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Sayyid Qutb, der Ur-Islamist, in Amerika

 

Über diesen Mann müssen wir hier einmal reden, wenn wir verstehen wollen, was die „Todes-Doktoren“ antreibt, die London und Glasgow treffen wollten.
Sayyid Qutb hat den modernen Islamismus geschaffen. Seine „Milestones“ sind das kommunistische Manifest des Dschihads.

Und in Greeley, Colorado, hat er sein Bild des Westens geformt, das bis heute die jungen Dschihadisten prägt. Ein exzellenter Artikel über „Al-Kaidas Wurzeln in Colorado“ hier.

Der bessere TV-Beitrag scheint mir dieser hier zu sein. Er zieht interessante Parallelen zwischen der Kritik des islamisten Qutb an der westlichen Gesellschaft und der Vision von Leo Strauss, einem der geistigen Übervater des Neokonservatismus:

0 Kommentare

  1.   Lebeding

    ich kann das nicht alles lesen/verstehen, weil mein Englisch zu schlecht ist. Gibt es deutschsprachige Texte hierzu?

  2.   Lebeding

    ist dieser Text hier gleichwertig zu Ihrem oben, Herr Lau?
    http://www.qantara.de/webcom/show_article.php/_c-638/_nr-17/_p-1/i.html?PHPSESSID=5

  3.   Lebeding

    >>Der Satz ist pures Dynamit, wenn er so verstanden wird wie Qutb ihn verstanden haben wollte. „Es gibt keine Gottheit außer Gott“ bedeutet dann nämlich, dass ein gläubiger Moslem keine andere Autorität außer der Gottes anerkennen darf. Er darf sich keiner Regierung unterordnen, keinem anderen Gesetz außer der Shari’a, keinem Befehlshaber, keiner Ideologie und keiner Verfassung.

    Der amerikanische Autor Paul Berman findet diese Schweigsamkeit mittlerweile alarmierend. In der New York Times beendete er einen Artikel über Sayyid Qutb mit der pessimistischen Erkenntnis: „Die Armeen [des Westens] marschieren. Aber marschieren auch die Philosophen, die religiösen Führer, die liberalen Denker? Es scheint, dass wir einen weiteren Grund zur Sorge haben – die Unfähigkeit der liberalen westlichen Gesellschaften zu verstehen, worum es in diesem Krieg überhaupt geht.“<< http://www.readers-edition.de/2006/09/03/osama-bin-popstar-der-verfuehrerische-schick-islamistischer-radikalitaet

    Sind hier die Kernaussagen auch erfasst?

    Den Marsch der Philosophen zu fordern entspricht meiner Intention!

  4.   Molinocampo

    Sehr geehrter Herr Lau,

    wie meine Vorposter schon bemerkten, hat Paul Berman schon 2003 in der New York Times Sayyid Qutb ein einem Essay die notwendige, und vor allem: erhellende Aufmerksamkeit gewidmet.

    Wie Berman in diesem Essay schon darlegte, sind die „Milestones“ von Qutb dabei weniger aufschlußreich, als dessen Schlüsselwerk „Im Schatten des Koran“, ein umfangreicher Koran-Kommentar, der nichts weniger als eine umfassende und tiefzielende Auseinandersetzung mit „dem Westen“ und dessen Philosophie darstellte, als deren Kern Qutb völlig zutreffend, und anders als unsere heutigen westlichen linken Flachpfeifen, die christliche-westliche Theologie identifizierte.
    Bermans Verdienst war aber nicht nur eine oberflächliche Darstellung dieser Auseinandersetzung, sondern auch die (notwendig-knappe) Skizzierung der historischen Kontexte.
    Qutbs scharfsinnige Beobachtungen, seine durchaus anspruchsvolle Sprache (in deutlichem Gegensatz zur pornographisch-obszönen Splatter-Sprache heutiger Islamisten) machten Qutb über Nacht zu einem Star der damaligen Islamistenszene – mit Wirkungen und Nachdrucken bis heute – endlich hatten auch die Araber ihren Alfred Rosenberg („Mythus des 20. Jahrhunderts“), ihren Moeller van den Bruck, ihren Spengler, ihre „konservative Revolution“.

