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Schmerz durch Kuscheln

 

Sarkozys Moskau-Reise zeigt: Europa beginnt, seine eigentliche Stärke zu entdecken. Es ist die rücksichtslose Kooperation mit den Rändern Russlands

Die ganze Kraft und den ganzen Kleinmut Europas vereinte Nicolas Sarkozy in Moskau in nur einem Satz. „In einem Monat werden die russischen Truppen von georgischem Territorium abgezogen sein, mit Ausnahme natürlich von Ossetien und Abchasien“, sagte der französische Staats- und derzeitige EU-Ratspräsident nach einem vierstündigen, angeblich spannungsgeladenen Gespräch mit dem russischen Präsidenten Dimitri Medwedjew über die Krise im Kaukasus.

Teil eins des Satzes, die russische Abzugszusage aus dem georgischen Kernland, ist der kleinst denkbare Erfolg, den Sarkozy für die Europäische Union Anfang dieser Woche mit nach Hause bringen konnte. Alles andere wäre für die EU eine blanke Blamage gewesen.

Auf ihrem Brüsseler Krisengipfel schließlich hatten die 27 Staatschefs diese Forderung (die nach ihrer Ansicht ja schon im Waffenstillstandsabkommen vom 12. August festgeschrieben war), mit aller der Gemeinschaft möglichen Verve bekräftigt. Solange noch ein russischer Soldat jenseits der abtrünnigen Provinzgrenzen stehe, lautete die sachte Drohung der EU, werde es keine weiteren Verhandlungen über ein neues Partnerschafts- und Kooperationsabkommen mit Russland geben.

Zurück zum institutionellen business as usual könnte es jetzt schneller gehen als erwartet. Spätestens bis zum 1. Oktober will die EU in der Pufferzone zwischen Abchasien und Südossetien 200 Beobachter in Stellung bringen, im Austausch für die 500 russischen Soldaten, die sich dort völkerrechtswidrig eingegraben haben. Diese Einheiten, so Medwedjews Zusage, werden sich binnen zehn Tagen nach Ankunft der Europäer zurückziehen. Wohin sie marschieren, falls sie marschieren, liegt nahe: zu ihren Kameraden in jene beiden Provinzen, die Russland nach dem georgischen Angriff auf Tschinwali erobert, einseitig anerkannt und allem Anschein nach in den Tagen darauf ethnisch „gesäubert“ hat. Dies jedenfalls legt die georgische Regierung derzeit vor dem internationalen Gerichtshof in Den Haag mit einiger Überzeugungskraft dar.

Genau diese Vorgeschichte lässt den zweiten Teil von Sarkozys Moskauer Erfolgsmeldung verrutscht erscheinen. Wie kann es „natürlich“ sein, dass Europa zu der russischen de-facto-Einverleibung Südossetiens und Abchasiens schweigt? Selbst wenn Georgiens Präsident Michael Saakaschwili den Krieg begann, indem er in Tschinwali Zivilisten bombardieren ließ, und selbst wenn man die russische Argumentation eine historische Sekunde lang ernst nimmt, lediglich die eigenen Staatsbürger verteidigen zu wollen, so rechtfertigt das eine Verbrechen nicht das andere, und schon gar nicht entschuldigt die zweifelhafte neue Doktrin eines Ethno-Protektionismus den beispiellosen Unilateralismus, mit dem Russland die Karte des Kaukasus neu zeichnet.

Wie entschiedener der Tonfall der amerikanischen Außenministerin Condoleeza Rice in einem Beitrag in der FAZ vom 24. September:

„Auf beiden Seiten wurden Fehler gemacht“, stellt Rice über die gegenseitigen Provokationen von Russland und Georgien fest, „aber die Reaktion der russischen Führung – der Einmarsch in ein souveränes Land über eine international anerkannte Grenze hinweg, und dann der Versuch, das Land durch die Anerkennung Abchasiens und Südossetiens zu zerteilen – war unverhältnismäßig.“

Diese Aggression fordere vom Westen erstens Standhaftigkeit:

„Wir können es uns nicht leisten, die Vorurteile zu bestätigen, die einige russische Politiker anscheinend haben: dass, wenn man Druck auf freie Nationen ausübt – wenn man einschüchtert, bedroht und losschlägt, wir aufgeben und uns letztendlich geschlagen geben werden. Die Vereinigten Staaten und Europa müssen derartigem Verhalten die Stirn bieten und dürfen es nicht erlauben, dass die Aggression Russlands irgendeinen Nutzen hat.“

Und zweitens eine klare strategische Ansage an Russland:

„Die Vereinigten Staaten und Europa werden nicht zulassen, dass die russische Führung doppelgleisig fährt und auf der einen Seite die Vorteile der internationalen Regeln, Märkte und Institutionen genießt, aber gleichzeitig ihre unmittelbaren Grundlagen in Frage stellt. Es gibt keinen Mittelweg. Ein Russland des 19. Jahrhunderts kann nicht Seite an Seite mit einem Russland des 21. Jahrhunderts in der Welt auftreten.“

Über das politisch wie moralisch Widernatürliche, das währenddessen in Sarkozys „Natürlich“ liegt, dürfte die EU schon bald wieder in Streit geraten. Denn während das „kalte Europa“ (die Baltenstaaten, Polen, Schweden und Großbritannien) nach wie vor der Ansicht ist, Russland müsse spürbarer bestraft werden, um weitere moskowiter Ausfallschritte zu verhüten, glaubt das „warme Europa“ (Frankreich, Deutschland und Italien), Russland am besten durch neue Sicherheitskooperativen zähmen zu können. Während des EU-Außenministertreffens vergangene Woche in Avignon trat diese Spaltung noch einmal klar zu Tage.

Vor allem Frank-Walter Steinmeier will die EU auf Konferenzkurs bringen. Zunächst soll am 15. Oktober in Genf ein internationales Treffen über die Zukunft des Kaukasus stattfinden. Darüber hinaus hat die Türkei angeboten, eine „Stabilitätskonferenz“ für die Schwarzmeeranrainer Ukraine, Moldawien, Russland, aber auch Armeniern und Aserbaischdschan auszurichten. Sie könnte, glaubt ein deutscher Diplomat, zu einem „dauerhaften Mechanismus“ werden, zu einer Art Kaukusus-OSZE also.

