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Saddams Exekution – ein schäbiger Rache-Akt

 

Das neue Handy-Video von der Exekution Saddam Husseins lässt keinen Zweifel daran, dass es sich nicht um einen (wie auch immer grausamen und kritikwürdigen) Gründungsakt für eine unabhängige irakische Justiz handelt, sondern vielmehr um eine bis zum letzten Augenblick schäbige Rache-Aktion.

Anwesende riefen den Namen des Anführers der Mahdi-Armee, Moqtada Al Sadr, Saddam Hussein antwortere, den Strick bereits um den Hals, „Benehmen sich so Männer?“

Darauf wurde ihm zugerufen, er werde in der Hölle schmoren. Nicht einmal ein Gebet konnte er zuende sprechen, beim Namen Mohammed wurde die Klappe geöffnet, und er stürzte in den Tod.

Auch bereits die Auswahl des Datums für die Exekution ist nicht anders denn als absichtliche Provokation der Sunniten zu verstehen – ausgerechnet am ersten Tag des Opferfestes!

Am Opferfest wird die Verschonung des Sohnesopfers Ibrahims – jüdisch/christlich Abrahams – durch den gnädigen Gott gefeiert, der keine Menschenopfer will.
Wie kann man – ausser in bewusster Provokations-Absicht – darauf kommen, ausgerechnet an diesem Tag eine Exekution zu vollziehen, die damit wie ein religiöser Frevel wirken muss?
Und schließlich die Tatsache, dass das Mitschneiden per Video-Handy erlaubt wurde, mit den Folgen der Publikation im Internet.

Eine Republik, die sich auf einen solchen Akt gründet, wird noch viel Blut fliessen lassen.

72 Kommentare

  1.   Tuotrams

    Herr Lau, sie spinnen, wirklich!

    War Saddam ein Heiliger, ein Ehrenmann, ein gläubiger Muslim? Nein, der Typ war ein feiger, ekelhafter Schwerverbrecher und Massenmörder. Die „Irakische Republik“ hat ihm gnädig und human den schnellen Tod gewährt, mehr kann und sollte keiner erwarten.

    Zur Erinnerung: Rache ist eine Handlung, bei der ein Rächer jemandem das Gleiche oder Schlimmeres antut, was dieser ihm, oder einem Dritten, zuvor angetan hat.

    Wer hier von „Rache“ spricht verharmlost und relativiert Saddams Herrschaft.


  2. Ich bin fern davon, Saddams Herrschaft zu verharmlosen. Ich habe gewisse Aktien in dieser Sache, weil ich mich seinerzeit für den Krieg und für den Sturz Saddams ausgesprochen habe. Ich kann mich auch nicht so einfach wie Sie es tun von der Hölle distanzieren, die (auch) aufgrund dieser Politik entstanden ist, die ich grundsätzlich befürwortet habe (bei aller Abneigung gegen Bush und bei allem Schrecken angesichts der Inkompetenz seiner Regierung).
    Darum bleibe ich dabei: Es ist einfach falsch und schäbig, der Vollstreckung einer Strafe diesen Rahmen zu geben: Sie zu vollziehen am Abend des sunnitischen Opferfestes und einen Tag vor dem schiitischen. Sie haben Saddam geopfert, nicht hingerichtet – und das an einem Tag, da die islamische Welt die Verschonung des Sohnesopfers Abrahams feiert.
    Ja, und auch der feige, ekelhaft Schwerverbrecher hat Anspruch auf minimalen Respekt in der Stunde des Todes. Es ist – ich bleibe dabei, schäbig und – schlimmer noch: dumm, die Hinrichtung des Tyrannen in den Geruch eines parteiischen Justizmordes zu bringen.
    Sie und ich werden dafür nicht mit dem Leben bezahlen müssen – aber viele Iraker! JL

  3.   Christoph Leusch

    Sehr geehrter Herr Lau,

    Obwohl selten in Übereinstimmung mit Ihren Thesen im Blog, in dieser Frage stimme ich Ihnen uneingeschränkt zu.

    Die lebhafte Diskussion, sie lies sich nicht auf die Problematik der Legitimität beschränken, obwohl hier der menschenrechtliche und juristische Kern für eine sachliche und formale Antwort liegt, zeigte auch an, warum Menschen mit Gedächtnis, Erinnerungsvermögen und Erinnerungswillen nachdenklich werden.

    Saddams Schrecken sind Ihm nicht allein zuzuordnen, ja, noch schlimmer, bei den schrecklichsten Auswüchsen halfen jene Kräfte aktiv und passiv, die ihn nun dem Henker überstellten.

    Sie saßen auch, zumindest geistig, neben dem urteilenden Gericht und traten gleichzeitig als Ankläger und Beweisführer auf, vor dem Krieg und danach. Wir wissen mittlerweile alle, dass der Irak-Krieg durch ein Netz von Lügen legitimiert wurde und Saddam 2003 weder eine Bedrohung für die Mächte der Welt darstellte, noch ein Förderer des internationalen Terrorismus war.

