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Am Limit

 

Warum die EU in der Finanzkrise kaum mehr etwas ausrichten kann

Europa wuchs bisher mit jeder Katastrophe.

Nach dem 11. September erkannte es die Risiken unzureichenden Informationsaustausches zwischen seinen Polizeien und Geheimdiensten. Die Folge war eine Vertiefung der gemeinsamen Rechts- und Innenpolitik, mit dem prominentesten Produkt des Europäischen Haftbefehls.

Nach dem Irakkrieg erkannte es die Risiken der Abhängigkeit von einem fremden GPS-System. Die Folge war Galileo, ein eigener europäischer Satelliten-Ortungsverbund.

Nach der Finanzkrise erkannte Europa die Risiken von… ja, was eigentlich? Einem ungefesselten amerikanischen oder europäischen Finanzmarkt? Die Folge ist… ja, was eigentlich?

Sowohl mit der Diagnose wie auch mit möglichen Reaktionsformen auf den Zusammenbruch der Kreditspekulationen werden sich die europäischen Staatschefs am Mittwoch und Donnerstag beim ihrem Ratsgipfel in Brüssel beschäftigen.

Was bisher geschah: Die EU-Finanzminister einigten sich darauf, notfalls in einer konzertierten Aktion Banken zu retten, die „systemrelevant“ für Europa sind. Im übrigen hilft sich erst einmal jeder Mitgliedsstaat selbst. Insgesamt stehen die wichtigsten Euro-Staaten ihren Banken mit rund 2000 Milliarden Euro als Bürgen zur Seite.

Für eine gemeinsame Stützungsaktion fehlt der EU derweil erstens die Kompetenz und zweitens der Wille. Einen gesamteuropäischen Hilffonds, wie von Nicolas Sarkozy vorgeschlagen, für trudelnde Kreditinstitute aufzulegen, halten insbesondere die Deutschen für keine gute Idee. Damit würde die EU „falsche Anreize“ schaffen, heißt es aus Kreisen der Bundesregierung. Immerhin könnte ein Sack Geld Begehrlichkeiten bei den falschen Leuten auslösen, wenn er erst einmal auf dem Tisch stehe.

Was also können die EU-Staatschefs in Brüssel eigentlich noch tun?

Nun, sie können sich zunächst einmal anhören, was ihnen der Chef der EU-Kommission, José Manuel Barroso, zu sagen hat. Der Mann war in den vergangenen heftig dafür kritisiert worden, dass es seine Mannschaft angeblich trotz besseren Wissens unterlassen habe, Vorschläge für eine striktere Regelung der europäischen Finanzmärkte vorzulegen.

„Die Politik der Kommission war es, weniger zu regeln, weniger zu intervenieren“, ärgert sich der Fraktionschef der europäischen Sozialisten im Europaparlament, der Deutsche Martin Schulz (SPD). Den Binnenmarktkommissar Charlie McGreevy (Irland) nennt Schulz einen „Apologeten einer irregeleiteten Marktradikalität.“ Der Mann sei „nicht mehr tragbar“, so Schulz. Der SPD-Mann hat Barroso nach eigenen Angaben aufgefordert, McCreevy von seinem Posten zu entfernen.

Barroso und McGreevy ihrerseits schieben das Ausbleiben von strikteren Regelungen den EU-Mitgliedsstaaten zu. Allen voran Deutschland und Großbritannien hätten sich gegen eine genauere Aufsicht auf Finanzprodukte gestemmt. Gleichwohl verspricht nun der Kommissionschef: „Die Kommission wird noch in dieser Woche einen Gesetzesvorschlag für eine europaweite Vereinbarung über Kreditgarantien vorlegen.“

Aber würde das helfen, eine nächste Krise zu verhindern? Und selbst wenn sich Europa schon heute die besten Finanzmarktregeln der Welt gehebt hätte: Hätte uns das vor den Sogeffekten des Crashs in Amerika geschützt? Europa kann sich zwar regulieren. Abschotten von den globalen Kapitalflüssen kann es sich nicht.