Tatsächlich ist zu hoffen, dass die Dialog-Befürworter der EU auf den noch anstehenden Krisentreffen der Gemeinschaft die Oberhand behalten. Denn die Steinmeierisierung der europäischen Russlandpolitik ist (ja, liebe Blogleser, damit auch etwas Abbitte) richtig. Allerdings nur deshalb, weil sie keineswegs so defensiv ist, wie ihre Verteidiger glauben.

Russland lässt nicht mit Peitschenhieben (Ausschluss aus den G8, Visa-Beschränkungen, Blockierung des WTO-Beitritts) zur Kooperationspolitik zwingen. Nachdenklich werden allerdings dürften die Putinisten, wenn der Westen jetzt umso entschlossener den Druck der russischen Pipelines drosseln würde – und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Russland tritt vor allem deshalb so selbstsicher auf, weil es sich erfolgreich zum geopolitischen Nadelöhr für Gas- und Öllieferung nach Europa gemacht hat.

44 Prozent der Deutschen fürchten laut einer Allensbach-Umfrage, dass Russland seine Öl- und Gasvorräte nutzen könnte, um Deutschland politisch zu erpressen.

Mit jedem Schlauchanschluss, den der Westen selbst Richtung Kaspisches Meer legt, mit jedem Kubikmeter Gas, der durch die Nabucco-Pipeline vorbei an Russland, durch Aserbaidschan durch Georgien und die Türkei in die EU geschleust wird, werden die Europäer einen Teil dieser Angst und Moskau damit einen Teil seiner außenpolitischer Arroganz verlieren. Deshalb ist alles gut, was der Stabilisierung dieser Länder dient, alles, was Investoren anlockt und alles, was einen echten Wettbewerb um Rohstoffe zulässt, die in der Hand von Nationalisten schlecht aufgehoben sind. Das hübsch-perfide an der Europäischen Nachbarschaftspolitik ist, dass sie das Potenzial hätten, Russland zu isolieren ohne dass die EU irgendwelche Sanktionen gegen Moskau verhängen müsste. Die EU müsste bloß die russische Peripherie so warm an sich binden, dass sich Russland im Vergleich unterkühlt fühlt.

Öl und Gas machen Russland unilateral. Etwas weniger davon könnte es zum besseren Partner machen.

8 Kommentare

  1.   Boccanegra

    Ein großes Ja und ein großes Aber zu diesem Blogeintrag: Ja, eine „Steinmeierisierung“ täte der EU-Politik gegenüber Russland sicher besser als weitere Eskalation und Konfrontation. Aber die EU sollte dabei nicht auf den Gedanken verfallen, künftig in Aserbaidschan, Turkmenistan oder Usbekistan das Spiel „Ein Diktator, aber unser Diktator“ zu spielen.

    Dass Sanktionen gegenüber Russland mehr schaden als nutzen, ist nach derzeitiger Lage der Dinge ziemlich offensichtlich. Dass es mehr, nicht weniger Gesprächskanäle mit Russland braucht, wird deutlich, wenn man erkennt, dass im russischen politischen Diskurs noch immer die Vorstellung einer „aggressiven“ NATO vorherrscht, die Russland „zu umzingeln“ versucht, wogegen sich Russland nur militärisch wehren könne, da seine Armee sein einziger zuverlässiger Partner in der Welt sei. Vertrauensbildung – Vertrauen insbesondere darin, dass beide Seiten völkerrechtliche Prinzipien einhalten werden – ist hier das A und O. Und von einer Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit im Kaukasus werden wahrscheinlich auch erst einmal nur alle Seiten profitieren, Russen und Moldavier ebenso wie Türken und Armenier. Diese Region ist mit zu vielen eingefrorenen Konflikten beladen, als dass es in Zukunft eine dauerhafte Option sein könnte, sie weiterhin zu ignorieren.

    Was aber die „hübsch-perfide“ Europäische Nachbarschaftspolitik betrifft, so habe ich gewisse Zweifel. Der Satz „Deshalb ist alles gut, was der Stabilisierung dieser Länder [im Kaukasus und am Kaspischen Meer] dient, alles, was Investoren anlockt“ hat einen sehr, sehr unangenehmen Beigeschmack. Sicher ist es richtig, dass die Diversifizierung der Energieversorgungswege die EU von Russland weniger abhängig macht und dadurch im besten Fall in Moskau die Gazprom-Kartellisten an Macht verlieren, die Internationalisten an Einfluss gewinnen werden. Aber was Menschenrechte und Demokratie betrifft, ist die Lage in vielen der anderen Länder auf dem Weg zwischen uns und den Rohstoffvorräten Zentralasiens noch weitaus schlimmer als in Russland. Es kann der EU darum zwar gelingen, Aserbaidschan oder Usbekistan mit „ökonomischem Imperialismus“ an sich zu binden und für Stabilität zu sorgen, indem sie die Regierungen dort einfach kauft. Aber was unsere Glaubwürdigkeit in der Welt betrifft, begäben wir uns damit auf dieselbe abschüssige Bahn, auf die etwa die USA in Saudi-Arabien oder (bis 1979) im Iran geraten sind. Die EU wäre eine reiche fremde Macht, die mit einer Regierung paktiert, die ihre Bevölkerung unterdrückt – und eine Bewegung, die sich gegen diese Unterdrückung richtet, würde sich darum nicht die westliche Demokratie auf die Fahnen schreiben, sondern irgendwelche anderen Werte (im Fall der iranischen Revolution gegen den Schah zum Beispiel religiöse).

    Es genügt deswegen nicht, sich in einem neuen Great Game einfach nur Einflusssphären zu sichern und Öl und Gas künftig nur noch aus kleinen Diktaturen zu beziehen, die wir uns halten zu können meinen. Die Diversifizierung ist richtig, ebenso wie die Europäische Nachbarschaftspolitik und die Zentralasienstrategie. Aber zur ENP gehört auch die Demokratisierungsagenda, die die EU sich gesetzt hat: Wir wollen in unserer Nachbarschaft nicht irgendwelche verbündeten Staaten, sondern solche, deren Herrschaftssystem freiheitlich, demokratisch und rechtsstaatlich ist, denn nur auf die können wir uns wirklich verlassen. Das kann sicher nach dem Prinzip „Wandel durch Handel“ erfolgen, und natürlich ist auch „Stabilität“ ein hohes Gut, um auf dem Weg zur Demokratisierung Staatszerfall und Chaos zu vermeiden. Aber Handel und Stabilität allein genügen nicht!

