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Mutloses Kabarett

 

Der Kabarettist Bruno Jonas im Gespräch mit dieser Zeitung:

ZEIT: Warum genau machen Sie keine Witze über den Islam – um die religiösen Gefühle der Gläubigen nicht zu verletzen oder um keinen Ärger zu kriegen?

Jonas: Religiöse Gefühle muss man immer respektieren, aber ich bin zutiefst überzeugt: Einen tiefgläubigen Menschen kann ein Witz nicht verletzen! Wie sollte er? Nein, ich finde die Erfahrungen mit dem Karikaturenstreit so extrem, dass ich mich hüten werde, auf der Bühne das Falsche zu sagen.

ZEIT: Zensieren Sie sich damit nicht selbst?

Jonas: Ja, täglich, immer wieder. Wo kommen wir hin, wenn jeder sagt, was er denkt. Ich bin doch auch unsicher! Henryk M. Broder hat uns allen sehr polemisch vorgehalten, dass wir vor den islamischen Fundamentalisten in die Knie gehen. Er hat recht, es ist so. Und das betrifft uns alle. Ich glaube nicht, dass die ZEIT sich da ausnehmen kann, und ebenso wenig glaube ich, dass das Kabarett hier verpflichtet ist, als Speerspitze zu agieren.

Das ist schon bitter, aber immerhin ehrlich.

Und doch fatal. Denn damit überläßt man den Fundamentalisten die Definition des Erlaubten. Sie haben gewonnen. Sie haben die Bedingungen des Möglichen diktiert.

Wie kann man, wenn man sich auf dieses Spiel eingelassen hat, erhobenen Hauptes  Witze über die deutsche Politik oder die Kirche oder werweißwen machen und sich dabei nicht sehr mickerig vorkommen?

Diejenigen Muslime, die auch gegen ihre eigenen Glaubensgenossen für das Recht auf Kunst- und Meinungsfreiheit eintreten, sind damit  im übrigen auch gekniffen und allein gelassen. Kabarett also nur, wenn garantiert nichts passiert und keiner sich verletzt fühl? Rätselhaft, wie Bruno Jonas sich mit dieser Einstellung auf Karl Kraus berufen zu können glaubt.

p.s. Im übrigen begrüße ich alle, die aus den Ferien zurück sind. Zu meiner Freude konnte ich feststellen, dass in meiner Abwesenheit die halbe Million bei den Besuchern voll geworden ist.

22 Kommentare

  1.   Miriam

    @Jörg Lau
    1. Schön, dass Sie wieder da sind.

    2. zu Ihrer traurig treffenden Feststellung:
    „(…) damit überläßt man den Fundamentalisten die Definition des Erlaubten. Sie haben gewonnen. Sie haben die Bedingungen des Möglichen diktiert.“

    fallen mir zur Erklärung die Aussagen zweier großer deutscher Soziologen ein:

    In Teil 2 seines Buches „Die Gesellschaft der Gesellschaft“, schreibt Niklas Luhmann im Zusammenhang „mit der Wiederkehr ethnischer Unterscheidungen in vermeintlich staatlich pazifizierten Regionen und dem Wiederaufleben religiöser Fundamentalismen in einer Welt, die üblicherweise als ’säkularisiert‘ beschrieben wird“: „In beiden Fällen kommt es zu Insulationsprozessen (…) die Standorte für Identitätsgewissheit anbieten (…). Und weil es um Identität geht, geht es auch um Gewalt. Die harten Grenzen solcher Eigenbereiche (…) werden expressiv kommuniziert und leichte Bereitschaft zu Gewalt ist, wie einst in der Welt des untergehenden Adels, das vielleicht ausdrucksstärkste Mittel, mit dem man existentielles Engagement anzeigen kann. (…) Auch und gerade Gewalt ist, weil sie das Fürchten lehrt, ein kommunikatives Ereignis ersten Ranges.“ (S. 796f.)

    Auch Karl Otto Hondrich, den Sie mal interviewt haben, hat die kommunikative Wirksamkeit von Gewalt erkannt. In einem wunderbaren Aufsatz im Spiegel 22/1996 (Gefangen im Konsens) schrieb er:
    „Zum demokratischen Konsens gehört (…) auch der Satz: ‚Gewalt zahlt sich nicht aus‘. Als Bürger muss ich ihn immer wiederholen, um alle Gewaltanregungen bei anderen und bei mir selbst, zu unterdrücken. Als Soziologe muss ich ihn zurückweisen, genauer: als eine Hypothese behandeln, die sich bei genauer Prüfung als falsch erweist, ja immer falscher wird: Je ziviler eine Gesellschaft wird, je mehr sie Gewalt fürchtet und aus ihrem Alltag verdrängen kann, desto größer die Aufmerksamkeit, das Erschrecken und die Reaktionen, kurz: die kollektive Wirkung, die eine Gewalttat erzielt.“

  2.   Rafael

    Jonas‘ ernste Feststellung, dass Witze über den Islam zu physischen Konsequenzen für den Kabarettisten führen können, wird viele Leute wohl mehr aufrütteln, als es die kabarettistische Behandlung des Themas könnte. Witze über Neonazis gibt es im Kabarett überigens haufenweise. Auch von Bruno Jonas. Das sollte uns bei aller berechtigten Ernsthaftigkeit im Kampf gegen Rechts zu denken geben.