Frage also an Martin Schulz: Stößt Europa in der gegenwärtigen Krise nicht an die Grenzen seiner Handlungsfähigkeit? Müsste nicht die amerikanische Regierung mit am Tisch sitzen, wenn die EU-Staatschefs über die Folgen des Crashs beraten.

„Das geschieht ja im Rahmen der G8“, antwortet Schulz.

Das stimmt zwar. Aber ob die G8 das passende Gremium für dieses Thema sind, das ist die nächste Frage. Denn was passiert eigentlich, wenn die nächste Finanzkrise von China oder Indien ausgeht? Mehr als ein Drittel der 6,5 Milliarden Weltbewohner werden von zwei Hauptstädten, Peking und Neu-Delhi, aus regiert. Und keines der beiden Länder ist Mitglied der G8.

„Außergwöhnliche Ereignisse rufen nach außergewöhnlichen Maßnahmen“, sagt José Manuel Barroso mit Blick auf den anstehenden Ratsgipfel.

Da hat er Recht. In diesem Fall hieße das aber, über den europäischen Tellerrand hinaus zu schauen.

6 Kommentare


  1. […] Europa und Österreich sind völlig überfordert. […]

  2.   Christoph Leusch

    „Müsste nicht die amerikanische Regierung mit am Tisch sitzen, wenn die EU-Staatschefs über die Folgen des Crashs beraten?“

    Herr Bittner,

    Wenn es irgendwann eine Lehre aus den letzten Tagen geben wird, so die, nicht immer die Amerikaner mit am Tisch sitzen zu haben. Denn die forderten mit Nachdruck, vor wenigen Tagen, diplomatisch verpackt und höflich vorgetragen, durch ihren Finanzminister und ihren Chef-Notenbanker, die schlichte Übertragung der amerikanischen Hilfsregelungen für den Kontinent Europa, und sie drohten ganz unverhohlen mit dem Zusammenbruch der Weltfinanzmärkte über das Ende der Londoner City und der Wall Street an.

    Die Antwort auf die prompt und brav durchgeführte Parallel-Reaktion, „Kakanien“, das ist hier die USA und Europa, sahen wir am Montag und Dienstag in den strahlenden Gesichtern der Börsenmakler. Die verzögerte Reaktion auf die wirtschaftliche Realität am Dienstagabend und heute in aller Frühe. Die Kurse ziehen wieder ins Minus. In den letzten zwei Tagen dürften schnelle institutionelle Anleger und Profis einen guten Schnitt gemacht haben. Sie hatten ja auch neue Kreditwürdigkeit durch Versprechen gewonnen. Jetzt werden die Gewinne aus dem Vertrauen schon wieder realisiert und gesichert

    Eine zuverlässige zukunftssichernde Finanz- und Geldmarktpolitik sieht anders aus, als den verbliebenen Spielern am Tisch zu signalisieren, man werde immer ihre wertlosen Chips, für sie folgenlos, beim Staat absichern, sie kreditwürdig stellen, während gleichzeitig die vorgeblich mit angedachte und medial verkündete neue Kapitalmarktordnung in den Staaten aus ideologischen Gründen, in Europa aus Bräsigkeit und Hilflosigkeit ausbleibt.

    Da können sich nur Zocker bestätigt fühlen: „Weiter so, selbst wenn Alles um mich herum in Scherben fällt.“ – Schumpetersche Destruktivität schafft Spielerglück.

    Derzeit werfen nun die Randnationen der Globalwirtschaft die Notenpressen an, denn deren Staaten haben keine Reserven, sind schon überschuldet und müssen daher unablässig drucken. Die G8- plus-plus, werden in wenigen Tagen oder Wochen folgen, denn das überzogene Spiel, nun wieder auf die Realität der Realwirtschaft zurück zu bringen, das dauert ja an.