    Und was nun, wenn die EU sich entscheiden müsste zwischen der Abhängigkeit von Russland und der Abhängigkeit von kaspischen (oder arabischen) Kleindiktatoren? Natürlich stellen sich solche Entweder-oder-Notwendigkeiten in der Politik meistens nicht so einfach. Es geht fast immer ein Sowohl-als-auch: Wenn man zu einer Vielzahl von Staaten Handelsbeziehungen unterhält, braucht man ihnen allen nicht rückhaltlos zu vertrauen, um trotzdem keinem einzelnen vollständig ausgeliefert zu sein.

    Lösungen ganz ohne schädliche Nebenwirkungen finden sich für das Energiedilemma aber wohl eher nicht in den Außenbeziehungen, sondern im Inneren der EU: Eine Europäisierung des Energiemarktes (mit transeuropäischen Netzen und transnational agierenden Versorgern, ohne lokale Quasimonopole wie jetzt) würde sicherstellen, dass die europäischen Staaten wenigstens nicht untereinander in Konflikt um die Energiesicherheit geraten, wie das etwa derzeit zwischen Deutschland und Polen wegen der Ostseepipeline der Fall ist – es stünde dann fest, dass sich die europäischen Staaten nicht gegeneinander ausspielen lassen und dass Gas, das über diese Pipeline nach Deutschland kommt, jederzeit auch nach Polen weitergeleitet werden kann.

    Der entscheidende Faktor aber wird technologischer Art sein: die Unabhängigkeit der europäischen Wirtschaft von Öl und Gas. Mehr denn je zeigt sich daher die Notwendigkeit, in erneuerbare Energien und (vor allem) in Energieeffizienz zu investieren – das ist nicht nur gut fürs Klima, sondern auch für die politische Selbstständigkeit. Letztlich wird sich diese Energiewende auch für die Industrie lohnen, wenn wegen Kartellierung oder natürlicher Knappheit die Rohstoffpreise weiter steigen. Einstweilen aber sollte die Politik aus eigenem Interesse vorangehen: Das deutsche Erneuerbare-Energien-Gesetz und die europäische Aktionsplan zur Energieeffizienz sind allerbeste Außenpolitik.

    Gruß,
    Boccanegra

  2.   Christoph Leusch

    Sehr geehrter Herr Bittner,

    Europa: Kraft durch Kleinmut, oder Kraft durch Weisheit?

    Sarkozy hat in Moskau gefordert und bekommen, was der Realität entspricht und angemessen ist. Südossetien und Abchasien bleiben selbstständig, so wie sie es de facto, ganz im Sinne von Osseten und Abchasen, schon geraume Zeit waren(Handelsströme, soziale Sicherung, Märkte, Sprachen, Schrift, Verwaltung, Schule,Geld). Die EU muss nicht sofort anerkennen und die völkerrechtliche Einordnung wird internationalen Konferenzen überantwortet. – Das kann und soll ruhig dauern.

    Aber, es wird nicht mehr getötet, überfallen und geplündert! Das ist viel wichtiger.

    Saakashwili, dieser Vorzeigedemokrat, musste sich nun, vor der EU-Delegation öffentlich zum Gewaltverzicht bekennen. Man gestattete ihm ein letztes Mal (?) „Südossetien und Abchasien bleiben unser“ zu rufen.

    Die EU wird mehr Einfluss am Kaukasus gewinnen, denn sie war für Russen und Georgier ein durchaus ehrlicher Makler.

    Über die NATO wird man dies ebenso wenig sagen können, wie für die Kriegspartei USA. Die US-Regierung hat bei der Vorbereitung der Aggression massiv geholfen. – Wir wissen es ja mittlerweile von AP, bis zur New York Times, sogar von der georgischen Generalität, die nicht mit Saakashwili zusammen für den „Fehler“ (so der Euphemismus in Georgien) verantwortlich gemacht werden möchte.

    „…, im Austausch für die 500 russischen Soldaten, die sich dort völkerrechtswidrig eingegraben haben.“ – „Völkerrechtswidrig“, das hätte ich gerne von Ihnen, Herr Bittner, anhand des Vökerrechts bewiesen. Dazu können Sie allenfalls eine Meinung, aber keine juristisch haltbare Formel anbieten, denn die EU (Sarkozy) hatte genau diese Beobachterposten akzeptiert, die ja nicht zur Besetzung und Kontrolle Georgiens,-das ist so absurd, wie die unsäglichen gegenseitigen Genozid-Vorwürfe der feindlichen Lager-, dienten, sondern den erklärten Gegner, der seinen Willen und seine Absicht aggressiv zu sein bisher nicht änderte, vor einer neuen Aggression abzuhalten. – Wollen Sie nun auch noch über die wenigen Tage streiten, die der Aggressor Georgien nicht über die „vollständige“ Souveränität seiner „Kernregion“ verfügen kann? Das hat er doch eigenem Handeln zu verdanken!

    Die weiteren Argumente weden auch nicht durch Wiederholung besser. Die Russen mussten weder Südossetien noch Abchasien „erobern“. Sie bewegen sich dort mit dem erklärten Einverständnis der Bevölkerung.

    Die georgische Regierung hat übrigens, was den Wahrhaftigkeitsgehalt und die Glaubwürdigkeit ihrer Angaben angeht ein großes Problem. Denn bisher hat sich keines der Argumente der georgischen Regierung für die Aggression in Südossetien als stichhaltig erwiesen (die Russen hätten einen Angriff vorbereitet, Georgien sei präventiv einmarschiert, die Russen seien schon mit massiven Truppenkontingenten in Südossetien gewesen, sie, nicht die Georgier, hätten Tchinvali angegriffen und zerstört, die Georgier hätten in Südossetien als Kulturbewahrer und Schutz der Osseten gewirkt, die Russen hätten Georgien mit Flächenbombardements und Genozid überzogen, er, Saakashwili sei der „Befreier“ Südossetiens und Abchasiens). Trotzdem durfte Herr Saakashwili sogar im deutschen Fernsehen Karten rücken, wie einst Colin Powell gefälschte „Power- points“ vor den Vereinten Nationen präsentierte. – Warum, Herr Bittner, beteiligen Sie sich an der „Veräppelung“ ihrer Leser? Ich glaube Ihnen kein Wort in dieser Sache, weil Sie beständig die Fakten schuldig bleiben.

