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Ein freier Kopf

 

Neidvoll blicken wir heute auf die Kollegen der WELT, die einen sehr bewegenden und erhellenden Text von Emel Abidin-Algan, der Tochter des Gründers von Milli-Görüs Deutschland, dokumentieren. Frau Abidin Algan schildert ihre Erfahrungen mit dem Ablegen des Kopftuchs und mit der Entwicklung eines neuen, innerlich freien Gottesbezugs.

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Emel Abidin-Algan

Das Ablegen des zur Selbstverständlichkeit gewordenen Kopftuchs war nicht einfach, weil ich damit ein Selbstbild entwickelt hatte, das mit moralischen Werten verknüpft war. Es hat mich zwei Jahre des Forschens und Experimentierens gekostet, bevor ich mich davon trennen konnte, weil ich jemand bin, der keine halben Sachen macht. Mein Leben ohne das Kopftuch ist jetzt nicht etwa besser geworden, weil es schon immer gut war, es ist vielmehr ganz anders geworden, aufregender und vielseitiger. Die Freiheiten, die ich jetzt habe, denen bin ich auch jetzt erst gewachsen. Vor allem hat sich meine Wahrnehmung meinen Mitmenschen gegenüber verändert. Kein Kopftuch mehr zu tragen bedeutet in der Praxis für mich zunächst: nicht mehr aufzufallen und keinem Verhaltensdruck mehr ausgesetzt zu sein, mehr Bewegungsfreiheit im Kennenlernen der Welt von Männern zu haben und keinen möglichen Einschränkungen mehr auf dem Arbeitsmarkt ausgeliefert zu sein.

Sie beharrt aber darauf, dass dies ein freiwilliger Prozess ohne Druck sein muss. Ihre Tochter, sagt sie, fühle sich derzeit mit der Verhüllung wohl.

Zugleich bestreitet sie, dass die religiöse Begründung des Kopftuchs heute noch Bestand habe:

Eine wichtige Erfahrung war festzustellen, dass der Koran im historischen Kontext verstanden werden kann. Heute zum Beispiel, im Gegensatz zur damaligen Zeit des Propheten, braucht kein Mann mehr ein Unterscheidungsmerkmal wie eine Verhüllung, um Frauen nicht zu belästigen. Interessanterweise war gerade das einer der Gründe für die Bedeckungsverse im Koran. Das Problem mit der Verhüllung heute wäre auch einfach gelöst, wenn Männer über ihre Wahrnehmungen reden würden. Denn um die Männer geht es ja, wenn sich eine Frau verhüllt.

127 Kommentare

  1.   iceman

    @ Christoph Leusch

    Sie werfen mir eine „Suada an Vorurteilen und bewussten Falschmeldungen“ vor – bitte konkretisieren Sie das, weil ich mit solchen persönlichen Anwürfen nix anfangen kann.
    Mit Polemiken kann ich gut leben, aber sie sollten wenigstens einen greifbaren Kern haben.

    Weiter schreiben Sie:
    „Bitte denken Sie daran, dass ein Grossteil der Evangelialen heute… ohne Hierarchien und strengen Katechismus gross wurden.“

    Natürlich gab und gibt es bei den Protestanten Katechismen, und sie hatten und haben eine erhebliche Bindewirkung, sie werden halt nur „übersetzt“.
    Und viel wichtiger als ihr konkreter Inhalt war ihre Fähigkeit, die Gemeinden nicht zerfallen zu lassen, die Einigkeit zu bewahren, und – auf dieser Einigkeit aufbauend – dann Prozesse der Modernisierung bewältigen zu können.
    Die Wertigkeit der Hierarchien und Katechismen beurteile ich also eher historistisch.
    An Leuten wie Ihnen, Herr Leusch, stört mich ein wenig der Mangel an historischem Bewusstsein.
    Die „heutigen“ Protestanten sind Ausfluss einer bestimmten Prägung, sie wachsen nicht auf Bäumen und fallen wie reife Früchte herunter.

    Luther selbst hat nicht nur die Bibel übersetzt, sondern auch einen kleinen und einen grossen Katechismus heraus gegeben.
    Diese Büchlein werden immer noch in Riesenauflagen verkauft.
    Ich selbst habe letztes Jahr – aus allgemeinem Interesse heraus – den kleinen Katechismus gelesen.
    Das war intellektuell recht anregend, und vermittelte mir fern der normalen Geschichtsschreibung auch einen etwas anderen Zugang zur Vergangenheit.
    Geben Sie bei ebay „dr. martin luther: kleiner katechismus“ ein, dann können Sie für drei Euro eine Ausgabe in festem Einband erwerben (portofrei).

    Natürlich besitzen die Evangelischen Landeskirchen ihre feste hierarchische Struktur – sonst würden sie nicht so heissen!
    Solche Hierarchien halt ich für gut, sie sind existenziell wichtig, weil es nur durch sie möglich ist, Verantwortungen zuzuordnen – und politische Ansprechpartner zu haben!
    Bezüglich dem Islam wird gerade versucht, dieses Problem zu lösen, endlich, nach einer langen Phase der Stagnation.
    Und ich kann nicht begreifen, was Sie an solchen Entwicklungen auszusetzen haben.

