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Staatskirche, Theokratie, säkulare Republik, atheistische Tyrannei

 

46STATE ATTITUDESReligion_565.jpg

Und auch dies hier ist eine sehr lehrreiche Karte, über die man viel meditieren kann, entnommen dem World Atlas of Religions (Klick aufs Bild für größere Version).
Gefunden auf opendemocracy.net.


0 Kommentare

  1.   iceman

    Eigentlich müsste man weltweit nur die konsequente Trennung von Religion und Staat einführen – und schon wären alle Glaubenszwänge beseitigt.

    Auf der Karte stechen die Türken etwas ins Auge, die sind in Religionsfragen noch restriktiver als bspw. die Ägypter mit ihren christlichen Kopten.
    Viele glauben ja, in der Türkei gäbe es eine strikte Trennung von Staat und Religion – aber das stimmt nicht!
    Vom Wort „Laizismus“ darf man sich nicht täuschen lassen!

    Die allgemeine Entwicklung der Türken ist zwar ganz gut:

    Die Kinderquote liegt bei relativ moderaten 2,4 Kindern pro Frau, obwohl fast alle Türken „rückständige“ Kleinasiaten sind (Anatolien, das Gebiet zwischen Pontischem Gebirge und Taurus, umfasst etwa 97% des Staatsgebietes).
    Die Bevölkerungsexplosion – siehe unten – wurde also gestoppt:
    1927: 14 Millionen
    1961: 29 Millionen
    1983: 50 Millionen
    2007: 73 Millionen
    Dermassen dramatische Steigerungen sind nicht mehr zu erwarten, und das ist positiv.

    Auch das Wirtschaftswachstum ist gut, es liegt konstant zwischen 5 und 8%, und es wird inzwischen genauso viel Elektronik exportiert wie Gemüse.

    Bei der Frage, ob die Türken eines Tages zur EU stossen sollen, geht es also im Wesentlichen nur noch um Religionsfragen.
    Für uns Deutschen diese Frage besonders wichtig, weil wir nicht durch noch mehr Zuwanderung von Strenggläubigen belastet werden wollen.
    Stellt sich also die Frage nach der Entwicklung in der Türkei selber.
    Die Türkei wird zunehmend islamisiert.
    Laizismus bedeutet in der Türkei nicht Trennung von Religion und Staat.
    Vielmehr bestimmt der Staat darüber, wie Religion zu interpretieren ist, welche Rechte islamische Institutionen (andere werden eh gemobbt – die Christen sterben aus) haben.
    Und hier liegt das Problem!
    Wenn die staatlichen Institutionen von Islamisten besetzt werden (Gül als Präsident hat gerade noch gefehlt!), dann können die Rechte muslimischer Institutionen (und Wirtschaftsteile) weiter begünstigt werden – theoretisch bis hin zu einem de facto Gottesstaat.
    Der türkische Präsident hat schon hunderte von proislamischen Gesetzen blockiert, die Erdogan in der Vergangenheit durchsetzen wollte.
    Noch wichtiger als die Infiltration des Militärs schein den Islamisten die Förderung islamischer Wirtschaftsverbände und Konzerne zu sein (Vergabe von Staatsaufträgen usw.).
    Auch die Schulen und Universitäten wollen okkupiert werden, wie man am gescheiterten Versuch Erdogans sehen konnte, Abschlüsse von Koranschulen für alle universitären Studiengänge zuzulassen.

    Das türkische Staatsorgan „Diyanet Isleri Baskanligi“ (Amt für religiöse Angelegenheiten) ist dem Ministerpräsidentenamt (Erdogan) angeschlossen.
    Auf der homepage von Diyanet heisst es, dass die Diyanet „eine in die staatliche Administration integrierte öffentliche Einrichtung ist, die sich die Einheit und Solidarität der Nation zum Ziel setzt.“

    Wie sind die Positionen der Diyanet nach jetzigem Stand:
    Über den Link
    http://www.diyanet.gov.tr/german/default.asp
    findet man Aussagen darüber.
    Falls der obige Link nicht funktioniert (sehr launisch), einfach in die Adressleiste „Amt für religiöse Angelegenheiten“ eingeben, und dann entsprechenden Link anklicken (übertitelt mit „…T.C. DIYANET…“).