    Selbst wenn Sie den Ansichten (Meinungen) des „kalten Europas“ anhängen, „Strafe“ als Sühne für sinnvoll erachten, anhand von Rechtstiteln, die Georgien schon vor Jahren in Abchasien und Südossetien verwirkte. – Die Brutalität unter den Ethnien wird sich so dort in Zukunft nicht wiederholen. Dafür sorgen nun die Russen und in Zukunft hoffentlich die Europäer.

    Die Südosseten und Abchasen haben jetzt Sicherheit und eine Lebensperspektive. Sie wurden nicht bis nach Moskau und nicht durch den Tunnel nach Nordossetien, oder über die Kaukasuskämme getrieben oder gar ermordet und müssen ihre Kultur nicht zugunsten der georgischen Kultur aufgeben. – Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, Herr Bittner, dass Sie den gleichen Schreibaufwand getrieben hätten, säßen heute, nach diesen typischen und brutalen Regionalkonflikten, georgische Provinzverwalter in Tchinvali und führte Georgisch als Amts- und Schulsprache wieder ein, zwängen Südosseten und Abchasen zum georgischen Pass und führte alle Verwaltungspositionen in georgische Leitung über. – Oder täusche ich mich da?

    „Moskowiter“, das können Sie nachlesen, ist für Russen ein Schimpfwort. Sie müssen doch nicht Herrn Voswinkel und Herrn Ross nachäffen. Der Kiewer und Moskauer Rus befand sich übrigens damals unter mongolischer Oberherrschaft.

    Warum fällt es Ihnen so schwer, Irrtümer und mangelnde Information einzuräumen? Es droht Ihnen doch keine Gefahr!Sie müssen doch nicht zwanghaft glauben, in den Brüssler NATO-Stuben die Arkana dieses Konfliktes zu finden und sind auch nicht verpflichtet den seit zwei Jahrzehnten angehäuften Gedankenschrott der Kagans und Kristols dieser Welt nachzubeten.

    Sie basteln sprachlich fleißig weiter am Konflikt des Westens mit Russland. Das finde ich schade, denn es liegt auf dem Niveau der Leute, die in Washington seit Monaten in die Tischkanten ihrer Seminarräume bissen (es drohte „ClintonObama“) und sich nun wieder von Foreign Affairs bis zur Washington Post, mit den alten „hard power“- und „axis of evil“ -Sprüchen aus der Deckung wagen. – Eine Horde bekannter Kriegstreiber und Menschenrechtsverächter, denen es nur um Ihren persönlichen Einfluss und den ihrer Nation zu tun ist („regions of interest“, gerade von Cheney wieder ausführlich besprochen).

    Schade finde ich auch, dass man beständig ihr Zähneknirschen durchhört, wenn Sie den deutschen Außenminister loben müssen.

    Die „alten“ Europäer beschreiten den richtigen Weg. Schließlich heisst das dereinstige Endziel, Russland und Türkei in der EU, nicht an der Grenze. Schließlich heisst eine verheißungsvolle Zukunftsoption: Multipolare Welt, mit wieder erstarkten internationalen Gremien, in denen auch die schwächer werdenden Großmächte mitmachen müssen, weil die Probleme andere sein werden als zur Zeit des kalten Krieges und der vorgeblich „geschichtslosen“ Zwischenzeit, -das war ja auch so ein Blabla-, ab 1989. – Die Probleme der nächsten Jahrzehnte drehen sich wahrlich nicht um die überteuerten und dazu wiederum von anderen Mächten abhängig machenden Öl- und Gaspipelines in Zentralasien, zu denen man noch mehr hinzufügen möchte (Energiewirtschaftler warnen vor den unnötig teuren Neubauprojekten, die Öl und Gas nicht erschwinglich, dafür vielleicht aber strategisch machen).
    Wenn wir in 20 Jahren noch über deren eminente Bedeutung reden müssen, dann hätten die europäischen Politiker und Politikberater, -dazu sollten wenigstens Sie, Herr Bittner, sich hüten je zu mutieren, denn es droht der allseits berüchtigte Antijournalismus-, viel falsch gemacht. – Sie wollen doch nicht als zweiter Josef Joffe enden?

    Vielleicht gibt Ihnen zu denken, dass Herr Sarkozy und sein Aussenminister Bernhard Kouchner eine Tradition fortsetzen, die Dominique der Villpin dereinst zusammen mit Jacques Chirac in der Irak Frage hoch hielt. – Ich sage das, obwohl ich die populistische Regierung in Paris nicht schätze. – Wahrhaftigkeit verlangt, sowohl die Splitter im eigenen Auge zu sehen, als sich im strategischen Denken nicht ohne hinreichende Gründe vom transatlantischen großen Bruder bestimmen zu lassen. Wo nichts stichhaltig ist, da sollte auch ein Journalist öfter einmal ein Fragezeichen hinsetzen und nicht Selbstsicherheit vorgeben.

    Hier ist ja nur die rückwärtige Rumpelkammer für das Geschehen im immer noch wichtigen Print-Bereich der ZEIT, und da ist transatlantisch „Linie“ halten derzeit opportun, selbst wenn die Fakten nicht mehr passen. Schade.

    Liebe Grüße

    Christoph Leusch

  3.   Solange

    Nur kurz zur Völkerrechtswidrigkeit:
    Die „wenigen Tage“, die Russland den Krieg in Georgien geführt hat, verstoßen gegen das Gewaltverbot, genannt in Art 2 Abs. 4 SVN (Charta der Vereinten Nationen), sowie gegen das Interventionsverbot als „Minus“, Art. 2 Abs. 1 SVN – beide sind aber aufgrund der gewohnheitsrechtlichen Geltung unbahängig davon beachtlich. Diskutierenswert wäre außerdem ein Verstoß gegen das Aggressionsverbot.

    http://www.unric.org/index.php?option=com_content&task=view&id=108&Itemid=196&limit=1&limitstart=1

