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Ein kühles Helles in Karatschi

 

Benasir Bhutto hat Pakistan am Donnerstag wieder verlassen. Vielleicht wußte sie, was kommen würde: General Musharraf hat am Samstag, den 3. November, den Ausnahmezustand verhängt. Richter und Anwälte sind unter Hausarrest, unabhängige Medien können nicht publizieren. Benasir Bhutto ist am Samstag wieder zurückgekehrt. Wenige Tage vor diesen Ereignissen war ich in Karatschi. Diese Notizen reflektieren die Begegnungen während meines Aufenthalts.

Karatschi – „Hier war es“, sagt der Fahrer. Auf dem Weg vom Flughafen in die Innenstadt kommen wir an der Stelle vorbei, an der vier Tage zuvor das Attentat auf Benasir Bhutto verübt wurde. Von den 140 Toten keine Spur. Nichts erinnert an das Massaker, mit dem die Oppositionsführerin bei ihrer Rückkehr begrüßt wurde. Nur die Straßenlaternen gehen immer noch nicht. Frau Bhutto behauptet, sie seien ausgeschaltet worden, um die Mordtat zu begünstigen. Aber es ist nicht so, dass in Karatschi, der 16 Millionen-Metropole Pakistans, alle Straßenlaternen gewöhnlicher Weise funktionieren.

Bhutto beherrscht die Schlagzeilen. Sie verdächtigt Elemente in der Regierung, die Anschläge mit vorbereitet zu haben. Sie besucht die überlebenden Opfer und zeigt dabei Contenance. Da sie selbst fast zum Opfer geworden wäre, wirkt sie jetzt nicht mehr wie eine Marionette der Amerikaner, die hinter ihrem „Deal“ mit dem Präsidenten Musharraf stehen. Und auch von der Korruptionsanklage aus ihrer letzten Amtszeit ist nicht mehr die Rede, über deren Zulassung der Supreme Court noch zu entscheiden haben wird.


Karachi, im Basar-Bezirk Saddar Foto: J. Lau

Alle Hoffnungen der Armen (auf Brot und Jobs) und der Mittelschicht (auf Rechtsstaat und Demokratie) richten sich jetzt wieder auf sie, obwohl die meisten sich bewußt sind, daß Bhutto solche Hoffnungen in ihren beiden kurzen Amtszeiten als Premierminsterin jedesmal enttäuscht hat. „Wie haben ganz einfach niemand anderen, auf den wir diese Hoffnungen projizieren können“, sagt ein Journalistenkollege im Karachi Press Club.

Die Stadt ist über und über mit „Welcome back“-Postern gepflastert, die Benasir Bhutto zusammen mit ihrem Vater zeigen, der vom Militärdiktator Zia ul-Haq hingerichtet worden war. War sie leichtsinnig, ja fahrlässig, die Willkommensparade abzuhalten, obwohl doch die Morddrohungen gegen sie bereits vorlagen? So argumentieren ihre Widersacher in der Regierung, die sie politisch diskreditieren wollen, vor allem Idschas ul-Haq, der Sohn des früheren Diktators, Religionsminister unter Musharraf. Sie habe mit dem Leben unschuldiger Menschen gespielt, als sie sich weigerte, ihre Ankunft aus dem Exil aus Sicherheitsgründen zu verschieben. Ul-Haq ist ein schlimmer Hetzer und verlässlicher Freund der islamischen Radikalen im Lande.

Ein Journalistenkollege von The News findet die Vorwürfe an Bhutto zynisch: „Sie musste gleich zu Beginn ihrer Rückkehr zeigen, dass sie und ihre Partei noch die Massen mobilisieren können. Und hier bei uns geschieht das traditionell in Form riesiger Rallyes, als eine Art politischen Karnevals. Hätte sie nicht mindestens eine Million Menschen auf die Beine bekommen, wäre sie umgehend für politisch tot erklärt worden. Sie mußte es also tun, und genau bei dieser Gelegenheit hat man dann versucht, sie wirklich umzubringen. Und nun gibt man ihr die Schuld.“


