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Lieben die Araber ihre Diktatoren mehr als sich selbst?

 

Ein Beitrag von Raja Ben Slama, Professorin für arabische Literatur in Tunis und Kairo, auf Qantara.de. Sie kritisiert zunächst das Verfahren gegen Saddam und seine Exekution, ganz wie auch auf diesem Blog geschehen. Und dann macht sie folgenden Punkt:

„Angenommen, das Gerichtsverfahren gegen Saddam Hussein wäre fair gewesen, die Akten, die die Verstrickung westlicher Staaten in die Verbrechen Saddam Husseins behandeln, wären nicht geschlossen und das Urteil gegen Hussein vorschriftsmäßig vollstreckt worden – wären die arabischen Eliten und Völker dann bereit, aus dieser Lektion zu lernen?

Seit der Vollstreckung des Todesurteils gegen Saddam Hussein habe ich zahllose politische Kommuniqués und Gedichte erhalten, in denen er betrauert und beweint wird. Offenbar lieben die Araber ihre Diktatoren mehr als sich selbst. (In diesem Zusammenhang fällt mir Sigmund Freuds Kommentar über seine psychisch kranken Patienten ein, der gesagt hat, dass sie ihre Wahnvorstellungen mehr lieben als sich selbst).

Wenn politische Parteien, die sich als demokratisch bezeichnen, darunter auch islamistische, um den ‚Märtyrer und Helden‘ Saddam Hussein trauern, der für das Gesetz des Dschungels und das Fehlen jeglicher Demokratie stand, müssen wir uns fragen, welches politische Denken diese Eliten aufweisen und welche politische Zukunft uns noch erwartet.“

34 Kommentare

  1.   J.S.

    Unfähigkeit zur Selbstkritik! Verglichen mit der arabischen Verstrickung in Saddam Husseins Verbrechen ist die Verstrickung des Westens absolut harmlos.
    Es waren die arabischen „Verbündeten“ die 1991 die Amerikaner stoppten, in dem sie drohten den US-Truppen in den Rücken zu fallen, wenn die Amerikaner auf Bagdad marschieren würden um Saddam zu stürzen. Die meiste Unterstützung bekam Saddam von den arabischen Öl-Regimen. Und zu den engsten Verbündeten Saddams gehörten die Palästinenser. Selbst im fernen Indonesien wurden 1991 westliche Urlauber von Saddam Anhängern bedroht. Er war nicht nur der Held der Araber sondern Held des Islam.
    Der Verlierer Saddam wurde dann als angeblicher „Agent des Westens“ entsorgt. Nur wenige huldigen Saddam dem Verlierer heute noch. J.S.

  2.   J.S.

    Selbstkritik wird hier zum Problem. Die Fähigkeit zur Selbstkritik ist eine der Stärken des Westens.
    Das Problem ist aber, das unsere Selbstkritik den Leuten die uns hassen Munition liefert. Und zudem hat unsere Selbstkritik eine globale Reichweite.
    Auch die Demokratie selbst, mit ihrem öffentlichen Machtkampf zwischen Regierung und Opposition wird hier zum Problem. Ein islamistischer Hassprediger braucht sich nur ansehen, was z.B. die US-Opposition über den US-Präsidenten sagt und schon hat er eine Menge Munition. Das funktioniert egal wer Präsident ist oder war! Was Al-Gore an Bush zu kritisieren hat, ist via CNN und Co. weltweit verfügbar. Das Internet erhöht die Verfügbarkeit dieser „Propaganda-Munition“ sogar noch!
    Oft genug dient die Antiwestliche Propaganda in der islamischen Welt zur Ablenkung von eigenen Problemen.
    Wir werden natürlich nicht auf unsere Errungenschaften wie Demokratie, Freie Meinungsäusserung und die Fähigkeit zur Selbstkritik verzichten! Das heißt aber auch, das die Hassprediger in der islamischen Welt immer genügend Munition haben werden, und deswegen wird der Westen in der islamischen Welt weiter und immer stärker gehasst werden!
    Das ist an Tragik gar nicht mehr zu überbieten, denn je mehr westliche Selbstkritik desto stärker wird letztlich der Hass auf den Westen und umso unvermeidbarer der Konflikt. Allerdings wird der Westen eben auch immer stärker, genau durch diese Fähigkeit zur Selbstkritik, durch Demokratie und freie Meinungsäusserung. J.S.

  3.   Tuotrams

    Psychologisch ist das einfach zu erklären, die Iraker/Araber/Muslime hassen die USA dafür das sie getan haben wofür sie selbst immer zu schwach waren, Saddam zu stürzen und in die Hölle zu schicken.

    Die Gutmenschen in D-Land haben oft das gleiche Problem mit den USA, „diese moralisch verkommenen Amis mussten kommen und das deutsche Volk von Hitler befreien, wie kann das sein“

    Das kommt davon wenn man glaubt moralisch über anderen zu stehen.

  4.   Mastodon

    Die Begriffe „Liebe“ und „Selbst“ hier in Verbindung mit „Diktatur“ und „Araber“ in Verbindung zu bringen, halt ich für bedenklich.
    Kurz mal Freud und Wahnvorstellung einzustreuen ändert auch nichts an der Tatsache das hier „Araber“ zu einem „Selbst“ zusammenschmelzen. Natürlich in den Kommentaren das obligatorische „Wir“ und „Sie“.
    Je nachdem welche Kriterien man heranzieht (Sprache, Geographie,etc) gibt es zwischen 300 und 350 Millionen Araber.
    Kann diese Masse an Menschen ein „Selbst“ haben? Hat der Westen auch ein Selbst?
    Ich meine jede politische Analyse, ist realitischer, als dieser Pseudopsychologismus.
    Bin ich, sie, und alle anderen Menschen der westlichen Hemisphäre ein WIR?