    Auf der homepage der Diyanet dann auf der linken Seite (rosa Felder) den Bereich „Beschlüsse des Hochrats“ anklicken, und schon erscheinen die offiziellen Positionen zu Glaubensfragen.
    Schaut man da rein, ist das zwar kein Abgrund in den Schlund der Hölle, aber einiges gibt doch ganz schwer zu denken!

    Zum Kopftuchtragen beim Gebet (aber nicht nur dort) heisst es:

    „Alle Rechtsschulen sind sich einig: die Frau muss ihren Kopf bedecken… So wird dies gehandhabt seit der Zeit des Propheten, und Meinungsverschiedenheiten gibt es auch nicht, womit wir zum Schluss festhalten: Männer und Frauen müssen ihre Scham immer bedecken, im Gebet ohnehin.
    Frauen müssen ein Kopftuch tragen. Gebet ohne Kopftuch ist nichtig.“

    Noch einmal sei darauf hingewiesen:
    Das ist nicht nur die Position der Religiösen, sondern die ALLGEMEINE, also die der Religiösen in Rücksprache mit dem Staat!

    Noch schlimmer sind die Aussagen zum unterschiedlichen Erbschaftsrecht (Tochter halb so viel, usw.), was sich auch nicht retuschieren lässt mit der Pflicht des Mannes, die Versorgungspflicht für die Frau zu übernehmen.

    Man muss sich immer wieder klar machen (im Umkehrschluss):
    Dadurch, dass die Diyanet ihre Positionen von staatlichen Stellen absegnen lassen muss, macht sich der Staat natürlich auch die Deutungen der Diyanet zu eigen.
    Die vielzitierte „Trennung von Staat und Religion“ ist also überhaupt nicht gegeben.
    Dass darüber hinaus andere Religionen in der Türkei massiv diskriminiert werden (besser: hinterhältig ausgeblutet werden), das ist nur noch eine Begleiterscheinung.

    Fazit:
    Wenn diese unselige Verbindung nicht vollständig aufgelöst wird, dann würde Europa – im Falle des Beitritts der Türken – quasi eine Art vergiftete Praline schlucken:
    Nach aussen hin schön laizistisch, aber nach im Inneren formbar hin zu einem Gottesstaat.

    Wir sollten sehr aufpassen!

  2.   iceman

    Nachtrag:
    Mein obiger Kommentar ist ein grausiger Flickenteppich aus Einzelinformationen, und ich habe versucht, mir daraus ein Bild zu machen.
    Keine Garantie auf Richtigkeit!
    Falls Einwände oder bessere Informationen, dann bitte her damit!

  3.   tati

    @iceman

    Danke für den Beitrag. Wusste gar nicht, das es eine deutschsprachige Seite der türkischen Religionshüter gibt.
    Manches an den Beschlüssen darin ist schon „strange“ wie z.B. Asthmaspray in der Fastenzeit – ja oder nein!!
    Das ist die islamische Variante unseres deutschen Amts-Schimmels.
    Ihr Resumee am Schluss „AUFPASSEN“ unterstreiche ich doppelt!!

  4.   pluckerwanck

    @ iceman

    Danke für den Link. Sehr bezeichnend und typisch für die muslimische Sprach- und Tatsachenvernebelung fand ich, dass in der Presseerklärung über den Mord an den drei christlichen Mitarbeitern des Bibelverlags in Malatya das Wort „Christen“ oder „christlich“ nicht ein einziges Mal vorkommt. Man bedauert ganz allgemein den Tod von „drei Menschen“.

    Auch schön: „Attentate, die auf UNSCHULDIGE Menschen abzielen, können in keiner Weise religiöse, nationale, ethische und menschliche Motivationen haben.“

    Je klarer man die islamistische Argumentationsweise durchschaut, desto unwürdiger und widerwärtiger erscheint sie.