Benasir Bhuttos Residenz (mit dem roten Dach), streng bewacht Foto: J. Lau

Aber dieses Manöver verfängt nicht. Alle, mit denen ich während meiner Tage in Karatschi spreche, sehen Bhutto durch das Attentat gestärkt. Was sie vorher nur behauptet hat – sie sei die einzige moderate Kraft gegen den islamistischen Extremismus – ist nun durch die Extremisten selbst bestätigt worden. Es ist aber noch unklar, ob Bhutto überhaupt einen Wahlkampf machen kann, ohne weitere Menschenleben – und ihr eigenes – zu riskieren. Es wird über Videokonferenzen und Lautsprecherwagen, über Kampagnen per Handy und Internet nachgedacht. Aber die Massen der Analphabeten auf den Dörfern erreicht man so nicht. Sie wollen die Kandidaten selbst sehen und erleben. Die Mehrheitspartei PML (Pakistan Muslim League), die Musharraf stützt, würde gerne ein Verbot von großen Wahlkampfrallyes sehen. Das würde ihr Wahlkampfproblem lösen: Sie hat keine charismatischen Sprecher.

An meinem zweiten Tag in der Stadt fahren wir an Benasir Bhuttos Wohnhaus vorbei, das im Reichenviertel Clifton liegt, nahe am öl- und dreckverseuchten Strand Karatschis. Wir halten auf der gegenüberliegenden Strassenseite, ich schiesse ein paar Fotos – und schon werden wir von sehr nervösen Sicherheitsleuten aufgefordert, weiterzufahren. Man kann sie verstehen.

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Im Karachi Press Club wird ein Menschenrechtspreis vergeben. Er geht an die Organisation der Anwälte, die in diesem Jahr einen mutigen Aufstand gegen die Militärherrschaft angeführt haben. Ausgelöst durch die Absetzung des Obersten Richters Iftikar Chaudhry, haben die Demonstrationen der Hunderte von Anwälten in Pakistan die Hoffnung auf ein demokratisches Erwachen genährt.


Der Präsident des Anwaltvereins (am Mikrofon) zeigt sich furchtlos Foto: J. Lau

Der Vorsitzende des Anwaltvereins, der Supreme Court Bar Association, Munir A. Malik, nimmt den Preis stellvertretend entgegen. Er kündigt an, die Anwaltsbewegung stehe erst am Beginn und werde ihren Kampf für Rechtsstaat und Demokratie „bis zum Ende führen“. Wer die Bilder von den blutenden Köpfen bei den Anwalts-Demonstrationen gesehen hat, weiß, wie mutig diese Leute sind. „Dieser Staat gehört nicht der Armee“, sagt Malik. „Wir wollen die Mentalität der Menschen verändern.“ Und er sagt: „Der Weg zur Demokratie muss bei uns selbst beginnen, er führt nicht durch Washington.“ Das ist auf das Bündnis zwischen Musharraf und Bhutto gemünzt, das unter amerikanischem Druck entstand.

 

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Nachdem wir im Garten des Press Club eine Weile bei starkem Tee geplaudert haben, lädt mich Zulfikar Ahmad (Name geändert, JL) ein, mit ihm nach Hause zu kommen, da könne man besser reden. Zulfikar ist ein bekannter Journalist, der sein Geld heute mit „Kommunikationsberatung“ und Witschaftsanbahnung vedient. In einem ledergepolsterten Dienstwagen mit Fahrer geht es in ein prächtiges Heim hinter hohen Mauern im Stadtteil „Defence“. Das steht für „Defence Housing Authority“, ein privilegiertes Quartier im Süden Karatschis – mehr als eine habe Million Begüterte leben hier. Das Militär hat sich vor Jahrzehnten die Filetstücke geschnappt, sie zu Baugrund entwickelt und verkauft sie zu horrenden Preisen an Bauherren und Investoren. Das Verrückte ist aber, dass in den begüterten Gegenden Karatschis zum großen Teil kein fließendes Wasser zu haben ist. Dafür sorgt die „Water Tanker Mafia“. Sie schmiert die Stadtverwaltung, so dass die Wasserleitungen abgetrennt oder nicht repariert werden. Überall in Defence und Clifton sind pausenlos Tankwagen unterwegs, die Trinkwasser zu überhöhten Preisen an die Haushalte liefern.