    Bezüglich Südossetien, wo das Ganze seinen Anfang genommen hat, liegt -wohl, das muss jetzt eben genau untersucht werden-, zunächst ein Verstoß Georgiens durch Bombardierung Zchinwalis gegen die vertraglichen Bestimmungen vor, die den Zustand und die Befugnisse der dort postierten Truppen vorsahen, vor. Das Gebiet war zum Teil internationalisiert, durch die OSZE-Beobachter und sonstige Truppen. Gegen die in diesem Zusammenhang erlassenen Bestimmungen verstößt das Vorgehen sicherlich. Dieser Verstoß hätte zu punktuellen Nothilfemaßnahmen als „Beantwortung“ (Repressalie)sowohl durch dort sowieso schon stationierte als auch an der Grenze zusammengezogene Truppen Russlands berechtigt, falls andere Hilfe ebenso schnell nicht zu erreichen war und der Grad des Angriffs wirklich diese Schwere erreicht hatte. Das muss noch untersucht werden; die Frage, ob dann ggf. ein Nothilferecht bestand, ist in jedem Fall abzuwägen gegen die Tatsache, dass es sich um georgisches Gebiet handelt, so dass zunächst auch und primär eigene Hoheitsrechte betroffen sind.
    Grundsätzlich ist zudem auf derartige Ausfälle ja mit den jeweiligen Mechanismen zu reagieren, die die Stationierungsabkommen vorsehen.
    Jedenfalls: Falls man doch zu einem Nothilferecht kommt: Ziel dieser Maßnahmen hätte dann allein die Wiederherstellung des zuvor bestehenden Zustandes sein dürfen, d.h.

    1. schon in Bezug auf Südossetien (und Abchasien) nicht das Zementieren des jetzigen Herrschaftsanspruchs, sondern eben die Rückkehr zu jenem zuvor bestehenden Arrangement aus georgischen, russischen und internationalen Truppen und Beobachtern, weshalb auch hier ein Rückzug stattfinden muss (und nicht nur aus „Kern“-Georgien)

    2. ergibt sich daraus -und das ist so unumstritten wie nur was!- niemals ein Recht zur Invasion des georgischen Kernlandes, dies genau begründet die oben genannten Verstöße!

    Es kommt (auch bezüglich der Anerkennung) hier nicht auf den Willen der Südosseten an, sondern auf die Tatsache, dass es sich um georgisches Staatsgebiet handelt, verbunden mit dem legitimen Anspruch darauf, hier auch wieder die effektive Gewalt herzustellen. Grenzziehungen sind nicht so willkürlich und flüchtig, wie es inzwischen im Kaukasus wieder den Anschein hat, sondern unbedingt beachtlich und Ausdruck einer Ordnung, die nicht im Alleingang derart weggewischt werden kann. Kosovo war ein lange, durch die UNO und entsprechende Resolutionen internationalisierte Form der Befassung und ein Weg, der zwar nicht unumstritten, aber gemeinsam -auch von Russland lange Zeit- angegangen und „organisch gewachsen“ zu dieser Anerkennung geführt hat.
    Die jetzige Anerkennung durch Russland (der sich übrigens Nicaragua angeschlossen hat…), ändert nichts am Fortbestehen der rechtlichen Zugehörigkeit zu Georgien, da sie kein konstitutives Merkmal eines Staates ist (allein: Staatsgebiet, Staatsvolk, Staatsgewalt). Allenfalls kann sie ein Indiz für eine doch existierende effektive Staatsgewalt sein -dieser Punkt ist ja meist kritisch-, wenn viele Staaten sie ausgesprochen haben.
    Deshalb verstößt sie auch nicht gegen das Gewaltverbot, sondern das Interventionsverbot, Art. 2 Abs. 1 SVN.
    Weder das eine noch das andere ist derzeit aber der Fall.

    Diese Tatsachen sollten nicht vernachlässigt werden, und es wäre auch ein Zeichen der Glaubwürdigkeit Moskaus, dieses einfach mal einzuräumen.
    Ansonsten bin ich natürlich auch nicht für Eskalation, ich verstehe aber nicht ganz, weshalb man diesbezüglich beinahe schon in Rechtfertigungsnot gerät. Der Kurs der EU ist nun wirklich nicht auf Konfrontation ausgelegt. Der Irakkrieg hat zumindest in der Ausführung dem entsprochen, wie es zulässig gewesen wäre, wenn wirklich eine Bedrohung vorgelegen hätte- das ist hier nicht der Fall, was diese „Rechtfertigung“ leider auch so unglückselig erscheinen lässt.
    Die EU reagiert auf derartige Unberechenbarkeiten sicher nicht gern mit ähnlich harten Mitteln, und solange man ihnen anders begegnen kann, wird dies auch getan. Letztlich funktioniert diese vorzugswürdige Methode aber eben nur dort, wo der andere sie ebenfalls einhält oder jedenfalls wieder zu ihr zurückfindet.
    Georgien hat übrigens -schon wenige Tage nach Ausbruch des Krieges- um einstweiligen Rechtschutz beim IGH ersucht, der sich diese Woche anscheinend damit befasst.

    http://www.icj-cij.org/docket/files/140/14669.pdf

  4.   Solange

    P.S. Die Pflicht zum Abzug der Truppen folgt jetzt natürlich primär aus diesem „Sechs-Punkte-Plan“ als Vertrag zwischen Russland und Georgien, vermittelt durch die EU, welcher aber auch -soweit ersichtlich, hier gibt es ja Unstimmigkeiten, die aber im Ernstfall jedenfalls über eine (ergänzende) Auslegung zu bereinigen wären- diesen vollständigen Abzug vorsieht.
    Das oben Gesagte betrifft die Frage der Legitimität des ursprünglichen Verhaltens Russlands.

  5.   Solange

    Hinter diesem „vollständigen Abzug“, also im Sinne des Rückzugs an die Grenzen zum Zeitpunkt vor Kriegsausbruch, zu dem ja auch schon russische Truppen in Südossetien/Abchasien sich rechtmäßig aufhielten, aber eben gemeinsam mit georgischen etc., bleibt der jetzige Kompromiss (hoffentlich) nur zunächst zurück.
    Angedacht ist ja langfristig eine gewisse Rückkehr der Internationalisierung der Region, unter anderem auch durch europäische Friedenstruppen. Dies wird sich indes langsamer vollziehen, da die jetzigen russischen Truppen zunächst schlicht dort verbleiben und noch genaue Pläne für eine weitere Beteiligung ausgearbeitet werden müssen. (Die allerdings auch noch nicht die Frage der faktischen Einverleibung lösen wird; insoweit Moskau dort mit diesem Ziel Truppen hält, verstößt auch dies gegen das Gewaltverbot bzw. verletzt die territoriale Unversehrtheit Georgiens. Die effektive Staatsgewalt ist noch nicht nach so kurzer Zeit weggefallen, diese Folge ist aber wohl unaufhaltsam.)