    Schauen Sie sich nur einmal an, wie geschickt sich mit dem Stichwort Globalisierung und globale Märkte, jede Einsicht in die Finanzwelt weiterhin verbergen lies. Über die noch vorhandenen Risiken und deren Höhe, wissen die Regierungen so wenig, wie die Finanzkontrolleure und Finanzwissenschaftler. Daher die Hektik, daher die Skepsis, daher die Rede von Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten.
    – „Die Krise könnte ihren Höhepunkt (Wendepunkt, Tiefpunkt) eventuell erreicht oder überschritten haben.“

    Die traditionell sehr starke und mächtige staatliche Finanzaufsicht in den USA, dort gibt es übrigens auch drakonische Strafen für Finanzverbrechen, hat aus politischen und ideologischen Gründen nicht gehandelt, als noch Zeit war.

    Keine einzige Steuer- und Kapitaloase trocknete bisher aus, keine der internationalen Geldwaschanlagen wurde ausgehoben, kein einziger Handel mit komplexen Finanzprodukten, keine einzige Warenterminbörse wurde bisher ad hoc verboten. – Dort wurde ja vor wenigen Wochen, ganz legal mit dem massenhaften Hungertod gerechnet und in Autotreibstoff investiert.

    Allenfalls deckt der Staat selbst die miesen Risiken mit Bürgschaften oder kauft sie gleich. Das kann nicht gut gehen ohne die Realwirtschaft und die sozialen Systeme massiv zu beeinträchtigen.

    Wird das „Spiel“ so fortgesetzt, muss Alles über Steuern und Abgaben, und vor allem erzwungen, von den zukünftigen Staatsbürgern zurückgeholt werden. Daran führt kein Weg vorbei.

    Zu diesem Zeitpunkt dürften weder die derzeit leitenden Politiker, noch die Bosse der Finanzwelt, noch die Notenbanker, im Amt sein. – Sie spielen dann Golf und Boccia, züchten Rosen und treten als Talker und Testimonial-Schreiber in den Medien auf. „Damals, in den Ardennen“, hieß so etwas, zu Zeiten einer, sogar vom derzeit gestrengen Reich-Ranicki sicher gerne gesehenen, weil ein wenig erotisch geladenen, „niveauvollen“ Fernsehveranstaltung namens „Klimbim“.

    Grüße, und trotzdem mit Hoffnung weiter

    Christoph Leusch

  3.   Boccanegra

    @Christoph Leusch: Grundsätzlich sehe ich die zahlreichen Staatsinterventionen zur Bankenrettung in den letzten Wochen und Monaten auch etwas skeptisch… aber man sollte sich nicht deswegen zu Fundamentalkritiken hinreißen lassen und trotzdem darauf achten, dass die Konzepte sitzen. Zum Beispiel die Sache mit Schumpeter, dessen Zitat von der „schöpferischen Zerstörung“ in letzter Zeit immer wieder zu hören ist: Das bezieht sich eben nicht darauf, dass einzelne Banker “Weiter so, selbst wenn Alles um mich herum in Scherben fällt” sagen könnten. Vielmehr ist damit gemeint, dass im Kapitalismus immer wieder Unternehmen Pleite gehen (Zerstörung), während sich zugleich andere, effizientere oder besser an den Bedürfnissen der Kunden ausgerichtete Unternehmen neu etablieren können (schöpferisch). Gerade nach diesem schumpeterschen Kapitalismusverständnis müsste man also die Banken, die sich verspekuliert haben, nun Pleite gehen lassen, damit sich die Banken, die von Anfang an die richtigen, weniger riskanten Strategien verfolgt haben, durchsetzen können. Das Problem ist nur, dass durch die hohe Vernetzung zwischen den Banken (und zwischen den Banken und den übrigen Unternehmen) der Konkurs einer einzelnen Pleitebank auch andere Unternehmen in den Untergang treiben kann, selbst wenn diese sich zuvor vollkommen richtig verhalten haben. Dadurch kann die Wirtschaft als Ganzes in Mitleidenschaft gezogen werden, und nur insofern sind die Staatseingriffe jetzt gerechtfertigt.

    >>Keine einzige Steuer- und Kapitaloase trocknete bisher aus, keine der internationalen Geldwaschanlagen wurde ausgehoben, kein einziger Handel mit komplexen Finanzprodukten, keine einzige Warenterminbörse wurde bisher ad hoc verboten. – Dort wurde ja vor wenigen Wochen, ganz legal mit dem massenhaften Hungertod gerechnet und in Autotreibstoff investiert.