Das Mausoleum des Staatsgründers Jinnah im Zentrum Karatschis Foto: J. Lau

Zulfikar und seine Frau – eine selbstbewußte, emanzipierte Unternehmerin – bewirten mich mit köstlichem, eiskaltem Bier (in Pakistan gilt schariamässiges Akoholverbot) und Kräckern. Die Anwaltsbewegung habe eine ungeheure Befreiung gebracht, sagen die beiden: „Zum ersten Mal in unserer Geschichte macht ma sich über das Militär lustig. Überall kursieren Witze und Karikaturen. Das wäre vor Jahren undenkbar gewesen.“ Das große Problem aller weiteren Reformen sei, dass es in dem Land keine Mittelschicht gebe, die vom Militär unabhängig sei.

Herr Ahmad redet sich in Rage: „Wir sind eine feudale, tribale Gesellschaft geblieben, ohne demokratische Kultur. Ich darf das öffentlich nicht sagen – man würde mich umbringen -, aber dieser Staat hat einen Webfehler von Anfang an. Der Islam, wie er bei uns zur Staatsgrundlage erhoben wurde, erlaubt keinen Pluralismus. Pakistan ist geschaffen worden als Antithese zum Leben mit Hindus. Es war ein Fehler, eine Nation auf dem Boden einer religion zu gründen. Eine Nation muss auf anderen Werten erbaut werden. Die Radikalen nutzen das aus, indem sie die soziale Frage im Land und die Ungerechtigkeit der Weltgesellschaft in eine religiöse Frage transformieren. Sie sind die neue Variante des Antiimperialismus, nachdem die Linke abgedankt hat.“


Bus in Karachi Foto: J. Lau

„Wir Säkularen können nichts dagegen machen“, fährt Herr Ahmad fort. In der Islamischen Republik sind auch wir Sklaven der religiösen Semantik. Die Radikalen werden von den arabischen Ländern gefördert, um unseren einheimischen Islam plattzumachen. Viele hier sind Sufis, die Heiligenverehrung großer Mystiker spielt eine wichtige Rolle in unserem religösen Leben. Das gilt den Wahhabiten, die unsere Medressen fördern, als Häresie. Sie wollen unseren traditionalistischen Islam druch ihre reine Lehre ersetzen. Aber auch der Westen hilft uns Liberalen seit Jahren nicht. Mit der brutalen und arroganten Weise, ihre Macht nach dem 11. September zu demonstrieren, haben die Amerikaner uns in die Ecke manövriert. Osama Bin Laden – ob er nun noch lebt oder nicht – hat dank George Bush gewonnen. Alle islamischen Kräfte stehen heute gegen die Liberalen. Die Amerikaner beginnen das selbst zu sehen. Letztens war ein einflußreicher Thinktank-Mann aus Washington hier, Walter Russell Mead. Er hat uns erst erklärt, dass der Krieg gegen den Terror ein Erfolg sei. Und dann sagte er, die Verhältnisse in Pakistan seien ja doch unheimlich komplex, vor allem in den Stammesgebieten. Amerikaner müßten darüber noch viel mehr lernen. Da mußte ich dann doch lachen. Sechs Jahre nach dem 11. September reift die Erkenntnis, dass diese Gegend der Welt komplex ist! Aber bitte, ich rede die ganze Zeit, jetzt erzählen Sie mir mal, wie es mit der großen Koalition in Deutschland weitergeht.“

 

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Das Jinnah-Mausoleum liegt leicht erhöht im Zentrum der Stadt. Lieberspaare und Schulklassen kommen hierher, um dem genialen Gründer des Staates Pakistan zu huldigen, der schon kurz nach der Unabhängigkeit verstorben ist. Sein Denkmal ist eine Art Luxusversion der traditionellen Sufi-Schreine, die den Volksislam Pakistans bestimmen. Mein Begleiter M. ist Hindu, und damit Teil einer verschwindenden Minderheit. Ich habe ihn bei einem Kongress kennengelernt. Nach der Abtrennung Pakistans von Indien – als Hunderttausende Hindus sich aus den Provinzen Sindh und Pandschab davonmachten, kam sein Vater nach Karatschi. Der Vater wollte im riesigen Hafen arbeiten, in dem es damals viele Jobs gab, und ignorierte die Warnungen der Hindus, die das Land verließen. „


