenâ ßu Hauese bei Ihn‘

Ich: Das stimmt erstens nicht und zweitens: warum werfen Sie dann HEUTE, also einen Tag nach gestern, die Benachrichtigungspostkarte ein?

Postmann: „Weiel die mit der Post ßugestellt wern“.

Hat jemand ähnliches erlebt? Ich würde doch gerne mal eine kleine Fallsammlung machen und dann mal schauen, was man damit so erreichen kann.

 

Ach, ver.di

Dass Löhne und Gehälter in irgendeiner Form mit den Einnahmen bzw. dem Gewinn eines Unternehmens zusammengehören, sollte doch wirklich jedem klar sein. Dass durch diese dauernde Streikerei die Einnahmen bzw. der Gewinn des Unternehmens zusammenschnurrt, dürfte auch klar sein. Dem Unternehmen bleiben zwei Möglichkeiten: Die Sache aussitzen oder den Erhöhungswünschen nachgehen. Wenn sich dadurch die Haushaltslage des Unternehmens verschlechtert, muss das Unternehmen entweder sparen, was nicht selten zu Entlassungen führt, oder die Preise erhöhen, was wiederum Kundenschwund nach sich zieht, welcher den Gewinn der Preiserhöhung wiederum zunichte macht.

Fällt Ihnen was auf?

 

Der deprimierendste Ort der Welt.

Hinter der Warschauer Brücke, da wo noch ein alter Mauer-Wachturm steht und die Puschkinallee beginnt, dort gibt es den möglicherweise deprimierendsten Ort Berlins. Er wird offiziell deklariert als überdachter Antik-und Trödelmarkt. Das Besondere an diesem Antik- und Trödelmarkt ist allerdings, dass es hier weder Antiquitäten, noch Trödel gibt, sondern stattdessen den größtmöglichen Wust heretogenen Mülls, den es je auf einem Haufen gegeben hat. In eine heruntergekommene, maximal verwarzte und baufällige Fabrikhalle sind über die vergangenen Jahrzehnte wohl an die fünfzig Verkaufsstände organisch hineingewachsen. Jeder dieser Stände wiederum sieht aus, als hätte man den kompletten Inhalt einer Messie-Wohnung ausgeräumt und originalgetreu in der Markthalle wieder aufgebaut.

Hier finden sich in friedlicher Eintracht abgegriffene Fernbedienungen, völlig und restlos ausgelatschte Schuhe, Stühle mit zwei Beinen, verbeulte Durchlauferhitzer, Fernseher mit halbblinden Bildröhren, Lautsprecherboxen unbekannter Herkunft mit eingedrückten Kalotten, vollgekotzte Gastronomieherde mit beängstigenden Ausmaßen, ukrainische Atomkraftwerkersatzteile, verrostete Spülen, absolut defekte und nie wieder reparierbare Waschmaschinen, ausgelaufene Batterien, Fahrräder ohne Räder, Autoreifen ohne Schlauch, Schrauben ohne Gewinde, Lampen ohne Fassung, getragene einzelne Socken – Pizzakartons aus zweiter und Umzugskartons aus siebter Hand – kurz: nahezu nichts ist zu gebrauchen. Keines der hier feilgebotenen Dinge würde man in der Zweiten Hand unter der Rubrik „Zu verschenken“ loswerden können.

Jeder der Stände ist wiederum bereits dermaßen mit Nippes, Müll und Kokolores vollgebaut, dass nur ein Bruchteil der sichtbaren Waren überhaupt näher betrachtet, geschweige denn angefasst oder gar ausprobiert werden kann. Würde man beispielsweise einen aus der Masse hervorstechenden Spiegel wirklich von Hand aus dem Warenklumpatsch befreien, könnte dieser Vorgang möglicherweise den Zusammenbruch des Verkaufsstandes, wenn nicht gleich der ganzen Markthalle zur Folge haben.
Man sieht auch nirgendwo jemanden etwas kaufen. Als ich beispielsweise über ein rostiges Kinderfahrrad mit abgebrochenen Stützrädern stolperte, fragte ich mehr der Neugierde halber den Verkäufer, der den Stand betreute, nach dem Preis. 70 Euro antwortete er, und schob ein fürstlich gelauntes „fast neu“ hinterher. Es sind dies Preise, die man im fortgeschrittenen Geschäftsverkehr gern Vermeidungspreise nennt.