    Überhaupt: jeden einigermaßen in der (Geistes-)Geschichte des Faschismus Bewanderten springen die Parallelen und Affinitäten zum faschistischen Denken geradezu ins Auge – die Art und die Stoßrichtung einer Zivilisationskritik, deren Grundlage die Verzweiflung, und deren einziges Angebot in letzter Konsequenz der Nihilismus ist.
    Erst seit kurzem werden, wenn auch wieder in der bezeichnenden Seichtigkeit und Oberflächlichkeit, die den heutigen „Journalismus“ durchgängig ausmacht, diese Parallelen allerdings über die „Hilfsbrücke“ „Hitlers-Helfer-im-Nahen-Osten“ enttabuisiert. Daß der Islamismus schon lange vor Hitler, dem Nazismus, ja selbst dem organisierten europäischen Faschismus, als Denkform existierte, wird ja bis aktuell gerne verdrängt (man braucht nicht Nietzsche gelesen zu haben, um nietzscheanisch zu denken). Denn die arabische „konservative Revolution“ brauchte keine europäischen Geburtshelfer, sie entstand und sie entsteht ganz autogen und selbständig aus der hilf- weil verständnislosen Reaktion der islamischen Welt auf die westliche ÜBERLEGENHEIT AUF JEDEM GEBIET – nicht nur technisch, auch künstlerisch, intellektuell, sozial und kulturell. Die ÜBERBORDENDE FRUCHTBARKEIT und PRODUKTIVITÄT des WESTENS war es, die den Islam in eine tiefere politische, ja mehr noch: spirituelle Krise stürzte. Denn war nicht ALLAH der überlegene KRIEGER- und SIEGERGOTT, der seinen Anhängern immerwährenden Triumph über alle FEINDE, deren Frauen und Kinder als Sklaven, Christen und Juden als Arbeits- und Steuervieh versprochen hatte? War nicht der Islam die PERFEKTE WELTORDNUNG schlechthin, unter der die Menschen schon das Paradies auf Erden erleben können sollten (jedenfalls die Männer), vorausgesetzt, alle hielten sich an die immerwährenden, immergültigen Gesetze der SCHARIA, die das Gemeinwesen in VOLLKOMMENHEIT und totaler GERECHTIGKEIT ordneten? Bestanden Unglück und Fehler des menschlichen Zusammenlebens nicht immer durch und in der Abweichung der Menschen von diesen GÖTTLICHEN Gesetzen (die eben deshalb immerwahr und göttlich sein mussten, weil sie ja schon immer, seit Menschengedenken in den vorderorientalischen Stammesgesellschaften gültig waren?).
    Na – fällt Ihnen nun auf, was für die sog. „Linke“ heute am Islam so verführerisch klingt, daß all die nach 1989 tief enttäuschten, gewendeten „Ex“-Kommunisten, Sozialisten, No-Globalisten und Stasis reihenweise konvertieren? (Sogar Lafontaine hat ja schon den tiefen Gerechtigkeitssinn des Islam wertzuschätzen gewußt)

    Damals, 2003, war es ganz offenkundig noch für eine solche Darstellung, bzw. deren Akzeptanz in einer breiteren (intellektuellen) Öffentlichkeit noch zu früh – zu gut funktionierten noch die kaum erschütterten, festgezurrten Klammern der Denkverbote des PC.
    Dabei hatten seriöse Faschismus-Historiker und Islamwissenschaftler, also keine oberflächlichen Feuilleton-Krieger, den Begriff des „Islam-Faschismus“ (allerdings in Anlehnung an den italienischen Faschismus Mussolinischer Provenienz) schon zu einer Zeit geprägt, als das Phänomen des Islamismus noch kaum in die Bericht-Spalten der westlichen Journaille gewandert war (1980er Jahre!). Dieser Begriff ist eben keine Erfindung Bushs.