Pakistanische Schuljungen vor dem Sarkophag des Staatsgründers Jinnah Foto: J. Lau

Jahrelang haben wir meinem Vater Vorhaltungen gemacht: Warum hast Du uns in diese Situation gebracht?“ Als Hindu wechselt M. mit seinen muslimischen Kollegen kaum mehr als Grußworte und Höflichkeiten. Im Mausoleum weist er mich immer wieder auf Jinnahs europäische Kleidung, seine Vorliebe für elegante europäische Schuhe, Möbel und Golfschläger hin. „Sehen Sie, diese Brille hat er in Paris gekauft, beim Optiker Meyrowitz! Meyrowitz! Und eine Parsin hat er geheiratet, kein muslimisches Mädchen. In Wahrheit hatte Qaid-e-Azam (der Große Führer) mit dem Islam nichts zu tun! Er wollte einen säkularen Staat. Es ist alles ein großer Betrug. Und wir müssen es ausbaden.“

 

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Im Avari-Hotel mitten in Karachi findet unsere Tagung statt, sie handelt vom Thema „Integration, ein Kompromiss zwischen Assimilation und Selbst-Bestimmung“. Es ist viel von den Schwierigkeiten muslimischer Minderheiten in Europa die Rede. Mir kommt das ein wenig bizarr vor, nachdem ich die Minderheitsprobleme in diesem Land ein wenig kennengelernt habe. Pakistanische Intellektuelle haben weiß Gott andere Probleme als die vermeintliche Islamophobie Europas. Ich versuche, das deutsche Modell (weder Laicité noch Multikulturalismus) zu verteidigen – harte Verhandlungen mit der neuen Religion, der ein Platz in unseren gesellschaftlichen Gefüge zusteht, wenn sie sich mit den Grundprinzipien und -werten unseres Landes arrangiert. Das wird sehr interessiert aufgenommen. Als die Rede auf Vorurteile gegen den Islam kommt, sage ich, ein großer Fehler der europäischen Debatte zur Zeit sei die „Islamisierung“ der gesamten Integrationsdebatte. Auf diese Weise schaffen wir täglich mehr Muslime. Schon die Zahl 3 Millionen (auch der Konsul hat sie in seiner Eingangsrede genannt) sei völlig irreführend. Jeder aus einem islamisch geprägten Land stammende Immigrant und selbst noch seine Kindeskinder würden von uns zu Muslimen hochgerechnet. Ich kenne aber Menschen etwa aus dem Iran, sage ich, die haben seit Jahrzehnten keine Moschee von innen gesehen. Sie seien völlig säkular und allenfalls kulturell muslimisch geprägt. Doch im gesellschaftlichen Diskurs machten wir sie zu Muslimen. Dabei leben diese Menschen gerade deshalb gerne in Europa, weil sie dort die Freiheit haben, ihr Muslimsein selbst zu definieren – oder eben auch aufzuhören, Muslim zu sein. Muslime leben gerne in Europa, sage ich, nicht zuletzt weil sie dort mehr religiöse Freiheit haben als zuhause. Nichts interessiert die etwa 300 Zuhöerer so sehr wie dieser Aspekt. Ich werde merhmals darauf angesprochen, man dankt mir, dies in die Debatte geworfen zu haben. Kein Pakistaner hätte diese Position vertreten dürfen – es wäre Verrat gewesen.


Im Basar, Karachi Foto: J. Lau

Ein Mitdiskutant behauptet, der Terrorismus habe „mit dem Islam nichts zu tun“. Ich widerspreche und sage, die meisten Muslime verabscheuen den islamistischen Terrorismus. Aber wir müssen diejenigen, die sich von ihrem Glauben gerufen sehen, diese schrecklichen Taten zu vollbringen, beim Wort nehmen. Die anständigen Muslime und ihre Imame und Muftis müssen sich dem entgegenstemmen, immer wieder. Der Islamismus kann ideologisch nur von innen besiegt werden. Zwei wütende Herren stehen auf und lassen Tiraden gegen den Westen los, der an all diesen Dingen schuld sei. Die große Mehrheit im Publikum findet sie peinlich und rollt mit den Augen. Doch niemand widerspricht offen. Nach dem Vortrag kommt ein Student zu mir, er stellt sich als pakistanischer Christ vor. Ich solle nicht glauben, wenn man mir hier erzähle, der Extremismus habe mit dem wahren Glauben nichts zu tun. Er unterrichtet an einer staatlichen Schule. Manche Lehrer würden versuchen, die Schule zu islamisieren. Auf Christen werde keine Rücksicht genommen. Allerdings fördere seine Professorin ihn sehr. er schreibt an einer Diplomarbeit im Center for European Studies. Thema: Migration und Integration in Deutschland.