  5.   iceman

    @ pluckerwanck

    Gut erkannt!
    Diese merkwürdige Formulierung zum Mord an den drei Christen sind mir auch aufgefallen.
    Bei statements dieser Art fällt immer wieder diese merkwürdige Doppelbödigkeit auf.
    Noch übler war die Aussage Erdogans, der die Morde nur den „Nationalisten“ angelastet hat, nicht den Islamisten.
    Aber bei immer mehr Menschen fällt langsam der Groschen.

  6.   Wachtmeister

    @iceman, pluckerwanck
    Islamisten „distanzieren“ sich üblicherweise von Attentaten, indem sie die Tötung „Unschuldiger“ verurteilen. Die Anhänger verstehen die Doppeldeutigkeit, und unwissende Nichtmuslime fühlen sich beruhigt. Nach Ansicht von Mainstream-Islamisten wie Qaradawi fallen aber auch Zivilisten von Staaten, die an den Einsätzen u.a. in Afghanistan beteiligt sind, implizit in die Kategorie der legitimen Ziele. Es ist wirklich an der Zeit, sich von Islamisten nicht mehr für dumm verkaufen zu lassen und sich nicht auf zweideutige und unklare „Distanzierungen“ dieser Art einzulassen.

  7.   Boccanegra

    @ iceman
    „Wenn die staatlichen Institutionen von Islamisten besetzt werden (…), dann können die Rechte muslimischer Institutionen (…) weiter begünstigt werden – theoretisch bis hin zu einem de facto Gottesstaat.“

    Kein Zweifel – mit der Betonung auf „theoretisch“. Theoretisch lässt sich aber auch das deutsche Grundgesetz so verändern, dass die Trennung von Kirche und Staat aufgehoben und ein Gottesstaat eingerichtet wird; die Frage ist, ob es Mehrheiten gibt, die das wollen. Das scheint mir in der Türkei nicht der Fall zu sein.

    Mir scheinen Ihre Interpretationen der Politik der AKP-Regierung manchmal etwas forciert, etwa wenn Sie in Erdogans Versuch, Koranschulen das Recht zur Erteilung der Hochschulzugangsberechtigung zu erteilen, gleich den Ansatz einer „Okkupation“ von Schulen und Universitäten erkennen. Und was die Diyanet betrifft, so erkennt man an ihr einfach den – sicher sehr riskanten – Tanz auf der Schneide zwischen traditionell-religiös geprägtem Kernlandbewohnern und liberal-säkularen Städtern (die anders als die Fläche des Landes nicht im Verhältnis 97:3 verteilt sind, weil Inneranatolien im Vergleich zur Bosporusregion eher dünn besiedelt ist). Dass sich dort auch unsinnige Anweisungen wie „Gebet ohne Kopftuch ist nichtig!“ finden, ist sicher ein Zugeständnis an den religiösen Konservatismus breiter Bevölkerungsschichten, der hoffentlich im Zuge eines weiteren Modernisierungsprozesses des Landes zurückgehen wird (ebenso wie andererseits hoffentlich das Studium mit Kopftuch in der Türkei bald erlaubt sein wird). Nichtsdestoweniger ist die Diyanet seit jeher und bis heute eher ein Amt, um die Religiosität der Bevölkerung zu kontrollieren, nicht um sie anzustacheln (siehe dazu
    http://de.wikipedia.org/wiki/Diyanet_%C4%B0%C5%9Fleri_Ba%C5%9Fkanl%C4%B1%C4%9F%C4%B1 ).

    Natürlich muss die Enwicklung in der Türkei auf die Dauer hin zu mehr persönlicher Religionsfreiheit und weniger staatlichem Einfluss gehen. Die Frage, die Sie aber unbeantwortet lassen, ist, auf welchem Weg das am besten zu erreichen ist. Die Einmischungen des Militärs und die Schwächung der Demokratie, die die wichtigste türkische Oppositionspartei CHP derzeit offensichtlich in Kauf zu nehmen bereit ist, erscheinen mir jedenfalls keine geeignete Methode. Ein Präsident Gül, der die religiös-konservativen Befindlichkeiten im Land kanalisiert, während sich die CHP in der Opposition reformieren und wieder als säkular-sozialdemokratische Alternative zur AKP aufbauen kann, schon eher.