    Das macht diese Hinrichtung in Mobilfunk- und Offizial-TV, in meinen Augen doppelt maßlos und zynisch.

    Noch maßloser und zynischer schreiben vorgeblich kluge politische Analytiker: Der Kampf der Sunniten und Schiiten, die Abspaltung der Kurdenregion, sei eine naturgegebene, allenfalls von der „Anomalie“ der Herrschaft Saddams und seiner Vorgänger unterbrochene, Verwirklichung des historischen „Weltgeistes“, eine späte Bestätigung für die in Washingtons think tanks längst
    durchdachte territoriale und politische „Neuordnung“ im Nahen und Mittleren Osten. – Hat die Familie Bush und ihr langjähriges Beraterteam letztlich nicht doch Recht? Zumindest, wer mit Hobbes und Carl Schmitt in den höheren Gefilden der Politologie weilt, könnte sich bestätigt fühlen, denn er weiß wenig vom „Blut an den eigenen Händen“ und der „ewigen Rache“, die immer wieder über die vermeintlich „aktienfreien“ Richter und Henker und ihre Beisteher kommt und viel über die Legitimation durch Macht.

    Die „Aktien“ die Sie ansprachen, ach wären es nur verfallene Wertpapiere und nicht mittlerweile Leichenberge, sie befinden sich auch in meinem Depot, obwohl ich persönlich von Anfang an gegen diesen Krieg, gegen alle zugrundeliegenden
    Strategien und Legitimierungen und gegen ihre planmäßige oder auch unwillkürliche
    Exekution eingestellt war und überall dort unterstützte, wo eindeutig „Nein“ gesagt wurde und man ganz und gar nicht überzeugt war. – Denn gehandelt wurde offen und zu oft, im Namen einer demokratischen Gesellschaftsordnung, der ich ja auch angehöre, deren Werte ich teile.

    Seien Sie doch weiter so mutig!

    Grüße
    C. Leusch

  4.   J.S.

    Lieber JL!
    Diese Hölle ist nicht aufgrund des Sturzes von Saddam entstanden!
    Saddam selbst hat diesen extremen Hass gesät, der ihn nun selber getroffen hat und der die irakische Gesellschaft zerreißt. Moqtada Al Sadr ist übrigens der jüngste Sohn des 1999 von Saddam Schergen ermordeten Ajatollah Muhammad Sadiq as-Sadr. Natürlich ist das Blutrache, aber das ist scheinbar Teil der irakischen Kultur. Das haben weder Sie noch Bush zu verantworten.
    Sich für den Sturz Saddams einzusetzen war genau richtig! Es hätte nun noch immer mehr Moqtadas gegeben, je länger Saddam an der Macht geblieben wäre und es sind so schon sehr sehr viele! J.S.

  5.   Tuotrams

    Wie kommen Sie darauf das ich nicht auch für den Irakkrieg war?

    Ob man Saddam nun lebendig in kleine Stückchen geschnitten hätte oder ihn freigelassen hätte – das alles spielt überhaupt keine Rolle für das was im Irak abgeht. Nur deutsche Gutmenschen können so naiv denken.

    Weder Iran noch Al-Kaida möchten einen stabilen Irak und deswegen wird der Bürgerkrieg nicht aufhören und das Land zerfallen.

  6.   J.S.

    Es gab sowieso keine Alternative! Saddam im Amt zu lassen, wäre dumm gewesen.
    Die Schiitische Theokratie im Iran wird immer stärker und hätte sich die Schiitengebiete des Irak irgendwann geholt. Der Iran hätte die beste Ausrede gehabt, nämlich eine humanitäre Intervention. Wer hätte schon einen (Atom)krieg riskiert um den Süden des Irak wieder unter die Fuchtel Saddams zu bringen? Jetzt kann man den Irak gegen eine iranische Invasion verteidigen.
    Der „Bürgerkrieg“ im Irak lief doch genau genommen schon lange Das was man jetzt Sunnitische Terroristen nennt, waren früher Saddams Schergen. Der Hass von Schiiten und Kurden auf die Sunniten (Saddam) wäre sogar noch größer geworden, wenn Saddam noch länger im Amt geblieben wäre.
    Die gegenwärtige Eskalation ist die typische Folge des Machtvakuums nach dem Abgang eines Diktators. Saddam war allerdings bereits 69 und nach seinem Tode wäre der Bürgerkrieg sowieso eskaliert. ( Siehe Tito). Aber dann hätte es keine US-Armee gegeben die Waffenlieferungen oder das Einsickern von Terroristen behindert hätte.
    Und die Sanktionen die Saddam einigermaßen im Zaum hielten, waren auch nicht mehr lange aufrecht zu erhalten. Nicht nur das es dem irakischen Volk nicht ewig zuzumuten gewesen wäre sondern die Schwäche Saddams war auch eine Einladung an den Iran. Umgekehrt wäre ein Saddam ohne Sanktionen wieder zur Bedrohung des Iran geworden. Wie lange hätte Teheran dieser wachsenden Bedrohung zugesehen?
    Und zu allem Überfluß war die Ungewissheit über Saddams WMDs die beste Ausrede für den Iran selber Atomrüstung zu betreiben. Eine Gewissheit über die WMDs wäre auch nicht besser gewesen, denn was hätte Teheran gemacht wenn sie gewusst hätten, das der durch Sanktionen geschwächte Saddam nicht mal mehr WMDs hat?
    Jetzt ist die Situation zwar schlimm, aber besser als jede denkbare Alternative. Daran ändert auch die Hinrichtung Saddams nichts! J.S.