Einer der Redner ist ein indischer Muslim namens Javed Anand. Er hat große Probleme mit dem Visum gehabt, aber schließlich hat es geklappt. Er leitet eine Menschenrechtsorganisation mit den schönen Namen „Muslims for Secular Democracy“. Sie kämpfen gegen die moslemhassenden Hindu-Faschisten, aber auch gegen Islamismus, Frauendiskriminierung und Terrorismus. Sie bekennen sich zum indischen Pluralismus, den die Verfassung garantiert. Als Javed Anand von den Massakern gegen Muslime in indien spricht, ist vielen Zuhörern anzumerken, wie sie bewegt sind. Die pakistanische Staatsräson besteht ja gerade darin, ein safe haven für Indiens Muslime zu sein. Aber wenn Anand die indische Verfassung als die Basis seiner Menschenrechtsarbeit preist, dann ist dem publikum auch der Neid anzumerken auf die Muslime im Nachbarstaat, die in Wahrheit als Minderheit ein besseres Leben haben als die große Mehrheit der pakistanischen Muslime. Es liegt eine Demütigung darin.

***

 

Abends sitzen wir mit einigen Teilnehmern im französischen Café im Compound des Institut Francais. Nach und nach trifft die Jeunesse dorée der Stadt ein, junge Männer und Frauen, die hier fröhlich miteinander ausgehen, als wäre es irgendeine ganz normale Weltstadt. Man ist Steak mit Pommes Frites und trinkt dazu Cola. Wir trinken Wein und Bier, das die Goethe-Institutsleiterin mit gebracht hat. Das Konsulat gibt ihr manchmal etwas aus den Beständen ab. Der Wein schmeckt auch einem unserer muslimischen Freunde ganz besonders köstlich. „Ich bin eigentlich Humanist“, sagt er. Meine Nachbarin, eine Professorin für Politikwissenschaft an der Universität Karachi, wirkt bedrückt. Ich frage sie, was sie glaubt, wie es weitergehe. „Ich habe keine Ahnung. Vielleicht bewegen wir uns auf die Demokratie zu. Ich hoffe es. Aber ich habe Angst nach dem Anschlag von letzter Woche. Es ist alles so ungewiss. Wie wird das Oberste Gericht über Musharraf entscheiden? Und wie wird der General reagieren? Notstand? Kriegsrecht? Militärdiktatur? Alles ist möglich. Es ist furchtbar.“


Rikscha, Karachi, 25. Oktober 2007 Foto: J. Lau

 

 

 

 

 

0 Kommentare

  1.   Wachtmeister

    Eine Mehrheit der Pakistanis unterstützt Meinungsfragen zufolge die Positionen islamischer Extremisten. Bin Laden ist populärer als Musharraf.

    http://weblog-sicherheitspolitik.net/2007/11/02/pakistan-deutliche-mehrheit-unterst%C3%BCtzt-islamische-extremisten.aspx

    Ich befürchte, wir tun uns mit der Forderung nach Demokratie in Form von Wahlen keinen Gefallen. Alles deutet darauf hin, dass dies die Extremisten an die Macht bringen würde. Ich befürchte, die Gesprächspartner Herrn Laus im Süden waren nur für einen sehr kleinen Teil der Bevölkerung repräsentativ. So wie die städtische Intelligenz in algerischen Großstädten oder die iranische Oberschicht unter dem Schah.


  2. @ Wachtmeister: Ja, das ist richtig, aber die Richterbewegung ist doch sehr bemerkenswert. Übrigens argumentiert Musharraf genau wie Sie: Ich muss Pakistan davor bewahren, „Selbstmord zu begehen“. Das ist natürlich vorgeschoben, wenn er dann die Richter unter Hausarrest stellt. Aber in Bezug auf das ganze Land steckt auch eine Wahrheit drin. Das Kriegsrecht wird es aber nicht retten.
    Gegen Wahlen kann man evtl. sein, wenn man die Lage so sieht wie Sie. Aber wohl kaum gegen rule of law.