    Ayman Mazyek ist so nett, uns darüber aufzuklären, wer in welcher Weise Witze über den Islam machen darf. Aber vorsicht, er gibt selbst zwei Beispiele. Menschen mit schwacher Gesundheit laufen ernsthaft Gefahr, sich totzulachen.

    http://www.welt.de/kultur/arti2297240/Darf_man_mit_Mohammed_Witze_reissen.html

    Den ausgelobten Witzwettbewerb habe ich schon vor über einem Jahr hier verlinkt. Ich weiss nicht mehr, in welchem Thread genau, vielleich hat Miriam es ja in ihrem Order über mich archiviert 😉

    Anscheinend hat sich ín der Zwischenzeit kein Muslim mit Humor dort gemeldet.

  3.   riccardo

    Wer hat schon Lust, wie Theo van Gogh zu enden. Selbst Harald Schmidt hat dankend abgelehnt. Und wirklich, warum sollten Kabarettisten den Minenhund geben, wo doch der Rest der Gesellschaft aus verschiedensten Gründen auch auch die Klappe hält? Sie verlangen also zuviel.
    Übrigens: 2 Wochen können verdammt lang sein. Schön, dass sie wieder das sind.

  4.   tati

    Hallo Herr Lau,

    WELCOME BACK!

    Die dreieinhalbwöchige „Auszeit“ habe ich Ihnen von Herzen gegönnt.

    Beim Thema Kabarett kann uns nur noch eine Wiedergeburt unseres guten alten anarchischen Karl Valentin helfen.
    Der war sich auch während der Nazizeit nicht zu schade, folgende Sprüche abzuladen:

    „Wie gut es doch sei, dass der Führer nicht Kräuter heiße.“

  5.   Miriam

    @rafael #2
    vielleicht hat Miriam es ja in ihrem Order über mich archiviert 😉

    Hi Rafael,
    sorry, habe ich verpasst 😉


  6. @Rafael
    „Ayman Mazyek ist so nett, uns darüber aufzuklären, wer in welcher Weise Witze über den Islam machen darf…“

    Die Veranstaltung, die Mazyek da durchziehen will, ist selber ein Witz, zwar kein guter aber immer noch besser als die Witze die in seiner Veranstaltung feilgeboten werden.

    Im übrigen finde ich es ziemlich gewagt, ausgerechnet beim Herrscher der sozialdemokratischen Kabarettvorhölle namens „Scheibenwischer“ so etwas wie politischen Mut anzumahnen. Jonas und vor allem Richling sind Weltmeister im Einrennen offener Scheunentore, amtliches Kabarett eben, so lustig wie Sitzungskarneval in Braunschweig und so mutig wie die Teilnahme an einer Kreuzfahrt mit dem Aida-Clubschiff.

    Jürgen Becker ist da schon aus einem anderen Holz. Lebensmüde ist der zwar auch nicht, aber der weiß immerhin, dass man, wenn man ein Rest von Beurfsethos hat, sich über den Islam lustig machen muss. Schließlich kann man als Bulle ja auch nicht nur in noblen Villenvororten Dienst tun. Man muss dahin gehen, wo es weh tut.

    Ansonsten zum Thema Kabarett:
    http://www.b-arbeiter.de/2008/07/15/video-neues-aus-der-anstalt-vs-omid-djalili-2/

    und der im Link erwähnte Omid Djalili:
    http://www.omidnoagenda.com/blog/static.php?page=videos

  7.   Joerg Lau

    @ lebowski:
    Also den Herrn Djalili habe ich hier doch bereits vorgestellt. Einer von 2 lustigen Iranern (neben Maz Jobrani, auch schon hier präsentiert). Anyhow, welcome back.


  8. @Jörg Lau
    Oops, war mir entfallen, sorry. Hoffe trotzdem, Sie hatten einen schönen Urlaub!


  9. Wie wäre es übrigens mit Leo Lukas, den steirischen Kabarettisten. Den hatten wir hier noch nicht.

    http://de.youtube.com/watch?v=gL0ka5RcDuc

    Viel Spass!

  10.   Milko

    Es gibt einen großen unterschied und immer noch eine große spannbreite zwischen witze machen über muslime, auch böseartige herablassende witze über muslime und direkte attacken gegen den Propheten wie zu NS Stürmer zeiten. Hätten die karikaturen zb den Titel Bin Laden, Al qaida oder allgemein die muslime gehabt wäre es nie zu dieser konfrontation gekommen. Witze über die Muslime machen wird nicht ein problem sein. Die ur-alte und schon seit Jahrhunderten existente Propaganda gegenüber den Propheten auszupacken (die kariakaturen waren ja nichts neues, es waren die alten bilder der frühen christlich kirchlichen propaganda die wieder hervorgeholt wurden) um den Propheten zu diskreditieren, während halb europa gleichzeitig mit soldaten in mehreren Ländern der islamischen welt herum marschiert wird auch zukünftig probleme schaffen.
    Das bewußtsein für die gesamt Lage ist zumeist noch gar nicht vorhanden und es wird dann über kunst und meinungsfreiheit fabuliert. Man sollte sich eher fragen weshalb sich das angeblich aus dem mittelalter rausentwickelte europa wieder die propaganda aus dem Mittelalter auspackt während man noch kriege in ländern der muslime führt ?