    Und hier nun meine Leseempfehlung – to get a little bit disturbed:

    The Philosopher of Islamic Terror
    By PAUL BERMAN

    http://www.nytimes.com/2003/03/23/magazine/23GURU.html


  5. @ molinocampo: freut mich, dass Paul Berman bekannt ist. Vor drei Wochen hat er in der New Republic eine unglaublich lange Sache über Tariq Ramadan geschrieben – das Beste, was es dazu gibt.
    Ist übrigens ein guter Freund meinerseits. Ich habe seine Terror-Buch in der Zeit 2003 (vor dem deutschen Erscheinen) vorgestellt und spärter einen lange Aufsatz im „Merkur“ über ihn verfasst.
    Aber was die Bedeutung von „Milestones“ angeht, möchte ich widersprechen. Die sind ein handlicher, aufputschender Text, sehr gut geschrieben, verführerisch, große Agitationsliteratur (jedenfalls in der in Damaskus verlegten englischen Fassung, die ich habe).

  6.   Molinocampo

    @Jörg Lau

    Nun, die „Milestones“ sind einfach so etwas wie ein Handbuch, für die Praxis bestimmt. Die eigentliche Philosophie dahinter erschließt sich eher aus dem „Im Schatten des Koran“.

    Aber zu den von Ihnen angesprochenen Parallelen zwischen Leo Strauß und der islamistischen Philosophie eines Qutb – verzeihen Sie mir mein vorwitziges Kompliment (ist nicht ganz so sarkastisch gemeint), aber: Gratulation, haben Sie also auch endlich diese Beziehung entdeckt – das ließ sich ja schon unmittelbar nach 2001 erschließen!

    Schon einmal postete ich in Ihrem Blog links zu dem von mir verehrten „Spengler“ (nein, nicht Oswald, sondern dem von der „Asia Times“).
    Dieser wies eine Leo Straußsche „Konspiration“ einiger Gestalten um Bush damals als lächerlich zurück – wie ich finde, etwas voreilig. Sicher, eine „Verschwörung“ war das sicher nicht (der Glaube an „Verschwörungen“ ist was für Pennäler-Denken – oder Angehörige des arabischen Kulturkreises, die sich zumeist auf dem selben intellektuellen Niveau bewegen, uuupss, das war jetzt nicht PC!). Aber es gibt so etwas wie ein geteiltes „Mind-Set“, und ein solches gemeinsames „Mind-Set“ war einer ganzen Reihe von Mitgliedern der Regierung Bush sehr wohl zueigen – und diese waren, direkt oder indirekt (über bestimmte think tanks, Gesprächskreise und Presseerzeugnisse) sehr wohl Leo Straußianisch geprägt.

    Aber „Spengler“ hat Recht, wenn er den Straußianern (und Leo Strauß selbst) eine gehörige Portion Naivität unterstellt. Der Glaube an ein demogratisches, von außen erzwungenes Regime-Change im Irak war von einer unglaublich blasierten Arroganz (und fast völlig abwesendem historischen Wissen) geleitet. Die Situation des Irak im Jahre 2003 mit der Deutschlands und Japans 1945 zu vergleichen!! Was für eine uninformierte Dummheit!
    Der Vergleich hinkte nicht so sehr wegen der anderen Kriegs-Ausgangslage (Deutschland und Japan hatten jeweils den Krieg BEGONNEN – was für die kollektive Psyche der Angreifer wie der Angegriffnen einen fundamentalen Unterschied macht – wie Bismarck wusste, weshalb er niemals selbst den Krieg erklärte). Sondern weil die japanische und wie noch viel mehr die deutsche Geschichte vor 1939, noch mehr von vor 1933, oder von vor 1914 ganz zu schweigen! eine vollkommen andere gewesen war! Deutschland war eine schon weitgehend demokratisierte, wenn eben aus unglücklichen historischen Konstellationen auch nur unvollkommen PARLAMENTARISIERTE Gesellschaft gewesen. Bis 1914/18, ja mehr noch: bis 1866/71 hatte Deutschland die gesamteuropäische Entwicklung des Liberalismus, der Ausweitung der Partizipation und Emanzipation im Gefühl eines weitgehend ungebrochenen Nationalbewußtseins „mitgemacht“.
    Nicht der Hauch eines Ansatzes davon findet sich in der irakischen, oder irgend einer anderen arabischen Gesellschaft.