  3.   tati

    @Jörg Lau

    Zuallererst willkommen zurück und vielen Dank für den Bericht.
    Leider hat die Realität heute wieder neue Weichen gestellt – und die nächste Station auf der Reise ist nicht abzusehen.
    Zufällig lief heute nachmittag bei mir Internet-Fernsehen von IBN-CNN, so dass ich die Ereignisse etwa 30 Minuten vor der Meldung auf SPON mitbekam.

    Interessant ist für mich insbesondere die Aussage dieses Herrn in Ihrem Bericht:

    #Herr Ahmad redet sich in Rage: “Wir sind eine feudale, tribale Gesellschaft geblieben, ohne demokratische Kultur. Ich darf das öffentlich nicht sagen – man würde mich umbringen -, aber dieser Staat hat einen Webfehler von Anfang an. Der Islam, wie er bei uns zur Staatsgrundlage erhoben wurde, erlaubt keinen Pluralismus. Pakistan ist geschaffen worden als Antithese zum Leben mit Hindus. Es war ein Fehler, eine Nation auf dem Boden einer religion zu gründen. Eien nation muss auf anderen Werten erbaut werden. Die Radikalen nutzen das aus, indem sie die soziale Frage im Land und die Ungerechtigkeit der Weltgesellschaft in eine religiöse Frage transformieren. Sie sind die neue Variante des Antiimperialismus, nachdem die Linke abgedankt hat.”#

    Das ist eine Bankrotterklärung für den Islam und zugleich eine Mahnung und Warnung für alle, die den Charakter dieser Weltanschauung noch immer nicht begriffen haben.

  4.   Chamaedorea

    Schöner Bericht, beinahe impressionistisch. Das Choas in den mittelasiatischen Städten ist wirklich grandios. Da wirken so einzelne Stimmen besonnener Pakistani, wie Sie sie zitieren, für unsere europäischen Ohren geradezu „ordnend“.

    Während eines einwöchigen Zwangsaufenthaltes vor 3 Jahren in der Hauptstadt von Assam, Guahati, hatte ich auch das zweifelhafte Vergnügen, die in Ihrem letzten Bild gezeigten Threewheeler zu nutzen, ätzende, stinkende, qualmende, lärmende Klapperkisten, an denen nur drei Haushaltsdrähte den Rasenmähermotor und Blechaufbau zu einer technologischen Mobile-Unit zu verbinden scheinen. Im abendlichen Berufsverkehr war die Luft in der Stadt so dick und schneidend, dass man kaum Hundert Meter die Straße von meinem Hotel hinunter schauen konnte. Einige Häuser weiter verschwand die Straßenflucht in einem gelblich-grauen Smog. Es war wie Nebel auf der Autobahn.

    Noch zwei Tage nach dem Verlassen dieses Schwefel-Molochs hatte ich unter heftigen Kopfschmerzen gelitten, und das als leidenschaftlicher Raucher. Solche Reisen öffnen dennoch den Geist.

    In indischen Städten wirkt im Übrigen, trotz des renitent klassenhierarchischen Hinduismus, langsam eine zunehmende Reformation des öffentlichen Lebens. In Dehli wurden schon vor einiger Zeit benzinbetriebene Threewheeler verboten. Der Smog reduzierte sich daraufhin gewaltig. Es gibt mittlerweile auch schon „aufgeräumte“ Viertel, auch wenn die Polytomie der Gesellschaft noch fortbesteht und schon 50 Kilometer vor den Außenbezirken von Dehli die Luft nach verfaulten Eiern stinkt.

  5.   Chamaedorea

    Ich vergaß: Wenn auch nicht expressis verbis hatte man übrigens immer den Eindruck, dass die Buddhisten und Hindi beim Thema Islam nicht sehr erfreut wirkten; andererseits aber immer begierig etwas über mein (nicht vorhandenes) Christentum wissen wollten. Sehr erstaunlich.

