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Erdogan schickt Inspektoren auf den Tempelberg

 

Der türkische Premierminister Erdogan hat mit seinem israelischen Kollegen Ehud Olmert bei dessen Staatsbesuch in der Türkei verabredet, dass türkische Spezialisten die Arbeiten am Tempelberg inspizieren sollen.
Ein genialer Schachzug: Er kann sich damit besorgt zeigen, stellt sich an die Spitze der empörten muslimischen Welt – und nimmt ihrer Empörung zugleich die Spitze. Auch von Olmerts Seite ist es geschickt, das Angebot anzunehmen. Wenn türkische Experten die Sache für koscher, Verzeihung: halal erklärt haben, wird die Blase der Wut in sich zusammenfallen.
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Erdogan macht hier wieder einmal eine sehr konstruktive Aussenpolitik. Hoffentlich wird ihm das in Europa auch einmal zugute gehalten.

p.s. Und auf dieser Website der „Israeli Antiquities Authority“ kann man nach dem Sabbat die Fortsetzung der Bauarbeiten am Tempelberg live als Webcast verfolgen.

16 Kommentare

  1.   Tuotrams

    Wie uneigennützig, Erdogan muss nun hoffen, dass kein EU-Politiker den gleichen Deal mit der Türkei in Sachen Armenier-Völkermord anstrebt.

  2.   iceman

    Die Inspizierung der Tempelberg-Arbeiten durch Türken ist eine mehr als zweischneidige Sache.
    Die haben da nämlich nix verloren!
    Klar, am Ende wird es heissen: „Alles nicht so schlimm!“, und der Westen wird das als Erfolg verbuchen.
    Aber kann es eine Lösung sein, die souveränen Entscheidungen von Juden, Christen oder Sonstigen künftig „beaufsichtigen“ zu lassen?
    Ich meine nein!
    Das war so ziemlich das Schlechteste, was man in dieser Situation hat tun können.
    Fast so schlecht wie das Verhalten des Westens im Streit um die Mohammed-Karikaturen (der unsägliche Aufruf von sieben ehemaligen europäischen Regierungschefs zu mehr religiösem Respekt, zu lesen auch in der ZEIT, war eine Schande. Das war der Super-Gau, hingefingert von übernervösen Händen).
    Solche absolut dämlichen Massnahmen sind die Folgen eines zu technischen Denkens.
    Die psychologische Wirkung kommt mal wieder zu kurz, die Wirkung nach aussen, gerade gegenüber muslimischen Berufsempörern.
    Über Erdogan schreibe ich lieber nix (das sprengte den blog).
    Aber der Mann ist ein ganz gewiefter Taktiker, ein Wolf im Schafspelz, und das hat er auch hier wieder unter Beweis gestellt.
    Muss man solchen Leuten denn immer wieder auf den Leim gehen?
    Natürlich ist es besser, jemandem erst gar keinen Anlass zu geben, sich künstlich aufzublasen.
    Aber wenn solch eine Situation schon entstanden ist, dann ist es besser, die Reaktion mit Schulterzucken zu ignorieren.


  3. @ Iceman: Einspruch. „Souverän“ sind an diesem Ort selbstverständlich auch die Muslime. Vergessen Sie nicht, dass es auch Araber in Israel gibt. Es sind 1,4 Millionen. Wenn wir so anfangen, dass wir über die Heiligen Stätten der anderen verfügen, als wäre es unser Grund und Boden, mit dem wir machen können, was wir wollen – dann Gute Nacht!
    Schulterzucken? Gegenüber den Extremisten: Ja. Gegenüber denen, die wir im Kampf gegen die Extremisten brauchen und für die Al-Aksa ebenfalls ein Heiligtum ist: Nein. Wieso ist es so schwer, sich eine Haltung vorzustellen, die entschieden und selbstbewusst ist, ohne zu verletzen?
    Und bitte: Ein gewiefter Taktiker ist mir allemal lieber als ein glühender Fanatiker, dem es nur um sein Recht um jeden Preis, auch den der eigenen Vernichtung, geht.

  4.   Wachtmeister

    Hier wird der Unterschied zwischen beiden Seites des Konflikts deutlich. Israelis haben allgemein kein Problem damit, daß türkische Muslime sich die Bauarbeiten anschauen. Was würden Muslime davon halten, wenn amerikanische Juden Bauarbeiten auf dem Tempelberg inspizieren?

    Hier wird deutlich, welche Seite Nachholbedarf an Toleranz und Offenheit hat. Ich begrüße die Maßnahme (als Unbeteiligter) ausdrücklich und erwarte nun, daß sich die muslimische Seite reziprok verhält.

    Es ist vollkommen in Ordnung, wenn die westliche Seite praktisch „in Vorleistung“ geht. Man kann die Ernsthaftigkeit der islamischen Seite im Dialog sofort daran erkennen, wie sie darauf reagiert.

  5.   Joerg Lau

    @ Wachtmeister, schöner kann man’s nicht sagen.