    Protestantische Gemeinden, die sich gezielt in flachen Hierarchien organisieren, sind meiner Beobachtung nach zwar „dichter dran“ am einzelnen Mitglied, üben aber auf ihre Mitglieder oft auch ein extremes Mass an Indoktrination und sozialer Kontrolle aus.
    Ganz sicher ist das nur möglich, weil sie weitgehend „unsichtbar“ agieren, sich der Transparenz in der Öffentlichkeit entziehen können.
    Die berechtigte Diskussion über die Gefahren der Islamisierung haben leider auch die Wirkung, die kritische Öffentlichkeit von solchen Untrieben abzulenken.
    Da werden Menschen gezielt sozial abgeschottet, von religiöser Trivialliteratur überschwemmt, und in Bibelstunden und persönlichen Gesprächen (die oft sehr viel indiskreter sind als in katholischen Beichtstühlen) gefügig gemacht.
    Zur Zeit versuche ich gerade unter hohem persönlichen Einsatz, eine junge und psychisch etwas labile Frau aus den Fängen einer solchen Gemeinde zu befreien, und deshalb weiss ich ganz genau, wovon ich rede.

    Was den Islam angeht:
    Zu viele Köche verderben den Brei auch in Glaubensfragen, und die Idee eines moderat interpretierten „Katechismus“, dem sich eine Vielzahl an Imamen und Rechtsgelehrten (auch politischen Führern islamischer Staaten) anschliessen würden, bieten mir hier den einzig gangbaren Lösungsweg, es sei denn, man vertraut darauf, dass sich die Gläubigen aus eigener Kraft (und gegen die Indoktrination der Obrigkeit) emanzipiert und säkularisiert, was aber angesichts grosser Bildungsdefizite in vielen Ländern extrem lange dauern dürfte.

    P.S.
    Die muslimische Misere zeigt sich auch in einer schlechten Wettbewerbsfähigkeit bezüglich Handel, Forschung und Lehre, und auch das kann man wissen (oder, so wie Sie, einfach ignorieren).
    Wenn Muslime keine Autos bauen, die weltweit konkurrenzfähig sind (um in ihrer Bildersprache zu bleiben), dann liegt das eben an einem Mangel an geistiger Freiheit, an Bevormundung im Denken, und dagegen wehre ich mich, egal ob bezüglich dem Islam oder einer Gemeinde von Freien Evangelikalen in Mainz.

    mfg

  2.   AM

    @ Riccardo
    „@Jörg Lau
    Schmerzlich, daß ich als ausgewiesener Agnostiker von Ihnen als Ajatollah geschmäht werde. Obwohl Sie sich selbst als Herz-Jesu Islamophiler geben, würde ich es nie wagen, Sie auch so zu bezeichnen oder gar zu diffamieren.“
    Getroffene Hunde bellen, auch wenn sie agnostische Ajatollahs sind. Direkt hinter Ihnen beginnt die Zone der Herz-Jesu Islamophilen, und Jörg Lau steckt schon mitten drin. Lol!

  3.   Johannes Galt

    @Christoph Leusch:
    „Derartige Versuche, den Koran als grundsätzlich intolerant hinzustellen, sind leider Legion…“

    Diese intoleranten Auslegungen sind nicht meine Idee, sondern die führender islamischer Geistlicher. Selbst in „moderaten“ Staaten mit islamischer Bevölkerungsmehrheit sollte man sich nicht als Atheist oder, fast noch schlimmer, als Jude outen. Ihre Kritik richten sie am besten direkt an islamische Geistliche in Kairo etc. und nicht an mich als den Überbringer der schlechten Nachricht.

  4.   tati

    Nachdem ich jetzt einige Wochen pausiert habe, möchte ich gerne mal einige grundsätzliche Dinge posten.
    Wer von Euch glaubt denn überhaupt an das, was im Koran oder in der Bibel steht.
    Hat sich einer schon mal wirklich damit auseinandergesetzt, das alle diese Schriften reines Menschenwerk sind.
    Leute, wann WACHT ihr endlich auf.
    Für das Leben an sich gibt es keine Vorschriften. Diese entstehen immer nur aus dem Kontext der Sozialisation.
    Die ganze Misere besteht lediglich darin, das die DUMMEN den noch DÜMMEREN sagen, was sie zu tun haben.
    Kapiert denn das hier niemand!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
    Der einzige Weg aus diesem Dilemma ist der Weg der ERKENNTNIS. Dieser Weg ist sowohl spirituell als auch für den menschlichen Alltag dringendst geboten. WAS DU NICHT WILLST, WAS MAN DIR TUT, DAS FÜG´ AUCH KEINEM ANDERN ZU. Ja, so einfach wär´s!!!!!!!!!!!!!
    Dann braucht man auch keine 10 Gebote und auch keine 3 Millionen Gesetze!!!!
    Ich wünsche mir, dass diese elementare Einsicht die Bevölkerung der Zukunft zu einem menschenwürdigen MITEINANDER führt.
    Und ganz ehrlich, die Buddhisten haben da einen gewaltigen Vorsprung!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

  5.   Riccardo

    @tati

    Sehr schön tati, aber dazu bräuchten Sie einen neuen Menschen. Das haben selbst die Kommis nicht geschafft.

  6.   iceman

    @ tati

    🙂


  7. ZEIT ONLINE – joerglau » Liberalism and a “new” religion in Europe…

    This is one of the most threatening tensions in our societies in Europe these days: the need to reconcile the secularist liberal order of postwar european countries with the advent of a new religion on the continent. ……

 

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