    Ich mein da hat wer ein paar (was heißt zahlreich? ein Dutzend oder repräsenative Stichprobe einer Grundgesamtheit) Gedichte in denen geweint (sic°) wird bekommen und schließt daraus das Araber ihre Diktatoren mehr lieben als sich selbst?

    Das wird hier natürlich sofort zitiert und das soll dann auch noch die so stark ausgeprägte europäische Selbstkritik sein? Ja, ne is klar.

  5.   AM

    @ J.S.
    „Auch die Demokratie selbst … wird hier zum Problem“
    Aha, da sind Sie also jetzt angekommen. Die Demokratie wird Ihnen zum Problem, wo sie Ihnen vor einiger Zeit noch die Rechtfertigung für praktisch alles war. Das ist eine Entwicklung, mit der Sie keinesfalls allein stehen. Es ist Ihnen aber durchaus bewusst, dass Sie hier keine neue Erkenntnis, sondern ein klassisches Argument autoritärer Denkart vortragen, oder?

  6.   augs

    Liebe zu einem Diktator? Nein, einfache Bejahung des Umstands, daß es einem unter ihm vergleichsweise passabel geht. Wer würde einem „unbelasteten“ aber durchaus unfanatischen Familienvater in Nazideutschland verdenken, daß er den Sieg in Stalingrad heimlich wollte? Daß er die alliierten Befreier zum Teufel wünschte, weil er im Bombenkrieg um sein Leben fürchtete und um die Zerstörung seiner Familie, seiner Wohnung, seines Geschäfts? Und soll man über die Kubaner den Kopf schütteln, weil sie sich gegen ihren Kommunismus nicht massenhaft erheben, nachdem sie um das Siechtum ihres Dikators wissen? Die gewöhnlichen Leute richten sich in der Diktatur irgendwie ein, und die Eliten wechseln die Seite oft mit atemberaubender Schnelligkeit. Ist das nicht ein Hinweis, daß sie sich eher selber lieben als ihren Diktator?

  7.   skyy

    Was ist der westlich denkende Beweggrund, dass wir von anderen Kulturen und Ländern erwarten, eine demokratische Einstellung zu besitzen und zu leben wie es die westlich orientierte Menschheit lebt?
    Wie dreisst ist es vom westlich denkenden Menschen einfach eine andere, selbst wenn auch noch so krasse Lebenseinstellung, diese nicht akzeptieren zu wollen und unter Zwang die ältesten Kulturen zu brechen und umerziehen zu wollen?
    Die westliche Welt schafft es nicht einmal in der eigenen Demokratie sich selbst zu respektieren ohne einer der doch zu gern gelebten Doppelmoral im Westen zu untermauern.

  8.   Docaffi

    J.S. hat wieder seine Phantasie-Geschichtsbücher ausgepackt. Woher er die hat, hat er mir immer noch nicht verraten.
    Bush S. hat Saddam nicht gestürzt, weil er schlauer war als sein Sohn und wußte, was für ein Chaos entsteht, wenn Saddam weg ist.
    Westliche Unterstützung für Saddam zu vehamlosen ist ein Zeichen der Naivität, die zum Glück in Europa insbesondere in Deutschland nicht so präsent ist wie in USA, sonst hatte man Bush ja nicht wieder gewählt.
    Der Hass gegen die Amerikaner im Nahen Osten hat geschichtliche Hintergründe (ich will ihn gar nicht verteidigen, sondern erläutern). Erstens betreiben die Amerikaner in dieser Region seit Jahren eine Destabilisierungspolitik. Es werden regelmäßig irgendwelche Diktatoren unterstütz und wenn diese ihnen zu mächtig werden, werden sie abgesetzt ohne über die Folgen nach zu denken. Zweitens futtert das ungelöste Israel-Palästina-Porblem diesen Hass regelmäßig.
    @JS
    „Das funktioniert egal wer Präsident ist oder war! Was Al-Gore an Bush zu kritisieren hat, ist via CNN und Co. weltweit verfügbar. Das Internet erhöht die Verfügbarkeit dieser “Propaganda-Munition” sogar noch!“
    Zum Glück gibt es die Möglichkeit diese Kritik zu äußern und weltweit zu veröffentlichen. Meiner Meinung nach geschieht dies sogar viel zu wenig. Wären Peinligkeiten wie Guantanamo nicht öffentlich kritisiert worden, hatten wir bestimmt auch einige Guantanamos in Europa. Ich bin sicher, dass der eigentliche Schlamassel, lange nachdem Bush abgesetzt ist und mit einen Kumpels die Millionen aus dem Ölgeschäft geniesst, aufgedeckt wird. Dann wird es erst recht peinlich für die „westliche“ Demokratie

  9.   dick

    @J.S.
    „Die Fähigkeit zur Selbstkritik ist eine der Stärken des Westens.“ Diese Selbstkritik ist aber an Ihren Beiträgen nicht zuersehen. Die Welt ist zum Glück nicht so homogen, wie Sie es hier gerne darstellen. Durch die „kolonialistische“ Brille sieht die Welt natürlich viel einfacher aus, aber der Realität entspricht es nicht.

  10.   J.S.

    @Docaffi
    Guantanamo ist doch harmlos gegen die Folterkeller der islamischen Welt. Zudem ist Guantanamo eine Reaktion auf islamistischen Terror.
    „Westliche Unterstützung für Saddam“
    Es waren schließlich Muslime die ihn an die Macht gebracht haben und für ihn gefoltert, geraubt und getötet haben. Die westliche Unterstützung ist dagegen völlig harmlos.
    @dick
    Wo ist Ihre Selbstkritik? Ich kann bei Ihnen auch nur völlig haltlose Kritik an mir erkennen! J.S.

 

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