  6.   iceman

    @ Jörg Lau
    Selbst wenn man die Meinung auf einen geteilten religiösen Anspruch des Tempelbergs teilt, stellt sich die Frage, ob und wie man auf die Proteste angemessen reagiert.
    Und für mich gibt es da eine Unlogik, wenn man einerseits eine emanzipatorische Haltung betreffs der Souveränität über den Tempelberg einnimmt, andererseits aber die „Schlichterrolle“ einseitig an eine muslimische Seite vergibt.
    Und falls jetzt der Gedanke auftaucht, dass die Grabungen am Tempelberg ja AUCH eine einseitige Gelegenheit gewesen wären (seitens der Juden), und es deshalb eine einseitige muslimische Entscheiderrolle geben müsse – sozusagen als „Ausgleich“ -, dann ist das so, wie wenn ein Schiedsrichter beim Fussball zwei ungerechte Elfmeter vergibt.
    Das ist keine gesunde Basis.
    Besser wäre gewesen, man hätte in Jerusalem einen runden Tisch abgehalten, an dem sich beide Seiten aussprechen – ohne Zwang zu einer Einigung.
    Sobald nämlich ein fremdes Element zwischengeschaltet wird (die Türken) kommt nämlich kein direkter Kontakt zustande – und genau der wäre so bitter nötig!

    Ausserdem:
    Die Türken haben da tatsächlich nix verloren, und wenn die jetzt mitmischen, dann wird dadurch auf muslimischer Seite bloss
    die Vorstellung von der „Einheit im Glauben“ gestärkt, und auch das ist ein alllgemeines Problem.

    Letztes Argument:
    Die Wirkung nach Aussen, das Signal, die „message“.
    Was bleibt als Eindruck haften?
    Wahrgenommen wird das Ganze letztlich doch wieder als ein Nachgeben des Westens nach lauthalsen Protesten.
    Das ewige „Aufs-Knöpchen-Drücken“ wird weiter belohnt, und wir warten schon auf´s nächste Mal.

  7.   lebowski

    „Erdogan macht hier wieder einmal eine sehr konstruktive Aussenpolitik. Hoffentlich wird ihm das in Europa auch einmal zugute gehalten.“
    Nö, ich bin Europäer und halte es ihm nicht zugute. Wieso auch? Die Muslime haben
    a. wieder gewonnen und
    b. Erdogan steht wieder als glänzender Vermittler da.
    Und der Westen (einschließlich Israel) ist mal wieder geleimt worden und merkt es nicht mal.

    Dieselbe Taktik bei den Mohammed-Karikaturen. Während überall in der islamischen Welt Fanatiker Botschaften stürmten und anzündeten, gerierte sich Erdogan als Gemäßigter. Er verurteilte die Karikaturen entschieden, aber in der Türkei brannten wenigstens keine EU-Botschaften.
    Die eingeschüchterten europäischen Politiker waren ihm dafür zutiefst dankbar. Dafür erwartet er später handfeste Zugeständnisse. Diese billige Nummer kennt man aus amerikanischen Gangsterfilmen. Böser Bulle, guter Bulle.

    Die Proteste gegen die Bauarbeiten sind genauso inszeniert wie die gegen die Mohammed-Karikaturen.
    Sie dienen
    a. der Einschüchterung des Westens und
    b. sollen sie von innerislamischen Problemen ablenken. Wann kapiert man das hier endlich?


  8. @ lebowski: Mann, sind Sie hart drauf. Aber auch ein bisschen unpolitisch. Klar erwartet er Zugeständnisse. Wenn er der inszenierten Wut die Spitze nimmt, hat er sie auch verdient. Und wenn Israel durch türkische Fachleute entlastet wird, steht es doch sehr gut da – überhaupt nicht „geleimt“.

  9.   AM

    „Mann, sind Sie hart drauf. Aber auch ein bisschen unpolitisch.“
    Leute von diesem Schlag hab en mit Politik im überlieferten Sinn nichts am Hut. Es gibt für sie nur Sieg oder Niederlage, und solche Lösungen zählen sie apodiktisch zu den Niederlagen. Wann kapiert man es hier endlich, dass wir es mit einer extrem autoritären Bewegung zu tun haben, der unsere Freiheit nichts ist als ein Propagandaargument? Islamismus dient ihnen als Spiegelbild und als ultimative Legitimation für das eigene totalitäre Programm. Ambivalente, pragmatische und demokratisch legitimierte Figuren wie Erdogan sind ihnen ein viel größeres Ärgernis als Osama bin Laden.

  10.   lebowski

    @Jörg Lau
    Ich würde Ihnen dann recht geben, wenn es sich bei dieser „Wut“ um ehrliche Empörung handelt. Es scheint mir aber mal wieder eine Inszenierung vorzuliegen, bei der es hauptsächlich darum geht, von anderen Problemen abzulenken, z.B. von dem innerpalästinensischen Konflikt.
    Glauben Sie wirklich, die türkischen Fachleute werden Israel entlasten? Die werden nur das sagen, was ihnen Erdogan souffliert. Wette machen?
    Uns was passiert, wenn die türkischen Fachleute Israel nicht entlasten?

 

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