    Aber Schwamm drüber….

    Was und wie die „Neo-Konservativen“ (die ja im Kern gewendete Linke sind) den Kern des Islam mißverstehen müssen können Sie bei „Spengler“ nachlesen:

    „Why Islam baffles America“

    http://www.atimes.com/atimes/Front_Page/FD16Aa02.html

    Übrigens: wenn Sie schon dabei sind, intellektuelle Parallelen zu entdecken: schauen Sie sich doch mal die Parallelen von Leo Strauß neo-konservativ gewendeter „Herrschafts“-Philosophie und dem postmodernen Geschwurbel eines Foucault, Deriblablabla und wie sie alle hießen an – da könnten Sie sehen wie Leo-Straußsche Philosphie von „links“ funktioniert! Dieselbe arrogante „Besserwisser“-Attitüde ist aber auch da gegeben!

    Und hier nun „Spengler“ im Original über Leo:

    „The secret that Leo Strauß never revealed“

    http://www.atimes.com/atimes/Front_Page/EE13Aa01.html

  7.   Lebeding

    >>Paul Berman: Alle totalitären Ideologien basieren auf Rebellion gegen und Hass auf liberale Werte. Sie beruhen auf ein und derselben paranoiden Vorstellung. Eine Idee, die auf die Johannes-Offenbarung zurückgeht: Das Volk Gottes wird durch korrumpierende innere und teuflische äußere Mächte bedroht. Doch es obsiegt in einem blutigen Vernichtungskrieg über seine Feinde: Armageddon. Am Ende errichtet das Volk Gottes die vollkommene Gesellschaft, das Tausendjährige Reich. Alle totalitären Bewegungen des 20. Jahrhunderts haben diesen Mythos aufgegriffen.<< http://www.bpb.de/veranstaltungen/RYKU0M,0,Kampf_der_Doktrinen.html
    Das sage ich schon lange und Prof. Susan Nyman hat dazu ebenfalls ausführlich Stellung genommen. Diesen Punkt (Apokalypse, Erlösung, jüngster Tag) allerdings näher zu betrachten, würde auch notwendigerweise das Judentum mit einbeziehen. Die Schwierigkeit einer intensiveren Auseinandersetzung mit diesem Punkt kann nur jemand überwinden, der jenseits von Religionen steht. Und zu dieser Position jenseits von Religionen muss man als nächstes kommen, will man diesen gesamten Terror-Komplex, auch den Kulturkampf überwinden. Die orthodoxen und tlw. fanatischen Religionshüter der abrahamitischen Religionen stehen diesem nächsten Schritt der Aufklärung aber im Wege.

  8.   Lebeding

    Darf ich auf einen Ihrer Gedanken, Molinocampo, der nicht mittelbar mit hiesigem Thema zu tun hat, dennoch interessant ist, eingehen:
    >>Deutschland war eine schon weitgehend demokratisierte, wenn eben aus unglücklichen historischen Konstellationen auch nur unvollkommen PARLAMENTARISIERTE Gesellschaft gewesen.<<

    Ich glaube, das stimmt nicht so ganz. Denn meine Eltern, und andere historische Quellen bestätigen dies, sagten immer, die Stimmung in den 20ern sei auch gewesen: Wir wollen unseren alten Wilhelm wieder haben“. D.h., der Monarchismus saß den Deutschen durchaus noch in den Köpfen. Und mit Naivität hatte es auch von Hindenburg zu tun, als er „vom ollen Gefreiten“ sprach, der „eh nicht weit kommen“ würde, wenn er die Macht hätte. Und damit waren die Notstands-(Ermächtigungs-)Gesetze besiegelt.