    PS. Interessant finde ich auf der opendemocracy-Weltkarte ja, dass der EU-Staat Bulgarien dieselbe Farbe abbekommen hat wie die Türkei, Saudi-Arabien und der Iran, während der Irak offenbar religiös so tolerant ist wie Spanien und Belgien – die aber ihrerseits mit Syrien nicht ganz mithalten können. Darüber lässt sich in der Tat meditieren…

    @JL:
    Immer wieder verschwinden Kommentare von mir im Spamfilter, obwohl ich schon so ziemlich alles zu variieren versucht habe, was mir möglich ist (Nickname, E-Mail-Adresse etc.). Könnte es ein technisches Problem des Blogs sein?

  8.   pluckerwanck

    @ Wachtmeister

    auf Stern-online ist ein Artikel über das im Irak gesteinigte Mädchen. Amnesty International hat in London eine Demonstration organisiert unter dem Motto „no more stones“.

    Noch vor ein paar Monaten hätte ich jetzt mit „immerhin“ geschlossen. Jetzt fällt mir nur die Bemerkung ein, dass sowas die betreffenden Leute im Irak, und nicht nur dort, einen Dreck interessiert.

  9.   iceman

    @ Boccanegra

    Sie scheinen den entscheidenden Punkt noch nicht begriffen zu haben: die Konstruktion!
    Nämlich die Art und Weise, auf die der türkische Staat mit den Religionen (de facto ja nur der Islam) verbunden ist.
    Diese Verbindung ähnelt kommunizierenden Röhren.
    Wenn Sie in eine der Röhren Flüssigkeit nachgiessen, steigt auf beiden Seiten die Füllhöhe – mit leichter zeitlicher Verzögerung.
    Das heisst:
    In dem Masse, in dem die Islamisten politisch stärker werden, gewinnen sie natürlich an Legitimität, um religiöse Interessen stärker zu vertreten.
    Dabei geht es auch nicht nur um theologische Fragen.
    Ein stärkerer Einfluss richtet sich dann auch gezielt auf alle Bereiche der Gesellschaft, auf Bankenwesen, auf Handel, auf Behörden und pädagogische Institutionen.

    Der wichtigste Bereich ist für Islamisten immer der Bereich Erziehung, denn wer das Denken prägt, dem gehört die Zukunft.
    Der Einfluss der Islamisten auf Schulen und Unis ist den Islamisten sogar wichtiger, als die Erlangung kurzfristiger militärischer Macht, oder die Beteiligung an Regierungen.
    Da zeigt sich ein globales Muster.
    Selbst die Muslimbrüder in Ägypten mucken kaum auf, wenn Wahlen zu ihren Ungunsten gefälscht werden, solange immer mehr Kinder Koranschulen anstelle öffentlicher Schulen besuchen (da gibt es eine eindeutige Tendenz).

    Die Verhältnisse in der Türkei sind – was Glaubensfreiheit angeht -sogar noch schlimmer als in Ägypten, und tatsächlich wird das ja auch durch die von Jörg Lau eingestellte Karte (die hier so bräsig in Zweifel ziehen) bestätigt.
    Anders als in Ägypten haben die Islamisten der Türkei schon die politische Macht, und sie schamlos auszunutzen, daran werden sie nur noch durch den Staatspräsidenten (oder im Notfall durch das Militär) gehindert.

    Der türkische Staatspräsident verfügt über eine enorme Macht.
    Er kann Gesetze und die Ernennung von Beamten blockieren.
    Der derzeitige Ahmet Necdet Sezer (ein parteiloser Kemalist, dessen 7jährige Amtszeit nun ausläuft) hat von diesem Mittel schon reichlich Gebrauch gemacht, um den islamistischen Einfluss abzuwehren.
    Hinzu kommt:
    Der Präsident ernennt die Richter des Verfassungsgerichtes, die obersten Staatsanwälte und Militärrichter, ist Oberbefehlshaber der Streitkräfte, und sitzt dem Nationalen Sicherheitsrat vor.

