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Höchste islamische Autorität Ägyptens nennt Genitalbeschneidung eine „strafbare Aggression“ gegen das Menschengeschlecht

 

Vorige Woche fand in Kairo ein Treffen theologischer und medizinischer Experten zur Frage der Genitalverstümmelung von Frauen statt. Die Al-Azhar Universität, die höchste theologische Autorität des sunnitischen Islam, gibt daraufhin folgendes Rechtsgutachten heraus, das uns der Mit-Initiator der Konferenz, Rüdiger Nehberg, vorab in deutscher Übersetzung zur Verfügung stellte:

1. Gott hat den Menschen mit Würde ausgestattet. Im Koran sagt Gott: „Wir haben die Söhne Adams gewürdigt.“ Daher wird jeglicher Schaden verboten, der Menschen zugefügt wird, unabhängig von gesellschaftlichem Status und Geschlecht.

2. Genital-Beschneidung ist eine ererbte Unsitte, die in einigen Gesellschaften praktiziert wird und von einigen Moslems in mehreren Ländern in Nachahmung übernommen wurde. Dies ohne textliche Grundlage im Koran respektive einer authentischen Überlieferung des Propheten.

3. Die heute praktizierte weibliche Genitalbeschneidung fügt der Frau psychologische und physische Schäden zu. Daher müssen diese Praktiken unterbunden werden, in Anlehnung an einen der höchsten Werte des Islams, nämlich dem Menschen keinen Schaden zuzufügen – gemäss des Ausspruchs des Propheten Mohammed „Keinen Schaden nehmen und keinen Schaden zufügen“. Vielmehr wird dies als strafbare Aggression gegenüber dem Menschengeschlecht erachtet.

es folgen

4. der Appell an die Muslime, die Unsitte zu unterbinden

5. der Appell an die internationalen und regionalen institiutionen, die Aufklärung der Bevölkerung voranzutreiben

6. der Appell an die Medien, das Gleiche zu tun

7. die Forderung nach einem Gesetz, das die Genitalverstümmelung zum Verbrechen erklärt

8. die Forderung nach internationaler Unterstützung beim Kampf gegen die Genitalverstümmelung

Das ist ein großer Fortschritt. Wenn nun noch der einflussreiche TV-Scheich Jussuf Al-Karadawi mitzieht, bedeute dies Hoffnung für die 8.000 Opfer dieser Praxis pro Tag.

2 Kommentare

  1.   N. Neumann

    Ergänzend zu al-Qaradawi:

    „Auch diese Konferenz werde die Beschneidung nicht ausrotten, sagte Karadawi. Manche Frauen seien einfach «anders», hätten eine übergrosse Klitoris oder allzu starke sexuelle Bedürfnisse. Sollte ein Verbot beschlossen werden, müsse für sie eine Ausnahmeregelung geschaffen werden.“

    http://www.nzz.ch/2006/11/24/vm/articleEOTFW.html


  2. @N. Neumann:
    „Überstarke sexuelle Bedürfnisse“ – da ist es doch einmal sehr schön auf den Punkt gebracht. Nicht nur Moslems haben davor Angst („Was will das Weib?“). Aber fatal ist es doch, wenn männliche Paranoia sich theokratische Allmacht zuspricht.
    Darum ist die Fatwa der Azhar interessant: Manche islamische Theologen sehen das Problem, es gibt einen Kampf um die Deutungsmacht.

 

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