    Auch der Kampf gegen Steueroasen und Geldwäsche ist sicher verdienstvoll und notwendig – er hat aber überhaupt nichts mit der aktuellen Krise zu tun. Selbst wenn es in der Welt keine einzige Steueroase gäbe, hätte diese Krise genauso stattgefunden. Dasselbe gilt natürlich auch für Biotreibstoffe, über die man zugegebenermaßen unterschiedlicher Ansicht sein kann. Komplexe Finanzprodukte und Termingeschäfte wiederum sind durchaus nützliche Mittel, um die Preisbildung im Wirtschaftsgeschehen zu vereinfachen und Opportunitätskosten zu senken – sie „ad hoc“, also ohne eine genauere Prüfung, zu verbieten, würde nur die Krise beschleunigen. Es ist daher notwendig, jetzt das nachzuholen, was lange versäumt wurde, nämlich eine genaue Analyse der Risiken solcher komplexen Derivate, um dann mit gezielten Regelungen eingreifen zu können. Und genau das geschieht ja (hoffentlich) derzeit auch. (Nur anbei: Leerverkäufe, bei denen es sich ja auch um Termingeschäfte handelt, sind übrigens tatsächlich zum Teil ad hoc untersagt worden, allerdings nicht dauerhaft, sondern nur als Sofortmaßnahme, um den allgemeinen Vertrauensverfall aufzuhalten.)

    Was nun die großen Bankenrettungspakete betrifft: Ich habe nicht den Eindruck, dass hier einfach die US-amerikanischen Methoden imitiert worden wären. Die genaue Funktionsweise der aufgelegten Programme findet sich zwar in den Zeitungen meistens erst irgendwo auf Seite 2 rechts unten, während auf dem Titelblatt vor allem die vielen Nullen zu sehen sind, aber die Unterschiede sind doch beachtlich. So kaufen die USA den Banken faule Hypothekenderivate ab, das heißt, der Staat übernimmt Forderungen an zahlungsunfähige Hausbesitzer – und hofft darauf, dass diese Papiere durch irgendein Wunder irgendwann wieder an Wert gewinnen (was recht unwahrscheinlich ist, da sonst auch private Investoren sich jetzt diese Papiere als Schnäppchen sichern würden). Effektiv kommt dies also einem Geldgeschenk an die Banken gleich; das Schlagwort von der „Sozialisierung der Verluste“ nach der Privatisierung der Gewinne ist hier durchaus angemessen. Die europäische Lösung (wie sie zum Beispiel in Großbritannien oder jetzt auch in Deutschland anvisiert wird) setzt dagegen auf eine Kombination von Garantien, um die Vertrauenskrise zu überwinden (falls eine Bank Pleite geht, zahlt der Staat den anderen Banken, die der Pleitebank Geld geliehen haben, das geliehene Geld zurück – durch diese Maßnahme schützt man all diejenigen Banken, die ordentlich gewirtschaftet haben, nun aber aufgrund der Vertrauenskrise keine Kredite mehr bekämen), und Verstaatlichungen: Den Banken, die tatsächlich nicht mehr anders zu retten sind, kauft der Staat nicht Ramschpapiere ab, sondern Anteile des Unternehmens selbst, was die Chancen, dass der Staat diese später einmal wieder gewinnbringend verkaufen kann, steigen lässt. Dieses europäische Modell hat also gegenüber dem amerikanischen durchaus Vorteile – und siehe da, in den USA wurde nun prompt angekündigt, dass die Gelder des großen Rettungsfonds teilweise nicht für den ursprünglich geplanten Zweck, sondern nach dem Muster der EU-Staaten ausgegeben werden sollen.