    Mit dem bisherigen Erfolg kann man dennoch durchaus zufrieden sein, wenn auch kein Anlass besteht, in Unaufmerksamkeit zu verfallen. Letztlich kann die EU dem nicht wirklich militärisch begegnen. Die einzige Möglichkeit wäre quasi ein Feldzug zur Rückeroberung, eine Option, die niemand ernstlich wollen kann, die allerdings bitter vor Augen führt, wie hilflos man jemandem gegenübersteht, der sich seinerseits sehr wohl (auch) auf solche Methoden einlässt. Was allein schon die zu schnelle Rückkehr zum „business as usual“ verhindern wird, ist die Schwierigkeit des Umgangs mit den Provinzen, die sich ja jetzt selber als Staaten verstehen, es aber in den Augen fast niemandes sonst sind. Das finde ich ebenfalls eine schlimme Folge und letztlich auch ein unseliges Spiel mit den Hoffnungen der dort lebenden Menschen.

  6.   Christoph Leusch

    Kommentar von Solange | 09.09.2008 | 21:22
    Kommentar von Solange | 10.09.2008 | 15:57

    Sehr gut, „Solange“, dass Sie einen gewichtigen Teil des Völkerrechts anführen. Tatsächlich ist es erklärtes Ziel der UN-Charta, die Unversehrtheit der Staatsgrenzen der Mitglieder der Vereinten Nationen zu sichern und im Konfliktfall jedes Mitglied (und auch Nichtmitglieder!) zur friedlichen Lösung von Konflikten zu bewegen. Der Frieden und zwischenstaatliche Vertraglichkeiten hätten sonst überhaupt keine Chance. Das gilt gerade im Falle des aktuellen 5-Tage Krieges, bei dem am Vorabend der gewaltsamen Auseinandersetzungen der georgische Präsident noch ankündigte, es werde von seiner Seite keine kriegerische Aggression geben. – Die von Ihnen zitierten Charta- Artikel begründen plausibel, warum die Rechtsauffassung gute Gründe auf ihrer Seite hat, auch Russland völkerrechtswidrige Handlungen vorzuwerfen und auch die weiteren Regelungen nach Kapitel VII der UN-Charta geben in diesem Falle nicht ausreichend Gegenargumente her. – Allenfalls die ausdrückliche Erwähnung des wörtlich, „natürlichen Selbstverteidigungsrechtes“ – Das war mir bisher so nicht klar und daher muss ich mich selbstverständlich und gerne korrigieren lassen.

    Wenn man sehr formal nur Völkerrechtsverletzungen anerkennt, die entweder durch die UN, d.h. durch den von den Vetomächten dominierten Sicherheitsrat, als solche benannt und verurteilt, oder solche, die durch einen Entscheid des Internationalen Gerichtshofes so genannt werden, dann hilft das staatliche Völkerrecht in vielen Fällen nicht. Daher sind die meisten Völkerrechtler, die sich seit dem zweiten Weltkrieg um einen notwendigen Ausgleich zwischen humanitärem Völkerrecht (Menschenrechte, Minderheitenschutz, Selbst-bestimmungsrecht, Verbot von Waffengattungen, Folterverbot) und Staatsrecht (territoriale Integrität) bemühen, von einer weiteren Fassung desselben überzeugt. – Seit dieser Zeit gibt es ja formal erst diese so konkurriernden und kolludierenden Rechtsgüter im internationalen Recht. – Daher kommt die zahlreiche Kritik an der derzeitigen UN-Verfasstheit (keine permanente eigene Sicherungstruppe, Vetorechte als Exemptrecht, post hoc-Entscheidungen, statt UN-Initiativrecht). – Wie gesagt, im Falle Südossetien hätte die Beschreitung des formalen Weges, abgesehen von der geringen Aussicht eines Erfolges wegen der Vetoprärogative im Sicherheitsrat, zur Schaffung einer faktisch neuen Situation geführt, bei der Georgien sich wieder im souveränen Besitz seiner abtrünnigen Provinzen befunden hätte, andererseits die Südosseten Tod oder Vertreibung hätten erdulden müssen.

    Im Falle Abchasiens ist es ganz sicher. Im Gefolge des von Georgien 1991/1992 begonnenen und brutal geführten Krieges mit Vorstoß bis Suchumi und schweren Menschenrechtsverletzungen, ist es zu einer massenhaften Vertreibung der georgischstämmigen Bevölkerung gekommen (siehe HRW-Report 1995). Aber, die heutige Wiedereinsetzung der georgischen Regierung als Souvrän in Suchumi wäre gleichbedeutend mit der Vetreibung der Abchasen und mit dem Verlust ihrer kulturellen Unabhängigkeit. – In diese Richtung liefen ja die ersten Maßnahmen Georgiens während des Überfalls 1991/1992.

    In der Zwischenzeit hat es, zuletzt 2004, weitere massive
    Übergriffe auf dem Gebiet beider Provinzen gegeben.

    Allerdings gehört zum Völkerrecht auch die Genfer Konvention und die beiden Zusatzprotokolle, sowie die allgemeinen Menschenrechte. Diese sind, neben weiteren Abmachungen, z.B. Landminenverbot, ebenso einzubeziehen, wie die bisherigen zwischenstaatlichen vertraglichen Abmachungen zwischen Georgien und Russland, sowie Georgien und der nach Unabhängigkeit strebenden südossetischen Provinz, bzw. Abchasien. Bis zum aktuellen Krieg galt, dass mit Gewalt keine Veränderungen des Status quo, er war ja ebenfalls nach einer heftigen Auseinandersetzung zwischen Georgiern und Südosseten entstanden, herbeigeführt werden dürfe. -Diesen Versuch startete jedoch Georgien.