    Warum es dann den Amerikanern und der demokratischen Elite in Deutschland doch gelungen war, die Demokratie schließlich neu zu etablieren (mit entsprechenden Schutzmaßnahmen wie Bundespräsident), ist auch im Nachhinein nicht unbedingt als selbstverständlich zu betrachten. Die Regierungen im Nachkriegsdeutschland wurden – obgleich sich auch Nazis im Adenauer-Kabinett und später befanden, wie jüngst veröffentlichte Papiere beweisen – durch die Amerikaner wesentlich ernster und auch deutlicher demokratisch unterstützt, als es die jetzige Befreierarmee im Irak zu leisten vermag.

    Und ich behaupte, dass dieser mangelhafte Demokratisierungsprozess im Irak auch mit dem religiösen Denken eines Herrn Bush zu tun hat, das nicht wirklich demokratisch ist (s. Guantanamo, AbuGaraib und auch die Besetzung der höchsten richterlichen Stellen mit ihm genehmen Konservativisten in den Staaten). Aber das ist nur meine These. Und ich weiß, eine gefährliche …. Sie knüpft aber an oben Gesagtem und Berman oder Nyman an …

  9.   Molinocampo

    Aber verehrter Lebeding,

    es ist eine Sache, Apokalypse und Armaggedon als spirituell-geistige Katharsis in Glauben und Demut zu ERWARTEN, oder sie als materiell-weltliches Strafgericht über ANDERE herbeiführen zu wollen!

    DAS IST NICHT GLAUBEN, ODER RELIGIÖSE SPIRITUALITÄT, das ist MENSCHLICHE HYBRIS, und absolut MATERIALISTISCH-WELTLICH.

    Und bitte: wiederholen Sie nicht noch einmal den populären Mythos, der Monotheismus, oder die jüdisch-abrahamitische Tradition sei besonders fanatisch, oder blutrünstig! Damit zeigen Sie nur, daß Sie von pantheistisch-heidnischen religiösen Überzeugungen und Riten keine Ahnung haben!
    Ich aber sage Ihnen – da fließt erst Blut!!
    Das ist ja gerade das Problem des Islam – er hat das Heidentum eigentlich nie überwunden, sondern nur monotheistisch verkleidet….

    aber das wäre ein anderes Thema

  10.   Molinocampo

    Aber verehrter Lebeding,

    bitte führen Sie doch nicht das unglückliche Beispiel Weimarer Republik an!

    Und überhaupt: wir wollen unseren Kaiser Wilhelm wieder haben! Ach herrjee – was erwarten Sie denn?

    Das ist ein geschlagenes Land, in der Wahrnehmung der damaligen Zeitgenossen völlig zukunftslos, verzweifelt – politisch und wirtschaftlich zerrüttet, die Inflation hat den Mittelstand zerstört, große Gebiete Vorkriegsdeutschlands sind größtenteils gegen den Willen der dort lebenden Bevölkerung (das Elsaß und Nordschleswig waren eine Ausnahme) von Nachbarstaaten anektierte worden, Millionen von Deutschen (jawohl schon damals -nach 1918) sind aus ganz Ost-Mitteleuropa auf der Flucht ins „Reich“ – entwurzelt, hoffnungslos verarmt, verbittert.