    In Deutschland beruht das Verhältnis zwischen Staat und Religionen auf einer völlig anderen Konstruktion, und ihr Hinweis auf die Möglichkeit einer Änderung des Grundgesetzes (ohnehin nur mit Zweidrittel-Mehrheit möglich) ist deshalb – sehr gelinde formuliert – weit her geholt.
    Abgesehen davon gibt es in Deutschland keine monolithisch dominante Religion mit 99%-Mehrheit, und ich sehe auch nicht die geringsten Anzeichen dafür, dass die deutsche Bevölkerung Gefahr läuft, das politische Geschäft christlichen Radikalen anzuvertrauen.

  10.   iceman

    @ Boccanegra

    Nein, ich ziehe nicht die gleichen Schlüsse wie Sie.
    Denn in der Türkei leben keine 99% Türken, sondern nur 70% Türken!
    Zu den Türken kommen noch 20% Kurden, 2% Araber, 0,5% Tscherkessen, 0,5% muslimische Georgier, usw.

    Für unsere Diskussion ist aber die Religion massgeblich, und da haben wir es mit 99% Muslime zu tun (70% davon gehören den eher strenggläubigen sunnitischen Schafiiten an).
    Der Islam ist in der Türkei „ein monolithischer Block“, natürlich.

    Sie haben immer noch nicht verstanden, wie problematisch die Verbindung zwischen Religion und Staat in der Türkei ist, sonst würden Sie nicht erneut relativieren mit einem Quervergleich zur Rolle der Kirchen in Deutschland.
    In der Türkei ist die Diyanet dem Amt des türkischen MPs angegliedert.
    In Deutschland gibt es keine solche direkte Verbindung, und damit auch keinen direkten Einfluss des Staates auf Inhalte des Glaubens, und – was noch schwerer wiegt – auf die rechtliche Stellung religiöser Institutionen.
    Es geht einerseits um die Interpretation des islamischen Glaubens, bei der sich der türkische Staat sich einmischt, und es geht andererseits um die verweigerte Stellung religiöser Träger als selbständige Körperschaften.
    Eine solche entwürdigende Gängelei ist in Deutschland nicht möglich – aufgrund der Religionsfreiheit in Artikel 4 Grundgesetz.

    Das grösste Problem der islamischen Zivilisation – keineswegs nur der türkischen Gesellschaft – ist, dass sie zu stark geprägt ist von patriarchialischen und autoritären Strukturen.
    Diese antihumanistischen autoritären Strukturen findet man im Glauben (im Gottesbild), in den Familien, und eben auch in der Politik.
    Diese Bereiche beeinflussen sich gegenseitig, und am Ende steht dann der autoritätsgläubige Mensch.
    Insofern halte ich das türkische Modell der „Unterordnung unter den Staat“ – anders als Sie – für problematisch.
    Was wir in Deutschland – mehr oder weniger – haben (und was die Türken bräuchten), das ist keine Unterordnung der Religionen, sondern eine Trennung von Religionen und Staat.
    Dass sich letztlich alles dem GG zu fügen hat, ist etwas anderes, denn in der Theorie darf jeder glauben wie er mag.
    Auch bei uns besitzen die Kirchen Einfluss und Mitsprache (z.Bsp. in den Medien), aber dieser Einfluss ist eher einer des Dialogs, nicht der Unterordnung.