    @Jochen Bittner: Was aber die EU betrifft: Hier scheint es wirklich zuzutreffen, dass ausgerechnet die Staaten, die jetzt mit dem größten Eifer durchdachte Rettungspläne entwerfen (nämlich Großbritannien und Deutschland), zuvor verhindert haben, dass eine strengere EU-Finanzaufsicht eingerichtet wurde. Wahrscheinlich wird das jetzt nachgeholt werden – eben immer nach dem Aus-Krisen-lernen-Prinzip. Die weitergehende Lektion, die man in meinen Augen aus der Angelegenheit ziehen kann, ist allerdings, dass das Initiativmonopol der Kommission im Gesetzgebungsprozess endlich abgeschafft werden sollte. Wenn Martin Schulz und die Fraktion der Sozialdemokratischen Partei Europas im Europaparlament einfach selbst einen Gesetzesantrag für eine strengere Finanzmarktregelung hätten einbringen können, dann wäre über das Thema zuwenigst schon früher einmal diskutiert worden, und es wäre jetzt einfacher zu sagen, wer wann welche Versäumnisse begangen hat. So aber können sich McGreevy und die deutsche Bundesregierung gegenseitig den schwarzen Peter zuschieben: Warum hätte die Kommission einen Gesetzesvorschlag einbringen sollen, wenn sie doch davon ausgehen musste, dass er im Rat nur eingestampft würde? Und wie hätten die deutsche und die britische Regierung einer strengeren europäischen Finanzaufsicht zustimmen können, wenn die Kommission keinen entsprechenden Gesetzesvorschlag einbringt? Für eine europäische Partei dagegen gäbe es Anreize, auch dann einen Gesetzesantrag zu machen, wenn sie davon ausgehen muss, dass dieser scheitern wird – sie kann daraus immer noch politische Gewinne schlagen und etwa deutlich machen, dass die Verantwortung für das Scheitern bei ihren politischen Gegnern liegt. Es ist darum dringend notwendig, den Fraktionen im Europaparlament dieses Initiativrecht im Legislativverfahren zuzugestehen!

    Und dass die globalisierte Weltwirtschaft auch globale politische Institutionen notwendig macht – darin kann ich Ihnen nur zustimmen. Wobei sich für mich die Frage stellt, ob es genügt, nur die Regierungszusammenarbeit im Rahmen der G8 zu auszuweiten (oder sie durch ein weiteres Gremium zu ergänzen – im Rahmen des Heiligendammprozesses gibt es inzwischen ja schon einen verstärkten Dialog der G8 mit den sogenannten O5-Staaten China, Indien, Südafrika, Mexiko und Brasilien), oder ob man nicht, wenigstens auf lange Frist, eine neue supranationale Ebene mit politisch selbstständigen globalen Institutionen benötigt. Die Finanzaufsicht könnte einer der Bereiche sein, wo solche Institutionen sinnvoll wären. Ein Problem wird dabei natürlich sein, ob die EU sich mit Staaten wie China oder den USA darauf einigen kann, wie eine solche global-supranationale Institution zusammengesetzt bzw. gewählt werden und mit welchen Kompetenzen sie ausgestattet sein soll. Aber es würde sich zweifellos lohnen, wenigstens darüber nachzudenken.

    Grüße,
    Boccanegra

  4.   Helmuth Supik

    als Techniker versuche ich immer das Finanzsystem als Regelkreis zu verstehen. Dort ist aber die Hauptkomponente die Spekulation, wie folgende Zahlen belegen:

    Im Jahr 2001 lag der globale Devisenmarktumsatz pro Tag bei rund 1 200 Mrd. US-Dollar. Nur 30-40 Mrd. davon reichen zur Abwicklung des Welthandels, der Rest ist spekulatives Kapital. Im Jahr 2002 hatten 80% der weltweiten Kapitalflüsse von ca. 2 000 Mrd. Euro pro Tag eine Anlagedauer von unter 7 Tagen.

    aus Punkt 3.7.1 in
    http://www.opentheory.org/attac-awwo/text.phtml#I3-7

    Das wird sich wohl kaum regeln lassen …

  5.   Christoph Leusch

    Kommentar von Boccanegra | 15.10.2008 | 15:47

    Sie haben mit Bezug auf Schumpeter Recht. Das ist wirklich unglücklich von mir, diesen Ausnahmeökonom und Pleitier mitsamt seine faszinierende Theorie von der „produktiven Zerstörung“, ernsthaft mit den spielenden Börsenmaklern und Finanzdienstleistern in einen Sack zu packen. – Schumpeter hat mehr zu bieten.