    Ich verweise immer darauf hin, wenn man nicht genau weiß wie sowas beim gegenüber ankommt die situation in eine gegenteilige umzudrehen und dann darüber nachzudenken wie das dann hier ankommen würde.
    Stellen wir uns also vor, dass mehrere islamische staaten mit einem militärapparat sich in einem krieg irgendwo in europa befinden und gleichzeitig werden in diesen Länder hässliche karikaturen gedruckt von Voltaire, Rousseau und anderen bekannten persönlichkeiten der europäischen aufklärung und wie sie auf theater bühnen geköpft werden. Deklarationen von menschenrecht und europäische verfassungen werden auf klo papier gedruckt und verkauft. Würde man, Könnte man das als witz verstehen ? Würde hier noch jemand auf kunst und Meinungsfreiheit plädieren ? Die beantwortung dieser fragen ist so einfach, dass ich sie hier selbst mit nur einem wort beantworte: NEIN ! Man würde es völlig verständlich und sehr menschlich als direkten Angriff auf die gesamten eigenen Grundlagen verstehen auf denen man steht und die deshalb attackiert werden, um sie zu vernichten. Mit solch einer aktion würde man klar machen, dass man die europäische aufklärung, den säkularismus, die europäische geschichte und die derzeitigen heiligen grundlagen völlig verabscheut und beseitigt haben möchte und das mit waffengewalt, sowie alle arten des spotts, der verunglimpfung, der propaganda und den weiteren waffen die man in einer kommunikation mit menschen verwenden kann, um sie auch dort zu unterwerfen. Stellen wir uns vor in deutschen Moscheen würden theater bühnen aufgestellt und dort würde eine üble propaganda die alle hiesigen grundlagen verunglimpft, aber auf sehr feinsinnige art und weise unter dem deckmantel des witz, der kunst an die leute gebracht. Würde man das wirklich durchgehen lassen ? oder würde es einen aufschrei geben der nach harten konsequenzen ruft ? Wenn man also für etwas plädiert das angeblich keinerlei grenzen unterliegt, dann müsste alle auch sie Jörg lau solche veranstaltungen schützen, ganz gleich ob der inhalt einem liegt oder nicht, wenn man es den aufrichtig meint und wenn man diesen hochgehaltenen wert den es zu schützen gilt konsequent weiter denkt. Sonst wäre es pure heuchelei.

    Tatsächlich aber und es ist auch richtig so, Da ist nichts mit witze machen und eine propaganda unter dem deckmantel der kunst und meinungsfreiheit hat ihre Grenzen. Die grenzen des witzes und der kunst waren bei den Karikaturen und bei den gleichzeitig weltweit ernsten angelegenheiten die blutig militärisch ausgefochten wurden vollkommen überschritten zur verhöhnung und propaganda hin. Unter einer totalen Kunst und meinngsfreiheit kann auch die aller übelste nazi propaganda fallen. Es gibt also tatsächlich grenzen, die sind zb in deutschland wenn es um das judentum geht sehr stark ausgeprägt.

    Der witz die überspitzte kritik an den Muslimen selber wird kein problem darstellen. Das verhöhnen, die propaganda gegenüber die haupt person im Islam, während man gleichzeitig noch militärisch weltweit vorgeht wird zweifelsohne als attack auf den Islam verstanden werden und auf die grundlage einer ganzen region die sich über mehrere kontinente ausdehnt mit fast 1.5 millarden menschen die auf einer über 1400 jährigen historie zurück blicken. Es gibt leute die wollen genau diese Konfrontation. Es gibt leute die wollen ein noch stärkeres angergement von militär in diesen regionen der muslime, während man gleichzeitig propagandistisch an der heimatfront aus allen rohren schiesst. Wenn das die bewahrung der kunst und meinungsfreiheit sein soll, dann kann ich jedem hier versichern, dass dies beim gegenüber ganz anders rüber kommen wird, nämlich als kriegserklärung, kriegspropaganda,..usw. und genau so wurde es auch schon verstanden und hat die emotionalen proteste entfacht.
    Das ein jonas ein gespühr hat da nicht mit machen zu wollen finde ich gut, wie er das aber erklärt und selber verstehen möchte, indem er broder in seiner anstachelnden propaganda schrift, die muslime , wie deutsche gleichzeitig verhöhnt, damit sie sich endlich mal anfangen die köpfe einzuschlagen war sehr schwach.

 

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