    In der Türkei werden die Träger der Religionen (noch einmal: de facto nur der Islam!!!) entmündigt, und für die Erdogan-Regierung liegt darin ein doppelter Vorteil.
    Zum einen kann man sich selbst gegenüber den Europäern als „Aufpasser“ gegenüber den Islamisten aufspielen (ich würde eher sagen: da spielt der Bock die Rolle des Gärtners).
    Und zum zweiten ist es durch diese Aufpasserrolle möglich, andere Religionen (das restliche 1%) an der Ausbreitung zu hindern.
    Was die Türken – so wie alle muslimischen Gesellschaften – bräuchten, ist mehr Vielfalt, mehr Optionen auch in Fragen des Glaubens, denn auch dadurch werden autoritäre Strukturen und Monopole gebrochen, wird der geistige Horizont erweitert.
    Die orthodox-christliche Kirche ist in der Türkei kaum mehr präsent, sie ist vom restlosen Aussterben bedroht, wie jeder weiss.
    Der Grund dafür ist, dass die Kirche keine eigenen Grundstücke kaufen darf, an der Errichtung von Tagungsstätten, Seminarräumen und Schulungszentren gehindert wird, dass sie keine Internate und priesterlichen Ausbildungszentren unterhalten darf.
    Die Folge ist, dass man die Gläubigen nicht mehr betreuen kann, die Zahl der Gläubigen immer kleiner wird, und der Patriarch Alexander nach seinem Ableben kaum ersetzt werden kann (weil der Patriarch nach türkischem Gesetz ein Türke sein muss).
    Der Papst und europäische Regierungsvertreter haben immer wieder fairere Bedingungen angemahnt, aber von türkischer Seite wird alles abgeblockt, und immer mit dem Argument, dass man sonst keine ausreichende Kontrolle mehr über die Islamisten hätte.

    In der Türkei gibt es ein Paradoxon:
    Einerseits wird der Islam (erneut: de facto die einzige Religion) stärker vom Staat kontrolliert, andererseits ist er enger und durchlässiger mit der politischen Spitze verbunden.´
    Das bedeutet:
    Solange der Islamismus noch nicht die volle Macht hat, lässt er sich gut kontrollieren.
    Sobald sich die politische Macht aber vollständig in den Händen der Islamisten liegt, kehrt sich dieser Effekt um.
    Der Effekt ist in etwa der gleiche wie beim Rückschlag der Schubumkehr, die Kräfte gehen dann in die andere Richtung.
    Es kommt also darauf an, wer gerade am Drücker ist, und eine solche Konstruktion – in religiösen Fragen – ist immer schlecht.
    Das Missbrauchspotential ist zu hoch, und so gesehen muss man nicht erst beweisen, dass Erdogan ein Islamist ist (die Arbeit erspare ich mir für heute).

    Bei der derzeitigen politischen Entwicklung in der Türkei geht es weniger um „gewöhnliche demokratische Effekte“, und Ihre absurden Vergleiche zur Familienpolitik, lieber Boccanegra, sind grotesk.
    Als ob deutsche Familienpolitik die Stärkung religiöser Kräfte zum Ziel hätte.
    Merkel und Stoiber kann man auch kaum des christlichen Fundamentalismus verdächtigen.
    Der Vergleich zur Adenauer-Regierung (bwz. von Zentrumspartei zu AKP) ist wirlich eine Frechheit.
    Konrad Adenauer wurde im konservativen (aber stark humanistisch geprägten) Kölner Bürgertum sozialisiert, und er war niemals ein Nazi.
    Er war Jurist, Kölner Oberbürgermeister, und nach dem Krieg Bundeskanzler.
    Zwischendrin (Ende der 20er) verlor er ein Vermögen an der Börse, und wurde von seinem Amt als Kölner OB seines Amtes enthoben, weil er dem Führer den Handschlag verweigerte.

    Erdogan hingegen bekam seine Gehirnwäsche schon in einer Istanbuler Koranschule verpasst, und seine Biografie und seine Sprüche sind bekannt.
    Ebenfalls bekannt sein sollte, dass der aus dem Amt scheidende Sezer Hunderte von Gesetzesvorlagen zu Fall brachte, weil sie eine Stärkung des religiösen Lagers zur Folge gehabt hätten.
    Was braucht man da noch für „Beweise“?
    Sehr schade, Boccangegra, wenn Sie glauben, eine Demokratie müsse erst „offen“ demontiert oder abgeschafft werden, bevor sie diese Bezeichnung nicht mehr verdient.
    Volksrepubliken, islamische Republiken, demokratische Republiken.
    Klingt alles ganz gut.
    Die Türken könnten das noch toppen, indem sie eine Islamische Republik errichten, die gar nicht so heisst.

 

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