  6.   Wachtmeister

    @Jörg Lau:
    Ich hoffe nur, die Richterbewegung und die liberalen Restkräfte in Pakistan enden nicht so, wie einst die säkularen Gegner des persischen Schahs. Diese hatten ja auch Recht mit ihrer Kritik. Das spielte jedoch keine Rolle mehr, nachdem sie Khomeini zur Macht verholfen hatten und den Säuberungsaktionen zum Opfer fielen.

    So manche liberale Bewegung ist schon zwischen Islamisten und säkular-autoritären Regierungen im Nahen Osten zerrieben worden. Den Liberalen in Pakistan mag es ähnlich ergehen.

    Außenpolitisch haben westliche Regierungen aber keine wirkliche Wahl. Setzt Musharraf sich nicht durch, dann gibt es in nicht allzuferner Zeit einen weiteren Talibanstaat, nur dass dieser dann noch nuklear bewaffnet sein mag. Unter einem islamistischen Pakistan wäre dann auch Afghanistan nicht mehr zu halten. Und danach könnte man zusehen, wie die zentralasiatischen Dominosteine fallen, und vielleicht Bangladesch.

    Die paar Liberalen aus der Region werden sich dann im europäischen Exil über Rechtstaatlichkeit unterhalten können, sofern sie sich rechtzeitig abgesetzt haben.

  7.   Wachtmeister

    „We’ve done this before — mistaking the Westernized fringes of Muslim societies, including the few who speak to their interlocutors in elegant English, for the foundation of soft, sandy alliances. Using similar scholarship, pundits have declared that Iran is ready to overthrow the mullahs.“

    http://www.nysun.com/article/65799


  8. […] Оригинал сообщения от DIE ZEIT: тут… […]


  9. Erst einmal Willkommen zurück.

    Sehr interessant, dass sie die Zwei-Staaten-Theorie im gleichen Text zusammen mit den Repressionen gegenüber indischen Muslimen ansprechen. Denn in der wissenschaftlichen Literatur aber auch in den Medien wird dieses meist verschwiegen. Dabei ist das nicht zu unterschätzen, besonders mit Blick auf das Verhältnis zwischen beiden Ländern. Das hat jetzt weniger mit ihrem Beitrag zu tun, ich möchte es dennoch kurz ansprechen.
    Der letzte indische Zensus besagt, dass ca. 140.000.000 Muslime in Indien leben. Von den ca. 165.000.000 Pakistani sind offiziell ca. 155.000.000 muslimisch.
    Für die Islamisten ist also jede Annäherung an Indien, dass fast ebenso viele Muslime beherbergt wie Pakistan, nicht hinnehmbar, solange die dortigen Muslime nicht innerhalb Pakistans Grenzen leben. Somit wird das Problem Kashmir, genau wie die anderen Problemfelder Islamisierung, Bündnis mit dem Westen, Afghanistan niemals mit den Extremisten zusammen lösbar sein. Können wir alle nur hoffen, dass mit Bhutto an der Seite Musharrafs es nun zwei Bewegungen im Land gibt, die die Kraft aufbringen werden, sich den Fundamentalisten zu stellen und dem Gros der Pakistani eine Besserung in vielen Bereichen schaffen. Alternativen zu diesem unangenehmen Duo sind nämlich nicht erkennbar.

  10.   Hablu

    Herr Ahmad redet sich in Rage: “Wir sind eine feudale, tribale Gesellschaft geblieben, ohne demokratische Kultur“.

    Das gilt auch für Afghanistan und Iran. Familie, Stamm und Religionszugehörigkeit sind die Grundelemente der regionalen Kulturen, aus denen Feindbilder und Hass entstehen. Warum und wie sollten diese Kulturen zur Demokratie geführt werden? Der CRS Report for Congress „Pakistan-U.S. Relations“ vom August 2007 verdeutlicht die Problematik (http://fpc.state.gov/documents/organization/91857.pdf). Man macht sich dabei auch noch sehr unbeliebt, siehe im CRS-Report auf Seite CRS-37: Anti-American sentiment is not limited to Islamist groups, however. Many across the spectrum of Pakistani society express anger at U.S. global foreign policy, in particular when such policy is perceived to be unfriendly or hostile to the Muslim world (as in, for example, Palestine and Iraq).

 

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