    Aber, natürlich handelt weder der Bankberater verantwortlich, der auf Druck (Erfolg=Weiterbeschäftigung, Bonus, Provision) oder Weisung seiner Führung, einem „Kunden“ einen Haus- oder Konsumentenkredit aufschwatzt, den dieser nicht bedienen kann und auch nicht mit zumindest 30% Sicherheiten unterlegt, noch der Investmentbanker, der solche schon „angefaulten“ Kredite, nach Bewertung einer Rating-Agentur, zusammen mit anderen Krediten, als Derivate gebündelt verkauft. Womöglich noch an einen weiteren Finanzjongleur, der diese Derivate mit gepumptem Geld ankauft, um sie gleich weiter zu verhandeln, gar das Paket aufschnürt, neu zusammensetzt und auch noch umetikettiert, um es dann zu verzocken. – Schumpeter dachte noch sehr intensiv an die Realwirtschaft.

    Leider muss ich konstatieren, dass es die „vernünftigen“ Banker in den letzten Jahren wohl nicht gab. Denn selbstverständlich beteiligten sich (fast) alle privaten Geschäftsbanken, die Landesbanken und einige Sparkassen, teilweise mit Tochterfirmen im angelsächsischen Raum, an den gewagten Spekulationen und traten als internationale Investmentbanker auf, mischten zumindest mit.

    Zwei Argumente wurden immer wieder genannt. Erstens: Auf dem globalisierten Finanzmarkt hätte man als deutsche Geschäftsbank nur ein Mitspielerrecht, wenn man die Geschäfte der Anderen mit betreibe. Zweitens: Das Risiko stünde einem möglichen und erwarteten maximalen Profit gegenüber, der die „Anstrengung“ und „Unübersichtlichkeit“ lohne. Ich habe mir in den letzten Jahren so manches Prospekt unserer anerkanntesten privaten und öffentlichen Bankdienstleister daraufhin angesehen. Die „Deutsche“ warb besonders verführerisch. Ihr Chef durfte nun federführend Angie und Peer beim größten Geschenkpaket aller Zeiten mitberaten.

    Im Bezug auf ihr normales Bankgeschäft, Vermögen von Bürgern sammeln, dieses Vermögen den Unternehmern und anderen Bürgern für Unternehmungen zur Verfügung zu stellen und dafür moderate aber sichere Zinsen zu nehmen, hätten sie in den Jahren seit der Wende, keine Klage zu führen gehabt. Der Mittelstand wuchs und zahlte seine Kredite zurück. Aber die Herren wollten mehr.

    Das Gleiche gilt für Hedge-Fonds, die in den letzten Jahren Geld liehen, dafür ganze Firmenkonsortien kauften, zerlegten und hofften, aus dem Gewinn die eigenen hohen Profite und dazu noch die aufgenommenen Kredite zurückzahlen zu können.

    Bis heute weiß niemand der so aus dem Gewissen und der Gewissheit von „Notwendigkeiten“ handelnden politischen Hauptpersonen etwas über die Bücher der noch verbliebenen Banken! Diese wissen untereinander offenbar ebenso wenig,-vielleicht wollen sie es auch nicht genau wissen-, und sind daher nur aufgrund die Bürgschaften des Staates untereinander leihfreudig und kurzfristig wieder liquide.

    Aber anders als bei einem liegen gebliebenen Fahrzeug, dessen Motor wegen der Zündung oder der Einspritzpumpe(fehlende Liquidität) streikt, hilft der Anschub nur kurzfristig, denn das Geld als Nenner steckt nun einmal als Buchwert in den Millionen fauler Kredite und in den Derivaten, die völlig fiktive Handelswerte erreicht hatten. Die Lasten müssen früher oder später am Markt realisiert werden. D.h., der „Bürge“ zahlt, ob er kranke Banken kauft, die Kreditrahmen für noch gesunde Finanzinstitute verbessert oder gar die faulen Kredite, gegen fiktive Summen selbst übernimmt.

