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Shirin Ebadi: Wer den Islam unvereinbar mit den Menschenrechten erklärt, spielt den Mullahs in die Hände

 

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In einem Interview mit Daniele Castellani Perelli vom italienischen Magazin „Reset“ verlangt die iranische Menschenrechtlerin und Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi eine differenzierte Islamkritik und eine substantielle Definition von Demokratie. Ein Auszug:

(…)

Q: Intellectuals such as Ayaan Hirsi Ali maintain that Islam is incompatible with the respect of women’s rights. And it is true that the present Iranian regime has, on the basis of religious justifications, prohibited you from becoming a judge.

A: The Iranian government, along with the Saudi government and all the other non-democratic governments, maintain that Islam is not compatible with human rights and that their people, as Muslims, must follow only Islam. But by ‘Islam’ they mean that which serves to justify their own tyranny. It disappoints me that certain intellectuals, without thinking of the consequences of their reasoning, end up seconding the very same opinions of these tyrants.

Q: And what are the consequences of these extreme views?

A: They end up presenting Muslims with an ultimatum: either accept Islam, and with it all the injustices which you are suffering, or abandon the religion of your fathers in favour of democracy. It is not fair to force such a decision. I propose another way – that Islam be interpreted in a way which allows for democracy. Within Christianity, too, there are some churches which condemn homosexuals, and others which accept them. They are all Christian, but they interpret their religion in different ways. The same can be true for Islam. In a country like Saudi Arabia there is not even a parliament, whilst Malaysia has a fairly advanced democracy. Which Islam are we talking about? Islam is completely compatible with women’s rights. Those who maintain otherwise simply give justification to non-democratic Islamic governments.

Q: Would you prefer to live in a secular Iran, in which religion and the state were separated?

A: I believe in secularism because I don’t want governments to take advantage of the people’s religious beliefs. However, I wonder whether we have the right to declare that the whole world see things only our way. When, in whatever region of the world, a people elects a radical cleric, do we have the right to say that the elections which brought him to power are invalid? Of course not. At the same time, it is also true that many secular governments are dictatorships. It’s clear then that secularism is not the only solution to these problems. We need to look for a more modern definition of democracy. Democracy is the government of the majority, yet that majority which comes to power does not then have the right to do whatever it likes. Governments are not legitimised solely by the ballot box, since it’s true that many dictators have come to power via elections. Only when democracy goes hand-in-hand with the respect for human rights can there be a true democratic government. With this new definition of democracy in mind, it is no longer important to decide whether secularism is a good or bad thing. (…)

22 Kommentare

  1.   Wachtmeister

    Ich sehe einige Probleme in Abadis Argumentation:

    – Sie setzt Islamkritiker, die zutreffend bemerken, daß zentrale Strömungen im Islam der Gegenwart nicht kompatibel mit liberalen Ideen sind, mit eben diesen Strömungen im Islam gleich. Es ist ja völlig in Ordnung, einen anderen Islam zu propagieren. Es ist aber unredlich jenen, die auf real existierende Probleme hinweisen, die Verantwortung für diese Probleme zuzuweisen.

    – Die Äußerung „Islam is completely compatible with women’s rights. Those who maintain otherwise simply give justification to non-democratic Islamic governments“ bewegt sich hart an der Grenze zur offenen Unseriosität. Es gibt muslimische Frauenrechtlerinnen, aber keinen feministischen Islam. Antiliberale Positionen zum Thema Frauenrechte sind Konsens in allen relevanten Strömungen des Islam. Warum verurteilt Abadi jene, die dies aussprechen?

    – Ich behaupte: Der von ihr propagierte demokratiekompatible Islam ist eine intellektuelle Totgeburt. Islamisten kritisieren zurecht, daß es beim Thema Religion nicht darum geht, ob die Religion mit anderen Weltanschauungen kompatibel ist, sondern nur darum, ob die Religion wahr ist.
    Der Islam hat keine Chance liberaler zu werden, wenn man in seinen Quellen der Offenbarung nicht liberale Inhalte entdeckt. Bislang sind diese trotz intensiver Suche nicht aufgetaucht oder nur über mehrere Ecken konstruierbar. Meint jemand ernsthaft, aus den politischen Schriften eines arabischen Warlords des 7. Jhds. eine moderne Gesellschaft herleiten zu können? Mohammed handelte im Kontext seiner Zeit und seiner Kultur. Man versucht doch auch nicht, daß Grundgesetz durch die Nibelungensage zu legitimieren.