Zu sprechen ist unbedingt von dem Geruch. Der gesamte Flohmarkt riecht nach einer Mischung aus Schweiß, Tod, Verwesung, alten Socken und Schuhen. Als basso continuo liegt über all diesem noch der Geruch von tranigem Fritierfett und zwiebeligem Bulletenatem, denn in der Halle – und nicht davor – befindet sich auch ein Imbiss-Stand, an dem schnaufende, rotgesichtige Herrschaften, in Ballonseide gekleidet, Kuchen, Pommes Frites und Curry-Würste verzehren, während sie gleichzeitig Bier und schwarzen Kaffee trinken und auch noch filterlose Zigaretten rauchen. Hier werden, ich habe es gesehen, nicht nur die Pommes Frites, sondern auch die Würste in der Friteuse zubereitet, es nähme mich nicht wunder, wenn auch der Kuchen fritiert würde. Aus allen Ecken hört man Hustenanfälle, Brechreiz und tuberkulöses Atmen, Geräusche die sich vortrefflich mit den Klingeltönen verwichener Handy-Generationen mischen. Mehrere Stände sah ich, in denen die Standbesitzer über Minuten regungslos sitzend verharrten, nicht auszuschließen, dass sie schon seit Tagen oder Wochen tot waren. Im geometrischen Mittelpunkt eines Lederwarenstandes wiederum saß, völlig von Lederjacken, Hosen, Schuhen und Handtaschen zugebaut, ein Rastafari-Mann, der über dem Startbildschirm eines hochfahrenden Windows 3.11 sinnierte und dabei stillvergnügt in sich hineinschmunzelte. Mehrmals passierte ich den Stand, mir bot sich das immergleiche Bild, vermutlich war das Windows-Logo längst in den Monitor hineingebrannt. Es herrschte kein Zweifel, hier hatte ein Mensch seinen Frieden, ja seine Bestimmung gefunden.
Der Antik- und Trödelmarkt in der Puschkinallee ist mit Sicherheit ein Ort, den man besucht haben muss. Nirgendwo sonst manifestieren sich Hoffnungslosigkeit und Defektizität konzentrierter und überzeugender. Wer diesen Ort des Grauens verlässt, er hat die Pest, Cholera und auch sonst den einen oder anderen Bazill am Revers kleben, und wer nach einem Besuch dieses Marktes durch den eisigen Berliner Wind nach Hause stapft, der ist für immer auf wundersame Weise verändert.

 

Es geht auch ohne BVG

Ich weiß nicht, wie es Ihnen ergeht, aber ich finde es interessant zu sehen, wie Berlin mit dem BVG-Streik umgeht. Es kommt zu Kollegen-Fahrgemeinschaften, ich habe gestern sogar mal versucht, per Anhalter zu fahren, klappt 1a), möglicherweise aber auch, weil ich vor dem Anhalter Bahnhof stand (Spitzenwitz, ich weiß). Die Taxikutscher sind überglücklich und schauen drein, als hätten sie drei Mal hintereinander Geburtstag gehabt. Wenn’s Wetter etwas besser wäre, würde auch das Radeln mehr Spaß machen. Die BVG wird mir von mal zu mal immer unsympathischer. Kollegen und ich werden nach dem Streik die neu entstandene Fahrgemeinschaft beibehalten. Meine Umweltkarte verlängere ich nicht.

 

Sparen – ausgerechnet bei behinderten Kindern?

Mit großer Besorgnis haben die Eltern autistischer Kinder einen Brief der „Schule am Friedrichshain“ und der Comeniusschule zur Kenntnis genommen, in dem starke Kürzungen der Schulhelferstunden für das kommende Schuljahr angekündigt werden.

Autistische Kinder werden in Berlin in den unterschiedlichsten Schulformen beschult. Es gibt Schulhortprojekte, in denen ausschließlich Autisten aufgenommen werden, aber dort sind nur sehr wenige Plätze vorhanden. Alle anderen Kinder werden entsprechend der großen Bandbreite, die die Diagnose „Autismus“ umfasst, an allen anderen Schulformen beschult: von der normalen Grundschule über Schulen für Körperbehinderte bis zu Schulen für geistig Behinderte. In diesen nicht auf Autismus spezialisierten Schulen können die Kinder oft nur dann lernen und betreut werden, wenn sie Unterstützung durch einen sogenannten Schulhelfer bekommen.

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