    Zugleich aber hatte die damalige deutsche Bevölkerung (und zwar von ganz rechts bis ganz links) das Gefühl: eigentlich haben wir den Krieg doch nicht verloren. Der überstürzte Waffenstillstand (nachdem noch 6 Monate zuvor großspurig von „Siegfrieden“ die Rede war) im November 1918, obwohl kein Quadratmeter deutschen Bodens von fremden Truppen besetzt war, im Gegenteil, die deutschen Armeen riesige Territorien in Ost- und West noch besetzt hielten, die deutsche Armee nach dem Waffenstillstand in vollkommener Ordnung (auch das noch eine enorme militärische Leistung) zurück ins Reich marschiert – wundert Sie es, daß es da vielen Deutschen schwerfiel, nicht an Verrat zu denken, wenn es darum ging, die Niederlage begreiflich zu machen?

    Und, auch das einmal gesagt: ohne die unglückliche Revolution (und schlimmer noch: die Putsche von LINKS gegen die neue demokratische Ordnung) wäre ein Versailler DIKTAT-Friede, wie er 1919 dann eintrat, kaum möglich gewesen – aus einer RELATIVEN NIEDERLAGE wurde eine TOTALE.

    Und in einer solchen Situation, wo die Mehrheit der Deutschen sozial abgestürzt (dagegen ist Harz IV heute Club Mediterranée), sich in bürgerkriegsähnlichen Situationen bis 1924 wiederfand, während das Saarland und das Rheinland besetzt wurde (die Deutschen erwarteten, daß die Franzosen es schließlich annektieren würden), Preußisch-Lithauen (später Memelland genannt) gewaltsam annektiert wurde, Oberschlesien durch äußerst fragwürdig manipulierte Volksabstimmungen (die erste Abstimmung, die klar für Deutschland war, wurde durch den Völkerbund annuliert, dann wurde Oberschlesien geteilt) an Polen geschlagen wurde, da wundern Sie sich, daß die Leute sagten:“ Wir wollen unseren Kaiser Wilhelm wieder ham“?????

    Was darüber stattdessen immer wieder vergessen wird:

    Schon 1908 war Wilhelm II. innenpolitisch erledigt – seine Brandreden, und endlich die Daily-Telegraph-Affäre hatten ihn unmöglich gemacht. Selbst die Konservativen verzweifelten an ihm. Den neuen Kanzler den er berief (1909), Bethmann-Hollweg, war kein Eisenfresser, sondern ein gemäßigt-konservativer, der wußte, daß er nicht mehr gegen das Parlament (Reichstag) regieren konnte. Er war innen- wie außenpolitisch auf Ausgleich gestimmt (Anstreben eines Flottenvertrags mit England, Entspannungspolitik). Dies wäre die historisch-einmalige Situation gewesen, in der ein entschlossener Reichstag (d.h. eine koalitionäre Mehrheit) die Parlamentarisierung (natürlich unter formellem Beibehalt der Monarchie) hätte durchsetzen können.

    Das aber scheiterte, nicht etwa an der Borniertheit der Konservativen, sondern weil die SPD wenige Jahre zuvor die einmalige Gelegenheit für ein „Godesberg“ vor „Godesberg“ hatte verstreichen lassen („Revisionismusstreit“). Mit ihrem verbohrten Festhalten an der Idee einer revolutionären Umwandlung der inneren Verhältnisse (an die kein SPD-Parteikader mehr ernsthaft glaubte) machte sich die Partei als gemäßigter Bündnispartner für gemäßigt liberale und konservative (die gabs ja auch noch!), vor allem aber für das ebenfalls eigentlich parlamentarisch-demokratisch eingestellte „Zentrum“ (Katholiken, Vorläufer der heutigen CDU) unmöglich – na, klingt das nicht alles ein bißchen Linkspartei-mäßig Lafontainisch: genau, für solches Loosertum hatte die SPD immer ein Herz.

    DESHALB ist die endliche PARLAMENTARISIERUNG vor 1914 gescheitert. Mit einer solchen hätte es aber eine Juli-Krise und 1. Weltkrieg nie gegeben…..

 

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