    – Sie bezeichnet Malaysia als Beispiel für eine islamische Demokratie. Richtig ist, daß es dort Mehrheitsentscheidungen gibt. Malaysia ist aber alles andere als liberal, Meinungsfreiheit gilt nicht für das Thema Religion und Religionsfreiheit existiert dort für Muslime nicht. Würden Christen die Maßnahmen durchsetzen, die von muslimischer Seite in Malaysia durchgesetzt werden, würde man von Theokratie sprechen. Evangelikale Christen in den USA sind liberal im Vergleich zu dem, was in Malaysia Mainstream ist. Jüngstes Beispiel: Hinduistische Puppenspiele sind vor kurzem verboten worden, weil sie polytheistische Elemente enthalten.

    Ich kann ihre Motive ja nachvollziehen. Wenn man im Iran lebt, sollte man den Islam nicht zu offen kritisieren. Wahrscheinlich erreicht man Muslime auch besser, wenn man behutsam argumentiert. Ihre Äußerungen kann ich vor diesem Hintergrund verstehen. Ihre Argumentation ist aber bestenfalls PR für eine gute Sache, die man nicht mit Analyse verwechseln sollte.

  2.   lebowski

    Volle Zustimmung zu @1. Das sind ärgerliche Aussagen von Frau Ebadi. Sie verlangt -wie viele muslimische Vertreter- die Wahrheit zu relativieren, um die Gefühle von Muslimen nicht zu verletzen oder sie vor unangenehmen Entscheidungen zu stellen.
    Das wird gerade im Westen schon seit Jahren praktiziert: bloß nichts sagen, was Muslime beleidigen könnte. Das Ergebnis lässt sich allerorten besichtigen: nicht die Europäisierung des Islams sondern die Islamisierung Europas.
    Die Taktik von Fr. Ebadi mag in islamischen Ländern ok sein, Ayaan Hirsi Ali richtet sich aber an den Westen und wir sollten hier keinerlei Rücksicht auf muslimische Empfindlichkeiten nehmen, denn diesen Leuten steht es frei zu gehen, wenn sie nicht bleiben wollen.

  3.   Docaffi

    @Wachmeister

    1. Fundamentalismus in jeder Religion ist nicht mit der Demokratie vereinbar. Sie verwechseln m.E. den Islam als Religion mit dem Islamismus als radikale Weltanschauung. Zweifelsfrei muß Islam reformiert werden, egal was in „seinen Quellen der Offenbarung“ steht. Auch die Offenbarungsquellen des Christentums konnten die Reformation dieser Religion nicht aufhalten.
    Meiner Meinung nach ist ein säkularer islamischer Staat durchaus denkbar.
    2. Noch gibt es keinen feministischen Islam. Die neue iranische Frauenbewegung ist aber auf dem guten Weg dahin.

  4.   Wachtmeister

    @Docaffi
    Womit wir wieder beim alten Problem wären, das m.E. alle Religionen gleichermaßen haben. Jede Religion hält sich für vollkommen. Eine vollkommene Religion müsste nicht überarbeitet werden. Offenbar sind Religionen aber allesamt nicht auf dem neusten Stand der Entwicklung. An diesem Punkt wird deutlich, daß sie nicht von einem Gott kommen können, sondern Erfindungen von Menschen sind. Alle Religionen behaupten somit in einem zentralen Punkt die Unwahrheit. Wer von einer Reform von Christentum, Islam oder einer anderen Religion spricht: Hat diese Person nicht bereits anerkannt, daß der Wahrheitsanspruch dieser Religion unzutreffend ist? Warum gibt man eine Weltanschauung, die auf Täuschung und auf Unwahrheit beruht, nicht einfach auf?

  5.   Tuotrams

    „The Iranian government, along with the Saudi government and all the other non-democratic governments, maintain that Islam is not compatible with human rights“

    Leider erfährt man sowas nicht durch deutsche Medien

  6.   Docaffi

    @Wachmeister
    Natürlich haben Sie recht. Aber das ist nicht unser aktuelles Problem. Die Frage ist, ob die Demokratie neben einer Religion, ob vollkommen oder nicht, eine Chance hat. Ich glaube, dass Europa bewiesen hat, dass es einigermaßen möglich ist. Ich gebe zu, dass die islamische Welt weit davon entfert ist, aber in einem Land wie im Iran wird es in einer Postmullah-Zeit Säkularität eine große Rolle spielen.

  7.   iceman

    @Docaffi
    Du schreibst:
    „Sie verwechseln m.E. den Islam als Religion mit dem Islamismus als radikale Weltanschauung.“
    Bassam Tibi – den ich sehr schätze – würde dir widersprechen.
    Er spricht viel vom „orthodoxen“ oder „traditionellen“ Islam.
    Das habe ich mir auch angewöhnt, weil ich glaube, dass der gelebte Islam einer ist, der sich NICHT mit universellen Werten unter einen Hut bringen lässt.
    Der „normale“ Islam ist gleichbedeutend mit Islamismus – da gibt es keinen Unterschied, und global gesehen sind wahrscheinlich gut 90% aller Muslime Islamisten, und in den westlichen Gesellschaften knapp die Hälfte.