    Ich kann Ihnen in der Meinung, es müsse komplizierte Finanzprodukte aus Effizienz- und Marktgründen geben, nicht folgen. Ich denke da eher mit den Ökonomen, die bei komplizierten Produkten grundsätzlich mit Risiko, Schummelei und Mogelpackung rechnen. Diese Produkte entstehen nur aus dem Grund, weil so ein ausreichender Schleier über ihre tatsächliche Ferne von jeglicher Realwirtschaft gelegt werden kann.

    Im politischen Raum heißt das derzeit „Globalisierung“, im Bankerjargon sind es „komplexe Produkte“ für Experten (Investmentbanker), z.B „puts“ und Derivatehandel, im privat-und firmenrechtlichen Rahmen, all´ die Schachtelverträge, endlose Klauseln bei Versicherungen und Aufträgen.

    Wir täuschen uns, wenn wir glauben, das Gebaren der Finanzmärkte beschränke sich auf deren Bereich.
    Mittlerweile sind diese Verhaltensweisen, z.B. „cross border leasing“, z.B. Optionsverträge im Flugzeugbau und in der Bauwirtschaft, in die Realwirtschaft eingewandert.

    Das Skalierungsmodell, „wir müssen groß sein und größer werden“, stammt sogar direkt aus der Welt der Großkonzerne, die damit schon in den 90er Jahren reihenweise scheiterten.
    Trotzdem gaben Banken auch Mittelständlern oftmals eher Kredite für Firmenaufkäufe, als für den Aufbau einer eigenen Produktion oder für Forschung und Innovation.
    Die derzeitige Krise ist nicht nur ein Problem der Liquidität und des wieder herzustellenden Vertrauens. Auf allen Ebenen der Wirtschaft liegen die Dinge im Argen.

    Grüße

    Christoph Leusch

  6.   Boccanegra

    @Christoph Leusch: Auf dieser Ebene finde ich die Diskussion sinnvoll und kann Ihnen auch in den allermeisten Punkten zustimmen. Dass das traditionelle Kerngeschäft von Banken, das darin besteht, das Geld von Sparern an Unternehmer zu verleihen, um damit Investitionen zu ermöglichen, in den letzten Jahren zu gering geschätzt wurde, ist sicher richtig. Die Trennung von Investment- und Geschäftsbanken, wie sie in den USA stattfand, war offensichtlich ein Fehler (was sich allein daran zeigt, dass schon jetzt sämtliche reinen Investmentbanken von der Krise hinweggerafft wurden). Und niemand wird bezweifeln, dass die Subprimekredite, die nur auf ein ständiges weiteres Wachstum der US-Häuserpreise setzten, ein ökonomischer Irrwitz waren, der zu Recht mit Kreditausfall bestraft wird – und nach den Regeln des Kapitalismus zu Gewinneinbrüchen und gegebenenfalls eben zur Insolvenz der betreffenden Banken führen müsste. Wie schon gesagt, ist der rettende Eingriff des Staates nur dadurch gerechtfertigt, dass die Pleite von Großbanken volkswirtschaftliche Schäden hervorruft, die auch gänzlich Unbeteiligte mit in den Ruin stürzen könnten.