    Bezüglich der Legitimität von Widerstand gibt es insofern ein Problem, weil die Südosseten von der UN nicht als Widerstandsgruppe anerkannt sind. – Allerdings werden ja nur solche Widerstandsbewegungen anerkannt, die die hohe und einseitige, vor allem politische Hürde der Anerkennung durch den Sicherheitsrat passieren. Bei der aktuellen georgischen Aggression handelte es sich jedoch in mehrfacher Hinsicht nicht nur darum, die staatliche Integrität und Ordnung wieder herzustellen (Polizeiaktion), sondern um den Versuch, die ossetische Zivilbevölkerung zu vertreiben oder zu töten und die bisher von Peacekeepern gesicherte und vereinbarte „eingefrorene“ Konfliktsituation gewaltsam zugunsten Georgiens zu ändern (überraschender Nachtangriff, flächendeckender Beschuss der Hauptstadt Tchinvali). – Hier kann auch erst einmal von dem grundlegenden Problem abgesehen werden, dass positive oder negative Sanktionen bei Verstößen gegen irgend ein internationales Schutzrecht oder das von der UNO anerkannte Naturrecht, formal vollkommen vom Willen der über der Rechtsordnung stehenden Vetomächte abhängig ist und andererseits die Anrufung des IGH im Falle akuter Bedrohungen zu lange dauert, um die Schaffung illegaler Fakten noch zu verhindern. – In diesem Sinne hat Russland sehr maßvoll reagiert und selbstverständlich müssen sich, das ist ja vereinbart, die Russen wieder völlig aus der nun noch bestehenden Schutzzone zurück ziehen, bzw., sie müssen aushandeln in welcher Form sie an der neuen Peacekeeping-Mission beteiligt werden.

    Russland war Teil einer OSZE- Mission in Südossetien und es bestanden bilaterale und international gültige Garantieerklärungen der georgischen Regierung, die Provinz Südossetien nicht anzugreifen.
    Diese Garantien wurden, -zum Zweck der Täuschung, wie sich herausstellte-, noch am Vortag des Kriegsbeginns von der georgischen Staatsführung bekräftigt.

    Russland führte keine Angriffshandlungen durch, die den Tatbestand einer Invasion in ein fremdes Land erfüllen. Russland übernahm weder die Verwaltung, noch die Kontrolle über das Nachbarland, es ernannte keine Besatzungsregierung und betrieb nicht die Absetzung der Aggressoren-Regierung. Es konzentrierte sich weitgehend auf die Zerstörung des aktuellen georgischen Angriffspotentials und der Logistik.
    Es sind auch keine Zeichen dafür zu finden, Russland okkupiere nun Südossetien als Teil seines eigenen Staatsgebietes. Im Gegenteil, die Südosseten wollen unabhängig einen eigenen Staat und sind mit diesen Forderungen bisher (seit 1992), es gab mehrfach Anlass zu einem Nachdenken angesichts des gewaltsamen Konfliktes, von Russland immer abgewiesen worden. – Betrachtet man die lange Dauer der georgisch-südossetischen Auseinandersetzung, die immer mehr zunehmende Sezession der Südosseten und die bisher ergriffenen Maßnahmen des Peacekeeping in Südossetien, so kann auch, analog zum Kosovo, von dem von Ihnen angeführten längeren Ablöseprozess gesprochen werden, der einer Eigenstaatlichkeit voraus geht. Was fehlt, da stimme ich Ihnen zu, die UN und/oder andere friedenssichernde oder gar konfliktlösende internationale Organisationen wurden bisher nicht ausreichend eingebunden. Das wird nun hoffentlich nachgeholt!

    Selbst wenn Russland nur zum Schutze der eigenen Staatsbürger oder zum Schutze seiner Peacekeeper eingegriffen hätte, das Hauptziel also nicht der Schutz der von Vernichtung oder Vertreibung bedrohten Osseten gewesen wäre, beinhaltet dieser Schutzmechanismus, dass Russland seine militärischen Kräfte zur Beobachtung und Verhinderung von erneuten Aggressionen stationieren darf, solange nicht eine möglichst UN-geführte, nun wohl EU-gestützte, internationale Mission diese Aufgabe übernehmen kann.

    Russlands Peacekeeper wurden getötet oder verwundet, die Georgier drohten, den Tunnel nach Nordossetien zu sprengen und mittlerweile ist bekannt, dass die georgischen Truppen sowohl wahllos und ungezielt, nächtens Wohnviertel bombardierten, als auch danach, bei der Einnahme Tchinvalis, in Wohngebäude und Keller schossen. Die georgischen Streitkräfte setzten Streumunition gegen die Stadt Tchinvali ein. Dafür hatte sich sich Georgiens Armee mindestens vier Werferbatterien (Reichweite ca.40km) auf Mercedes-Lkw aus israelischer Fertigung gekauft und sie mit den entsprechenden Raketen und Bomblets ausgestattet. Eine einzige Salve eines einzigen Werfers überstreicht 800.000 qm (laut Tagesspiegel-Info). Die ca. 4-6cm großen Bomblets wirken vorwiegend auf weiche und mittelharte Ziele, also auf Fußgänger, ungepanzerte Fahrzeuge und in Wohnräumen, Höfen, Hauseingängen oder auf Freiflächen. Sie sollen verstümmeln und schwer verwunden, nicht töten, sie treffen wahllos Kombattanten und Zivilisten und einmal beschossene Gebiete sind nur mühsam wieder zu räumen.

    Die Basen und logistischen Zentren für den Überfall lagen allesamt auf dem Gebiet Georgiens und hätten, bei einem
    noch schnelleren und sofortigen Rückzug eine erhebliche Wiederholungsgefahr der Aggression seitens Georgien heraufbeschworen. Daran kann es, angesichts der Position der georgischen Regierung bis zum gestrigen Tage (Sarkozy/Baroso/Solana/Kouchner-Mission in Russalnd und Georgien), keinen Zweifel geben.

    Diese Argumente liegen ja auch dem ausgehandelten 6-Punkte Plan der EU, Russlands und Georgiens zugrunde. Die EU-Staaten tragen mit ihrer Verhandlungsposition der Tatsache Rechnung, dass die Aggression von Georgien ausging. – Auf ZEIT-Online beurteilt jedoch Joachim Fritz-Vannahme (Bertelsmann,ehem.Zeit) die EU-Position weiterhin als Ausdruck von Schwäche. – Ich hege hingegen große Sympathie für die Klugheit der Europäer, sich nicht einseitig als Partei vereinnahmen zu lassen.