    Was in unseren Medien als „Islamismus“ bezeichnet wird, das ist eher ein „Djihadismus“ (mit Gewalt sympathisierende Variante).
    Das sollte man unterscheiden, sich aber auch bewusst machen, dass der Islamismus der ideologische Nährboden für den Djihadismus ist.

    Das Merkmal des Islamismus ist die eigene Segregation, oder die Ausgrenzung anderer.
    Für mich ist das nicht tolerabel, zumindest nicht innerhalb des säkularen Westens, weil die sozialen und ökonomischen Folgen davon allzu gross sind, und die Gemeinschaft als Ganzes belasten.
    Und so gesehen werden die westlichen Gesellschaften viel stärker durch den Islamismus beschädigt, als durch den Djihadismus.
    Für Verharmlosung gibt es also keinen Grund.

    Dass sich der Islam reformieren kann, steht aber ausser Frage, letztlich kann man alles reformieren, aber es genügt nicht mehr, bloss eine Abkehr von Gewalt einzufordern.

  8.   Wachtmeister

    @Docaffi:
    „Die Frage ist, ob die Demokratie neben einer Religion, ob vollkommen oder nicht, eine Chance hat. Ich glaube, dass Europa bewiesen hat, dass es einigermaßen möglich ist.“

    Sie treffen den Kern. Ich bin wohl etwas übers Ziel hinausgeschossen.

  9.   J.S.

    @iceman
    „Der “normale” Islam ist gleichbedeutend mit Islamismus“

    Da machst Du einen Fehler. Der Islam ist nur eine Religion. Wie diese Religion gelebt wird, ist zum Teil sogar von Generation zu Generation verschieden. Noch vor 2 Jahrzehnten war z.B. das Kopftuch unter Muslimas in weiten Teilen Südostasiens unüblich, heute sieht das anders aus. Der Islamismus ist eine Strömung unter den Muslimen. Das es eine gefährliche rückwärts gewandte Strömung ist, die zudem noch rasant stärker wird, kann man aber wohl nicht bestreiten. Trotzdem darf man Islam und Islamismus nicht in einen Topf werfen, sonst spielt man den Islamisten in die Hände, da hat Frau Ebadi schon recht.

  10.   iceman

    @ J.S.
    Das Kopftuch ist ja nur EIN Zeichen von Rückschritt, und für sich alleine wäre es kein Problem.
    Aber in den meisten Fällen verbindet sich das Kopftuch mit einem Rückzug in die eigene Ethnie, mit Partnerwahl unter dem Vorzeichen der Religion, mit Einschränkung bzw. Druck auf die Kinder, mit Koranschulen, und mit einer Weigerung, von anderen Kulturen etwas zu lernen.
    Wieviele Muslime im Westen beschäftigen sich mit der Geschichte ihrer neuen Heimat, wieviele besuchen eine Ausstellung oder ein Kunst- oder Heimatkundemuseum, wieviele interessieren sich für klassische Literatur, westliche Philosophie, oder mittelalterliche Musik und Architektur?
    Ausserhalb der normalen Schulbildung fast niemand, und der Grund dafür ist, dass alle alten Zeugnisse einer Kultur immer sehr stark von der Religion geprägt sind – und damit für gläubige Muslime mit einem Tabu belegt.
    Der Islam wirkt wie eine geistige Behinderung, auch gegenüber muslimischen Migranten, die etwas besser gebildet sind.

    Ausserdem: Wie soll man einen säkularen Moslem noch von einem Traditionalisten unterscheiden, wenn man nicht unterscheidet zwischen Islam und Islamismus?
    Wenn man einen orthodoxen Muslim heute als „Islamist“ bezeichnet, dann wird das als Beleidigung empfunden, das ist schon klar.
    Aber die Schuld dafür liegt bei den Medien, nicht bei mir oder bei Herrn Tibi.
    Und ob ich irgendwem „in die Hände spiele“, das ist mir zunehmend egal.
    Es ist ein Witz, wenn unsereiner seine privaten Koranstudien betreibt, um die einzelnen Verse „zurecht zu biegen“ (was sehr schwer ist!), während auf der anderen Seite die totale Ignoranz vorherrscht.
    Der ganz normale, orthodox verstandene Islam ist genauso armselig wie die Sektiererei von Scientologen, Zeugen Jehovas oder Kreationisten.
    Und vielleicht hätten wir in der Vergangenheit mehr Erfolg gehabt bei der Integration, wenn wir sie offener und häufiger eingefordert hätten, anstatt jahrzehntelang mit einem Maulkorb durch die Gegend gelaufen wären.

 

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