  7.   Dobranoc

    was den boden eines landes angeht, gehört der boden immer allah – der boden gehört nicht dem staat (saddam war sozialist, der irak weltlich, kein religiös definierter staat) … auf spiritueller ebene gibt es die trennung irak/iran für die schiiten gar nicht so sehr …

    was hier unter dem thema und den eriegnissen gehypt wird hat m. e. viel tiefere und schlechtere ursachen ..

    durch die uno-sanktionen starben nach unicef im irak über 1 000 000 kinder … sunniten, schiiten, kurden …

    … und dann geht man daher und rächt sich erstmal an saddam (und dabei bleibt es) – das andere wird nicht hinterfragt – wer rächt sich – politnarzissten, die ebenso nur an sich denken, die selbstzentrierte egomanen sind – wie saddam – leute mit macht, die in ihrer macht erstens nur sich sehen – zweitens nur sich sehen und dann wieder nur sich – dasselbe gilt für die, die sich mit diesen „repräsentanten“ identifizieren …

    … das nachdenken über die 1 000 000 toten kinder (sunniten, schiiten, kurden und, das gibt es auch noch, andere minderheiten) wäre besser geeignet in die zukunft einzutreten … der fokus wäre nicht nur saddam, sondern mehr faktoren, die allesamt eine rolle spielten, die momentan arg auf saddam reduziert wird …

    … niemand dieser repräsentanten hat auch nur andeutungsweise diese (über) 1 000 000 toten kinder angesprochen, geschweige denn die aufarbeitung dieser dinge … alles denkt an sich – ich bezweifle dass diese machtclique auch nur im ansatz die bevölkerungen des irak vertreten – es sind neue egomanen …

    (was justiz angeht, wäre ich kein justiz- oder rechtspatriot … missbrauch ist nirgends ausgeschlossen, auch hier nicht)

  8.   R. Rasper

    Hallo Herr Lau,

    genau so ist es und jeder der was anderes schreibt vergleicht Äpfel mit Birnen. Diese Sache wird noch Folgen haben und da muß man kein Orakel sein…

  9.   J.S.

    Quatsch!
    Saddam war auch Islamist! Er ließ „Allah ist groß“ auf die Fahne des Irak schreiben und eine Menge Moscheen bauen. Die Rolle des Sozialisten hat er natürlich auch gespielt.

    Und die angeblich 1.000.000 toten Kinder gehen, wenn es sie wirklich gab, auch auf Saddams Konto! Er hat die Sanktionen verursacht und er hätte nur abdanken müssen um sie zu beenden!
    Die Wahrheit ist übrigens, das Saddam eine Menge des für die Kinder bestimmten Geldes für sich abgezweigt hat.

    Wir sollten langsam mal mehr Ehrlichkeit in die Debatte bringen! J.S.

  10.   Tuotrams

    >>Nur 30 Cent für Saddams Tod

    Die Telefonläden in dem 2,5 Millionen Einwohner zählenden Schiitenviertel, in denen das Handy-Video für umgerechnet 30 Euro-Cent aus dem Internet heruntergeladen werden kann, werden von Interessenten überrannt. Auch die schlechte Qualität der Aufnahme kann die große Nachfrage nach den Bildern nicht stoppen. Entscheidend ist, dass anders als in den vom irakischen Fernsehen ausgestrahlten Sequenzen auch die Exekution selbst zu sehen ist, und das mit Ton.

    So ist in der Handy-Aufnahme zu hören, wie in der Sekunde des Todes Saddam Husseins seine Gegner den Namen eines seiner größten schiitischen Widersacher, Mohammed Baker Sadr, skandierten, Dieser war 1999 durch dessen Schergen ermordet worden. Auch Eltern schrecken nicht davor zurück, die Bilder ihren Kinder zu zeigen. „Es scheint, als hätten sie einen Strick benutzt, mit dem auch die Geheimpolizei Tausende Menschen getötet hat“, sagt zufrieden ein Vater, dessen kleiner Sohn bei ihm auf dem Schoß sitzt und das Handy-Video anschaut. <<

 

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