    Grüße

    Christoph Leusch

  7.   Solange

    Ich sehe das zum Teil deutlich anders; es sind eben nicht nur „formale“ Verstöße. Natürlich müssen diese für alle Akteure eingefordert werden, auch für die USA (Übrigens aber zu USA: Es ist ja nicht so, dass deren diverse Brüche total folgenlos geblieben wären, im Gegenteil haben sie a schon zu einem mindestens angeschlagenen Ruf geführt, und alleine die Behandlung in der Völkerrechtslehre spricht ja schon Bände). Ich denke nur nicht, dass es Sinn macht, anlässlich jeden neuen Verstoßes erstmal das Fass aller Vorgänger aufzumachen, um zu gucken, wie man sich da jetzt einreiht oder welche Begründungen man für sich gerade verwenden kann.
    Das Unrecht wiegt ja auch nicht immer gleich, und de facto verbergen sich dahinter völlig andere Konstellationen und Hergänge.

    Kleine Korrektur noch zur Charta: Sie ist als völkerrechtlicher Vertrag erstmal nur für die Vertragspartner beachtlich (die aber fast alle Staaten sind), darüberhinaus dort, wo sie Ausdruck von Völkergewohnheitsrecht ist (auch ganz überwiegend) und, aber erst nach jüngster Tendenz, eine „objektive Ordnung“.

    Humanitäres Völkerrecht sind nur kriegsrechtliche Bestimmungen (etwa die Genfer Konventionen), nicht die Menschenrechte in Friedenszeiten. Einschlägig auf Seiten der Südosseten sozusagen wäre hier auch kein Selbstverteidigungs- oder Nothilferecht gewesen auf Grundlage von Kap. VII, Art. 51, da dieses nur für „Mitglieder der Charta“, also für Staaten (z.B. Georgien), gilt, sondern das Selbstbestimmungsrecht der Völker, aus dem sich aber nach derzeit ganz überwiegender Ansicht nicht so ohne weiteres Sezessionsansprüche ergeben, so auch hier. Nothilferechte wären punktuell (!), wie oben gesagt, zulässig gewesen aufgrund des wohl anzunehmenden Verstoßes gegen die Bestimmungen für die Provinzen (ich glaube, es gab hier auch eine Resolution; ist aber egal, Stationierungsabkommen oder verbindliche Resolution jedenfalls).
    „Tod und Vertreibung“…nun ja, diesbezüglich geht meine Einschätzung in eine andere Richtung. Die Umstände der Bomardierung Zchinwalis müssen natürlich gleichwoh ebenfallsl aufgedeckt werden.

  8.   Solange

    So langsam wundere ich mich ja, was hier los ist, so…….lange nichts Neues;-)

    Na gut… Nur noch ein paar Gedanken zum Verhalten Georgiens sowie diesem NATO-Besuch bei Saakaschwili, der übrigens am Dienstag in den Tagesthemen interviewt wurde und dort an der Version festhielt, Georgien habe (wenn ich es richtig in Erinnerung habe: gar) keine Bombardierung Zchinwalis veranlasst, was mir ebenfalls nicht sehr geschickt erscheint. Durch diese vollkommen überzogene Verhaltensweise Russlands, die jetzt noch weiter betrieben wird, indem in den abtrünnigen georgischen Provinzen Soldaten stationiert werden sollen (was inzwischen tatsächlich auch eine Annexion nahe legt, selbst wenn formal scheinbar eine Behandlung als „anderer Staat“ im Vordergrund steht) hat sich Russland zwar selbst abgeschnitten, das georgische Verhalten zwingend unter die Lupe nehmen zu müssen. Das russiche „Folgeverhalten“ wäre nämlich so oder so, auch im -wohl vorliegenden- übelsten Szenario der ursprünglich „grundlosen“ georgischen Bombardierung, wenn auch provoziert und erwartet -wie schnell hat sich eine so große Truppe wohl einsatzbereit an der Grenze eingefunden…- völkerrechtswidrig. Dass es eine „Invasion“ war, steht fest schon aufgrund des dürren Informationsgerüsts betreffend die Orte in Georgien, auf die sich der Angriff erstreckt hat, und die ja auch hinterher so langsam geräumt wurden, dass wirklich kein Zweifel an der jeweiligen russischen militärischen Präsenz aufkommen konnte. Einer „progeorgischen“ Kampagne in den Medien bedurfte es nicht.

    Selbst wenn es also eigentlich unnötig wäre, erscheint mir eine Aufklärung auch dieser Vorgänge in Zchinwali mehr als angeraten, schon allein, damit man weiß, worüber man eigentlich spricht und wer was zu verantworten hat. Bei der Aktion sind wohl 130 Menschen gestorben, derer jetzt niemand mehr groß gedenkt. Steinmeier spricht sich übrigens auch dafür aus, für eine unabhängige Untersuchung genauer gesagt .(Und wenn wir gerade bei Steinmeier und überhaupt ja schon mitten im Wahlkampf anscheinend sind, noch ein kleiner Einschub: meine Kritik seinerzeit bezog sich auf die *Kombination* rot-rot, die in meinen Augen das reinste Desaster abgibt, abgeben muss, wenn man sich diese hanebüchenen, verqueren -nicht nur, aber hier ärgerts besonders- außen- und europapolitischen Sichtweisen -aus der merkbefreiten (Vor-)Gartenzwergperspektive oder so- vornimmt… Es finden sich hier sicher günstigere Konstellationen.)

    Dann noch schnell zum NATO-Besuch: Groß herausgekommen ist ja nichts dabei außer einer lahmen, hölzernen Präsentation formaler Solidarität, die ohnehin niemand bezweifelt hat. Selbst Saakaschwili, den der Besuch an sich vermutlich dennoch gefeut hat, schien diese Ergebnislosigkeit zu spüren, meine ich.
    Wenn man dem gegenüber stellt, wo eigentlich klarer Gesprächs- und Rechtfertigungsbedarf wäre, nämlich dort, wo munter und unbeirrt sich weiter der abtrünnigen Provinzen angemaßt und sich in ihnen breit gemacht wird, ist dies mehr als bedauerlich und im Endeffekt nur verschwendete Inszenierung. So langsam könnte man mal überdenken, wie lange die Aussetzung der Gespräche im NATO-Russland-Rat eigentlich noch andauern soll. Diese ursprüngliche Vorgabe bis zur vollständigen Räumung war wohl eine etwas verfrühte Selbstbeschränkung, von der man durchaus wieder Abstand nehmen könnte, mit der nötigen Flexibilität natürlich, von der mir nicht ganz klar ist, ob die NATO sie wirklich besitzt. (Sollte sie, nicht zuletzt, um ihrer Bedeutung auch als „strategischem“ Bündnis gerecht zu werden.) Rotkäppchen und der Wolf wird hier nicht gespielt…

    Grüße, Solange

 

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