    In zwei Punkten bin ich aber anderer Meinung: Erstens glaube ich nicht, dass alle Banken gleichermaßen unvernünftig gehandelt haben. Die Hauptverantwortlichen sind und bleiben die amerikanischen Hypothekenfinanzierer, die nicht auf ausreichende Sicherheiten bedacht waren (man beachte, dass die Banken in Spanien, wo es ebenfalls eine Immobilienblase platzte, sehr viel weniger unter der Krise leiden!). Eine sekundäre Schuld trifft dann diejenigen Banken, die mit Hypothekenderivaten handelten, die sie selbst nicht verstanden und deren Risiken sie deshalb unterschätzten. Dies betrifft nun auch einige europäische Banken – aber immer noch beileibe nicht alle. Im Gegenteil: Die große Abschreiberunde fand hier schon im Frühling statt, und gerade die Deutsche Bank ging daraus ja erstaunlich wenig betroffen hervor (was daran liegen mag, dass sie, anders als manche Landesbanken, die Risiken rechtzeitig erkannte und ihre faulen Papiere beizeiten verkaufte, als diese noch überbewertet waren). Das aktuelle Problem, das zu der Krise der Hypo Real Estate und letztlich zu dem großen Rettungspaket führte, entstand dagegen daraus, dass (wiederum in den USA!) mit Lehman Brothers eine „systemrelevante“ Bank kollabierte – und damit all jene Banken, die wie die HRE zuvor Lehman Geld geliehen hatten, ihre Kredite abschreiben mussten. Dass Großbanken sich untereinander zu günstigen Konditionen Geld leihen, ist aber alles andere als unvernünftig, sondern wesentlich für den Finanzmarkt. Durch die Lehman-Pleite wurde daher eine Vertrauenskrise ausgelöst – und diese kann nun wirklich jede Bank treffen, auch solche, die zuvor durchaus verantwortungsvoll gewirtschaftet haben.

    Der zweite Punkt betrifft den Nutzen von Finanzderivaten wie Optionen und Termingeschäften. Diese sind erst einmal durchaus nicht spekulatives Teufelszeug, sondern erfüllen einen praktischen Zweck bei der Preisbildung. Man kann sich das an einem einfachen Beispiel mit einem Landwirt vor Augen führen, der im Frühling nicht weiß, ob er sich für seine Arbeit einen neuen Traktor anschaffen soll oder nicht: Beim aktuellen Stand der Getreidepreise würde sich die Investition lohnen, da er mit einem Traktor mehr anbauen könnte und somit einen zusätzlichen Gewinn hätte. Allerdings kann er erst im Herbst ernten – und wenn die Preise bis dahin fallen und er sein Getreide dann billiger verkaufen muss, lohnt sich die Investition nicht und er ruiniert womöglich seine Familie. Für einen solchen Landwirt wird es sich lohnen, wenn ihm eine spekulierende Bank ein Termingeschäft anbietet: Sie sagt ihm zu, ihm sein Getreide im Herbst zu den im Frühling geltenden Preisen (minus einer Gebühr) abzukaufen. Der Bauer hat damit die notwendige Sicherheit, um seinen Traktor zu kaufen; die Bank übernimmt das Risiko, dass die Preise fallen könnten – und profitiert natürlich davon, wenn sie steigen. Und die Volkswirtschaft profitiert ebenfalls, nämlich von dem zusätzlich angebauten und in den Handel gebrachten Getreide (das, aber wir wollen nicht kitschig werden, hilft, die weltweite Nahrungskrise zu überwinden).

    Es ist klar, dass moderne Finanzderivate noch deutlich komplexer sind als dieses Beispiel – und dass der Grad an Komplexität auch die Wahrscheinlichkeit steigen lässt, dass einzelne Banker nicht mehr verstehen, womit sie da eigentlich handeln, was die Krisenanfälligkeit des Systems erhöht. Es wird aber hoffentlich auch deutlich, dass Warentermingeschäfte zwar komplexer als traditionelle Kredite sind, aber trotzdem durchaus nützlich – hätte die Bank dem Landwirt nur einen einfachen Kredit für seinen Traktor angeboten, dann hätte ihm das herzlich wenig genutzt, da er das Problem des Preisrisikos damit nicht losgeworden wäre.

    Der Finanzmarkt braucht strengere Regeln als die bisher gültigen. Ich denke aber, diese sollten eher die Sicherheitsvorkehrungen betreffen – etwa die Eigenkapitalquote, die für bestimmte riskante Geschäfte vorgeschrieben ist. Den Banken das Risiko einfach zu verbieten, bringt dagegen nicht viel: Man wälzt damit das Risiko nur wieder auf die einzelnen Unternehmer der Realwirtschaft zurück, die dann im Zweifel auf Investitionen verzichten – zum Schaden der gesamten Volkswirtschaft.

 

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